24. Dezember 2006

[ Systemik und Komplexität ]

Die Zukunft, rückwarts

(Auch) eine Weiterführung der Überlegungen zu Gegenwart und Zukunft.


Charlotte Nordahl brachte mich darauf, dass wir auf Konferenzen wie dem "Zukunftsforum" oft viel zu viel über "die Zukunft" reden (womit wir vor allem "unsere Pläne für die Zukunft" meinen) und dabei unsere Vergangenheit vernachlässigen.

Wir treffen uns und fragen "Wo willst Du hin?" ohne dass wir verstehen, wo der andere herkommt, welche Erfahrungen er hat und was er meint, wenn er "nach vorne" sagt.

Wir würden uns besser verstehen, mehr lernen und effektivere Entscheidungen treffen, wenn wir uns die Zeit nähmen, die Vergangenheit zu betrachten und dieses Wissen zu nutzen, um klarer auf unsere Handlungsoptionen für die Zukunft zu blicken.

"The Future Backwards"

Millenium Dome, Weitwinkel

Als ich diesen Sommer Frühling in London war, habe ich eine Methode aus dem Baukasten von Dave Snowden kennengelernt. Sie heißt "The Future backwards".

Man beginnt mit einer Frage. Bei uns war das: "Was ist die Zukunft von Wissensmanagement in Europa?" Man modelliert dann in seiner Gruppe zunächst die Gegenwart: "Wo ist Wissensmanagement in Europa heute?" Wir schrieben Punkte dazu auf magnetische Sechsecke und bauten in der Mitte unseres Wandbretts einen Cluster daraus.

Dann ging es zurück: "Wie kam es dazu?" Wir versuchten, schrittweise rückwärts zu gehen. Von kürzlichen Entwicklungen, etwa bestimmten Managementtrends kamen wir zur Lissabon-Strategie und zu größeren Dingen, der Globalierung, der Entwicklung des Computing, bis (in unserer Gruppe) zurück zur Industrialisierung und der Erfindung der Druckerpresse. Ok, das war sehr weit. Aber warum nicht?

Dann ging es in die Zukunft: Wir modellierten zwei Szenarien nach der Vorgabe: Eins hieß "The Golden Age" - das war die wünschenswerte, positive Zukunft. Eins hieß "Doomsday" - das war das furchtbare, dunkle, in dem alles schief ging.
Dann begannen wir damit, Wege von heute in diese beiden Zukünfte zu modellieren.

Dabei fanden wir Abzweigungen und Wege, die von heute aus gar nicht mehr zu gehen waren, sondern aus der Vergangeheit modelliert werden mussten, weil dort schon entscheidende Weichen gestellt worden waren. Wir fanden Ambivalenzen, sicherere und unsicherere Wege, Schlüsselmomente usw.

Am Ende hatten wir, trotz der schwammigen Fragestellung (die uns nichtmal alle besonders interessiert hatte), ein sehr klares Bild über das, was da Entstehen könnte und vor allem: Über die nächsten Schritte, die zu tun waren und die möglichen Konsequenzen dieser Schritte.

Das ist nur _ein_ Modell - man kann das anders machen. Aber es sensibilisierte mich grundsätzlich für die Zusammenhänge von Zukunftsplänen mit der Gegenwart und Vergangenheit.

"Complex systems are dependent on initial conditions"

Organisationen sind komplexe Systeme. Das Verhalten komplexer Systeme ist abhängig von ihren Ausgangsbedingungen. Um voraussagen zu können, was ein komplexes System macht, nachdem man einen Input in es schickt, muss man wissen, "wo es ist" (eigentlich: wie es ist) und das heißt, zu verstehen, wie es dahin gekommen ist.

Um plausible Zukunftsszenarien für Organisationen zu entwickeln, brauchen wir ein Verständnis der Gegenwart - und das schließt die Vergangenheit dieser Gegenwart mit ein.

Ich will da künftig mehr Zeit drauf verwenden. Nicht gleich: "planen", Szenarien, neue Ideen. Mehr: "Verstehen", tief schauen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass "Zukunft" manchmal ganz einfach wird, wenn man die Gegenwart klar hat. Vielleicht wird es Organisationen ähnlich gehen.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Servus Martin,

da kann ich dir nur zustimmen und das passt auch zu dem, was ich kürzlich in meiner Vorstellung in der Zukunftsforschungs-Gruppe schrieb:

https://www.xing.com/app/forum?op=showarticles&id=2916941

Ein Effekt der mir dabei noch einfällt ist der, dass es ja immer wieder ähnliche Zyklen gibt und wenn man sich in der Vorgehensweise die du beschreibst klar wird, dass man sich in einem Zyklus befindet und an welcher Stele man dabei ist hilft einem das ebenfalls weiter (siehe Beispiel des Telegraphennetzwerks).

Andreas Weinberger am 25.12.06 14:29 #
 

Wie schön, hier mal eine Strategie vorgeführt zu bekommen, die ganz normale wünschenswerte Denkvorgänge abbildet. Wir könnten uns eine Menge Probleme ersparen, wenn wir Geschichte fachlich kompetent auswerten. Historiker finden die Schalter, die in der Vergangenheit umgelegt wurden, um unsere Gegenwart zu erzeugen bzw. die Bedingungen zu schaffen, die dazu geführt haben. Historiker kennen auch die wiederkehrenden Abbildungen derselben Modelle. Leider vergessen wir meist, diese Leute zu fragen und rationalisieren lieber ihre Orchideenfächer an den Universitäten weg, um Geld für zukunftsorientierte Studiengänge zu schaffen ;)

Susanna Künzl am 26.12.06 19:44 #
 

Schön gesprochen! Die Crux ist nur, dass das nachträgliche Modellieren der Vergangenheit genauso eine (soziale) und gegenwarts-gebundene Re-Konstruktion ist wie das Modellieren der Zukunft. Ob man den Zeitpfeil nach vorn oder nach hinten zeigen lässt, ändert am Verfahren und seinen Resultaten nicht viel. Besonders schön zeigt sich das an der Frage der Kausalität: Frage zwei Leute, warum es ist wie es ist, und du kriegst zwei Antworten.

Paul Paulousek am 28.12.06 15:19 #
 

Ebendeshalb muss sich die Gruppe gemeinsam und im Konsensprinzip rückwärts arbeiten.

Martin Röll am 28.12.06 16:34 #
 

Naja. Das war ja mein Punkt: Es ist egal, ob sie sich "rückwärts" oder "vorwärts" arbeitet. Sie muss arbeiten, um zu einem Konsens, d.h. zu einer gemeinsamen Interpretation der Lage, zu kommen.

Paul Paulousek am 28.12.06 20:23 #
 

Ich finde, dass dieser Punkt sehr gut beleuchtet, warum der Zukunftsdiskussion (nach meinem Empfinden) doch oft das Treppengeländer fehlt. Ja, man vergisst ganz, dass man sich bei der Besichtigung der zukünftigen Welt auf einer Wendeltreppe befindet, die genau so gut hinauf (Zukunft), wie auch hinab in die Vergangenheit führt.

Zu schlafwandlerisch sind oft die Diskussionen, ganz gleich, ob es um technologische, philosophische oder ganz praktisch-gegenwärtige Themen geht. Blutleer und selbstreferenziell, "Zukunft" ist ein Plastikspielzeug geworden.

Wenn der Begriff "Zukunft" irgendwo fehlt, stellt sich fast schon ein schlechtes Gewissen ein - beim Autor wie beim Leser. Dass sich da niemand mehr traut, die Vergangenheit zu reflektieren und aus dieser Perspektive wieder die Wendeltreppe nach oben zu erklimmen, verwundert da kaum noch.

Das "Wohin" ist doch untrennbar mit dem "Woher" verbunden. Die Vergangeheit ist Legitimität, gleichzeitig verdeutlicht sie die zurückgelegte Strecke, lässt Distanzen erst plausibel erscheinen. Ohne dieses Maß kann es keinen Zielpunkt in "der Zukunft" geben.

Volker Remy

Volker Remy am 28.12.06 21:31 #
 

"Die Vergangenheit ist Legitimität" - wow, Volker Remy, das ist eine exzellente Beobachtung! Aus der Zukunft kann man sich nicht so leicht legitimieren, weil man ja nicht weiss, ob's auch wie vorhergesagt kommen wird. Das ist in der Tat ein Unterschied zwischen Zukunft und Vergangenheit. Genauer betrachtet aber ein vor allem rhetorischer, scheint mir. Da es "die Vergangenheit an sich" so wenig wie überhaupt irgendwas "an sich" gibt, sondern immer nur im Kontext, businessmässig reduziert: im Kontext anstehender Entscheidungen.

Dank & Gruß!

Paul Paulousek am 28.12.06 21:39 #
 

Also, unterm Strich: Retrospektive und Perspektive können beide Fallen werden. Es kommt letztlich darauf an, zu erkennen, was IST. Und Entscheidungen haben es nun mal an sich, in der Zukunft etwas bewirken zu sollen, weshalb die Zukunft positiver konnotiert ist als die Vergangenheit. An der kann man ja nichts mehr ändern/entscheiden - ausser: wie man sie deutet.

Paul

Paul Paulousek am 28.12.06 21:50 #