14. Juni 2006

[ Datenschutz , Information , Internet ]

Spiegel Online über Privatsphäre im Netz, Gefahr daraus und die 'gefährliche Community' (das sind wir).

Auf Spiegel Online schreibt Christian Stöcker unter dem Titel Gefährliche Community: Die Netzgemeinde kennt keine Gnade über vermeintliche Gefahren aus dem Netz durch den Verlust von Privatsphäre.

Er baut zunächst auf der falschen Annahme auf, dass "analoge Daten" "flüchtig" wären:

Analoge Daten sind flüchtig. Ein Fernsehbild etwa ist an der Quelle ein halbwegs kohärentes Bündel von Informationen - aber mit jeder Weiterleitung franst es aus. Was einmal aus der Bildröhre herausgestrahlt ist, ist weg, versendet, nicht rückverfolgbar. Ein Segen.
Jemand sollte ihm einmal das Archiv von Fernsehsendeanstalten zeigen. Oder einen Videorecorder. Er sollte auch mal Stefan Raab schauen, wo uralte Schoten genommen und Leute um die Ohren gehauen werden.
Unfug. Das habe ich falsch verstanden.

Dann schreibt er darüber, wie "gefährlich" es ist, Daten von sich zu publizieren:

Die nächste Generation aber, diejenigen, die mit dem WWW aufgewachsen sind, wissen eigentlich Bescheid - scheren sich aber einen Dreck um die riesigen Löcher in dem, was einst Privatsphäre hieß. Sie senden, sie hinterlassen gezielt und absichtlich Spuren, sie möchten gesehen werden, am liebsten global. Das ist gefährlich.

Ale Beispiele für die "Gefährlichkeit" bringt er

  1. Die Geschichte einer Teenagerin, die starb, was Leute Kondolenzbekundungen rund um ihr MySpace-Profil abgeben ließ.

  2. Die Geschichte einer kriminellen Teenagers, der im Web präsent war, was, nachdem er bekannt wurde, zu viel traffic auf seinen Webseiten führte

  3. Die Geschichte eines Herrn, der die persönlichen Daten eines anderen Herrn, dem er ein Notebook angekauft hatte, widerrechtlich ins Netz stellte.

Dann behauptet er:

Die Mechanismen des Aufschaukelns, denen das sozial organisierte Netz folgt, heben die alten Regeln von Ruhm, Popularität und öffentlicher Schande auf.

Wie er das wohl meint? Sind diese "Mechanismen des Aufschaukelns" nicht genau dieselben, nur schneller?

Dann kommt er zum Punkt der Gefahr durch Daten, die andere über einen publizieren:

Nicht nur, wer Informationen über sich selbst online stellt, begibt sich in Gefahr - auch jeder, über den irgendwo digitale Informationen existieren.

Vollrausch-Partyfotos auf der Webseite eines Bekannten, gehässige Bemerkungen im Blog der Exfreundin, vor Fehlern strotzende Hausarbeiten aus der Studienzeit - wer einem Menschen schaden will, der hat schon heute gute Chancen, im Netz Verwertbares zu finden.

Die Szenarien würde mich interessieren: Wie schade ich einem Bekannten mit einem Partyfoto? (Und inwiefern verändert das Internet da etwas zur Situation seit Erfindung des analogen Fotoapparats?) Wer schadet wem wie mittels "gehässiger Bemerkungen im Blog der Exfreundin"? (Und inwiefern hat das etwas mit der "gefährlichen Community" und der "Netzgemeinde", die "keine Gnade" kennt (Artikeltitel!) zu tun? Wofür brauche ich überhaupt ein Blog um die Exfreundin zu belästigen?) Wie kann ich jemandem damit schaden, dass ich irgendwen auf Fehler in einer alten Hausarbeit aufmerksam mache?

Im Artikel stecken durchaus auch weiterführende Überlegungen:

Für den Privatmenschen wird es zunächst aber vor allem dann unangenehm, wenn Information über ihn so präsentiert wird, dass sie Aufmerksamkeit findet
(...) Dieser Mechanismus spült oft Interessantes aus obskuren Quellen nach oben - folgt aber im Großen den Gesetzen des Boulevard. Eines globalen Boulevards, der sich durch nationale Presseräte und verfassungsgemäße Persönlichkeitsrechte nicht kontrollieren lässt. Auf dem kleine Lichter ebenso zum Abschuss freigegeben sind wie Angelina Jolie und Brad Pitt. Die aber haben eine Armee von Anwälten und Agenten und kaufen sich zur Not die Polizei eines afrikanischen Staates - das können die kleinen Lichter nicht.

Hier wäre es interessant gewesen, tiefer zu gehen. Leider geht das im allgemeinen Angstverbreiten des Artikels unter.

"Gefährliche Community. Die Netzgemeinde kennt keine Gnade."

Er meint uns. Die Menschen.

(Und sich nicht?)

Danke Michael für den Link.

Mein ausführlicher Artikel zum Thema Angst vor Daten im Netz: Das E-Business Weblog: Die meisten Privacy-Ängste sind unbegründet (3. Juni 2006)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

… so können wir bei Spiegel Online lesen - Gefährliche Community. Der Artikel ist besser, als die Schlagzeile verspricht. Martin Röll kommentiert. Beteiligen Sie sich auch an der Diskussion dort.

MiFoMM: Die Netzgemeinde kennt keine Gnade … (14.06.06 20:48)

Brauchen wir ein neues Verständnis von Datenschutz? Durch viele der neuen Entwicklungen können wir das Sammeln von Daten nicht mehr verhindern. Sollte der neue Fokus daher nicht besser darauf liegen, die Verwendung der Daten zu kontrollieren?

digitallife Blog: Datenschutz und Privatheit im Netz: Gestern, heute und morgen. (18.06.06 21:11)

 

Wir hinterlassen eben im Netz täglich Spuren. Das ist seit langem Fakt. Dabei ist jeder selbst dafür verantwortlich, wie er oder sie sich online darstellt. Natürlich gibt es einen gesellschaftlichen Trend zur Skandalisierung und Boulevarisierung, der wenig mit dem Netz an sich, aber mit dem Leben insgesamt zu tun hat. Insofern finde ich es wenig überraschend, wenn uns das Internet den Spiegel vorhält und uns manchmal ein (Zerr-?)Bild präsentiert, das uns nicht gefällt.

Damit muss sich allerdings niemand abfinden, schließlich können wir durchaus mit Hilfe von Web 2.0-Tools auch unsere digitalen Spuren aktiv setzen, so dass jeder sehen kann, womit wir uns nicht nur bloggend beschäftigen.

Klaus Eck am 14.06.06 18:18 #
 

Du greifst Zunächst die Prämisse bezüglich der Vergänglichkeit analoger Medien an.
Das ist in Ordnung.
Allerdings ist Deine Widerlegung bzw. Dein zugehöriges Beispiel nicht "korrekt".
Klassische Medien, wie Zeitungen sind nicht nur vergänglich sondern auch nur bei gezielter Suche im Nachhinein auffindbar.
... das Internet bzw. der Google Cache ist jedoch sehr langlebig und fällt einem bei der Recherche, ob gewollt oder nicht, vor die Füße.
Eine Verleumdungskampagne ist heute wirklich sehr leicht zu führen.

Wilhelm [Schoggo-TV] am 14.06.06 18:40 #
 

Das Thema ist m.E. so wichtig, dass der reißerische Aufmacher "Die Netzgemeinde kennt keine Gnade" hier absolut fehl am Platze ist.

Das Internet, Google und Google Cache sind Realität! Die Frage kann also nur lauten: Wie gehen wir mit der "neuen Offenheit" um?

Richtig ist auch "Eine Verleumdungskampagne ist heute wirklich sehr leicht zu führen." und solche "öffentlichen Schlammschlachten" - wie u.a. bei Udo Vetter zu lesen http://www.lawblog.de/index.php/archives/2006/06/13/industrieadel/ , können ein Unternehmen evtl. sogar ruinieren ...

Entscheidend ist auch, dass wir uns unserer Spuren bewusst sind. Das Internet ist eben kein (rechts-)freier Raum, in dem jeder nach Belieben "rumtrollen" kann. Auch "anonyme" Spuren können - teilw. - zurück verfolgt werden.

Rainer Helmes am 14.06.06 19:37 #
 

[disclaimer: Ich kenne Christian Stöcker sehr gut und hab mich am letzten Wochenende sehr lang mit ihm über das Thema unterhalten..]

Martin, als ich den Beitrag im Spiegel gelesen habe, dachte ich witzigerweise an Dich; fast hatte ich eine Replik von Dir erwartet.. :)
Zunächst: Du hast natürlich recht, dass Verletzungen der Privatsphäre, Stalking etc. schon vor dem Internet existiert haben und es daher wenig Sinn macht, dies jetzt (möglicherweise etwas alarmistisch?) dem Internet oder den neuen Anwendungen in die Schuhe zu schieben. Ähnlich wie Du auch denke ich, dass man mit genereller Schwarzmalerei nicht weiter kommt, sondern mich interessieren auch die Chancen bzw. die Vorteile, die der Einzelne davon hat, selektiv Informationen über sich öffentlich zu machen. Unter Stichworten wie Identitäts- und Beziehungsmanagement versuche ich das ja für den Bereich der social software auch wissenschaftlich etwas genauer zu untersuchen.

Allerdings finde ich es schon wichtig darauf hinzuweisen, dass sich im Moment die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verschieben (bzw. dass uns im Moment möglicherweise diese Entwicklung immer stärker bewusst wird). Es ist ein alter Hut, dass das Internet eigene Medienkompetenz erfordert; in diesem Zusammenhang wäre das bspw.
- einschätzen zu können, dass und wo ich Informationen von mir preisgebe und wie öffentlich diese sind;
- zu wissen, wie und wo ich sinnvollerweise Grenzen ziehe (viele Blogger haben ja bspw. zumindest implizit-unreflektierte Routinen, welche persönlichen Informationen sie teilen);
- auch die Konsequenzen des eigenen Tuns in Bezug auf die Privatsphäre anderer einzuschätzen; was nützt es mir, wenn ich keine Bilder oder Daten von mir veröffentliche, aber jemand anderes macht es, auch wenn es nicht in böser Absicht geschieht?

Letztlich geht es dabei um das Zusammenspiel von Software und bestimmten Nutzungsweisen; wir erleben ja, dass die Software-Architektur immer feinere Möglichkeiten zuläßt, bestimmte Informationen selektiv für bestimmte Teile des eigenen Netzwerks freizugeben (vgl. z.B. multiply). Ich kann im Moment nicht wirklich abschätzen, ob solche Mechanismen auch ausserhalb von geschlossenen Plattformen funktionieren, also potenziell internet-weit funktionieren können. Hat da jemand mehr Einblick?

JanSchmidt am 14.06.06 19:46 #
 

Ein kleiner Einwurf: Wie praktisch wäre das doch, wenn die Produkte einer Fernsehsendeanstalt, wie Du sie so charmant nennst, so googledurchsuchbar wären wie das Internet -- das sind sie aber weder für das Publikum noch für die Anstalt selbst. Herr Raab und andere greifen auf externe Dienstleister und Studis zurück, die Material beim Senden im Hinblick auf humoristische Verwendbarkeit sortieren und verschlagworten.

Auch Print-Zeitungen werden derzeit nur in den wenigsten Fällen rückwärts digitalisiert -- die Inhalte der letzten Jahrzehnten sind mit Glück in teuren propietären Datenbanken, die davor im analogen Loch. Da liegt schon ein gravierender, nicht bloß gradueller Unterschied.

Von der etwas sehr dramatischen Überschrift des erwähnten Artikels abgesehen: Warnungen und Hinweisen halte ich für angebracht, Panik dagegen nicht. Es ist schlicht nicht absehbar, ob irgendetwas jemand anderem in fünf oder zehn Jahren schaden könnte -- das wird wohl ein weiteres Risiko sein, mit dem sich die Menschheit einfach abfinden muss, wenn sie nicht auf die erheblichen Vorteile verzichten will.

Alexander am 14.06.06 20:44 #
 

Telepolis hatte vor kurzem einen interessanten Artikel zu diesem Thema.
Besonders vervorzuheben scheint mir dabei:

Erste empirische Untersuchungen deuten an, dass Privatsphäre und Datenschutz für viele Nutzerinnen und Nutzer gar nicht den Stellenwert haben, wie dies häufig in der öffentlichen Debatte unterstellt wird – viele Menschen wären bspw. bereit, ökonomische Vorteile gegen Privatsphäre einzutauschen

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22860/1.html

Susanne trifft in ihrem Block auch eine wichtige Unterscheidung:

Man muss heute viel klarer zwischen privaten (nicht öffentlichen, nicht veröffentlichen, nicht jederman zugänglichen) Daten und persönlichen (nämlich auf mich als Individuum bezogenen) Daten unterscheiden.

http://sushee.schreibsturm.org/article/1248/freiheit-von-information#comment

Ralph am 14.06.06 21:27 #
 

Den Aspekt, ass vielen Leuten ihre Privatsphäre gar nicht so wichtig sei, wie Allgemein angenommen (Als Hinweis darauf mag schon die Feststellung gelten, dass kaum jemand auf Anhieb sagen kann, was genau er unter seiner Privatsphäre versteht) finde ich sehr interessant, besonders wenn man ihn weiterdenkt.

Warum brauchen wir überhaupt Privatspähre ? Das scheint eine legitime Frage zu sein. Mir fällt beispielsweise kein Tier ein, dass merkliche Bemühungen zum Einhalten einer "Privatsphäre" unternehmen würde, sodass es auf mich befremdlich wirkt, wenn wir Ihnen Selbiges unterstellen. (z.B. wie bei den Elefanten aus dem Animationsilm "Die Madacasgarpinguine in vorweihnachtlicher Mission"). In Wirklichkeit scheint es Pinguinen nichts auszumachen, ihre Paarung mitten unter den Augen ihrer Kollegen der Kolonie zu vollziehen oder Hunde nicht zu stören, wenn Sie unter Herrchens Augen beim Gassi gehen, das tun, wofür man mit Ihnen rausgeht. Warum ?

[Sicher, der Vergleich hinkt, so haben Tiere keine Kreditkarten, mit deren Nummer man ihr Konto leerräumen könnte und können auch nicht bei Wikipedia nachschauen, was eigentlich der Bilirubiinwert ist, um die Bedeutung des chemischen Blutbilds einzuzschätzen, dass Ihnen zufällig in die Hände (Verzeihung: Pfoten) gekommen ist.]

Warum erachten wir also etwas als elementar wertvoll, dass scheinbar in vielen Punkten verzichtbar ist. Seltenheitswert ?

Meiner Meinung nach Nein. Anscheindend ist der Wunsch nach Privatsphäre sehr eng mit der Entwicklung höherer Intelligenz verknüpft, denn Adam verspürt zum ersten Mal Scham in dem Moment, als er von der verbotenen Frucht gegessen hatte und damit klug wurde. (Ich bezweifle allerdings, dass ein wirklich kluger Adam in Genesis 3,12 geantwortet hätte:

"Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen."
)

So heißt es bei Genesis 2,25 noch:

"Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander."
Aber nun, nach dem Fall des Menschen sieht die Situation anders aus (Gen 3,6-7):
"Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz."

Die Bibel (alle Zitate aus der Einheitsübersetzung) beschreibt diese Vorgänge, als ob es ganz selbstverständlich das Naheliegendste ist, dass wir den Wunsch nach Privatspähre entwickeln, sobald wir "klug" geworden sind. Ich kann mich dem nur anschließen.

Zumindest ab dem Moment, da die Intilligenz ausreicht, mein Gegenüber als Wesen mit dem Merkmal seiner Würde wahrzunehmen, werde ich den Verlust derselben bei mir oder beim Gegenüber registieren und im Allgemeinen negativ beurteilen. Nicht umsonst lautet der erste Grundgesetzartikel: "Die Würde des Menschen ist unantastbar, die zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

Fazit: Ich glaube nicht, dass den Leuten ihre Privatsphäre so unwichtig ist, was schon die rege Diskussion zu diesem Thema zeigt. Dass die Leute auf Anhieb nicht definieren können, was ihre Privatsphäre genau ist, werte ich nicht als Hinweis darauf, dass diese den Leuten nicht wichtig ist, sondern dass Sie sich - wie Würde auch - besser mit Intuition als mit Rationalität erfassen lässt.

Aus der Erkenntnis, dass die Intuition aber eben kein absolutes Wertemaß ist, leitet sich die praktische Erkenntnis ab, dass wir, wenn wir irgendwo im Internet öffentlich Gemachtes finden, von dem wir intuitiv oder rational finden, dass es die Privatsphäre (umd damit die Würde)von jemandem verletzt, das wir als Leser genug Pietät zeigen und das nicht (weiter-)lesen.

Denn letztlich bestimmen immernoch wir - und nicht die Autoren - was wir lesen und was nicht.

Matthias Zepper am 15.06.06 01:42 #
 

Matthias, interessanter Punkt! Deine bibelexegetische Herangehensweise teile ich zwar nicht, aber unabhängig davon kommt es natürlich nicht nur auf die "Produzenten" von persönlichen/privaten Informationen an, sondern auch darauf, ob und warum Internetnutzer/Rezipienten das überhaupt alles abrufen wollen - also geht es um uns.
Es gibt Personen, die wir - aus welchen Zusammenhängen auch immer - kennen und an deren Leben wir über das Internet teilhaben können: Mein Kollege führt ein Weblog, mein Freundeskreis ist im Chat oder über E-Mail erreichbar, und die entfernten Kontakte (und Geburtstagserinnnerungen) sind bei openBC.
Aber darüber hinaus - was reizt uns, in das Leben völlig Fremder einzutauchen? Können wir erkennen, ob das, was wir da sehen, freiwillig oder unfreiwillig veröffentlicht wurde? Berauben wir diese Personen ihrer Würde, wenn wir ihre uns Videos oder Webseiten anschauen, die ohne Kenntnis der potenziellen Öffentlichkeit erstellt wurden?
Gibt es Philosophen unter den Lesern vom E-Business-Blog, Martin? :)

JanSchmidt am 15.06.06 03:30 #
 

Jede Menge.

Wir nähern uns da einem entscheidenden Punkt: Es ist nicht die Information, die wichtig ist. Es ist die Weise, wie wir mit der Information umgehen. Ich führ's zu einer anderen Uhrzeit mal ausführlicher aus.

Martin Röll am 15.06.06 03:40 #
 

Man muss sich diesem Thema gar nicht bibelexegetisch näheren und ich möchte hier keinesfalls den Eindruck erwecken, dass ich versuchte mit der Bibel als hoher moralischer Instanz jegliche andere Ansicht zu erschlagen, was mir auch fern liegt, da ich als Student der Molekularn Biomedizin wirklich nicht an die Schöfpung im biblischen Sinne glaube.

Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass man auch als quasi-Atteist aus der Bibel eine Menge herausholen kann, denn als eines der ältesten Bücher mit zig Autoren, ist in Ihr auch die Lebenserfahrung all dieser Urheber und teils auch ihrer Übersetzer enthalten. Das Verbot zum Verzehr von nicht koscherem Fleisch, an das sich orthodoxe Juden bis heute halten, hat vermutlich ursprünglich den Grund gehabt, dass dieses leichter konservierbar war. In Zeiten ohne Kühlschrank und ohne Antibiotika eine sinnvolle Regelung, um enterale Infektionen zu vermeiden.

Dadurch, dass ich die Stellen aus der Genesis angeführt habe, möchte ich zeigen, dass sich schon die Menschen zu frühester Zeit Gedanken darüber gemacht haben, was Privatsphäre ist und woher das Verlangen danach kommt. Zu einer Zeit wohlgemerkt, (vielleicht vor 40000 Jahren) als die Menschen noch in kleinen Gruppen von maximal 30 Leuten umherzogen und die Lebensumstände fast mit denen vergleichbar waren, wie wir sie von Tierkolonien oder Rudeln her kennen. Daher finde ich es schon bemerkenswert, dass die Frage nach dem Ursprung von einem Privatsphärendenken den Autoren der Genesis (denen, die sie niederschrieben und denen, die sie mündlich weitergaben und verfeinerten) so wichtig erschien, um mit den elementarsten Fragen der menschlichen Existenz (Wer bin ich ? Wo komme ich her ?) in dieser Erzählung beantwortet zu werden.

Die Antwort der Bibel mag für heutige Verhätnisse zu oberflächlich, ja gradezu zu naiv erscheinen, aber allein, dass es Sie aus sehr alter Zeit gibt ist für mich sehr interessant. Es würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn Sprachforscher eines Tages herausfinden würden, dass der Wunsch nach Privatsphäre mit dem Aufkommen einer differenzierteren Sprache (und der Ausbildung eines "kollektiven Gedächtnisses") praktisch einherging.

Matthias Zepper am 15.06.06 10:59 #
 

Lieber Martin Röll,
jetzt muss ich doch mal.
1. Der Unterschied zwischen analogen und digitalen Daten ist ja hier nun schon zur Genüge diskutiert worden. Denn Unterschied zwischen "Papa guckt Pornos im Fernsehen" und "Papa guckt Pornos im Internet" nicht verstehen zu wollen, ist angestrent und polemisch. Zum Thema Durchsuchbarkeit, reproduzierbarkeit, Speicherbarkeit analog/digital ist ja schon einiges gesagt worden.
2. Die Mechanismen des Aufschaukelns sind ganz und gar nicht dieselben wie früher. Vor 15 Jahren wäre der Brite Amir nicht durchs "Broken Laptop Blog" in Neuseeland zur Witzfigur geworden.
3. Szenarien... In 15 Jahren liefern vergessene MySpace-Profile Fotos von heute 15-jährigen Jungs in Damenunterwäsche - tolle Munition, wenn man z.B. den dann 30-jährigen Juniorchef der Konkurrenzfirma mal so richtig blöd aussehen lassen will. Das ergoogelte Partyfoto vom kotzenden Konkurrenten plus die Einschätzung seiner Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit im Blog der Exfreundin - tolles Material, um sich in der letzten Bewerbungsrunde einen Vorteil zu verschaffen, indem man dem Personalchef ein paar Sachen zuspielt. Das hat mit Paranoia rein gar nichts zu tun. Das zu ignorieren aber mit Naivität.
4. "Allgemeines Angstverbreiten" - hüstel. Die SpOn-Berichterstattung zu diesem Themenkomples ist nun wahrhaftig vielfältig und oft ausgesprochen positiv (Qype, Mashups, etc.). Mal ein warnendes Wort zu schreiben, hat nun wirklich nichts mit Panikmache zu tun, sondern mit Information.
5. Vorgeblich über einen Text zu reden, dann aber wortreich vor allem die Überschrift zu kritisieren ist eine extrem verbreitete Unart, die einge gewisse Unkenntis der Arbeitsabläufe in Redaktionen spiegelt.
Schöne Grüße.

Christian Stöcker am 15.06.06 12:35 #
 

Willkommen, Herr Stöcker.

Wissen Sie: Ihre "Arbeitsabläufe in Redaktionen" sind mir ganz egal. Der Titel ist falsch, beleidigend und missweisend. Leben Sie damit, dass man Ihnen sowas um die Ohren haut.

Die Szenarien finde ich toll. Das Unternehmen stellt dann bestimmt den als Chef ein, der in anderer Leute Privatsachen rumschnüffeln geht und in Meetings fremder Leute Unterwäschefotos präsentiert.

(Beim analog/digital-Punkt habe ich verstanden, was Sie meinen. Merci.)

Martin Röll am 15.06.06 13:08 #
 
[...] Vor allem die Überschrift zu kritisieren ist eine extrem verbreitete Unart, die einge gewisse Unkenntis der Arbeitsabläufe in Redaktionen spiegelt.

Die Überschrift stammt also gar nicht von Ihnen ?

Wie hätten Sie diese denn diese besser formuliert ?

Ich kann mir übrigens schon denken, welchen Artikel Sie als nächstes schreiben werden...

"Gefährliche Spiegel-Redaktion: Die offiziellen Überschriftenerfinder kennt keine Gnade."

Callidae am 15.06.06 19:19 #
 

Ich glaube es geht weniger darum, welche Daten mit meinem Wissen im Internet stehen, sondern um die, von denen ich nichts weiß. Vor allem Fotos und Videos, die mich vielleicht in Situationen zeigen, in denen ich eben nicht gezeigt werden will. Es gibt eben ein Recht am eigenen Bild, und das wird oft genug mit Füßen getreten.

Dass die User damit leben glaube ich solange, bis einer betroffen ist.

@Martin Röll: Warum so draufhauen bei Herrn Stöcker?
@Matthias Zepper: Du bringst es wunderbar auf den Punkt

Thomas Wanhoff am 19.06.06 16:04 #
 

Hallo zusammen, ich denke ein konkretes Beispiel zu finden, das tatsächlich zeigt, dass es ein reales Bedrohungs/Schadensszenario gibt, welches man auf sich selbst beziehen könnte, würde dabei helfen, zu entscheiden, wie man selber mit persönlichen Daten umgeht.
Konkret: Dass sich Untwerwäschefotos für beide Stellen-Bewerber ungünstig auswirken, würde ich mir einen Kommentar zu der Situation: Einfluss von Unterwäsche Fotos in politischen Wahlen, oder besser für die Präsidentschaftswahlen unvorteilhafte Personen-Verbindungen in einem Online-Community-Networking Tool (wie OpenBC). Immer mit der Annahme, dass diese Daten bei einer Wahlkampagne vergessen wurden zu entfernen oder Unwissen über die Existenz der Daten vorherschend war.

Würde ein solches Beispiel nicht beweisen, dass es möglich ist einer Person durch solche Daten zu schaden und dass man sich nur noch überlegen muss "wie wahrscheinlich" es ist? Bsp. (Wichtigkeit des Images + Anz. ausgearteten Parties) * Zu erwartender Mehrwert durch neuen Job/Position

Danke für Kommentare.
(auch wenn dieser Beitrag vielleicht ironisch klingt, wegen den abstrahierungs-Versuchen ist er ernst gemeint)
René

René am 20.06.06 11:50 #
 

Ich habe gewisse Schwierigkeiten, Dich zu verstehen. Im zentralen zweiten Satz (den mit den Doppelpunkten) fehlt das Prädikat. Kannst Du das nochmal anders formulieren?

Martin Röll am 20.06.06 15:23 #
 

Tut mir leid, da habe ich wohl zu langsam getippt.
Meine Frage lautet: Falls durch Informationen im Internet festgestellt werden kann, dass ein Bewerber für ein, sagen wir mal, "politisches Amt" Beziehungen hat zu politischen Gegenspielern der Partei, dann wäre das ein konkretes Beispiel für einen realen Schadensfall durch veröffentlichte Information. Da er dann ein zweifelhaftes Image kriegt und die Stelle nicht erhalten wird.

Ein Gegenargument wäre, dass das Internet somit für demokratische Gerechtigkeit gesorgt hätte. Wobei dies auch ein Argument für Hexenjagden im Mitelalter wäre.

René am 29.06.06 14:54 #
 

Hier mein persönliches "Schadensszenario": Ich hatte vor einiger Zeit im Zuge einer Recherche einen E-Mail Austausch mit einem Blogger. Weil diesem mein Zeitungsartikel nicht gefiel, kritisierte er ihn in seinem Blog und untermalte seine Kritik mit Inhalten aus unserer - aus meiner Sicht vertraulichen - E-Mail Kommunikation.

Bei aller Begeisterung für Social Software halte ich es schon für relevant, dass ein kritisches Bewusstsein gegenüber den neuen Möglichkeiten aufgebaut wird. Den Wenigsten dürfte wirklich klar sein, dass jede E-Mail, jedes Handycam-Partyfoto im Ernstfall gegen sie verwendet werden kann. Meine eigene Erfahrung war harmlos, doch hat sie mir einen heilsamen Schock vermittelt.

Das Szenario von Christian Stöcker halte ichfür gar nicht so abwegig. Ein solcher Schnüffel-Check wird vielleicht nicht gerade zur Routine, aber es ist doch klar: Sobald Ihnen jemand die Karriere vermasseln oder Ihnen an den Karren fahren möchte, sind kompromittierende Fotos oder Filme ein gefundenes Fressen. Schon ein paar Blog-Kommentare mit peinlichen Tippfehlern oder rüpelhafter Sprache können im Ernstfall und je nach Kontext Schaden anrichten. Und: Diese elektronischen "Zeugnisse" sind wie Tattoos - man wird sie nicht mehr los.

Ralph Schneider am 27.07.06 14:27 #