21. November 2006

[ Internet ]

'Karrierekiller Google'

Wirtschaftswoche  47/2006: 'Karrierekiller Google'

"Karrierekiller Google" titelt die aktuelle Wirtschaftswoche (47/2006, gestern erschienen). Sie veröffentlicht einen Artikel von Jochen Mai, der anhand von Beispielen zeigen will, wie Google Karrieren zerstört. Mich hat er nicht überzeugt.

Der Artikel beginnt mit dem Beispiel eines Kriminellen, der sich eine neue Identität zulegen wollte, was entdeckt wurde und scheiterte. Karriere gekillt. Hm.

Dann erfährt von einem Manager, dessen Personalberater beim tiefen Googeln einen alten Zeitungsartikel über einen Korruptionsfall fand, in dem sein Name vorkam. Zitat: "Ob er Mitwisser oder Mittäter war, ließ der Artikel offen. Doch das reichte [...]. Norbert G, hat seitdem den Status "nicht vermittelbar"". Ähm.. warum? Klingt nach einer schlechten Personalberatung.

Es folgt das Beispiel einer Wirtschaftsprüferin, die einmal Unregelmäßigkeiten in der Buchführung eines öffentlichen Betriebes entdeckt hatte, was zu einem Eklat mit dem Bürgermeister führte, worüber Medien berichteten. Als sich die Dame später um einen Job bewarb lehnte das Unternehmen sie ab. Zitat: "Den Lokalbericht fand auch ihr potenzieller Arbeitgeber im Netz Sein Urteil: 'Sicherliche eine hochbegabte Managerin, aber eben auch sehr wehrhaft und korrekt' Zu korrekt. Den Job bekam sie nicht".
Wie gut für beide Seiten! So bekommt das Unternehmen eine unkorrektere Mitarbeiterin und die Frau einen anderen, besseren Arbeitgeber.

Es wird aus einer Statistik zitiert, nach der "in 34 % der Fälle" (welcher Fälle blieb mir unklar) Stellenbewerber "aufgrund der Online-Recherchen [der Personalchefs] aus dem Auswahlprozess flogen".

Nicht recherchiert wurde, wieviele Leute durch Online-Recherchen ihren Job _bekamen_, welche Karrieren durch Google überhaupt erst _ermöglicht_ werden und solche Fälle, in denen die Internetrecherche dazu führt, dass jemand, dessen Papierunterlagen wenig hergeben _dennoch_ genommen wird.

Doch, Positives kommt auch vor: Man solle Freunde darum bitte "subtil Lobendes" über einen auf deren Webseiten zu veröffentlichen (!). Mit einem Blog könne man sich "als belesener Experte positionieren". Man solle dabei "nicht übertreiben (...), sondern seine positiven Eigenschaften wahrheitsgemäß herausstreichen". Image-Design. Naja, wer's mag.

Zum Schluss biegt der Artikel wieder auf die Angst-Gerade ein:

Imagepflege [ist] ein fortlaufender Prozess, dem man sich mindestens einmal pro Monat widmen sollte. Es lässt sich kaum vorhersehen, welche Kontakte, welche Einträge einem später schaden.

Oder nutzen, nicht?

Man weis et nisch.

Und so kann man die ganze Zeit in Angst leben vor dem, was einem dann irgendwann aus dem Netz heraus die "Karriere killt", oder in Frieden weiter leben und sich freuen über die vielen Geschenke, die man ganz unerwartet - oder aufgrund gezielter Arbeit - aus dem Netz erhalten kann. Wir haben die Wahl.

[Nachtrag] Jochen Mai hat hier zum Artikel gebloggt

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Talking with other students in higher semesters about blogging, there is one question that I get asked quite often: Don’t you think that blogging might endanger your job chances? Lately the German business magazine “Wirtschaftswoche” titles “Karri

Jay's Malaysia Diary (Jürgen Hösch's Malaysia Tagebuch): Career Killer Google? (25.11.06 13:18)

Personalchefs "googeln" vor dem Bewerbungsgespr...

00de Forum: Google - Karrierekiller (04.12.06 15:47)

 

Erinnert mich an meine Jobsuche in 2004

VG
Ton

Ton Zijlstra am 21.11.06 12:01 #
 

Mich auch. Ich habe gerade gestern drüber referiert. :)

Martin Röll am 21.11.06 12:23 #
 

Dann "behalten Sie doch Ihren Google ! ;)

Rainer am 21.11.06 12:28 #
 

Vielleicht denke ich da mal anders drüber. Aber momentan denke ich mir, dass ich diejenigen Jobs, die ich nicht bekomme weil man nach mir gegoogelt hat, auch gar nicht haben will. Vielleicht denkt man da anders drüber, wenn man dem Begriff "Karriere" ernsthaft eine positive Konnotation abgewinnen kann.

Moe am 21.11.06 15:35 #
 

Ich lade bei Bewerbungen immer auf meinen Weblog und auf mein dortiges e-Portfolio ein. Ich habe mir schon überlegt auch zum Googeln aufzufordern. Nur ist mein Eindruck, dass die Personalabteilungen hier noch nicht so weit sind. Ich stelle mir jedoch auch große Branchenunterschiede vor.

Renate Millebner am 22.11.06 09:18 #
 

Die Süddeutsche legt ein laues Textchen nach.

Haiko Hebig am 22.11.06 12:21 #
 

Bemerkenswert, das Verhältnis von Text zu Kram-Drumrum auf der Website der Süddeutschen.

Martin Röll am 22.11.06 12:51 #
 

jeder sollte lieber wissen, was üner einen im netz steht. bei meiner person habe im zu glück sehr schnell etwas aufdeken können... sonst wäre es wohl für immer im netz geblieben

Paul Buchhorn am 22.11.06 16:07 #
 

In der Süddeutschen steht noch drin, dass man, wenn man seinen alten Arbeitgeber verflucht oder schlecht macht, doch bitte nicht seinen Realnamen nennen soll. Oder dies nicht in seinem eigenen Blog.
Irgendwie wär ich da von allein gar nicht drauf gekommen. Wobei in meinem Blog mein Job nichts verloren hat.
Sonst ist es ganz interessant, was man so im Netz über sich findet, das stimmt schon. Aber ob Personaler das tatsächlich so wichtig finden, ist eine ganz andere Frage. Es sei denn... (siehe oben)

hanneken am 22.11.06 21:28 #
 

naja, für eine meinungsstarke auseinandersetzung mit dem text fehlt mir da etwas die begründete analyse: ein zitat - ein hm, ein zitat - ein ähm, machen noch keine rezension. aber gut, das ist vielleicht auch der knappe zeit geschuldet.
allerdings: nur, weil sich der artikel auf die schattenseiten des exhibitionismus 2.0 konzentriert, heisst das nicht, dass dieser nicht auch ein paar vorteile hätte. doch wo licht ist, fällt auch schatten. umfragen wie zitierte und beispiele bestätigen durchaus die existenz des risikos - das offenbar weithin unterschätzt wird. wer alles richtig macht, muss nichts fürchten. aber wer beurteilt in 5 oder 10 jahren, was heute richtig war?

Jochen Mai am 22.11.06 22:15 #
 

Hallo Jochen! Woher nimmst Du das, dass "das Risiko weithin unterschätzt wird"?

Martin Röll am 22.11.06 22:33 #
 

aus der tatsache, dass laut unserer umfrage 34% der bewerber bereits aus dem auswahlprozess geflogen sind, WEIL personaler in ihren online-profilen dinge fanden, die ihnen nicht gefielen.
zum zweiten aus den zahlreichen beispielen, die ich für den artikel recherchiert habe - die aber aus platzgründen natürlich nicht alle unterkommen.
zum dritten aus noch mehr beispielen aus den usa. dort kommt das thema her, dort sind zahlen aus vergleichsstudien noch größer und dort bloggen auch mehr. da wir hier immer zeitverzögert solche trends mitmachen, braucht man wenig phantasie zu haben, um zu ahnen, was noch kommt.

jo am 23.11.06 10:01 #
 

Hm, da hast Du mich missverstanden. Was Du schreibst, untermauert, dass ein Risiko existiert. Mich interessierte, wie Du zu Deiner Ansicht über die Wahrnehmung dieses Risikos gekommen bist.

Martin Röll am 23.11.06 11:57 #
 

(Was anderes: Bei der Lektüre dieses Threads fiel mir ein, dass wir hier schonmal etwas ähnliches hatten.)

Martin Röll am 23.11.06 13:52 #
 

bevor wir jetzt weiter metaebene-pingpong spielen: sag doch bitte mal genau, welche ansicht du konkret meinst - wie lautet deine genaue frage?

jo am 23.11.06 16:22 #
 

Verzeihung, wenn ich undeutlich war. Du schreibst oben:

umfragen wie zitierte und beispiele bestätigen durchaus die existenz des risikos - das offenbar weithin unterschätzt wird.

Mich interessierte, wie Du zu der Einschätzung gekommen bist, dass das Risiko unterschätzt wird. Du hast eine Menge zur Existenz des Risikos geschrieben. Aber, wenn ich das aus dem Artikel noch richtig in Erinnerung habe, nicht über die Einschätzung dieses Risikos, z.B. durch Bewerber.

Ich frage auch deshalb, weil meine Erfahrung eher darauf hindeutet, dass das Risiko überschätzt wird: Viele Leute haben Angst vor dem, was über sie "in Google" steht und vor den negativen Konsequenzen, die ihnen daraus möglicherweise drohen. Schaut man aber genau nach, 1) steht oft gar nichts über sie in Google 2) traten selbst in Extremsituationen nie irgendwelche negativen Konsequenzen auf 3) selbst dann nicht, wenn man mit Suchmaschinen negativ verwertbare Daten finden konnte.

Wenn ich da Deinen Halbsatz überinterpretiere, sag Bescheid. Ich bestehe nicht darauf, da bis zum Kaputtgehen nachzubohren :) - ich finde nur diese Wahrnehmung interessant, weil sie gegen meine Erfahrung spricht.

Martin Röll am 23.11.06 20:45 #
 

mein Senf hierzu ;-)
Ich bin mit Martin Röll, was das ganze Thema grundsätzlich angeht einer Meinung: http://www.level75.de/blog/2006/11/24/karrierekiller-google/.

Viktor am 24.11.06 10:15 #
 

wir haben "Rainer Fakeman" interviewt!: http://www.interview-blog.de/helden-des-alltags/ich-sehe-gut-aus-hab-talent-einen-tadellosen-ruf-und-das-zeug-zum-star/

grusz
klm

Klaus-Martin Meyer am 25.11.06 19:00 #
 

Ja, und?

Martin Röll am 26.11.06 16:45 #
   

Also ich google auch nach jedem Bewerber. Wenn sich bei mir jemand auf eine Stelle bewirbt, die Kenntnisse von und Interesse an Internet-Technologien verlangt, ich aber keine Spur von demjenigen im Netz finde, dann sind die Kenntnisse entweder rein theoretischer Natur, oder aber er arbeitet sehr konsequent unter Pseudonymen. Den zweiten Fall kann man dann durch Nachfragen klären.

Andreas Berg am 29.11.06 10:36 #