18. Mai 2006

[ Blödsinn ]

COM-PAS: 'Letzte Aufforderung an alle Hausbewohner (1)'

Verzweiflung

Das Werk "Letzte Aufforderung an alle Hausbewohner (1)" ist das erste von zwei Objekten des unter dem Pseudonym "COM-PAS Hausverwaltungs GmbH" auftretenden Dresdner Künstlers. Es hängt im Hausflur des Wohnhauses Hoyerswerdaer Straße 38 in Dresden-Neustadt.

COM-PAS versucht, durch den Einsatz konventioneller Produktionstechniken und ungewöhnlicher Ausstellungorte die Tiefe seiner Werke zu verschleiern. In "Letzte Aufforderung an alle Hausbewohner (1)" verwendet er, wie auch in "Letzte Aufforderung an alle Hausbewohner (2)", einen handelsüblichen Farbdrucker und gewöhnliches, weißes Druckerpapier im Format A4. Der Text, der das Zentrum des Werks darstellt und die künstlerische Aussage enthält, wird am Computer mit Microsoft Powerpoint gesetzt. COM-PAS verzichtet auf weitere Werkzeuge und modifiziert die gegebene Vorlage nur geringfügig, um nicht durch optische Auffälligkeiten zu deutlich auf den künstlerischen Charakter des Werks hinzuweisen. Erst bei genauer Lektüre des Texts erschließt sich dem Betrachter die Intention des Künstlers.

Durch einen Rückgriff auf die Beamtensprache ("Hiermit ...") wird der Leser darauf vorbereitet, dass ein längerer Text folgt, dessen Sinn erst nach vollständiger Lektüre erschlossen und keineswegs schon beim Überfliegen erfasst werden darf. Geschickt vermeidet COM-PAS zunächst Zischlaute, indem er die Rechtschreibung in seinem Sinne anpast und bringt den Leser so in Ruhe. Dann wirft er ihn jedoch plötzlich in den metaphorischen dunklen Keller, der stets verschlossen sein sollte.

So verunsichert begibt sich der Leser in den zweiten Absatz. Hier kommt COM-PAS' küstlerisches Genie voll zur Entfaltung: Im Passiv spielt er auf das Universum ("Es ist...") und das allgegenwärtige Nicht-Wissen an ("dass es nicht verstanden wurde"), kommt aber im selben Satz auf den Leser zu sprechen ("Sie"!) und macht ihn gegenüber dem fordernden Künstler ("wir") verantwortlich. Der Künstler bringt sich damit in eine gott-gleiche Position; er fordert vom Leser Handeln und Einsicht - jedoch nicht nur persönliche, sondern allgemeine ("es")! Der Leser wird zum Missionar, der Erleuchtung über die Hausgemeinschaft bringen muss, andernfalls ist er verdammt. Erst jetzt wird die Wirrniss des ersten Absatzes klar, in dem er "aufgefordert" wird, dass sich etwas "zu befinden hat". Eine unmögliche Aufgabe für einen Menschen, aber eine Möglichkeit für einen Gott! Der Leser erkennt, dass er durch das Befolgen COM-PAS' Anweisungen selber zum Gott werden muss, um der Aufforderung Genüge zu tun.

Mit dem Verweis auf den beschmutzten Hausflur versucht der Künstler, den Blick des Lesers zu zerstreuen und von der Intention des Werkes abzulenken. Der Versuch, Banalität zu erzeugen steigert jedoch nur die Spannung. Das Schlusswort "Zugangsmöglichkeit" kann als erneuter Hinweis auf die Möglichkeit, zur Erlösung zu gelangen, gesehen werden.

COM-PAS gelingt es mit "Letzte Aufforderung an alle Hausbewohner (1)", ein scheinbar banales Objekt - einen Hausanschlag - zu einem Kunstwerk mit starker, ja brachialer Aussage zu machen. Durch Form, Gestaltung und Sprache angezogen, vermag sich der Betrachter, einmal im Text gefangen, den Worten nicht mehr zu entziehen. COM-PAS demonstriert an diesem Werk die Möglichkeiten der Machtausübung durch Design und Sprache. Das 2005 erstellte Werk ist damit aktueller denn je und kann auch als Beitrag zur aktuellen Debatte zur Zuwanderung gesehen werden.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Martin R

baerentoeter.twoday.net: Gro (19.05.06 09:10)

 

Ich sehe schon, die Hausflurkunst wird boomen. Du solltest dem frischen Künstler vielleicht ein Beratungsangebot machen, wie er die Werke ggf. auch deutschlandweit vermarkten kann ...

René Pönitz am 19.05.06 09:31 #
 

oh ich banause! ich dachte es sei das werk eines grimmigen hausmeisters :->

Ratilius am 19.05.06 11:17 #
 

Sehr gut :-)

Wenn die Schilder nicht mehr gebraucht werden, ist dann eBay zuständig oder eher Sotheby's? Ich glaub schön gerahmt kann man da Millionen rausholen...

P.S.: Dein alter Deutschlehrer tut mir irgendwie leid :-)

Gernot am 19.05.06 18:15 #
 

Frau Geisen, ich grüße Sie. ;-)

Martin Röll am 19.05.06 18:17 #
 

Kann denn nach der gründlichen Lektüre jemand plausibel erklären, warum die Türen verschlossen gehalten werden sollen?

H-P Schiele am 23.05.06 16:58 #