3. Juni 2006

[ Datenschutz ]

Die meisten Privacy-Ängste sind unbegründet

Während derzeit mit der Verbreitung von Personal Publishing und Social Software viele Leute immer mehr Informationen über sich öffentlich preisgeben, fürchten sich andere eher davor. Sie fürchten einen Verlust der Privatsphäre. "Jan Almer" hat hier drüben (unter Pseudonym) beschrieben, was er von sich nicht im Internet haben will:

Und jetzt denkt mal an die nächste Stufe: Bilder von irgendwelchen Partys, wo ihr besoffen in der Ecke liegt.

Ich will überhaupt nicht, dass alle Welt weiß, dass ich gerade in Italien bin und bei mir zu Hause niemand da ist.

Ich will überhaupt nicht, dass irgendjemand weiß, dass ich gerade im Park in Hamburg sitze, denn eigentlich sollte ich arbeiten.

Ich will überhaupt nicht, dass irgendjemand, den ich nicht kenne, Fotos von meinen Kinder sieht.

Die meisten Ängste, die in solchen Aussagen ausgedrückt werden, halte ich für unbegründet. Aus einem einfachen Grund: Die Welt ist nicht so interessiert an uns, wie wir glauben.

Glaubst Du wirklich, dass sich die Welt so für Dich interessiert?

Kein Mensch interessiert sich für Deine Partyfotos. Das heißt, doch: Leute die einen kennen, vielleicht durchaus. Die suchen sie, finden sie und: nichts passiert. Wer einen kennt, den verstören solche Fotos nicht. Für andere Leute sind die Bilder bedeutungslos: Sie finden sie gar nicht. Und wenn doch auf sie stoßen, sind sie bedeutungslos: Ich weiß, wie betrunkene Menschen aussehen und dass es Fotos von ihnen gibt.

Das Arbeitgeber-Szenario - "Was ist, wenn ich einen Job nicht kriege, weil die mich googeln und ein Foto finden, wo ich so besoffen bin" - lasse ich nicht gelten: Schön blöder Arbeitgeber, der auf Basis des Auffindens eines Fotos, auf dem ein Bewerber trunken ist, ihn als Mitarbeiter ablehnt.

Auch für den Italien-Urlaub interessiert sich kein Mensch. Und wenn doch: so what? Lieschen Müller war in Italien. Aha.

Du sitzt im Park und solltest eigentlich arbeiten? Tja. Wie schlimm ist das? Brichst Du dadurch gerade eine Zusage oder lügst jemanden an?

Ich fordere nicht, dass wir nun alle alle unsere Daten von uns preisgeben. Jeder so viel, wie er mag. (Wir sollten auch weiter miese Fotos von uns auf Flickr bekämpfen. ;-)) Ich meine nur: Darin, das zu tun, liegt weniger Gefahr, als manche glauben.

Aus dem Archiv: Das E-Business Weblog, 8. Februar 2006: Warum ich meine Reisepläne veröffentliche

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Zwischenzeit: Privatsphäre im Internet (11.07.06 23:31)

 

Das sehe ich auch so!
Bin seit '96 im Netz unterwegs - da wird sich auch bestimmt "Mist" von mir finden lassen. Und? Man entwickelt sich weiter und ein persönliches Gespräch ist sicherlich besser als Google & Co.

Klaus Hintze am 03.06.06 14:03 #
 

Keine Frage.

Aber wenn der erste Eindruck (und der ist heute meist Google) schon mies ist, dann ist es halt immer schwer.

Jan Almer am 03.06.06 14:26 #
 

Jan,

sorry, aber du schneidest dir ins eigene Fleisch.

Wenn dein Arbeitgeber dich nach dem ersten Eindruck bewertet - und diesen ausschliesslich aus einem Googlesearch gewinnt - dann würde ich mir tatsächlich überlegen, ob du für einen solchen Vollidioten arbeiten willst.

Michael P. Tomaszewski am 03.06.06 15:00 #
 

Wenn sich angeblich niemand für deine Fotos von Partys interessiert, bleibt doch die Frage warum du sie dann überhaupt online stellst. Ich will keinen Teufel an die Wand malen, aber grade die Sache mit dem Italienurlaub könnte unter Umständen in den nächsten Jahren zu Problemen kommen. Irgendwann könnten sich professionelle Diebe auf das Ausräumen von Häusern, in denen verreist gemeldete Blogger leben. Das klingt abenteuerlich, aber ganz aus der Luft gegriffen ist es nicht.
Ich möchte übrigens nicht, dass mein Arbeitgeber bestimmte Dinge erfährt. was aber nicht heisst, dass ich etwas zu verbergen hätte....

Felix am 03.06.06 15:26 #
 

Michael,

sorry, aber Du bist ein Idealist.

Der erste Eindruck zählt.

Und wenn Du Dich irgendwo bewirbst, kannst Du ja schon froh sein, wenn Deine Bewerbungsmappe überhaupt durchgeblättert wird.

Bei manchen Jobs kommen hundert Mappen.

Und dann kommst Du in die engere Auswahl. Wenn ich Chef wäre und ich würde einen Bewerber googlen und alles was ich fände, wären Saufbilder, würde ich mich fragen, ob da nicht jemand ein Alkoholproblem hat.

Und wenn's mich selber nicht interessiert, frage ich mich, was meine Kunden denken, wenn sie meinen Consultant im Internet nur besoffen finden würden.

Also lade ich ihn erst gar nicht ein.

Ohnehin würde ich mich fragen, ob der Kerl noch alle Tassen im Schrank hat, lauter private Partybilder ins Netz zu stellen. Null Medienkompetenz. Null Professionalität.

Mann, Michael, es wurden Leute schon wegen ganz anderer Sachen nicht eingestellt.

Jan Almer am 03.06.06 15:27 #
 

@Felix: Was Du da ansprichst, ist etwas, was man nicht unterschätzen sollte.

In vielen ländlichen Gegegenden passen mittlerweile Nachbarn auf's Haus auf, wenn in einer Familie alle zu einer Beerdigung gehen. Weil Einbrecher die Todesanzeigen durchforsten und in der Zeit das Haus leerräumen. Das ist etwas, das passiert und kein Worst-Case-Szenario.

Jetzt werden natürlich wieder manche sagen: "Nur weil ich in meinem Blog schreibe, dass ich verreise, weiß noch niemand, dass meine Wohnung leersteht." Wissen nicht, aber vermuten. Und Einbrecher brechen lieber da ein, wo vermutlich niemand da ist, als da wo sie's überhaupt nicht wissen.

Jan Almer am 03.06.06 15:31 #
 

Jan:

Jo. Ich wurde auch schonmal, wegen solcher Sachen nicht eingestellt. Na und? Der Mann war ein Idiot. Die Firma ist scheisse. Es tut mir keineswegs leid. Ich habe hier momentan soviel dazugelernt, wie es bei jener Firma nie möglich gewesen wäre. Andere Holdings haben eben auch schöne Konzerntöchter.

Ich frage mich immer, ob es nicht viel größere Kosten verursacht, wenn der Chef dann einen einstellt, der sich gut verstellen kann und regelkonform ist, als wenn der Anwärter früh genug seinen Mut zusammen nimmt und dem Interviewer ins Gesicht sagt, dass er hier nicht arbeiten will. Was das letztere wohl an Ineffizienzen produziert...?

Zum Thema Medienkompetenz. Ja, es ist wahr, dass mit der Veröffentlichungsgesellschaft auch die Medienkompetenz einhergehen muss. Du kannst nicht ins Netz stellen, was wirklich gegen den Anstand verstoesst. Aber Medienkompetenz muss zweischneidig sein: die Regeln des Zusammenlebens in der VÖ-Gesellschaft (ich nenn' das jetzt mal einfach so) müssen selbige Medienkompetenz auch von deinem Gegenüber verlangen.

Um dein Beispiel aus dem anderen Thread aufzugreifen: beim Bewerbungsgespräch hat der Interviewer einer professionellen Firma auch medienkompetent zu sein - und somit zu verstehen, dass du dich halt in Italien mit der geilen Blonden gut amüsiert hast, aber dass das garnicht heisst, dass du sofort verdächtigt wirst, wenn irgendwo jemand belästigt wird. Das ist auch Medienkompetenz. Wir nannten Medienkompetenz zu Grossvaters Zeiten übrigens "Vorausschau" und "Verantwortung", "Verhältnismässigkeit", "Mässigung", "Bescheidenheit". Das gilt's sowohl beim Bewerber, als auch beim Arbeitgeber zu suchen.

Zu meinem Idealismus wäre noch zu sagen, dass ich das bis jetzt immer als meine Stärke angesehen habe anstatt als etwas, wofür ich mich schämen müsste! Idealist ist bei mir beileibe kein Schimpfwort. Angeblich, so heisst es zumindest, braucht dieses Land ja Ideen - so falsch kann ich hier also nicht liegen.

Zum Thema Anstand vs. Privacy viel mir noch folgendes ein: es geht hier doch auch um die Möglichkeit endlich mal denjenigen Individuen und Firmen auf Augenhöhe zu begegnen, die sich bis jetzt den Regeln der Anstands entzogen haben. Darin liegt die wahre Bedeutung der momentanen Entwicklung. Dagegen verblassen deine Italienfotos in Punkto Bedeutung. Dann interessiert sich dafür wirklich kein Schwein mehr.

Michael P. Tomaszewski am 03.06.06 16:21 #
 

Martin, ich halte deine Argumentation für sehr naiv. Die Schwierigkeit bei syndizierten Meinungsbildern ist nämlich, dass sie selten ein wirkliches Bild abbilden, sondern maximal ein Analyseansatz. Und weil dies allen bekannt ist, die solche hanebüchenden Analysen machen, lassen sie sich selten in die Karten schauen, fragen mich vermutlich auch gar nicht, ob ich zu dem so gefummelten Meinungsbild von mir eine Stellungnahme abgeben möchte und bin draussen.

Noch viel bedenklicher ist dieser Ansatz auf nationaler Sicht. Wo Daten gesammelt werden, gibt es Leute, die sich dafür interessieren. Und Daten werden ganz massiv gesammelt. Bei eBay Profile über Käufe, Verkäufe und Suchen, bei Google die Suchen, bei Amazon.de gekaufte und recherchierte Bücher, bei Flickr recherchierte Fotothemen etc.

Ein Blick in die USA lässt einen grossen Einblick, wie das bereits heute schon läuft: Millionenfach gesammelte Daten über Telefonverbindungen, starke Versuche von Behörden, auf die gesammelten Suchprofile bei Google zuzugreifen, Äusserungen von eBay-Oberen, dass alle jemals getanen Transaktionen gespeichert sind und Behörden im Ernstfall zur Verfügung gestellt werden können, angebliche Hinweise, dass transatlantische Verbindungen an den Core-Switches gespiegelt werden. Ich bin kein Verschwörungsfan, da allerdings diese Zugriffe technisch verhältnismässig einfach sind, muss der technisch versierte und gesunde Menschenverstand davon ausgehen, dass es solche Abfragen gibt, zumindest Bestrebungen dahingehend.

Interessant ist hierbei, dass Firmenkäufe das Problem verschärfen. eBay und Yahoo gehen zusammen, Yahoo besitzt bereits Flickr und Overture etc.

Ich sage nicht, dass jeder nun das telekommunizieren einstellen soll. Ich bin aber jemand, der sagt, dass kein Weg daran vorbeiführt, dass bereits heute der Gläserne Mensch Realität ist.

Besim Karadeniz am 03.06.06 16:26 #
 

"Die meisten Ängste, die in solchen Aussagen ausgedrückt werden, halte ich für unbegründet. Aus einem einfachen Grund: Die Welt ist nicht so interessiert an uns, wie wir glauben."

Nein, _die_ Welt ist nicht so an uns interessiert, aber einige wenige schon, die z.B. kriminell sind, uns Böses wollen, Stalker sind, oder....

Ich habe leider schon Erfahrungen diesbezüglich gesammelt und wurde von einem Psycho bedroht. Gut, das kann dir offline auch passieren. Aber das Gefühl, dass er jeden deiner Schritte beobachtet, ist online viel stärker.

Reni am 03.06.06 17:28 #
 

Lieber Martin, Deine Betrachtungsweise schulde ich mal Deinem jugendlichen Alter.

Aber je öfter ich mir Deine Worte durchlese, desto häufiger geht mir ein Wort durch den Kopf: naiv, naiv, naiv.

Otto Emm am 03.06.06 17:43 #
 
Die meisten Ängste, die in solchen Aussagen ausgedrückt werden, halte ich für unbegründet. Aus einem einfachen Grund: Die Welt ist nicht so interessiert an uns, wie wir glauben.


Das ist in meinen Augen eine arg naive Sichtweise. Privatheit bedeutet, dass ich nicht nur kontrollier den Zugriff auf meine Daten und mein Zuhause kontrolliere, sondern auch den »Zugang zu meinen Handlungsweisen und Entscheidungen. Und da sehe ich das viel größere Gefahrenpotenzial. Beispiele:

  • Der Fall der deutschen Ehefrau eines Amerikaners, die auf Grund ihrer Amazon-Wunschliste nach dem Rückflug in die U.S.A 24 Stunden festgehalten und dann zurück nach Deutschland geschickt wurde.
  • Die c't deckte die illegale Weitergabe von Kundendaten deutscher Webshopbetreiber auf, die es Nutzern mit bestimmten Merkmalen unmöglich macht etwas zu bestellen, z.B. durch vorgetäuschte Server-Fehler (was nach deutschem Recht natürlich illegal ist).
  • Shopping-Kanäle pflegen ebenfalls ihre schwarzen Listen, z.B. von so genannten »Hochretournierern«, die telefonisch nicht mehr durchkommen (ständig besetzt).


Für Amazon, Yahoo, Google   Co. sind die täglich gesammelten Daten sehr wertvoll. Nicht für die Statistik; detaillierte Datenanalysen werden ganz individuelle Angebote nach sich ziehen. Das Scoreing der Schufa macht das Problem vielleicht etwas verständlicher: Niemand weiß, wie der Scoreing-Wert ermittelt wird. Niemand weiß genau, welche Handlungsweisen welchen Einfluss auf den Wert haben, dennoch hat der Schufa-Eintrag einen sehr großen Einfluss auf unser Leben. Ein schlechter Scoreing-Wert verwehrt einem im günstigsten Fall nur einen Handy-Vertrag. Das Problem: Da niemand weiß, wie der Scoreing-Wert zustande gekommen ist, es kann auch niemand sagen, ob die Daten dazu korrekt sind. Und von merkwürdigen Schufa-Fällen sind die Newsgroups und Webforen ja nicht gerade arm.


Resümee: Mit der zunehmenden Offenlegung persönlicher Handlungen und Einstellungen machen wir uns und unsere Handlungweisen in einem hohen Grad manipulierbar. Wir wissen nicht mehr, wer welche Daten über uns sammelt und zu welchen Schlüssen diese Datensammlung dann führt. Wir können nicht mehr sicher sein, ob die gerade angezeigte Top-News bei Yahoo allen derzeitigen Besuchern angezeigt wird oder doch nur mir, weil Yahoos Profilanalyse das so für richtig gehalten hat.


Tim Schlotfeldt am 03.06.06 18:14 #
 

>
Arbeitgeber informieren sich längst nicht mehr nur über Bewerbungsunteralgen, sondern recherchieren auch im Netz bei entsprechenden Jobs. Da Etikette nicht ganz unbedeutend ist, beeinflussen solche Bilder - zumindest unterschwellig - Entscheidungen

>
Daraus wird ein interessanter neuer Service für die Branche der professionellen Aneigner fremder materieller Güter (Einbrecher). In Verbindung mit google earth wird nur noch ein Zeitraum, eine Strasse, Urlaub in die Suche eingegeben und ich erhalte eine Liste der bevorzugten Einbruchsobjekte. Dies kann nun als professioneller Service angeboten werden. 10% Erfolgsbeteiligung oder im Abo für eine bestimmte Region.

Ausserdem ergeben sich dadurch interessante Optionen fürs Spamming. Bedarfsgerechte Werbenachrichten: Martin Roell macht einen Kurztripp nach Florenz: Restaurants bieten per Spam die Platzreservierung an, ...

Na klar ist das eine spinnerte Idee aber wir solten doch noch einmal intensiver Nachdenken über Privatheit und Öffentlichkeit. Ich erinnere mich noch an Zeiten als wir uns gegen eine Volkszählung gewährt haben. Es gibt eine Menge Gründe kritisch mit den eigenen Informationen umzugehen.

Klaus Hintze schrieb schon sinngemäß: das Netz vergisst nichts so schnell. Auch das ist ein wichtiger Faktor.

Ralf Hilgenstock am 04.06.06 11:44 #
 

@Ralf Hilgenstock: Stimmt, Etikette ist ein wichtiger Punkt. Das ist richtig. Das war der Punkt, auf den ich nicht kam. Private Party- und Urlaubsbilder öffentlich im Netz ist einfach keine gute Idee. Aus vielen Gründen. Und sie bei Flickr hochzuladen, ist auch nicht viel besser. Dann lieber auf dem eigenen Webserver.

Das mit dem Einbrecherservice kam mir auch schon öfter in den Sinn. Solange nur Martin und Andreas Weigend ihre Reisepläne im Netz veröffentlichen, kommt der gemeine Einbrecher allerdings nicht drauf. Nur falls sich massenhaft Leute dazu entschließen sollten, aller Welt mitzuteilen, wo sie gerade sind, werden die ersten darauf kommen.

Das mit der persönlich zugeschnittenen Werbung sehe ich allerdings gar nicht so dramatisch -- wenn man mal davon absieht, dass ich nicht will, dass Google, Amazon und ebay alles über mich wissen -- aber ich finde es besser, ich bekomme vor meinem Italienurlaub Reiseangebote für Mailand als für Stockholm.

Und dass das Netz nichts vergisst ist das größte Problem daran.

Ich kann mich im privaten Kreis noch so sehr blamieren -- nach vier Wochen kräht kein Hahn mehr danach. Doch im Internet google ich das noch nach Jahren. Ich kann in noch so große Scheiße geraten, zur Not ziehe ich nach Berlin und fange von vorne an. Im Internet sind alle Informationen weltweit verfügbar.

Nicht umsonst liegt der Umgang mit personenbezogenen Daten (zumindest in der Theorie) komplett in der Hand des Einzelnen. Ich habe das Recht, jederzeit darüber zu entscheiden, welche Daten von mir erfasst und verarbeitet werden dürfen.

Ich will das Internet ja auch gar nicht schlecht reden. Man sollte aber auch die negative Seiten beleuchten. Kritische Reflexion ist das Zauberwort.

All das Jubelgeschrei über Web 2.0 hilft uns nicht weiter. Es ist nicht alles toll. Es ist nie und nirgendwo *alles* toll. Alles hat zwei Seiten.

(Nur am Rande: Ich nutze das Internet seit mehr als zehn Jahren, ich freue mich über viele, viele neue Möglichkeiten, ich bin auch bei openBC angemeldet, aber ich stelle keine Partyfotos und keine Fotos von meinen Kindern online, ich schreibe nicht aller Welt, was ich wann mache und auch sonst bin ich im Umgang mit privaten Daten wesentlich vorsichtiger als früher. Und bevor Martin jetzt wieder mit Angst und Unsicherheit kommt: all diese Dinge habe ich früher anders gesehen, nämlich so wie Du, aber nachdem ich einige Male ziemliche Scheiße deswegen erlebt habe, verhalte ich mich heute anders.)

Jan Almer am 04.06.06 18:02 #
 

Martin, ich empfehle Dir die Lektüre von George Orwell, 1984.

Otto Emm am 04.06.06 19:15 #
 

Otto: Anstatt "naiv" zu schreiben, könntest Du mal beginnen, zu argumentieren.

Zur Scoring-Argumentation (Tim): Das ist kein Argument gegen ein Publizieren von Daten. Das Scoring kann genausogut negativ ausfallen, weil eben entscheidende Daten über Dich fehlen.

Ad "Kriminelle rauben Dein Haus aus": Es gibt viel sicherere Wege, ein leerstehendes Haus zu finden, als per Internet nach Urlaubsplänen zu suchen.

Und ad Stalker: Wer Dir wirklich schaden will, findet einen Weg, egal was Du publizierst und was nicht.

(Pardon für die Kürze. Ich bin noch unterwegs und komme nicht für längere Zeit ans Netz.)

Martin Röll am 04.06.06 22:06 #
 

Interessante Diskussion. Die mich zur Frage bringt: Gibt es sowas wie Datenexhibitionismus (und das Gegenstück, den Datenvoyeurismus)?

Alexander am 04.06.06 22:55 #
 

Felix:

Wenn sich angeblich niemand für deine Fotos von Partys interessiert, bleibt doch die Frage warum du sie dann überhaupt online stellst.

Ich dachte da eher an die Bilder, die _andere_ von einem ins Netz stellen. Wenn man selber Angst davor hat, dass jemand Bilder von einem findet, wird man sie selber wohl nicht publizieren. Was ich sagen wollte: Für diese Bilder, die Dich zeigen - im Prinzip eigentlich egal, wer sie aufgenommen hat - interessiert sich eigentlich niemand.

(Wenn ich sie selbst ins Netz stelle, dann wahrscheinlich, weil sich _doch_ jemand dafür interessiert: Die Leute, die mit mir auf der Party waren zum Beispiel.)

Jan:

Ich kann mich im privaten Kreis noch so sehr blamieren -- nach vier Wochen kräht kein Hahn mehr danach. Doch im Internet google ich das noch nach Jahren.

... und warum sollte sich _da_ jemand dafür interessieren? Und warum interessiert sich "Im privaten Kreis" nach vier Wochen niemand mehr - obwohl es Fotos davon gibt und die Bilder in Google stehen? Komisch, nicht?

Martin Röll am 06.06.06 14:28 #
 
Ich dachte da eher an die Bilder, die _andere_ von einem ins Netz stellen. Wenn man selber Angst davor hat, dass jemand Bilder von einem findet, wird man sie selber wohl nicht publizieren.

Wenn andere ungefragt Bilder von Leuten ins Netz stellen, die das vielleicht nicht möchten, dann sollten sie damit sehr vorsichtig sein. Das betrifft auch zum Beispiel Partybilder, wenn das nicht gerade eine öffentliche Veranstaltung war.

Nicht dass ich deswegen gleich zum Rechtsanwalt laufen würde, aber ich würde schon freundlich aber bestimmt darum bitten, dass diese Fotos von mir entfernt werden.

Und warum interessiert sich "Im privaten Kreis" nach vier Wochen niemand mehr - obwohl es Fotos davon gibt und die Bilder in Google stehen? Komisch, nicht?
Ich redete nicht von Dingen, die im Internet stehen, sondern von Dingen, die im privaten Kreis passieren. Das ist ja wohl etwas anderes. Und was im privaten Kreis geschieht, ist nur für eine begrenzte Personenzahl und nur für einen begrenzten Zeitraum relevant. Im Internet kann ich jedoch das meiste nie wieder aus Google und Archiven löschen und außerdem ist es weltweit verfügbar. Siehst Du da nicht einen großen Unterschied?

Wenn ich mich in Hintertupfigen auf der Kirmes besaufe und meinen Tischnachbarn vollkotze, dann kriegen das dreißig Leute mit, die vier Wochen später was anderes interessantes erleben und es vergessen.

Wenn es davon ein Video auf YouTube gäbe, dann könnten sich das noch meine Enkelkinder durch simple Eingabe meines Namens in fünfzig Jahren dieses Ereignis anschauen.

Das ist der Unterschied. Und das ist der Grund, warum ich sagte, man solle sich vorher überlegen, was man im Internet von sich preisgeben möchte.

Jan Almer am 06.06.06 14:59 #
 

Auf der einen Seite sagst Du "was im privaten Kreis geschieht, ist nur für eine begrenzte Personenzahl und nur für einen begrenzten Zeitraum relevant" - auf der anderen Seite glaubst Du, dass sich irgendwelche Leute Dein Kotzvideo ansehen wollen. Das finde ich nicht so richtig logisch. Wir kommen da in der Diskussion wahrscheinlich nicht weiter, denn das ist der Punkt, den ich schon ganz oben machte: Ich vermute, dass sich kein Mensch für Dein archiviertes Kotzen interessieren wird (und das, selbst wenn, das keinen Schaden anrichten wird). Du siehst das anders. Ich bin gespannt, wie es kommen wird.

Martin Röll am 06.06.06 15:22 #
 

Nicht umsonst gibt es in Deutschland Gesetze, die dafür Sorge tragen, dass Bürger selbst darüber entscheiden können, welche personenbezogenen Daten verarbeitet und gespeichert werden dürfen.

Nicht umsonst gibt es in Deutschland Gesetze, die dafür Sorge tragen, dass Bürger selbst über die Verwendung von Bildern und anderen audiovisuellen Medien entscheiden dürfen, auf denen sie zu sehen sind. (Kunsturhebergesetz, "Recht am eigenen Bild")

Diese Prinzipien werden in den letzten Jahren durch die stärkere Internetnutzung immer weiter unterlaufen, indem Anbieter die technische Unwissenheit ihrer Nutzer ausnutzen (Cookies, Tracking, Data Mining) und durch staatliche Maßnahmen zur "Terrorismusbekämpfung" (Kontendatenübermittlung ans Finanzamt, Vorratsdatenspeicherung).

Nicht jeder, der seine Privatsphäre schätzt, ist ein potenzieller Verbrecher.

Otto Emm am 06.06.06 17:15 #
 
Zur Scoring-Argumentation (Tim): Das ist kein Argument gegen ein Publizieren von Daten. Das Scoring kann genausogut negativ ausfallen, weil eben entscheidende Daten über Dich fehlen.

Das ist ein Szenario, das ich beängstigend finde:

- Potentielle Arbeitgeber berücksichtigen (inoffiziell) nur Bewerber, die einen guten Gesundheitszustand nachweisen.
- Versicherungskonzerne steigern die Prämien für Krankenversicherungen usw. ins Unermessliche, und bieten große Rabatte für Menschen an, die anhand eines Gentests und Preisgabe anderer personenbezogener Daten nachweisen, dass sie keiner Risikogruppe angehören.
- Es wäre sogar denkbar, dass Banken Kredite nur bei Zustimmung zu einer Bonitätsprüfung durch Abfrage einer zentralen Datenbank vergeben (Ups! Zu spät.)

"Aber natürlich respektieren wir Ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Sie *müssen* uns diese Daten ja nicht liefern."

Das läge dann irgendwo zwischen Verführung und Erpressung. Die Macht von "Mann, sei doch nicht blöd!".

Christian Müller am 07.06.06 06:54 #
 

Lieber Martin,

gerade entdecke ich diesen nicht mehr ganz frischen Artikel von Dir: http://www.roell.net/weblog/archiv/2006/02/19/mehr_zur_privatsphaere_im_netz.shtml

Entweder haben wir aneinander vorbeigeredet oder Du hast Deine Meinung radikal geändert. Ich tippe auf ersteres. Denn das was Du in dem Artikel vom Februar schreibst, kann ich 100prozentig unterschreiben. Und genau das war es, was ich sagen wollte. :)

Jan Almer am 07.06.06 17:10 #
 

Habe keine Paranoia, finde 10 Jahre alte Sachen im Netz über mich, muß mich dessen aber nicht schämen. Habe auch nur selten versucht, Spuren zu verwischen.

Empfehle die Lektüre von
http://www.securityzero.com/2006/05/depending-on-google.html mit einer schönen Liste dessen, was Google weiß und uns wissen läßt.
Well, schönes Motto, "don't be evil". Die Welt macht Google dabei Schwierigkeiten (http://arstechnica.com/news.ars/post/20060607-7003.html).

Stefen Niemeyer am 07.06.06 17:38 #
 

In dem Eintrag plädiere ich dafür, mit persönlichen Daten - eigenen und vor allem denen anderer - beutsam umzugehen. Ich habe meine Meinung dazu nicht geändert.

(Danke für den Hinweis! Den Artikel hatte ich gar nicht mehr im Kopf.)

Martin Röll am 07.06.06 17:39 #
 

Ich lese vermutlich die falschen Zeilen, aber für mich enthalten dieser Artikel und der Artikel vom Februar weitgehend gegenteilige Meinungen. Bemerkenswert finde ich den Satz:

Es reicht, dass irgendwer ein Foto von uns auf einer Veranstaltung aufnimmt und es auf Flickr stellt. Ein anderer erkennt uns zufällig darauf und annotiert das Bild mit dem Namen - und schon weiß der Chef, dass man beim Bobrennen und nicht krank war. Nicht mehr lange und Suchmaschinen werden auf Fotos Personen erkennen können - dann wird der Vorgang automatisiert.

Du merkst zu Recht an, dass die ausgeprägten Webfähigkeiten von Web-2.0 nicht nur gewollte und selbstgesteuerte Verwebungen ermöglicht, sondern auch ungewollte und nicht selbst erstellte. Damit beginnt das grundlegende Problem und eine Unvereinbarkeit: Einerseits wollen wir Informationssyndikate, andererseits schreien wir sehr engagiert auf, wenn solch gebildete Syndikate zu unserem Nachteil eingesetzt werden können.

Über die langfristigen Auswirkungen können wir übrigens nur philosophieren, den Fall derartig starker Informationsverwebungen selbst angeblich unwichtiger Information hatten wir in der Menschheitsgeschichte noch nicht. Ich plädiere aber weiterhin dafür, es sehr vorsichtig und mit genügend Skepsis angehen zu lassen.

Besim Karadeniz am 08.06.06 00:24 #