29. Juni 2006

[ Diverses ]

Zwei Anekdoten mit Handys

Im preußischen Wartesaal. Der Mann am Nebentisch telefoniert laut mit seinem Handy. Das Gespräch dreht sich zehn Minuten lang um irgendein Projekt, dann wird zehn Minuten lang zwischen Kosten und Ergonomie verschiedener Parkmöglichkeiten eines Automobils abgewogen. Der Mann sitzt 2 Meter von mir entfernt und schaut in meine Richtung. Ich starre ihn an. Er bemerkt es nicht.

Später im Zug stürzt ein Mann in den Speisewagen und ruft in sein Telefon. 6 Tische erfahren Details über die Anzahl der Mikrometer Abweichungen im Bauteil X, seinen Gemütszustand und den Charakter des Kunden Y. Ich trage mich kurz mit dem Gedanken, mich neben ihn zu stellen und ein Gespräch in gleicher Lautstärke zu beginnen, besinne mich jedoch noch rechtzeitig. Der Mann am Nebentisch unterbricht seine Lektüre, denn es ist zu laut. Das Ehepaar hinten unterbricht sein Gespräch, denn es ist zu laut. Ich unterbreche mein Schreiben, denn es ist zu laut. Der Mann hinter mir, der schon vorher verwirrt war, starrt durch den Schlitz zwischen den Sitzlehnen. Das Gespräch dauert zehn Minuten. Zügig gehend, dabei im Gang schlingernd, verlässt der Mann den Speisewagen.

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Hui, bist Du geduldig. 10 Minuten? Da wäre ich entweder gegangen, wahrscheinlicher hätte ich ihn hinaus gebeten.
Die Szene im Zug dokumentiert übrigens einmal mehr, die mangelhafte Zivilcourage unserer lieben Mitmenschen.
Immer wieder stelle ich mir die Frage, "Stört eigentlich nur mich das?" Der Blick in die Gesichter der anderen spricht Bände: Nein! Alle sind genervt, aber keiner greift ein.
Und unternimmt man dann selbst was und erfährt den nicht eben seltenen Gegenwind, schauen alle beschämt zur Seite. Zum K*****!

50hz am 29.06.06 07:04 #
 

Also ich habe in einer ähnlichen Situation mal einen lauten Telefonbenutzer im Bus freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass er durch seinen Gesprächspartner sicherlich auch noch verstanden werden könne, nachdem er aufgelegt habe und dass sich so prima Kosten sparen ließen.


Das hat gewirkt. Ob das bei allen Leuten de Fall ist, weiß ich nicht. Alternativ dazu, könnte ich mir (wenn auch noch nicht praxiserprobt) vorstellen, dass das, von einem freundlichen Lächeln begleitete, Zustecken einen Prospekts für Hörgeräte den gleichen Effekt hätte.

Mazze am 29.06.06 18:54 #
 

Wenn im Zug lautstark telefoniert wird, rufe ich meist "Sag n'Gruß" in der gleichen Lautstärke durch das Abteil.

Kai Nehm am 29.06.06 21:45 #
 

Die Leute wollen halt auffallen. Außerdem kommt es doch echt kool rüber, wenn sie so laut reden, dass man unfreiwillig schmutzige Details aus ihrem Privatleben mithören kann...

wice am 30.06.06 12:53 #
 

Aus aktuellem Anlass fällt mir dazu ein:

Robert Gernhardt: Du sollst nicht lärmen. Ein Gebot, das Gott vergessen hatte

Matthias Kryn am 01.07.06 15:12 #
 

Ich habe mir angewöhnt, möglichst sofort etwas zu sagen, denn dann kriege ich es noch freundlich rüber. Später hat sich dann zuviel Aggression aufgebaut.

Dann hilft vielleicht noch ein kleiner mobiler Störsender; leider nicht legal... schade, wäre zu schön gewesen.

Philipp Pott am 02.07.06 21:46 #
 

Ich hatte mal ein ähnliches Erlebnis: mitten im Feierabendverkehr in der Straßenbahn. Ich wollte nur noch nach Hause, viele andere sicher auch. Es saßen zwei Jugendliche ca. 2 Meter von mir entfernt und probierten in der höchsten aller Lautstärken aus, welcher Klingelton wohl für ihre Handys die besten wären. Nach 5 (oder 8?) Minuten sprach ich sie an, ob sie das nicht auch leiser oder woanders machen könnten. Sie sprachen leider weder deutsch noch englisch, verstanden aber mein Anliegen :-)

mandy am 02.07.06 22:39 #
 

Ich weiß nicht mehr wer es war, aber es hatte mal jemand ein schönes Fazit gezogen:
Wichtige Leute lassen sich von ihren Sekretärinnen verleugnen, wer hingegen in der Freizeit noch wichtige Entscheidungen am Handy treffen muß, ist eigentlich eine arme Sau.

René M. am 13.07.06 16:13 #
 

Wer in der Freizeit keine wichtigen Entscheidungen treffen muss, ist auch eine arme Sau. Ob man das nun am Handy tun muss... nuja. ;)

Martin Röll am 13.07.06 16:36 #
 

Ich glaube nicht unbedingt, dass die Leute, die so laut mit dem Handy telefonieren, verstärkt auffallen wollen. Die Telefonieren nämlich auch allein zuhause am Festnetz so laut. Es ist eher eine fehlende Wahrnehmung der eigenen Lautstärke, die durch die technische Entkopplung mit dem Gesprächspartner verstärkt wird.

Was ich als "Leisesprecher" total peinlich finde, ist es, mein Handy einzuschalten. Der Begrüßungssound lässt sich nämlich nicht in der Lautstärke regulieren und ist immer tierisch laut. Hätte ich's mal besser vorher nicht ausgemacht...

Andreas Berg am 18.07.06 16:43 #
 

Gibt es tatsächlich noch Leute, die das Handy und die Kommunikation darüber als Prestigeobjekt pflegen? Wenn nicht, sind das arme Schweine, die ohne Sekretariat überleben müssen. Also wohl 90% aller Kleinstunternehmer. Alle anderen schffen sich den Stress vom Hals und keine Weiterleitung mehr aufs Handy.

Nur so eine Frage: Was ist ein preußischer Wartesaal?

Susanna am 20.07.06 19:31 #
 

Der Leipziger Hauptbahnhof hatte früher zwei Teile: Einer gehörte zur preußischen, einer zur sächsischen Bahn.

Bis 1934 gab es deshalb alles doppelt: Die Gleise 1-13 gehörten der preußischen, die Gleise 14-26 der sächsischen Bahn. Deshalb existieren auch zwei Empfangshallen, zwei Treppenaufgänge und doppelte Wartesäle. Bis 1934 durfte nämlich kein preußischer Zug im sächsischen Teil des Bahnhofs einfahren, wie kein sächsischer im preußischen Teil. [leipzig-info.net]

Dieser, der heute noch nutzbare Wartesaal, liegt AFAIK im preußischen Teil, daher sein Name.

Martin Röll am 20.07.06 19:49 #
 

Der Witz ist ja eigentlich, dass die meisten Handys heutzutage gut genug sind, um auch ein beinahe-Flüstern noch ordentlich zu übertragen. Dass aber gerade in Zügen oft besonders laut telefoniert wird, ist mir auch schon aufgefallen.

Moe am 21.07.06 13:50 #