25. Mai 2006

[ Konferenzen ]

Edumedia 2006: So war's

St Virgil

Die Edumedia Fachtagung 2006 "Social Skills durch Social Software" ist rum. Sie hat mir gefallen. Nicht alles war neu, spannend oder überraschend, aber ich habe einige neue Perspektiven gewonnen.

Ich habe endlich verstanden, warum Leute so entzückt über E-Portfolios sind. Verwundert war ich, dass die Privacy-Fragestellungen, die mit solchen Portfolios zusammenhängen, offenbar völlig ungeklärt sind.

Verwundert war ich über manchen naiven Erfolgsbericht. Weil eine Person ein Weblog intensiv als Portfolio nutzt, sind Weblogs als E-Portfolios geeignet?

Ich habe wieder einmal Projekte gesehen, die "Social Software" einsetzen, aber kaum etwas der speziellen Charakteristiken der Software nutzen. Ein Weblog als zentrale Projektinformationsstelle - nunja, das ging ganz ähnlich auch schon mit 1996-Foren oder 1998-Projectplaces . Ja, jetzt ist es besser filterbar und ein wenig praktischer...
Bezeichnend die Bemerkung in einer der Grußworte zur Eröffnung, in der der Redner kurzerhand jede Software zur "Social" Software erklärte.

[Nachtrag] Thomas Burg in seinem Konferenzrückblick:

Social Software equals collaboration for the majority of attendees I dare to claim. That means you’ll miss 80% of the concept I’d say.

Die Keynotes waren toll: John Erpenbeck, der über Kompetenzentwicklung und wie Social Software diese fördern könne, sprach, immer mit klarem Blick darauf, worum es eigentlich geht: Kompetenzen. Nicht: Software. Helen Barrett, die über verschiedene Arten von E-Portfolios sprach - nicht immer logisch, wie mir Sebastian Fiedler am Abend aufzeigte, aber interessant (einen Audio-Ausschnitt gibt es hier). Und Lee Bryant, der im Affenzahn die Notwendigkeit flexibler Software im Gegensatz zu starren Systemen argumentierte (Weblogeintrag von Wilfred Rubens hier). Schade, dass so wenig Zeit für die Diskussion war.

Highlight für mich auch: Der Vortrag "Educational Technology is NOT neutral" von Graham Atwell - leider etwas verhunzt durch die Übersetzung seiner Folien. Gab es irgendjemandem, dem die deutschen Folien zum englischsprachigen Vortrag weitergeholfen haben?


Graham Atwells Vortrag

Interessant war der Disput zwischen mir und den Vortragenden im Vortrag zum Semantic Web. Angeblich gibt es ein Video davon - wenn ich's bekomme, stelle ich es dann hier dazu. (Nachtrag: Bei Lee Bryant gibt es Bemerkungen und ein Foto.) Die Vortragenden verfolgten die Idee, dass man das Problem "es gibt zu viel Information, es ist so unübersichtlich" dadurch löst, dass man die User dazu bringt, semantische Metadaten mittels eines semantischen Wiki zu erzeugen. Der war irrsinnig kompliziert, was den Referenten aber nicht störte: "Das Auto war früher auch kompliziert." Dass es heute schon ganz einfache Wikis, Weblogs etc. gibt, in denen man nicht semantisch rumfrickeln muss, dass es jede Menge Metadaten bereits gibt, die man nutzen kann (hallo Tagging), dass es dem User überhaupt nichts bringt, wenn er mehr Metadaten eingibt, dass Ontologien seiner Art nicht stabil sind, dass sie den Kontext vernachlässigen... nun, egal. Vielleicht können wir uns noch einmal treffen und, vielleicht öffentlich, ein wenig Top-Down versus Bottom-Up diskutieren. Das Publikum fand's interessant, glaube ich.

Zu meinem Knowledge Café habe ich hier drüben schon geschrieben. Abgesehen vom Feedback zur Veranstaltung an sich hat mich besonders das Feedback zu meiner Moderation und das Interesse an der Methodik des Knowledge Café gefreut. Hier steckt noch viel drin.


Knowledge Café
Das Knowledge Café

Was mir klar wurde: Viele Teilnehmer sind ganz neu in dem Thema. Sie wissen ganz wenig über Social Software. Sie sind in manchen Vorträgen unsicher bis überfordert und fürchten, glaube ich, auch das Fachgespräch mit anderen Konferenzteilnehmern ein wenig. Die Konferenz sollte am ersten Tag, an dem die Workshops laufen, auch absolute Anfängerkurse anbieten. "Von null auf Wiki" an einem halben Tag. Auch im nächsten Jahr, in dem es um "Open Source" gehen soll, bietet sich das an. Die Leute brauchen den "Kathedrale versus Basar"-Vortrag, den "Grundlagen Softwareentwicklung"-Vortrag, den "wie arbeitet ein Open Source Projekt"-Vortrag, damit sie am zweiten Tag mitschwimmen können.

(Und, in der persönlicheren Betrachtung: Es gibt da draußen noch viel mehr Blog-Anfängerkurs-Potenzial, als wir glauben. Für viele ist "Social Software" in 2006 etwas völlig neues. Die glauben sogar, das gäbe es erst seit diesem Jahr!)

Die Organisation war reibungslos. Vielen Dank!

Blumenwiese

(Übrigens: Das mit der Unterkunft war gar nicht so schlimm. In der Tat benutzt man das Zimmer auf so einer Tagung im Wesentlichen zum Schlafen. Das St. Virgil ist durchaus ein angenehmer Ort für solche Tagungen - die dunklen, grünbeteppichten Gänge mit Betonwänden, auf denen der Kaffee ausgeschenkt wird, kann man meiden und die Seminarräume sind prima. Die Tagungstechnik funktionierte tadellos. Der Garten ist hübsch. Das Personal war zwar nicht freundlich aber... vorhanden. Interessant, wie viele Teilnehmer mitten auf der Tagung mein Weblog lesen. :-))

[19:59] (Eintrag nachträglich editiert: Links zu anderen Blogs eingefügt.)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

die dunklen, grünbeteppichten Gänge mit Betonwänden, auf denen der Kaffee ausgeschenkt wird,

Interessante Art, Kaffee auszuschenken. Wenns den Wänden nicht schadet...

SCNR ;-)

Jochen Lillich am 25.05.06 22:23 #
 

Klingt spannend - ärgerlich, dass ich nicht dabei sein konnte (wobei Berlin auch sehr interessant war.. ;-)).

Jan Schmidt am 26.05.06 12:19 #
 

Sehr geehrter Herr Röll, könnten Sie uns an Ihrem Erkenntnisgewinn betreffs E-Portfolios teilhaben lassen? Ein solcher konnte unsererseits leider noch nicht vermerkt werden.

Christian Langreiter am 26.05.06 16:57 #
 

Ich kann das nur aus dem Kontext heraus erklären. Hier, kontextfrei, in Schriftsprache fällt's mir schwer. Ich teile auch die Verzückung nicht. Ich habe nur endlich verstanden, warum die anderen so verzückt sind. Das in kurz: Man erhofft sich, durch das Portfolio einen umfassenderen Blick auf die Kompetenzen des Lernenden. So soll es besser möglich werden, einzuschätzen, wer er ist / was er kann / was er gelernt hat. Das könnte z.B. zur Einschätzung durch potenzielle Arbeitgeber, zur gezielten Förderung durch Lehrer/Tutoren oder schlicht zur Bewertung eines Lernfortschritts nützlich sein.

Das Problem, das ungelöst ist bzw. von manchen der Handelnden, Forschenden, Vortragenden ignoriert wird, ist, dass es einen Unterschied zwischen Reflektions- und Präsentationsmodus gibt. Man wünscht sich, dass das E-Portfolio ein Reflexions-Journal wird - nur dann ist es wirklich nützlich. Wenn der Lernende aber weiß, dass das Journal _auch_ der Bewertung ("assessment") dient, schreibt er automatisch anders (eine verwandte Idee habe ich zusammen mit Magdalena Böttger schon einmal hier beschrieben). Das "hey, ich zeige Euch mal, wie toll ich reflexiv lernen kann"-Journal nützt aber niemandem was.

Lösungsansätze? Vielleicht schlicht gestufte Freigaben. Aber auch da kommt dasselbe Spiel: Wenn Du weißt, dass das, was Du schreibst, später mal gelesen werden _könnte_ schreibst Du anders, als wenn Du frei schreibst.

Martin Röll am 26.05.06 17:10 #
 

Nachtrag: Eben bin ich auf dies hier gestoßen - da kommen Schüler (Studenten sind es wohl - da gibt es ein ganzes Cluster von Blogs) in den Kommentaren von ganz allein auf diese Beobachtung.

Martin Röll am 26.05.06 23:38 #
 

Merci beaucoup! Es dämmert, es dämmert ...

Christian Langreiter am 27.05.06 21:44 #
 

Mit E-Portfolios habe ich mich bislang viel zu wenig beschäftigt. Aber Lernjournale (Pen & Paper) sind in der Erwachsenenbildung ja durchaus bekannt und nicht unumstritten, da ihr Einsatz als Kapitaliserung des Selbst im Rahmen einer neoliberalen "Art der Regierung" der Erwachsenenbildung verstanden werden kann; zumindest wenn man die derzeit stattfindenden Umbrüche in diesem Feld bedenkt (vgl. Wrana, Daniel: Das Subjekt schreiben. Reflexive Praktiken und Subjektivierung in der Weiterbildung - eine Diskursanalyse. ISBN: 3-8340-0064-7). Geht das in eine ähnliche Richtung, oder sind Portfolio und Journal doch etwas anderes? Und was macht das E davor? Fragen über Fragen.

Moe am 30.05.06 13:24 #
 

Ich habe den Eindruck, dass "Journal" und "Portfolio" durchaus oft synonym verwendet werden. "Portfolio" deutet mehr auf das "ich habe etwas und kann es später herzeigen" hin, während das "Journal" den persönlichen "ich schreibe (mir) ein Journal" betont. (Das alles nur aus dem Gefühl - ich habe mich da nicht eingelesen.) Das "E" bedeutet, dass man das nicht in ne Papierkladde packt, sondern bloggt. ;-)

Martin Röll am 30.05.06 17:31 #
 

Hallo, der Beitrag von John Erpenbeck ist tatsächlich recht interessant, wenn auch m.E. etwas wissenschaftlich verquast und umständlich.
Vielleicht kann mir jemand eine Frage beantworten. Er bezieht sich in den Folien mehrfach auf DÖRNER. Kann mir jemand dazu eine geanuere Quelle nennen. Ich vermute gemeint ist Dietrich Dörners Modell der Problemlösung im Kontext von Lernen. Gibt es dazu genauere Quellen und Bezüge zum E-Learning?

Ralf Hilgenstock am 31.05.06 09:04 #
 

Was halten Sie denn für Firmen geeigneter?
Firmenblogs oder Wikis?

Eva Meisterknecht am 02.06.06 10:46 #
 

Kommt drauf an, wie immer: Was wollen Sie denn machen?

Martin Röll am 02.06.06 11:36 #