19. Dezember 2006

[ Digitalisierung ]

Virtuelle Realität

Tim O'Reilly hat einen interessanten Weblogeintrag zu IBM, Grafikprozessoren und deren Möglichkeiten in virtuellen Welten à la Second Life.

Wir werden wahrscheinlich viel schneller zu anwendbarer "Virtueller Realität" kommen, als wir denken. Was ich bisher gesehen und ausprobiert habe - MUDs (meine ich ernst), Skype, Videokonferenzen, Traveller, Second Life - ist schon dermaßen weit... Und die wichtigsten Barrieren - Prozessorleistung und Bandbreite - werden gerade aus dem Weg geräumt.

Die Schnittstellen erscheinen mir als wichtiger nächster übernächster Schritt. Die grafischen Möglichkeiten sind mit Maus und Tastatur nur unzureichend zu steuern. (Oder nicht?) Zurück zu den komischen VR-Helmen und -Handschuhen aus den 80ern? (Wie kann man Objekte anfassen?) Wie funktioniert sowas in einem CAVE?

Als nächstes könnte Mimik und Körpersprache kommen:

"I suspect that if the Cell processor lives up to it's claims then processing real-time video input from a digital camera will be simple, and that will allow for the display of facial expressions and body language." (Maris Vogel)

Ist das noch sehr kompliziert, aus einem 2D-Video einer Person ein 3D-Modell zu erreichen bzw. eine Textur auf ein vorhandenes 3D-Modell (z.B. aus einem Bodyscan) zu legen? Live?

Die spannende Frage ist, was wir dann damit anfangen. (Als erstes: Noch mehr Pornographie, klar. Und dann?)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster und wage eine Voraussage zum Thema "Steuerung": man wird weder Handschuhe noch Helme brauchen, denn in der HomeCave wird die Steuerung durch Bildauswertung der im Raum verteilten Kameras (damit 3-D) erfolgen und das haptische Feedback rein optisch/hirnisch stattfinden - wenn man eine Möglichkeit findet das menschliche Hirn so auszutricksen, dass es glaubt das Gesehene zu spüren.

Und was ich damit dann anfangen würde ist mir jetzt schon klar. Ich würde dann z.B. gerne sowas wie Google Earth als Benutzeroberfläche nutzen (über Bayern schwebend meine Familienmitglieder anrufen, kurz nach Dresden "schwenken" um zu sehen ob du dort und online bist, dann schnell nach Hause um dort in meinem virtuellen Aktenschrank ein Bild zu holen usw. usw.).

Andreas Weinberger am 19.12.06 21:17 #
 

"Und dann?"

Die Matrix!

Ralf G. am 19.12.06 21:29 #
 

Genau, die Matrix. Allein schon wegen dem Energieverbrauch! ;-)

Stephan am 20.12.06 08:20 #
 

Naja, ich sehe das schon mit "einem ernsten Auge".

Es ist ja ein bißchen merkwürdig: Frönen nicht-online-affine Hausfrauen dem Eskapismus, indem sie täglich mit den Figuren in "Marienhof" leiden, wird darüber hochmütig gelächelt. Treiben Onliner ähnliches in einer zweiten Welt, aus welchen Motiven auch immer, lese ich landauf landab nur "toll, innovativ, die Zukunft".

Ist das Zukunft 2.0? Leben in einer radikalkapitalistischen hedonistischen Parallelwelt, von einer "guten Diktatur" (nämlich Linden Labs) beherrscht?

So lange das jemand als kleines Spielchen zur Unterhaltung betreibt: Okay, nix gegen einzuwenden. Fängt man aber darin an, richtig zu "leben" und SL als die bessere schönere wahre Welt zu sehen, und SL für "real" zu halten, wird es Zeit für psychologische Betreuung.

Ralf G. am 21.12.06 15:25 #
 

Ralf: In "meiner" virtuellen Realität geht es nicht um Eskapismus oder Parallelwelten, sondern um das, was wir hier in den Blogs auch schon machen: Um das Erschaffen von Orten, um zu kommunizieren oder zusammen zu arbeiten.

Martin Röll am 22.12.06 02:41 #
 

Ich bin heute auf dieses Blog gestoßen und ich finde, dass es im Gegensatz zu vielen anderen Fachtagebüchern wirklich witzige, intelligente und fachlich verwertbare Beiträge enthält. Ich bin auch erstaunt über das Maß an Selbstdistanz des Autors im Umgang mit Fachthemen, wie beispielsweise dem obigen. Auch die Kommentare der Besucher signalisieren eine gesunde Entfernung der momentan vorherrschenden Blog-Euphorie und Technik-Forecasts.

Auch ich habe das O-Reilly-Interview bei SPON gelesen und mich gefragt: "Was erzählt er denn da bloß?"

Einen Drucker zum Erlösungsinstrument der Menschheit zu erklären...meine Güte, ist der Mann wirklich schon abgetaucht, wann ging er über Bord?

Das waren meine Gedanken. Und ich freute mich gerade, dass hier wohl auch einige in diese Richtung denken. Das gute alte "Hyper, Hyper!" gewinnt wieder an Fahrt, man muss aufpassen, nicht wahr?

Schön, dass es dieses Blog gibt, ich werde sicher weiter lesen.

Viele Grüße
Volker Remy
Autor

Volker Remy am 23.12.06 23:49 #
 

Vielen Dank. Willkommen.

Martin Röll am 24.12.06 00:08 #
 

Martin, SL kann dann aber höchstens ein "Testballon" in Sachen Virtualität für etwas anderes, etwas freies, sein, das es noch gar nicht gibt. Denn Blogs wären nicht Blogs, wenn der "Raum", in dem sich die neuen Formen der Kommunikation entwickelt haben, Privateigentum einer Firma gewesen wäre. Proprietäre technische Basis und neue Formen des Kommunizierens und Arbeiten schließen sich aus, zumindest IMHO.

Wie auch immer, angenehme reale Jahresendfestivitäten wünsche ich. ;-)

Ralf G. am 24.12.06 10:59 #
 

Ja, absolut. Damit das etwas wirklich großes wird, muss es frei sein. (Oder anders, milder: Wenn es frei ist, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass es groß, gut und nachhaltig wird.)

Schöne Feiertage!

Martin Röll am 24.12.06 11:53 #
 

Der Witz ist - imho - dass wir hier stets von möglichst perfekt interaktiven Nachbildungen arbeiten, obwohl die Probleme mit dem Original alles andere als gelöst sind - deutlicher: WEIL wir nicht in der Lage sind, die Probleme realer Interaktion zu lösen, beschäftigen wir uns mit dem Problem, wie virtuelle Interaktion geschaffen werden könnte.
Ziemlich krank. Halt so wie P....konsumenten im Vergleich mit sexuell Interaktiven...

Paul Paulousek am 27.12.06 20:47 #
 

Ich weiß nicht, ob ich den Vergleich nachvollziehen kann. Und die Kausalität würde ich in Frage stellen: Sicher haben wir alle möglichen Probleme von nicht-online-Interaktionen nicht gelöst. Aber wir gehen doch nicht deshalb in die virtuelle Realität. Wir gehen _auch_ in die VR - das ist ziemlich unabhängig von den ungelösten offline-Problemen.

Andersrum finde ich das interessanter: Online finden wir manchmal Bedingungen vor, die das Problemlösen viel einfacher machen. Was man dort lernt, lässt sich oft auf die Offline-Welt übertragen bzw. _ist_ manchmal schon die Problemlösung. (Auch deshalb schätze ich den falschen Gegensatz von "real" vs. "virtuell" nicht. Das was online/VR ist, ist genauso "real", wie das, was Du "reale Interaktion" nennst).

Martin Röll am 27.12.06 22:05 #
 

Jaja, "genauso real". Mich interessiert vor allem der Zusammenhang zwischen real und virtuell. Was sich da an Kompensation, Syndikation etc. ereignet und wie sich diese Sphären bezogen auf die gesamte Kommunikation/Interaktion gegenseitig beeinflussen. Dass es hier - zumindest oberflächlich - um Eskapismus geht, den aber das Unbewältigte auch in der VR wieder einholt, so dass er seine Probleme nur virtuell reproduziert, das zeigt Second Life ziemlich deutlich.

Paul Paulousek am 28.12.06 15:13 #
 

Interessant dazu (heute gefunden): apophenia: on being virtual

Martin Röll am 31.12.06 11:54 #