3. Juni 2006

[ Ethik , Internet ]

'Man muss sehr vorsichtig sein...'

In den Kommentaren auf den letzten Eintrag schreibt Jan Almer:

Man muss halt einfach sehr vorsichtig sein, was man sagt und tut, wenn alle zuhören und zuschauen.

Nein, muss man nicht. Man muss nur anständig sein.

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Der Terminus "anständig" ist in Bezug auf einen moralphilosophischen Kontext 100% korrekt. In Bezug auf den sozialgesellschaftlichen Kontext würde ich aber Jan zustimmen; nicht, weil alle Angst haben müssen, dass ihre Persönlichkeitsrechte unterlaufen oder persönliche Daten gegen sie verwendet werden können. Mein Argument ist das Cluetrain-Manifest (Clever, gell? ;-)): Wenn Märkte Gespräche sind, aber gleichzeitig dem Wettbewerb unterliegen, muß ich schon aufpassen, was ich zu wem sage. Beispiel openBC: "Jeder kennt jeden über sechs Ecken". Das impliziert natürlich, dass auch jegliche Art von Informationen jeden erreichen kann, was unter Umständen schädlich für ein Unternehmen, einen Staat, eine Zivilgesellschaft und Regime, Institutionen, Netzwerke sein kann. Stichwort Spionage. Auf der anderen Seite werden dadurch Ideen beschleunigt und erreichen in kürzerer Zeit mehr Menschen, was Martin zurecht als positiven Aspekt darstellt. Wir sollten uns über eines im Klaren sein: Es gibt immer ein Worst-Case-Szenario. Für eine konstruktive Diskussion, die nicht in Hysterie ausarten soll, empfiehlt sich eine Szenario-Analyse für Web 2.0. Dazu gehört allerdings auch, dass ich das Phänomen Web 2.0 klar definieren und abgenzen kann, damit ich möglichst präzise Szenarien entwickeln kann. Und genau in dieser Phase befinden wir uns gerade. Solange Web 2.0 noch ein Buzz-Word ist und keine Roadmap, ist natürlich für alle alles möglich, weil Web 2.0 alles sein kann.

Thilo Specht am 03.06.06 12:13 #
 

Mich beunruhigt schon die Behauptung "Mann muss"! Denn darum geht es. Sobald alle Informationen verfügbar sind - ob sie nun jemand interessiert oder nicht - führt es doch unweigerlich dazu, dass das Internet ein riesiges Panoptikum wird.

http://de.wikipedia.org/wiki/Panoptikum_(Philosophie)

Wer sich im Internet bewegt, weiß, dass er beobachtet werden kann, wohlgemerkt, kann. Schon das allein führt dazu, dass man sich regelkonform verhält, Selbstdisziplinierung findet statt.

Das Internet als Reinform der modernen Kontrollgesellschaft.

RJ am 03.06.06 14:24 #
 

@RJ: Das finde ich einen interessanten Punkt. Du gehst zwar etwas weit, denn ich bin dazu nicht wirklich gezwungen. Ich gebe mir einfach verschiedenste Pseudonyme und schon kann ich zumindest nicht mehr so direkt beobachtet werden, weil niemand weiß, wer ich bin.

Obwohl. Niemand ist in dem Zusammenhang ja nicht ganz richtig.

Nur wenn ich regelmäßig Cookies lösche, wenn sich meine IP-Adresse regelmäßig ändert und wenn ich mal davon ausgehe, dass mein Provider keine Daten über mich speichert oder noch schlimmer herausgibt.

Jan Almer am 03.06.06 14:34 #
 

@Jan Almer:

Klar, man hat diverse Möglichkeiten, sich auch einigermaßen anonym im Netz zu bewegen. Aber wenn jemand ein Foto von mir von der letzten Party ins Netz stellt, habe ich da nur einen sehr begrenzten Einfluss drauf.

Andererseits möchte ich die moderne Kontrollgesellschaft auch nicht von vornherein verteufeln. Sowas hat auch Vorteile und ist in gewisser Weise für das Funktionieren einer Gesellschaft auch nötig. Nur sollte man meines Erachtens darüber sprechen und sich die ganze Problematik bewusst machen.

Martin kann nicht einfach behaupten, dass die meisten Privacy-Ängste unbegründet sind, weil die Welt nicht so interessiert an uns ist, wie wir glauben. Das mag sein, ist aber nur die halbe Wahrheit.

So, jetzt ist Martin dran. ;-)

RJ am 03.06.06 14:46 #
 

Thilo: Ich glaube fast, dass eine genaue Abgrenzung des "Web 2.0"-Begriffes sogleich eine Beschränkung der Vielseitigkeit wäre, die in einer Network Society (nach Castells) gerade der Hauptmotor der Effektivität ist (ich sage bewusst nicht "Effizienz").
Das individuelle Verständnis jenes Begriffs ist momentan "fuzzy", also ungenau. Das widerum ist der Grund, warum verschiedenste Menschen Chancen und Möglichkeiten darin sehen. Die Diversität und Vielseitigkeit dieser Menschen macht aber eben Kontrolle gerade unmöglich! Wenn das heisst, dass die Regeln des Wettbewerbs sich beschränkend auf die eigene Ausdrucksfähigkeit auswirken - dann ist vielleicht mit den Wettbewerbsregeln etwas nicht so ganz in Ordnung.

RJ: Was das Panoptikum und den "Kontrollmechanismus Internet" angeht, so ist Kontrolle wegen der grossen Masse des Kollektiven eben gerade das falsche Wort. Dass sich niemand, der Dreck am Stecken hat, mehr verstecken kann ist zu begrüssen. Diejenigen, die sich fürchten, ihre Fehltritte werden jetzt publik gemacht haben vergessen, dass jeder Fehltritte macht.

Ich würde mal gerne wissen, ob's tatsächlich gut ist, dass uns noch kein Medium bestätigt hat, dass sich auch mal die Kanzlerin die Kante gibt - oder dass die britische Königing auch mal einen fahrenlässt! Das tut sie nämlich ganz sicher. Das tut jeder.
Sowas gehört nicht in die Welt posaunt? Doch - sehr wohl! Bis auch der letzte versteht, dass Regeln auch nur von Menschen gemacht worden sind (die wahrscheinlich auch öfters mal pupsen!)

Diese Paranoia vor'm Regelverstoß verstehe ich immer weniger. Zumal die Regeln uns momentan tatsächlich davon abhalten uns selber weiterzuentwickeln - zu besseren, anständigeren Menschen zu werden.

Michael P. Tomaszewski am 03.06.06 14:51 #
 

Diese Regeln halten uns davon ab, Steinzeitmenschen zu werden.

Ich will mir keine Welt vorstellen, in der alle ständig rumpupsen und rülpsen. Und eigentlich will ich -- zumindest im nüchternen Zustand -- auch keine besoffenen Menschen sehen.

Jan Almer am 03.06.06 15:07 #
 

@ Michael P. Tomaszewski:

(Wenn Du von anderen als deinen Beispielregeln sprichst, würde ich Dir sogar zustimmen. Aber warum es mich daran hindert, ein besserer Mensch zu werden, wenn ich nicht in der Öffentlichkeit pupse, rülpse und mich willenlos betrinke, ist mir nicht klar.)

Jan Almer am 03.06.06 15:09 #
 

Jan: guter Punkt, aber aus meiner Sicht etwas zu schwarz-weiss gesehen.

Also, ich furze gerne mal. Zwar nicht sozial und um etwas zu beweisen, sondern normalerweise schon so, dass ich nicht allzuviele Menschenkinder damit belästige. Anstand habe ich ja. Dass ich mir meiner eingenen Stärken und Schwächen bewusst bin und zu ihnen stehe, heisst ja nicht, dass ich von nun an nur noch hinten und vorne gasend durch die Weltgeschichte laufe! Ich "pupse, rülpse und betrinke" mich eben nicht "willenlos in der Öffentlichkeit".
Ich mache es aber von Zeit zu Zeit ausserhalb der Öffentlichkeit. In einem anderen Kontext - wenn es denn möglich ist. =)

Es gehört zu meinen natuerlichen Schwächen. Zu dementieren, dass ich diese Schwächen habe, macht gar keinen Sinn.

Gegen Regeln des Anstands ist also nichts einzuwenden. Wohl aber gegen Regeln, die gängeln und einengen - die einem Menschen versuchen zu verbieten, was ihn menschlich macht. Du sprachst vom Vorstellungsgespräch. Wenn ein Arbeitgeber dir Fotos vorhält in denen du besoffen unter dem Tisch liegst bei ner Party, dann ist das unfair.

Dann hat das nichts mehr mit einer Feststellung deiner Eignung für einen bestimmten Job zu tun, sondern zeugt vom mangelnden Anstand deines Interviewers, Arbeit und Privatleben zu trennen. Dass er an diese Informationen herankommen KANN, heisst noch lange nicht, dass er das auch muss. Ganz im Gegenteil. Ein anständiger Arbeitgeber kuckt sich das an, denkt sich seinen Teil und überprüft dich dann auf deine Eignung bezüglich des Jobs, auf den du dich beworben hast.

Ich kann nur für mich sprechen, aber ist das nicht der Fall, verabschiede ich mich höflich und schaue mich woanders um. Zugegeben, mein Werdegang ist über die letzten Jahre nicht immer einfach gewesen, aber wenigstens interessant.

Dass man übrigens beim Vorstellungsgespräch freundlich, antwortbereit und gasfrei sein sollte ist eine Regel der Anstandes.
Dass man beim Vorstellungsgespräch vorgeben muss jemand zu sein, der man nicht ist, ist keine Regel des Anstandes, sondern eine Regel der Gängelung - die sich mittlerweile so in die Köpfe eingebrannt hat, dass viele nur noch Rollen spielen. Der Vorgesetzte, wie der Untergebene. Der Pfarrer, wie der Laie. Der Akademiker, wie der Tschumpel. Statisten im eigenen Leben, regelkonform und unemanzipiert.

Wird so nicht weitergehen. Kann so nicht weitergehen. Soll so nicht weitergehen.

Aber Scherz beiseite: Ich sehe viele Menschen, die etwas beitragen wollen und keine Möglichkeit dazu haben; die tatsächlich Ängste ausstehen, sie würden vom Kuchen nichts mehr abbekommen, weil sie nicht sehen, dass man ihn auch selber backen kann; die Angst um Ihre Privatsphäre haben, ohne sich darüber klarzuwerden, wer sie wirklich PRIVAT sind, was sie ausmacht und dass das an sich auch ganz okay so ist.

Da wird Selbstsicherheit mit Regelkonformität ersetzt - und das ist schlecht. Zumal die Regeln einfach überspitzt sind. Ich habe die Körperfunktionen deswegen angesprochen, weil viele heute sofort "WIE INFAM!" schreien, wenn jemand anderes einen fahrenlässt - anstatt sich zu sagen: "Hmmm... Tja. War net schön, mach ich aber auch manchmal. Passiert schonmal. Jetzt weiter im Programm."

Ich hoffe das meine Parabel jetzt doch etwas klarer geworden ist...

Michael P. Tomaszewski am 03.06.06 15:50 #
 

Michael, Du schreibst: "Wenn das heisst, dass die Regeln des Wettbewerbs sich beschränkend auf die eigene Ausdrucksfähigkeit auswirken - dann ist vielleicht mit den Wettbewerbsregeln etwas nicht so ganz in Ordnung."
Das habe ich nicht gemeint. Die Wettbewerbsregeln sind Institutionen, die einen Wettbewerb nach demokratischen bzw. marktwirtschaftlichen Maßstäben überhaupt erst ermöglichen (sollen). Das ist die eine Ebene. Die andere ist die Kommunikation, also auch die Ausdrucks-Fähigkeit. Eine Fähigkeit ist aber zutiefst persönlicher Entwicklung geschuldet und wird nicht qua Norm verliehen oder festgesetzt. Wenn die Wettbewerbsregeln also die Sphäre der Kommunikation berühren, dann nur in dem Maße, wie Kommunikation als Instrument von den Wettbewerbern eingesetzt wird, um Erträge einzufahren und Kapital zu generieren.

Gegenstand meiner Ausführung war aber eher die Gefahr, dass bei einem sehr hohen Grad an Vernetzung die Geheimhaltung von Informationen kaum mehr möglich ist. Deshalb empfiehlt sich die SELBSTbeschränkung (unabhängig von der Fähigkeit zur Kommunikation) in Bezug auf Geheimnisträger - institutionelle Wettbewerbsregeln haben damit nichts zu tun, bzw. nur indirekt, als dass sie z.B. Spionage und Ideenklau als unzulässig deklarieren und der Strafverfolgung übergeben.

Thilo Specht am 03.06.06 16:52 #