12. Mai 2006

[ E-Commerce ]

Wird man künftig Geschäftsmodelle noch auf Lock-In aufbauen lassen können lassen?

Ein Gedanke, der mir gestern im "Geschäftsmodelle mit Web2.0 / Communities"-Panel durch den Kopf ging:

Das Geschäftsmodell vieler Internetdienste basiert auf "Lock-In": Ein User bringt Daten in einen Dienst ein, weil ihm das Nutzen schafft, der Dienstanbieter macht den Export schwierig ("walled gardens"), je intensiver der User den Dienst nutzt, um so schwieriger wird es, zu wechseln. Als Beispiele brachte der hiervon faszinierte VC gesten OpenBC und Skype.

Was ist nun, wenn der Lock-In wegfällt, entweder weil der Dienstbetreiber ihn weglässt und z.B. Exportmöglichkeiten oder offene Schnittstellen anbietet, oder weil es gehackt wird und jemand ein "von OpenBC nach BlubberBC"-Script schreibt?

Wird man künftig Geschäftsmodelle noch auf Lock-In aufbauen lassen können lassen? (Braucht OpenBC früher oder später ein offenes API?)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Wird man künftig Geschäftsmodelle noch auf Lock-In aufbauen lassen können? Fragt Martin Röll und rennt mit dieser schon fast suggestiven Frage bei mir offene Türen ein. Zum einen stehe ich immer noch unter dem Eindruck von Getting Real, das Buch von 37si

blog.krutisch.de: Eine gute Frage. Ein Versuch einer Antwort. (12.05.06 11:02)

In Wird man künftig Geschäftsmodelle noch auf Lock-In aufbauen lassen können lassen? fragt Martin Röll suggestiv: Das Geschäftsmodell vieler Internetdienste basiert auf "Lock-In": Ein User bringt Daten in einen Dienst ein, weil ihm das Nutzen schafft, der

Die wunderbare Welt von Isotopp: Lock-In vs. Metcalfe's Law (12.05.06 12:30)

 

Sehe ich auch als Problem - meine Inhalte gehören mir, egal in welcher Verwertungsform. Meine persönliche Strategie gegen "Lock-In" heisst "Beschränkung auf Dienste mit API und/oder Export".

Konkret:
- flickr bekommt über ein Export-Plugin in meinem lokalen Foto-Verwaltungsprogramm nur Kopien meiner Fotos, Titel, Tags und Beschreibungen hochgeladen. Alles verbleibt bei mir und kann jederzeit mittels weiterer Plugins in andere Dienste hochgeblasen werden, was ich angesichts fortgesetzter "fang-den-Dissidenten"-Amtshilfe des flickr-Mutterhauses Yahoo auch bereits austeste.

- twoday verfügt über eine Exportmöglichkeit der Beiträge UND Kommentare in das MovableType-Format, welches für mich vor allem ein Klartext-Backup darstellt. Ohne diese Möglichkeit hätte ich dort nicht angefangen, als meine Aufgabenstellung "Blog ohne Daten-Gefängnis" hieß.

"Lock-in" ist überhaupt kein Geschäftsmodell, sondern nur ein kläglicher Versuch in meinen Augen. Qualität, die der Kunde durch Bleiben honorieren könnte, wird durch "Zwang zu bleiben" ersetzt. Nicht sehr vertrauensvoll, liebe VCler.

Wie man am fulminanten 20six.de-Debakel vor ein paar Monaten sehen konnte, war der Exodus trotz der Hürden eines nicht vorhandenen Exports nicht aufzuhalten. Er wurde bloß schwieriger, aber die findigen Ex-20sixler haben sehr gut kooperiert und indivduelle Lösungen zur Daten-Migration entwickelt.

Insofern - man kann den Wechsel zu anderen Diensten immer behindern und die "Faulen" damit halten, aber die "Flinken" finden immer Mittel und Wege zu wechseln. Schließlich heissen die mit Abstand flexibelsten APIs immer noch "Auge" und "Hand" und haben ihre beta-Phase bereits vor Jahrmillionen hinter sich gelassen.

Macsico am 12.05.06 18:58 #
 

Weil ich gerade nicht so viel Zeit habe, nur ein kurzer Kommentar dazu, vielleicht später mehr, wenn ich's nicht vergesse:

Jeder Volkswirt weiß und lernt schon im Grundstudium: Je größer der Netznutzen eines Produkts und je geringer sein Basisnutzen, desto höher ist die Tendenz zur Monopolisierung, weil das Produkt dann den höchsten Gesamtnutzen für den einzelnen hat, wenn möglichst viele es benutzen.

Oder für den Laien: Wenn ein Produkt vor allem davon lebt, dass viele es benutzen (geringer Basis-, hoher Netznutzen), dann wird es langfristig einen großen Anbieter geben, zu dem (fast) alle gehen, weil ich dann am meisten davon habe. (Beispiele? Microsoft -- Windows hat nur einen einzigen Vorteil, nämlich seinen hohen Marktanteil, denn dadurch gibt es Kompatibilität zu anderen, viel Software, etc.)

Nun zu den Lock-in-Effekten, die ja erst im zweiten Schritt interessant sind, wenn die Quasimonopolstellung schon da ist.

Bei einem oben beschriebenen Produkt ist es ja in der Regel so, dass ein Wechsel zu einem Anbieter für einen einzelnen Nutzer erstmal keinen Sinn macht. Selbst wenn der Basisnutzen eines Konkurrenzprodukts höher ist (vulgo: besseres Angebot, bessere Qualität, bessere keine Ahnung was), ist der Gesamtnutzen in der Regel (da hoher Anteil Netznutzen) wesentlich kleiner, solange es keiner benutzt.

Warum sollte jetzt jemand wechseln?

Eben.

Und das macht sich der Quasimonopolist zunutze. Es macht nämlich für niemanden einen Sinn, zu dem anderen besseren Produkt zu wechseln, solange noch nicht alle gewechselt haben.

Also wechselt überhaupt niemand.

Das ist verständlich, logisch, hat nichts mit Web 2.0 zu tun, sondern das wissen Volkswirte seit vielen Jahren. Offene Standards, APIs, etc. können daran etwas ändern. Aber nur wenn der Monopolist das mitmacht. Und das wäre völlig hirnrissig, solange er das Monopol hat. Denn es würde ihn massig Kunden kosten.

Natürlich muss er den Basisnutzen stetig steigern, um völlig auf der sicheren Seite zu sein. Ein Monopolist sollte immer auch dafür sorgen, dass er das beste Produkt hat. Aber er hat es lange, lange, lange nicht so nötig wie die Konkurrenz.

(Ist ja doch noch lang geworden. ;))

Jan Almer am 13.05.06 09:32 #
 

Mir fällt gerade auf, dass ich das Beispiel, das ich beim Schreiben die ganze Zeit im Kopf hatte, vergessen habe: openBC.

openBC lebt (fast) nur davon, dass alle es benutzen. Was würde openBC für einen Sinn machen, wenn es nur 500 Nutzer hätte und ich keinen davon kennen würde.

Genau.

Wenn es jetzt einen neuen, besseren Dienst gäbe, der openBC Konkurrenz machen will, so ist der solange relativ uninteressant für mich, wie er nicht einen gewissen Anteil -- sagen wir mal vorsichtig 70 Prozent -- der Nutzerbasis von openBC hätte. Ich würde ihn mir (weil ich neugierig bin) vielleicht mal anschauen, aber die meisten würden sich dort nicht registrieren, solange nicht massig Leute angemeldet sind. Warum sollten sie auch? Bei openBC kennen sie viel mehr Leute.

Also wird diese Konkurrenz nie wirklichen Erfolg haben, wenn openBC nicht gerade bei der Funktionalität massig zurückhängt.

Selbes Beispiel, nur schon im nächsten Stadium: ICQ. Das ist mittlerweile der -- von der Funktionalität her -- schlechteste IM-Dienst und trotzdem haben 90 Prozent meiner Kontakte noch immer ausschließlich einen ICQ-Account. Einziger Grund: Warum soll ich wechseln oder auch nur zusätzliche andere Accounts aufmachen, wenn 90 Prozent meiner Kontakte über ICQ erreichbar sind?

Bei all diesen Beispielen ist der Lock-in-Effekt jedoch aus einem Grund nicht ganz so stark wie bspw. bei Windows. Ich kann ohne großen Aufwand nämlich alle IM-Dienste parallel betreiben. (Das hilft den anderen auch nicht wirklich, weil 90% der Leute mit ICQ völlig ausreichend bedient sind und deswegen gar nicht darüber nachdenken) Ich könnte mich auch ohne großen Aufwand bei fünf Business Clubs eintragen. Diese Alternative habe ich (zumindest nicht praktibel) bei Windows nicht.

Aber selbst ICQ und openBC: solange die mit großem Abstand mehr Nutzer haben als die Konkurrenz, ist es für die meisten Leute völlig uninteressant sich bei der Konkurrenz anzumelden. Und damit wird Konkurrenz erst dann eine Chance haben, wenn sie einen sehr, sehr hohen Zusatznutzen bringt.

Jan Almer am 13.05.06 09:43 #
 

Natürlich funktioniert Lock-in auch bei Web 2.0.

Das Internet kann nicht die Gesetze des gesunden Menschenverstands und alte wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse über den Haufen werfen -- haben wir doch schon bei der Bubble 1.0 gesehen. Mittlerweile wissen wir wieder: Geld verdienen kann man nur, wenn man Gewinn macht.

Und genauso ist es mit Lock-in. Wenn Wechselkosten hoch sind, wechseln die Leute nicht. Ist halt so. Warum sollte es auch anders sein.

Es ist ja nicht so, dass zwei gleich gute Produkte existieren, die sich nur dadurch unterscheiden, dass das eine offen und das andere geschlossen ist. Vollkommen logisch, dass die Leute das offene wählen würden. Hat nix mit Web 2.0 zu tun.

Lock-in funktioniert ja nur, wenn jemand einen großen Marktanteil hat. Normalerweise ein Early Player, der einen großen Kundenstamm aufgebaut hat. Wenn jetzt neue Konkurrenzprodukte nicht wesentlich (!) besser sind, bleiben die Kunden natürlich bei ihm. Je höher die Wechselkosten, desto größer muss der Zusatznutzen des Konkurrenten sein.

Hat auch nix mit Web 2.0 zu tun. Ist halt so.

Peter Ohlmüll am 13.05.06 18:16 #
 

@Macsico: Natürlich funktioniert Lock-in nur dort, wo es nur einen großen oder einige sehr wenige Anbieter gibt, die alle auf Lock-in setzen. Gibt es einen Big Player, der nicht auf Lock-in setzt, funktioniert es nicht.

Peter Ohlmüll am 13.05.06 18:29 #
 

Auf die allgemeine Diskussion um Lock-in-Strategien möchte ich gar nicht näher eingehen. Diese Strategien wird es auch in fünfzig Jahren noch in allen Märkten geben, in denen es Monopole bzw. Kartelle gibt. Wenn nur ein Anbieter da ist oder alle Anbieter sich einig sind, profitieren alle von diesen Strategien.

Aber zu Deiner openBC-API-Frage schoß mir nach langem Nachdenken, wie und ob man das sinnvoll realisieren könnte gerade ein Problem durch den Kopf: openBC lebt im Gegensatz zu vielen anderen Anbietern von personenbezogenen Daten. Diese kann man nicht "einfach so" über eine API jedermann zur Verwendung zur Verfügung stellen.

Edgar Ulmen am 13.05.06 21:19 #
 

Peter:

Und genauso ist es mit Lock-in. Wenn Wechselkosten hoch sind, wechseln die Leute nicht. Ist halt so.

Da steckt genau meine Frage drin: Werden die Leute noch zu Diensten gehen, die geschlossen sind, die steigende Wechselkosten aufbauen? Und zweitens: Wird es künftig überhaupt noch (technisch) möglich sein, Dienste mit hohen Wechselkosten aufzubauen?

Es ist ja nicht so, dass zwei gleich gute Produkte existieren, die sich nur dadurch unterscheiden, dass das eine offen und das andere geschlossen ist. Vollkommen logisch, dass die Leute das offene wählen würden.
Zum ersten Satz: Warum nicht? Genau das kann ich mir sehr gut vorstellen.
Lock-in funktioniert ja nur, wenn jemand einen großen Marktanteil hat.

Das verstehe ich nicht. Lock-In ist unabhängig vom Marktanteil. Wenn Du Dein Blog bei einem völlig unbekannten Bloghoster aufsetzt und der keine Exportmöglichkeit hast, bist Du genau so ein-ge-lockt wie bei einem großen.

Edgar: Monopole und Kartelle sind nicht einfach da. Sie bilden sich. Ich verfolge den Gedanken, dass Offenheit der Systeme die Bildung von Monopolen eher behindert. Internetdienste sind heute fast alle kopierbar (oder?). Wenn das so ist, müssten die offenen Dienste den geschlossenen überlegen sein, weil Sie dem Nutzer mehr Möglichkeiten bieten. Also wären Lock-In-Strategien zwar vielleicht noch erfolgreich, aber möglicherweise nicht mehr optimal.

Martin Röll am 13.05.06 23:34 #
 
Da steckt genau meine Frage drin: Werden die Leute noch zu Diensten gehen, die geschlossen sind, die steigende Wechselkosten aufbauen?
Ja, wie bisher auch. Und zwar wenn das "geschlossene" Produkt wesentlich besser als das "offene" ist. Siehe Skype -- VoIP gab's schon Jahre vorher, trotzdem kam erst durch Skype der richtige Boom.

Oder wenn's gar keine Alternative gibt. Dann nehmen die Leute auch das geschlossene System, bevor sie ganz auf den Zusatznutzen verzichten.

Und zweitens: Wird es künftig überhaupt noch (technisch) möglich sein, Dienste mit hohen Wechselkosten aufzubauen?
Ja, warum nicht? Wechselkosten sind oft künstlich geschaffen. Gerade um die Leute zu halten. Man könnte es den Leuten meistens viel einfacher machen, wenn man wollte.
Warum nicht? Genau das kann ich mir sehr gut vorstellen.
Ich verstehe Dein Problem nicht. Wenn zwei gleich gute Produkte existieren, dann wird der Nutzer das offene bevorzugen, da sind wir uns anscheinend einig. Der Fall ist also klar und völlig uninteressant. In der Praxis ist es aber doch meist so, dass die Produkte sich alle ein wenig unterscheiden und nur da funktionieren Lock-in-Strategien. Die kann sich nur jemand leisten, der ein wesentlich besseres Produkt als die Konkurrenz hat oder schon einen gewissen Kundenstamm, den er auf diese Weise hält.
Das verstehe ich nicht. Lock-In ist unabhängig vom Marktanteil. Wenn Du Dein Blog bei einem völlig unbekannten Bloghoster aufsetzt und der keine Exportmöglichkeit hast, bist Du genau so ein-ge-lockt wie bei einem großen.
Natürlich ist das Prinzip das gleiche. Aber wird ein kleiner Bloghoster, der eine Lock-in-Strategie fährt, sich wirklich gegen die Konkurrenz durchsetzen, die offene Systeme betreibt? Nein, er ist nach vier Wochen pleite.
Monopole und Kartelle sind nicht einfach da. Sie bilden sich. Ich verfolge den Gedanken, dass Offenheit der Systeme die Bildung von Monopolen eher behindert. Internetdienste sind heute fast alle kopierbar (oder?). Wenn das so ist, müssten die offenen Dienste den geschlossenen überlegen sein, weil Sie dem Nutzer mehr Möglichkeiten bieten. Also wären Lock-In-Strategien zwar vielleicht noch erfolgreich, aber möglicherweise nicht mehr optimal.
Ich stimme Dir bei Deinen Schlussfolgerungen völlig zu. Wären alle Systeme offen, gäbe es keine Wechselkosten. Und für den Nutzer wäre das sicher die optimale Situation.

Aber in der Praxis ist es doch so, dass einer einen Dienst anbietet, einen Kundenstamm aufbaut und dann kommt Konkurrenz. Baut er Wechselkosten auf, kann er seine Kunden auch gegen bessere Wettbewerber verteidigen. Also wird er es machen, denn er hat die Kunden schon. Würde er den Kunden das Gehen so einfach wie möglich machen, wären sie doch viel schneller alle weg.

Peter Ohlmüll am 14.05.06 18:28 #
 

Web-Experten neigen oft dazu, zu denken, dass wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten im Internet nicht gelten würden, weil ja alles ganz anders als in der realen Welt ist. Das ist ein Irrtum.

Lock-in-Strategien werden in hundert Jahren noch erfolgreich sein, wenn die Voraussetzungen gegeben sind. Jemand, der einen neuen Dienst an den Markt bringen will, würde das doch niemals tun, wenn er befürchten müsste, sofort vom Markt gedrängt zu werden, sobald in einem Jahr ein Konkurrent einen nur marginal besseren Dienst anbietet. Er lebt doch von seiner Kundenbindung. Natürlich bekommt er ein Problem, wenn die Konkurrenz wesentlich besser ist, dann hauen die Kunden trotz Lock-in ab.

Man kann das mit Patenten vergleichen. Auf der einen Seite behindern sie natürlich die Entstehung von Konkurrenz. Auf der anderen Seite würde niemand Geld in F&E stecken, wenn es sie nicht gäbe, weil er befürchten müsste, sofort kopiert zu werden.

Erhard Schölm am 14.05.06 22:45 #
 

Was diese ganzen Web-Dienste angeht: Ich benutze keinen davon und werde das auch niemals tun. Weder Flickr, noch blogg.de, noch Basecamp oder irgendsoeinen Scheiß. Ich will meine Daten auf meinem Rechner haben oder wenigstens auf meinem eigenen Webserver, wo niemand drankommt und wo ich damit machen kann was ich will.

Erhard Schölm am 14.05.06 22:47 #
 

Meine Überlegung baut darauf, dass es Lock-In nicht mehr geben wird, weil es 1) technisch ausgehebelt werden kann 2) User Dienste, die Lock-In fördern, nicht mehr nutzen werden. Natürlich hast Du recht, dass "Lock-in-Strategien in hundert Jahren noch erfolgreich sein werden, wenn die Voraussetzungen gegeben sind." - nur genau um ebendiese Voraussetzungen geht es ja!

Martin Röll am 14.05.06 22:56 #
 

Lock-in-Strategien lassen sich schon heute nicht ewig durchhalten. Aber sie werden immer eine (unterschiedliche lange) Weile erfolgreich sein und in der dieser Zeit kann der Anbieter eine Menge Geld damit verdienen.

Beispiele aus der Praxis, die Dir vielleicht zeigen, dass solche Strategien aus den verschiedensten Gründen in den verschiedensten Bereichen ganz toll funktionieren und warum sie funktionieren:

  • In der Mainframe-Ära warst Du mit Deinem Computersystem an einen Hersteller gebunden. Weil es geschlossene Systeme waren. Wenn Du IBM-Kunde warst und einen Drucker brauchtest, musstest Du einen IBM-Drucker nehmen. Die Zeiten sind vorbei.
  • Tintenstahldrucker. Irgendwann gab's Nachfüllpatronen. Aber noch heute verdienen die Hersteller viel Geld mit Patronen und nahezu nichts mit dem Drucker. Erst holen sie die Kunden zu sich. Und dann zocken sie sie ab, weil die Leute den Kauf eines neuen Druckers scheuen, ohne darüber nachzudenken, dass das viel Geld sparen könnte. (sunken costs)
  • Skype. Bietet einfach viel mehr Komfort, deswegen ist es den Leuten scheißegal, dass es offene Konkurrenzprodukte gibt.
  • openBC. Dieses Produkt lebt von seinem gigantischen Netzwerk. Kein Konkurrent mit einem noch so tollen Produkt hat je eine Chance, wenn er es nicht schafft ein ebenso großes Netzwerk aufzubauen. Und wie soll er das machen, wenn die Leute nicht freiwillig zu ihm wechseln? Und warum sollten sie das machen, wenn er ihnen nichts bieten kann?

  • ICQ. Alle benutzen es und solange niemand etwas wesentlich (!) besseres anbietet (vielleicht Skype eines Tages?), wird niemand wechseln, da man mit ICQ alle erreicht, die man kennt. Mit den anderen nicht. (Netzeffekte -> Lock-in)

  • Microsoft mit Windows und Office. Die Produkte sind manchen Konkurrenzprodukten deutlich unterlegen, was ihren Basisnutzen angeht. Aber dadurch, dass sie jeweils einen gigantischen Marktanteil haben, wäre es unklug zu wechseln, weil man damit gravierende Vorteile wie Kompatibilität, Support, etc. verlieren würde. Würde Microsoft offene Standards unterstützen und beachten, würde das ganze Geschäftsmodell zusammenbrechen. Oder glaubst Du Bill Gates treibt Standardisierungsgremien nur aus Spaß in den Wahnsinn?

  • ...

Natürlich wird jede Lock-in-Strategie irgendwann dadurch durchbrochen, dass die Wechselkosten geringer werden als der Zusatznutzen eines Konkurrenzprodukts. Denn entweder sinken die Wechselkosten (durch von Dir beschriebene Strategien, technische Exportmöglichkeiten, Schaffung von Kompatibilität etc.) oder es gibt irgendwann ein Produkt, dass soviel besser ist, dass sich der Wechsel lohnt.

Aber das war schon immer so.

Deine Frage müsste also sinnvollerweise eher lauten: Wird es einfacher, Wechselkosten zu senken? Vielleicht. Aber nur in manchen Bereichen.

Zur zweiten Frage

Meine Überlegung baut darauf, dass es Lock-In nicht mehr geben wird, weil es [...] User Dienste, die Lock-In fördern, nicht mehr nutzen werden.

Das werden sie sehrwohl, solange der Gesamtnutzen größer ist als bei offenen Konkurrenzsystemen. Du musst überlegen, dass ein "offenes System" nicht alles ist, was einen potenziellen User interessiert.

Um Mal ein praktisches Beispiel aus einem ganz anderen "Bereich" zu bringen, das ein Wirtschaftsprofessor mir in einem anderen Zusammenhang mal genannt hat:

Ein Heroinabhängiger hat die Wahl, ob er Heroin, das ihn langfristig tötet nimmt oder ob er ein Medikament nimmt, das seine Abwehrkräfte stärkt -- für was wird der sich entscheiden? Genau. Natürlich bringt das Medikament ihm in Hinblick auf seine Gesundheit einen höheren Nutzen. Nur im Hinblick auf seine Heroinabhängigkeit bringt ihm das Heroin mehr. Und in seiner konkreten Situation bewertet er die Minderung der Entzugserscheinungen höher als eine langfristige Verbesserung seiner Gesundheit. Er wägt den Nutzen ab.

Und genau dasselbe tut Dein virtueller User, der sich zwischen verschiedenen Diensten entscheiden muss. Das Merkmal "Offenes System" ist EIN Kriterium, das er bei seiner Entscheidung abwägt und NICHT DAS EINZIGE. Er nimmt das insgesamt bessere Produkt. Und wenn ein "geschlossenes" Produkt viel besser ist als ein anderes "offenes", dann nimmt der User das bessere und nicht das offene.

Erhard Schölm am 14.05.06 23:19 #
 
Meine Überlegung baut darauf, dass es Lock-In nicht mehr geben wird, weil es 1) technisch ausgehebelt werden kann

Du denkst an ganz bestimmte Sachen, aber es gibt viele, viele Dienste, wo es überhaupt kein Problem ist, das Wechseln sehr schwierig zu machen.

Meine Überlegung baut darauf, dass es Lock-In nicht mehr geben wird, weil [...] User Dienste, die Lock-In fördern, nicht mehr nutzen werden.

Und warum sollten sie das plötzlich nicht mehr machen? Was verleitet Dich zu der Annahme, dass User plötzlich viel mehr Wert darauf legen, offene Systeme zu benutzen? Die Vorteile sind doch schon lange bekannt, trotzdem interessiert das die meisten nur zweitrangig, weil Dienste auch in anderen Bereichen überzeugen müssen.

Ich kann doch nicht irgendeinen Scheiß anbieten und dann sagen: Leute, mein Produkt ist Mist, aber es ist offen und ihr könnt jederzeit wechseln.

Meinst Du echt, Du gewinnst damit einen einzigen Kunden?

Otto Emm am 15.05.06 12:50 #
 

Ich sehe derzeit eine Menge ganz hervorragender Dienste entstehen, die offen sind. Außerdem sehe ich, dass bei vielen Leuten das Bewusstsein für die Nachteile, die einem durch geschlossene Systeme entstehen (können), wächst. Deshalb erscheint es mir wahrscheinlich, dass offene Systeme künftig einen Vorteil haben werden. Selbstverständlich nicht, wenn sie schlecht sind - das ist eh klar. Aber schon dann, wenn sie ansonsten gleich gut sind.

Martin Röll am 15.05.06 13:15 #
 

Gar keine Frage. Du hast völlig Recht. Offene Dienste sind den geschlossenen immer überlegen.

Otto Emm am 15.05.06 14:37 #
 

Die Frage „Braucht openBC früher oder später ein offenes API?“ Lässt sich sehr einfach mit „Ja“ beantworten und tatsächlich wird bei openBC auch schon in diese Richtung gearbeitet.

Allerdings, und das wurde von Edgar Ulmen weiter oben auch richtig bemerkt ist das Bereitstellen dieses API aufgrund der Art der Daten natürlich kritisch – dieser Faktor wird letztlich im Interesse der Benutzer auch bestimmen wie offen das API tatsächlich sein wird.

Andreas Gehret am 16.05.06 09:57 #