30. Dezember 2006

[ Gesellschaftliches ]

Zur Lage der Zivilisation




Zivilisation

Galgen

Der Begriff "Zivilisation" ist von dem im Deutschen seit dem 17. Jahrhundert belegten Adj. "zivil" (bürgerlich, von lat. "civis") abgeleitet. Er bezeichnet die durch Fortschritt von Wissenschaft und Technik geschaffenen (verbesserten) Lebensbedingungen. Im 18. Jahrhundert benutzte man im Französischen die Idee der Zivilisation als Gegensatz zum Begriff "Barbarei". (...)

Die heutige Definition von Zivilisation in der internationalen Politik versteht diese bildlich vorgestellt als "Kulturdach" für mehrere ähnlich gelagerte Kulturen, die geographisch nicht aneinander gebunden sein müssen. Staaten einer Zivilisation teilen eine Weltanschauung. Kultur wird in diesem Zusammenhang definiert als lokal begrenzte, Sinn stiftende Produktion von gemeinsamen Werten und Normen. Im Anschluß an den Sozialwissenschaftler Norbert Elias und dessen Theorie über den "Prozeß der Zivilisation" wird der Begriff auch im Sinne von "Zivilisierung" verwendet. (...)

Norbert Elias hat (zuerst 1939 in "Über den Prozess der Zivilisation") den Begriff "Zivilisation" im Sinne von "Zivilisierung" verwendet. In diesem Hauptwerk beschreibt er "Zivilisierung" als einen langfristigen Wandel der Persönlichkeitsstrukturen, den er auf einen Wandel der Sozialstrukturen zurückführt. Faktoren des sozialen Wandels sind der kontinuierliche technische Fortschritt und die Differenzierung der Gesellschaften einerseits sowie der ständige Konkurrenz- und Ausscheidungskampf zwischen Menschen und Menschengruppen andererseits. Diese führen zu einer Zentralisierung der Gesellschaften (Einrichtung staatlicher Gewalt- und Steuermonopole) sowie zur Geldwirtschaft. Das Bindeglied zwischen diesen sozialstrukturellen Veränderungen und den Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur ist die Tatsache, daß die gegenseitigen Abhängigkeiten wachsen, die "Interaktionsketten", in die Menschen eingebunden sind. Dies erzwingt eine zunehmende Affektkontrolle, d.h. zwischen spontanem emotionalem Impuls und tatsächlicher Handlung tritt immer mehr ein Zurückhalten dieses Impulses und ein Überdenken der (Rück)Wirkungen des eigenen Handelns.

Im Strafvollzug wird mit "Galgen" die Vorrichtung zur Hinrichtung durch Erhängen ("Tod durch den Strang") bezeichnet.

Dem Hinrichtungsopfer wird eine Schlinge um den Hals gelegt und anschließend der Boden unter den Füßen entzogen, so dass sein Hals sein gesamtes Eigengewicht trägt. Es stirbt infolge des Drucks, den der Strang beim Fall des Körpers bewirkt. Bewusstlosigkeit und Tod des Opfers werden verursacht durch

  • Abschnürung der Blutversorgung des Gehirns bzw.
  • Verletzung der (Hals-)Wirbelsäule bzw.
  • Versperren der Atemwege (Ersticken).

Zeitpunkt der Ohnmacht und des Todeseintritts hängen dabei vom verwendeten Knoten und der Falltiefe des Opfers ab.

Saddam Hussein

Saddam Hussein (arabisch: صدام حسين عبد المجيد التكريتي Saddām Husain ʿAbd al-Madschīd at-Tikrītī, DMG Ṣaddām Ḥusain ʿAbd al-Maǧīd al-Tikrītī; * 28. April 1937 in al-Udscha bei Tikrit, Irak; † 30. Dezember 2006 in Bagdad, Irak) war von 1979 bis 2003 Staatspräsident des Irak.

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ja, ich hab es eben auch in den news gelesen. irgendwie hat das ganze einen sehr sehr schlechten beigeschmack... haben wir sowas wirklich nötig?

jirka am 30.12.06 17:16 #
 

"Staatliche Gewalt" ist im Zivilisationsprozess ein Schlüsselpunkt. Man hätte es sicher lieber, Staaten müssten [bzw. hätten nicht den Eindruck sie müssten bzw. wollten] (nach innen oder außen) keine "Gewalt" ausüben. (Allein die Definition von Gewalt ist ein Thema für sich.)

In "Gemeinschaftskunde" haben wir mal gelernt, dass "Sanktionen" (was sowohl Belohnung als auch Bestrafung umfasst) konstituierend für menschliche Gemeinschaften (von der Familie bis zum Staat oder Staatenbünden) sind.

Welche Sanktionen ein Individuum oder eine "Kultur" als angemessen betrachtet, ist offenbar verschieden. Wenn man unter Zivilisation verstehen will, dass andere die westliche übernehmen, ist das ein nachvollziehbarer aber origineller Standpunkt.

Alternativ könnte man dem Staat das Gewaltmonopol wieder entziehen (man lese 'Snow Crash'). Das wird von manchen auch als Weg betrachtet. Wenn man sich Weltgegenden ansieht, wo das so funktioniert, ist man sich da aber auch nicht mehr ganz sicher.

Zur Kllärung: ich find weder Todesstrafe prima noch das Urteil für Saddam. Aber ich kann schlecht anderen sagen, was sie zu denken haben. Im Irak scheint eine Mehrheit das Vorgehen zu begrüßen.

Und wg. Zivilisation vs. Kultur, da gibt es ein schönes Zitat:
"Zivilisation ist, wenn man eine Badewanne hat. Kultur wenn man sie benutzt."

In diesem Sinne: guten Rutsch...

OliverG am 30.12.06 17:30 #
 

*wir* vielleicht nicht...

Stephan List am 30.12.06 17:31 #
 

Ja, das kann man jetzt kulturkritisch, werterelativ oder sonstwie beleuchten. Ich kann nur sagen: Wer unter Ausnutzung eines Gewaltmonopols tausende Zivilisten vergast, Kriege anzettelt und auch ansonsten ein gewalttätig-opportunistisches Regime anführt, unter dem öffnet sich zuweilen die Klappe des Henkers. Ich finde daran überhaupt nichts auszusetzen, geschweige denn sehe ich die Zivilisation dadurch infrage gestellt. Sie erschiene mir eher fraglicher, wenn eine solche Konsequenz nicht mehr gezogen werden könnte.

trotzdem wünschen wir uns ein besseres 007!

Paul Paulousek am 31.12.06 00:32 #
 

Nein, Paul: Da öffnet sich nicht "zuweilen" irgendwas, sondern Menschen entscheiden in vollem Bewusstsein und nach ausgiebigem Überlegen, einen anderen Menschen zu töten.

Es steht Dir frei, das beobachtend zu akzeptieren, aber korrekt benennen solltest Du's.

Martin Röll am 31.12.06 01:15 #
 

Gut, einverstanden. Ich benenne das auch gern korrekt: Sie werden getötet, so wie sie vieleviele andere töteten. Ungerecht ist das nicht, auch wenn man Rache nicht als Rechtsprinzip akzeptiert - was ich nicht tue. Und das "zuweilen" bezog sich lediglich darauf, dass diese Massenmörder in der Regel ungeschoren und ungehenkt davonkommen.
Ansonsten macht uns dieser Vorfall, entwöhnt wie wir von solchen Fragen ansonsten sind, mal deutlich, was eine Entscheidung auf Leben und Tod ist. Nicht einfach, sondern schwer. Aber wir entkommen ihr nicht, schon dann nicht, wenn auch wir Soldaten (potentielle Töter, in jedem Fall: Machtausüber und -erobern-Soller) in alle Welt entsenden.

Paul Paulousek am 31.12.06 01:24 #
 

Noch ein kleiner Nachtrag, Martin:
Zuerst sprach ich von einer "gezogenen Konsequenz", damit meinte ich durchaus, dass sich da nicht quasi von allein irgendeine Klappe öffnet, sondern dass das eine überlegte Konsequenzfolge ist. Mir ist allerdings klar, dass solche Konsequenzen, auch wenn es um das Töten eines Menschen geht, konkret nicht nach allgemeinen moralischen Prinzipien, sondern nach speziellen politischen Opportunitäten gezogen werden. Wir, aus sicherem Abstand, machen eine allgemein kulturell-moralische Frage daraus. Im Irak, mit täglich Dutzenden Gewaltopfern, stellt sich der Wert eines Menschenlebens wohl etwas anders dar...
Die Frage, die du aufgeworfen hast, ist dennoch allgemein und sehr, sehr ernst. Und meine Antworten meine ich ebenso, mir dessen bewusst.

herzlichen Gruß!

Paul Paulousek am 31.12.06 02:00 #
 

Ich sah ziemlich früh mal ne Soku über Saddam [das war, IIRC, bevor er flüchtig war]. Da fiel so ein Satz wie: "Im Irak wechselt(e) Macht (in den letzten Jahrzehnten) immer dadurch, dass der vorherige Machthaber das Leben verliert, auch Saddam wusste, dass er so abgehen würde/wird; deshalb verhielt er sich so, wie er sich verhielt." [eben: diktatorisch]

Seinen Vorgänger [der glaube ichs ein mentor war, aber da kann ich mich täuschen] hat er ja auch aus dem Weg geräumt und dessen Foto, tot auf einem Sessel sitzend, verbreiten lassen (?). (alles aus der Erinnerung, ist wie gesagt ne weile her)

Das entschuldigt nichts, aber... es relativiert.

Ggf. eswär e für ihn ne größere Strafe gewesen den Wandel des Irak zu einer friedlichen Demokratie zu sehen, [das wmäre ein Urteil gewesen] aber: hätt er das gesehen?

oliverg am 01.01.07 02:49 #
 

In unserer hochtechnisierten Welt ist es Dank diverser Videoportale dem geneigten Zuschauer möglich, nicht nur die letzten Minuten eines Diktators zu erleben, sondern auch dessen Tod.

Ich habe mir das makabere Schauspiel zu Gemüte geführt und wurde in meiner Meinung nur bestärkt, daß kein Mensch sich zum Herrn über Leben und Tod erheben darf. Diese (beinahe) öffentliche Hinrichtung war ganz klar ein Schritt zurück in die Barbarei - Unabhängig von den begangenen Greueltaten.

HendrikR am 01.01.07 20:01 #
 

Paulousek hat auf HendrikRs Kommentar hier drüben eine Antwort geschrieben. (Er hatte zunächst hier kommentiert. Ich hatte den Kommentar hier rausgenommen und ihn gebeten, direkt mit HendrikR zu sprechen, weil ich in seinen Worten einen persönlichen Angriff gelesen hatte, der dort nicht drinsteckte.)

Martin Röll am 03.01.07 00:01 #
 

Danke dafür! Nicht obwohl, sondern WEIL wir hier unterschiedliche Auffassungen davon haben, was als öffentliche (Blog-)Äußerung oder was als persönliche Mitteilung zu betrachten ist.
Wirklich, da steckte nicht die Spur eines persönlichen Angriffs drin. (Ich käme mir auch ziemlich blöd vor, wenn ich Leute angriffe, die ich gar nicht kenne!)
Es geht mir hier nur darum, dass mal wieder Bilder, vor allem bewegte, emotionalisieren und wir uns alle daran erinnern sollten, welchen Reizen und welchen Reizverursachern wir eigentlich welche Reaktionen schulden.

Paul Paulousek am 03.01.07 02:17 #
 

Na, ich habe den letzten Punkt, die Pointe sozusagen, vergessen: welchen NICHT-gegebenen Reizen wir welche NICHT-Reaktionen verdanken... Wenn alle Opfer Saddams per Handy gefilmt und per Web veröffentlicht worden wären... oder wenn überhaupt alle Opfer so prominent wären...
Sind wir hier mal wieder selber Opfer von - "Prominenz" ?

Paul Paulousek am 03.01.07 02:41 #
 

Ich habe nun wirklich genug von den Relativierungen. Ich mache den Sack hier zu.

Martin Röll am 03.01.07 09:24 #