13. Juni 2006

[ Europa , Kommunikation , Konferenzen , Sprache ]

Konferenzsprache: Pidgin

Die Microlearning-Konferenz, die ich letzte Woche besucht habe, war die erste Konferenz, bei der mich das Bad Simple English der Referenten richtig gestört hat. So sehr, dass es die Konferenz für mich richtig abgewertet hat.

Ich habe schon viele internationale Konferenzen mit Konferenzsprache englisch erlebt und ich weiß um den Wert der gemeinsamen Sprache. Sie dient dem gemeinsamen Verständnis. Eben deshalb entsetzt mich der Standard, auf dem hier zum Teil kommuniziert wurde.

Manche Redner waren auf dermaßem niedrigen sprachlichen Niveau, dass sogar für mich nicht nachvollziehbar war, was sie ausdrücken wollten. Gewiss: Die wesentlichen Hauptwörter ("Learning", "Content", "Microlearning", "Learner") waren zu verstehen und einigen beschriebenen Handlungen ("we did this and then we did this and then we did this") konnte ich folgen. Es gab Differenzierungen zwischen "good" und "bad". Gelegentlich waren Temporal- und Kausalkonstruktionen zu hören. Am Ende eines 30-minütigen Vortrags blieb das Wissen darüber, dass da etwas getan wurde ("we did ..."), dass es funktionierte ("it worked") und es für einen Erfolg gehalten wurde ("it was a success"). Und das war's. Wissenschaft 2006.

Auf Konferenzen hätten wir die Chance, uns komplex auszudrücken, um mit Worten, Sprache, Stimme, Rhetorik, Gestik, Präsentation und allem, was die menschliche Ausdrucksfähigkeit noch beinhaltet, die größten und schwierigsten Ideen in den Raum zu bringen und intersubjektiv zu machen.

Stattdessen werfen wir Schallwelle, deren Informationsgehalt nur unwesentlich über den von Grunzgeräuschen hinausgeht.

Um voneinander zu lernen müssen wir uns verstehen. Verständnis können wir auf verschiedenen Niveaus haben: Wir können zusammen grunzen und Bier trinken - das reicht, um sich so weit zu verstehen, "dass der andere ok ist" und wir keine Kriege gegeneinander führen. Wenn wir aber zusammen etwas Neues erfinden wollen und mit unseren Erfindungen, Entdeckungen und Erkenntnissen die Welt verbessern wollen, brauchen wir mehr.

Ich schreibe hier aus gutem Grund auf deutsch. Es ist meine Muttersprache. Ich kann mich in ihr am besten ausdrücken. Manche Dinge kann ich nur auf deutsch ausdrücken!

Wer eine Konferenz organisiert hat die Wahl: Er kann Englisch zur Konferenzsprache machen in der Annahme, dass sich dann alle verstehen. Das stimmt vielleicht: Man versteht sich. Aber um welchen Preis? Auf welchem Niveau?

Internationale Konferenzen sind wichtig, gerade für Europäer. Aber ich glaube, wir brauchen genau das mehr: Internationale Konferenzen. Nicht so viele Konferenzen mit internationalen Teilnehmern, die in Pidgin miteinander kommunizieren.

Wir sollten uns den Aufwand der Übersetzung häufiger machen. Es muss ja nicht immer die Simultanübersetzung sein: Warum nicht Sessions in Muttersprache, die danach auf Englisch, Deutsch oder einer anderen Sprache zusammengefasst werden? Ich vermute, dass man in gleicher Zeit zu besserem Ergebnis käme - für alle Beteiligten. Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Wie können wir uns besser verstehen, ohne hohes Niveau aufzugeben?

Ich stelle einen Link auf Diversity as engine for a European innovative culture - Reboot.

Tags: , europa, sprache, übersetzung,

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Martin Röll über die Konferenzsprache Pidgin und über die damit einhergehende Verarmung der Konferenzkultur. Ich habe dort auch kommentiert. [Das E-Business Weblog]

Der Schockwellenreiter: Bad Simple English (14.06.06 08:11)

Quelle: http://www.roell.net Ein Beitrag von M. Röll über das (englische) Sprachniveau auf wissenschaftlichen Konferenzen (”englisch for runnaways”) Was mir dazu einfällt ist: Ich teile diese Erfahrungen - Veranstaltungen be...

myblog - joachim haydecker: grunzen und Bier trinken (14.06.06 17:07)

Internationales Meeting in englischer Sprache und schon geht’s los: Wer übersetzt die Unterlagen? Und überhaupt: Wie bereite Ich mich vor? Kein einmaliges Phänomen, sondern offenbar weit verbreitete Unsicherheit. Wer nicht auf die gängigen Lehrb...

Strategiecoaching: Sprechen Sie Englisch? (23.06.06 17:33)

 

Ein guter Beitrag; ich habe es auch mehrfach erlebt, dass an sich gar nicht mal so schlechte Beiträge durch mangelhaftes Englisch abgewertet wurden. Problematisch für Konferenz-Organisatoren ist, dass sie in der Regel nicht im Vorneherein feststellen können, ob die Englisch-Kenntnisse ausreichend sind. Die General Online Research (GOR)-Konferenzen machen bspw. englischsprachige Folien zur Pflicht, stellen es aber den Vortragenden frei, ggfs. auch in Deutsch zu sprechen - was aber auch wieder zu Verwirrung führt.

Jan am 13.06.06 17:02 #
 

Komlexes Problem, Martin. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich eine bessere Lösung wäre, die Vortragenden in ihrer Muttersprachen vortragen zu lassen. Das mag die Intensität und den Verständnisgrad der Kommunikation für diejenigen verbessern, die dieser Sprache ebenfalls mächtig sind. Für den Rest wird's definitiv nicht besser ... Simultanübersetzung (gute) fällt für kleine Konferenzen aus Kostengründen aus und dein Vorschlag mit Break Out Sessions belastet den Kalendar einer solchen Veranstaltung schon etwas.

Ich mag pessimistisch klingen, aber ich bin mir nicht sicher, ob das alte Babel-Problem eine einfache Lösung hat, bevor die Welt nicht zu 100% amerikanisiert ist - oder automatic translation gut und preisgünstig genug geworden ist. Letzteres kann eigentlich nur noch 10 - 15 Jahre dauern. ;) (Ja, fortschreitendes Altern macht geduldig.)

Markus Breuer am 14.06.06 06:54 #
 

Das ist der Grund, warum ich nicht mehr auf Englisch vortrage (und publiziere). Ich hatte zum Beispiel auf der letzten BlogTalk das Gefühl, überhaupt nicht verstanden worden zu sein (was sicher nicht an dem Publikum, sondern an meinem eher schlichten/schlechten Englisch liegt).

Und der eigentlich gute Vortrag der Holländerin (ich habe leider ihren Namen vergessen), litt auch darunter, daß sie ständig Habermas'sche Begriffe falsch übersetzte und dadurch etwas sagte, was sie mit Sicherheit nicht sagen wollte. (Als ich sie nach ihrem Vortrag darauf ansprach, sagte sie, daß sie Habermas in einer niederländischen Übersetzung gelesen hatte und dies dann weider weiter ins Englische übersetzt hatte. Das konnte nur schiefgehen...)

Aber das gilt allgemein. Nicht muttersprachliche Redner sind auf Konferenzen immer benachteiligt, sobald mehr als Smalltalk gefordert ist (ich weiß -- anderes Beispiel -- bis heute noch nicht, wie man »kapitalistische Produktionsweise« und andere Marxsche Begriffe angemessen ins Englische übersetzt, von Hegel- oder Heiderggerschen Sprachmonstern will ich gar nicht erst reden. ;-)

Das Problem ist aber erst jung: Als ich noch studierte (aufpassen, Opa erzählt vom Krieg!) war es üblich, daß Konferenzen mehrsprachig abgehalten wurden, von einem Philosophen oder Historiker (aber auch von einem Mathematiker) erwartete man einfach, daß er hinreichend "Lese"-kenntnisse (die Reden lagen zum besseren Verständnis schriftlich vor) in den wichtigsten Sprachen seines Faches (in der Regel Englisch, Französisch und Italienisch, manchmal Spanisch und bei Kulturhistorikern auch noch Niederländisch und Schwedisch) mitbrachte. Erst mit der zunehmenden Amerikanisierung der Wissenschaft und deren Ignoranz gegenüber anderen Sprachen kam auf einmal die Pflicht auf, auf englisch zu "talken" und zu publizieren.

Außerdem bin ich der festen Überzeugung, daß Sprache das Denken verändert. Hegel oder Heidegger sind nicht zu übersetzen, die Schleiermach'sche Platon-Übersetzung hat im deutschsprachigen Raum eine ganz andere Platon-Rezeption ausgelöst als die eher nüchterne und im englischsprachigen Raum verbindliche Oxford-Übersetzung (man sollte wirklich einmal untersuchen, wieweit der "Deutsche Idealismus" und die britische "rationalistische" Philosphie hiervon beeinflußt wurden).

Lange Rede, kurzer Sinn: Spracheinheit verarmt das Denken, Sprachvielfalt fördert Kommunikation und Auseinandersetzung. Ich will daher wieder Konferenzen mit englischen, italienischen, französischen und deutschen Rednern (aber auch polnischen und russischen, als "Westler" habe ich da aber Defizite.)

Hoffentlich habe ich mich jetzt verständlich ausgedrückt. :-) (Denn so ein kleines Textfenster macht Argumentation ebenfalls schwierig, da man den gesamten Text nicht mehr überblicken kann. Das ist der Grund, warum ich meine Seiten nicht mehr mit einem Browser-basierten Tool erstelle (doch das ist eine ganz anderen Baustelle).)

Der Schockwellenreiter am 14.06.06 07:53 #
 

Hmmm, interesting thoughts here. And although my "'Lese'-kenntnisse" of German is fine I have to respond in English to express my thoughts.

Martin, I think you brought up a very interesting point here. In follow up on the diversity session, the language barriers we experience in Europe is defintely something to explore.

(And Jörg, it was me translating Habermas backwards and forwards in multiple languages.)

I'd first like to shift the perspective on this issue from the organisation to the individual presenting at those conferences. People should have some mechanisms in place to judge whether they can pull of a presentation in English. If not, than just don't torture yourself and don't do it OR come very well prepared. I praise Jörg's decision not to talk and write in English anymore. If your're not comfortable doing it, just don't.

However, I do think that enough people CAN express themselves accurately (good enough) in English for these type of conferences. Maybe not so in speaking, but definately in writing (because you can reflect more on your writing). To be able to invite the rest of the world to European conferences we can't do without using English.

You can take two perspectives on using English: 1)it is a language that finally allows us to build cross-national understanding, 2) using English as the common standard forces us to express ourselves in another language than our mothertongue, therefore we have difficulty expressing ourselves fluently. Both perspectives make sense. My take on this would be to make clearer decisions as an organisor or participant which perspective is more important in a specific context: the common understanding or self-expression.

So if you send in a proposal to an international conference you know that English is a prerequisite for your presentation.
If you're organising an international conference, in English, make sure that you pick those whose English is OK.

Should we invest into translations during international conferences or do it in multiple languages? I guess that would be too much overhead and confusing. Most of the non-English speaking participants can understand English perfectly well. It's only them speaking English which is a problem (look at my problems talking and writing in German).

What we COULD invest is run parallel local conferences in our home countries and let those participants who are comfortable enough in several languages translate through the Net between the outcomes and conclusions of those conferences. Wouldn't that be an interesting experiment?

P.S.: learning children as many european languages as possible would work as a long-term solution.

P.P.S.: I managed to write this longer comment in Notepad and then copying it to the comment box. It's good enough ;-).

Elmine Wijnia am 14.06.06 15:17 #
 

leider haben viele menschen heute nicht nur in fremdsprachen probleme sich verstaendlich auszudruecken.
aus einen vortrag sollte man sich gut vorbereiten und ein sinnvolles handout dabeihaben, da sieht man eigentlich schon beim drueberlesen, ob es einem gelungen ist, die zentrale information rueberzubringen...
ich werde nie vergessen, wie ich einmal die freude hatte in der arbeitsgruppe einer freundin die dokumentationsfetzen ihrer kollegen korrektur lesen zu duerfen, seitenweise halbsaetze, verbunden mit "und dann".

mutant am 14.06.06 17:53 #
 

@ Elmine Wijnia: what I would suggest is to

a) better prepare your documentation, ie. don't use third-hand translations but get in hold of its original source (if it was written in english) or a direct translation of it instead of doing pidgin english-translations by yourself.

I personally prefer books and zines in their original language. Eg. I havent bought a translation of the books written by Terry Pratchett since about end of 1999 (I've been hooked up with T.P. BEFORE the bloody hype started in the rest of europe) - in nearly all cases, english books do fill my shelves by now.

b) if your english is in such a desolate, bad ass state you have to rely on BSE - explanation found in the blog post above - you should try to improve it, eg. by attending adult evening classes (in German: VHS-Kurse!).

I'm used to writing (and speaking) in english, because I hang out a lot at international or bi-lingual message boards, eg. NAO. I think my english's gotten worse since I left school in 2002, but thanks to daily practising.

This goes thus far that I'm even writing most parts of my program comments and documentation in pure english, simply 'cause it's easier to stick with one language than to switch back and forth the whole time (remember: Whether its HTML or C++, the base language is english).

cu, w0lf.

fwolf am 17.06.06 04:16 #
 

Ich nehme das "you" mal an einen anonymen dritten und nicht an Elmine gerichtet.

Martin Röll am 17.06.06 19:54 #
 

Fabian, you seem to have a lot of confidence in your ability to write in English, unfortunately I don't share that opinion, at least not based on the comment you've written above.

Your comment is full of bad English, dodgy grammar and colloquialisms. That's certainly not English I would use in any serious discussion, let alone a conference. It might have a home on boards and other similar platforms, but shouldn't be used as a measure for the discussion we're having here.

I was actually struggling with your comment occasionally, trying to figure out what you were trying to say. While there are a few minor spelling mistakes in Elmine's comment I only had to slow down once to make sure I understood her.

I work in a multilangual environment with English as the corporate and main language and can relate to some of the problems mentioned here. I've worked with Russian colleagues who quickly discussed an issue in Russian among themselves and then had the one with the best English translate and discuss it with me. I've reverse translated English texts written by Germans into German to make sense of them. I've had misunderstandings with Americans as the way they express certain things is different than mine, let alone the way they spell (by the way, for me the domain of your linked website is misspelled ;-)). English is a complex language...

Now don't let that stop you using English, as you're right with one thing: You need to use it to improve it. I very much doubt though that evening classes can help anyone with a reasonable grasp of English much with that. They will be pretty much generic and might help with improving grammar and basic vocabulary, but not with the specific vocabulary helpful for the conferences and topics discussed above. Judging from your choice of words I have my doubts about message boards as well, you might learn colloquialisms, but using them well and at the right time is another matter. I think it's much more beneficial to read good blogs and similar publications in the field, preferably by native speakers. Then actively use it, ideally daily.

And finally: Don't forget your own language. I don't use my German much these days and I've noticed that I'm beginning to make mistakes and even forget the odd word. But that's a different topic.

Armin am 18.06.06 16:00 #