2. Oktober 2006

[ Konferenzen ]

Zeit zum Denken

Eine Sache, die wir auf Konferenzen komischerweise ziemlich schlecht machen, ist, den Teilnehmern Zeit zum Denken zu geben. Wir knallen Vortrag hinter Vortrag packen "zur Auflockerung" Panels dazwischen, aber es bleibt nie Zeit, das Aufgenommene wirklich zu verarbeiten.

Ich funktioniere so nicht. Ich brauche Zeit, um etwas Neues durchzudenken, zu verknüpfen, in mein Hirn einzubauen. Erst dann kann ich mir wieder was Neues anhören. Das heißt: Ich kann mir auch vorher schon was Neues anhören, aber dann lerne ich weder vom ersten noch vom zweiten Vortrag viel.

Auch die "Pausen", die wir auf Konferenzen haben, helfen da nicht, denn sie sind nur Pausen von den Vorträgen, aber nicht Pausen von der anstrengenden Aktivität. In den Pausen redet man weiter über die Vorträge oder trifft andere und redet und hört zu und redet und redet... und dann geht man wieder in den Saal und knallt sich den nächsten Vortrag auf Trommelfelle und Neuronen.

Von Kai Romhardt habe ich die "Mußezeit" gelernt. Er hat in seinen Seminaren Phasen, die nicht "Pausen" sind, sondern die einfach "frei" sind, in denen man irgendwas machen kann - irgendwas, was nichts mit dem Seminar oder der Arbeit zu tun hat. (Die Spaziergänge auf den BlogWalks (I, II, IV) waren ein bisschen so: Zwar redete und arbeitete man auch, aber man hatte immer eine lockere Balance, Pausen, Bewegung, Sauerstoff, Natur, anderes, das "ablenkte" und manchmal befruchtete.)

Ich will auch mehr mit sowas arbeiten: Mit Pausen, die wirklich Pausen sind, mit Stille, mit Entspannung. Leute lernen dann besser. Und ich bleibe (als Referent) ruhiger, effektiver, gesünder. Als Teilnehmer auf Konferenzen (so wie letzte Woche auf der SHIFT und jetzt auf der BlogTalk) kriege ich das schon ganz gut hin.

Wenn ich rausfinde, wie ich das verkaufen kann, mache ich da auch eine Dienstleistung draus. Konferenzveranstalter sollten daran interessiert sein, ihre Teilnehmer effektiver lernen zu lassen. (Aber: Kann man das kapseln? Man landet vielleicht bei reiner Moderatorentätigkeit - die ist nicht so interessant.) Wenn nicht, bleibt's einfach dabei, dass ich das in meinen eigenen Seminaren umsetze - das wäre auch schon gut.

Ein anderer Blick: Climb to the Stars (Stephanie Booth) » Give Us Time to Digest Talks. Suw Charman will auch noch dazu schreiben. [Update] Ist hier: Conference burn out.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

The dust in my head settled a bit and it's time for me to actually reflect on what happened the last few days. First of all I had a good time, starting from meeting Sebastian, Anne, Jere and others Saturday...

Communigations: Reflecting on BlogTalk Reloaded (09.10.06 13:19)

 

Ja, das kann ich nur bestätigen. Wir arbeiten bei uns an der Uni mit größeren Unternehmen als Forschungspartner. Alle 3 Monate gibt's 2-tätige Workshops, in denen wir unsere Ergebnisse mit den Vertretern der Partnerunternehmen diskutieren und weiterentwickeln. Bei diesen 2-tägigen Veranstaltungen ist die Auflockerung des Programms durch einerseits ausreichend Pausen und andererseits durch "interaktive Elemente" unheimlich wichtig. Bei beidem ist die Reflexion der vorherigen Inhalte-Session wichtigstes Ziel.

RaSchi am 02.10.06 21:07 #
 

Hey,

schon mal mit Suggestopädie probiert? Der dort propagierte Kreislauf sieht besonders Aufnahme- und Ausatmenphasen vor. Schau mal unter Lernkonzert nach.

LG
[;-] Nati

[;-] Nati am 02.10.06 21:11 #
 

Danke für diesen erstklassigen Denkanstoss, Martin!

Marcel Widmer am 04.10.06 21:57 #
 

Das würde ich sogar noch auf jede Situaion ausweiten, in der es um Informationsaufnahme geht. Ich habe nicht selten die Erfahrung gemacht, dass mir nach einer 2 bis 5 stündigen Konferenz auf der Rückfahrt noch so viele Dinge eingefallen sind, dass ich mir mindestens noch eine Stunde produktiven direkten Austauschs gewünscht hätte.

Zurück im Büro läuft das Ganze dann über Telefon oder E-Mail oder besten Falls Web Casts, was aber die direkte Kommunikation in Sachen Produktivität bei Weitem nicht erreicht.

Jetzt muss ich nur noch die Kunden dazu kriegen, während der Besprechung öfters eine halbstündige Auszeit zu nehmen (bzw. nehmen zu dürfen). :~]

Thomas am 05.10.06 21:05 #
 

Das gleiche Problem kenne ich auch aus einem anderen Bereich der Informationsaufnahme (wie Thomas schreibt):

Meinen Arbeitsplatz und -stil Optimierungsopfern gebe ich diese Zeit teilweise ganz extrem, denn wenn ich jemanden 30 Minuten lang druckbetankt habe (so wie kürzlich Christopher) dann brauchen die Leute teilweise ein paar TAGE zum Verdauen/Üben/Hinterfragen/Ausprobieren.

Und deswegen mag ich Halb- oder Ganztagsseminare nicht...

Andreas Weinberger am 06.10.06 13:53 #
 

Ja, danke nochmal Andreas für deine Optimierungslehre. Diese Scheibchentaktik ist wichtig. Mit zu vielen Tipps und Input steht vor einem ein riesiger Berg. Dieser schreckt dann erst recht ab anstatt dazu zu motivieren das gelernte auch gleich mit ersten Versuchen in die Praxis umzusetzen. Ich denke gerade der Freiraum und die richtige Dosis sind die entscheidenden Faktoren, daß aus Information auch persönliches Wissen und Gelerntes wird.

Christopher Meil am 09.10.06 18:17 #