4. Mai 2006

[ Kaufmännisches ]

Der schriftliche Vertrag

Martin erklärt die Kaufmannswelt, Kapitel 28. Heute: Der schriftliche Vertrag.

Verträge sind eine tolle Sache: Sie entstehen dann, wenn Leute sich vertragen. Wenn Leute sich vertragen, ist das toll.

Manchmal schließt man Verträge schriftlich. Das ist prima, weil dann später, wenn man sich nicht mehr verträgt, keiner sagen kann, dass eigentlich was ganz anderes vereinbart war, als das, was der andere dann sagt. Das ist immer so, wenn man sich nicht mehr verträgt: Irgendwie wird der andere dann immer doof und sagt doofe Sachen, die gar nicht stimmen.

Ein schriftlicher Vertragsschluss, das geht so:

Man nimmt ein Blatt Papier und schreibt alles auf. ALLES. Wer sich verträgt und warum und worüber und wie genau und überhaupt so. Wenn man mehr Platz braucht, kann man auch ein zweites Blatt Papier nehmen und das drantackern. Ist egal.

Der Witz ist, dass das, was man aufschreibt, beiden gefallen muss. Wenn man nur seine Wünsche aufschreibt und der andere das gar nicht willl, unterschreibt er am Ende das Papier nicht und man hat gar keinen Vertrag. Das wäre doof. Also muss man sich einigen und alles genau so aufschreiben, dass sich beide einig sind, dass sie das genau so machen wollen, wie sie es aufschreiben. Das ist jetzt ein bisschen verworren, aber eigentlich ganz einfach.

Wenn man damit fertig ist, unterschreibt man das Vertragsdokument, das heißt, man schreibt seinen Namen drunter. Wenn das beide gemacht haben, ist der Vertrag geschlossen und sie müssen sich dran halten.

Nun kann es ja kommen, dass sich die Leute nicht mehr vertragen, sondern sich streiten wollen.

Sagen wir, Günni hat Lotte seinen alten Schuh verkauft und Lotte muss ihm dafür 10 Taler zahlen, so steht's im Vertrag. Lotte bezahlt aber nicht. Jetzt kann Günni den Vertrag rauskramen, damit winken und "Lotte muss mir zehn Taler zahlen!" rufen. Dafür muss er aber den Vertrag haben. Wenn er den nicht hat, wird's blöd: Lotte sagt dann einfach: "nö." und Günni steht doof da, weil ihm keiner glaubt, weil ja jeder weiß, dass sein alter Schuh dermaßen stinkt, dass, naja, ist ja auch egal. Auf jeden Fall braucht Günni den Vertrag. Aber Lotte braucht den auch, denn wenn sie die 10 Taler bezahlt und Günni den Schuh nicht rausrückt, wird's auch für Lotte blöd.

Die Lösung bringt mal wieder die Hochtechnologie: Früher musste man extra ein Kloster gründen und Mönche vom Bierbrauen abhalten, damit sie Vertragsdokumente kopieren. Heute kann man so ein Vertragspapier einfach auf den Kopierer legen oder zweimal ausdrucken. Das ist suuuper-praktisch, denn so hat man weniger Tintenflecken auf dem Pergament und ist sich gaaaanz sicher, dass auch wirklich alles gleich ist. Mönche machen Fehler. Kopiergeräte nicht. Ja, das ist Fortschritt.

Ein bisschen mehr Aufwand hat man jetzt: Man muss nämlich zweimal seinen Namen schreiben. Aber das lohnt sich, denn jeder kriegt jetzt so ein schönes Stück Papier und kann sich sicher sein, den anderen mal damit totschlagen zu können, wenn es nötig wird.

Jetzt ist mir neulich was komisches passiert: Da wollte ich mich mit jemandem vertragen, und der sich auch mit mir, und wir wollten das schriftlich machen. Und als der mir die Vertragsunterlagen zuschickte, waren die beiden Exemplare gar nicht identisch! Das war vielleicht komisch.

Ich habe dann die Maklerin angerufen. Makler, das sind sowas wie Mönche: Die kopieren Vertragsunterlagen. Die sagte dann "Kopieren Sie einfach eins der Exemplare!" und das hat mir nicht so richtig weitergeholfen, weil ich ja nicht wusste, welches und beide Fehler hatten. Ich hab dann alles eingeringelt, was unterschiedlich war und so korrigiert, dass das alles wieder stimmte, hab das unterzeichnet und weggeschickt. Verträge können ruhig bunt sein, entscheidend ist bloß, dass der Wortlaut in beiden gleich ist.

Der andere hat mir heute ausrichten lassen, dass es das doof fand. Der andere Typ, mit dem er sich gleichzeitig vertragen wollte (was gar nicht geht weil ja nur einer von uns in die Wohnung ziehen kann) hätte nicht so rumgemalt sondern einfach unterschrieben. Ich weiß jetzt nicht, wie die das machen wollen, wenn sie sich mal streiten wollen und in den beiden Verträgen was unterschiedliches drinsteht, aber das wird bestimmt lustig. Obwohl: Der andere Mieter kam wohl von einem anderen Mönch Makler. Vielleicht haben die da schon auf Kopiergeräte umgestellt.

Bereits erschienen in dieser Serie: Der Lieferavis, Der Widerruf.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Zwischen Lachen und Weinen... was anderes fällt mir jetzt dazu nich' ein.

Michael P. Tomaszewski am 04.05.06 12:00 #
 

Gründest Du jetzt woanders ein eigenes Kloster? Ohne dufte Panorama?

jens am 04.05.06 12:26 #
 

Ich mache eine Kaufmanns-Kommune auf.

Martin Röll am 04.05.06 12:42 #
 

Kloster ist viel cooler.

Kossatsch am 04.05.06 14:25 #
 

Ein genial geschriebener Text.
Der sollte weltweit in alle Klöster gebracht werden…
Klöster haben ja bisweilen auch Konkurenz von selbsternanten Möchen. Hier meine Minigeschichte.

„Es war einmal ein Mann, der sich vertragen wollte. Da er den Mönchen in den Klöstern vermutlich nicht traute – da dies ja bisweilen „bierig“ sind, wie er meinte – hat er seinen Vertrag selbst kopiert und seinem angedachten Auftragsherren vorgelegt. Dieser merkte, dass da Sachen darin stehen, die nie und nimmer vom übergeordneten Gremium des Herren beschlossen wurden und seeeehr Einseitig vormuliert waren.

Er sollte den Vertrag noch einmal neu und vor allem mit richtigem Inhalt vorlegen. Gesagt getan. Der Mann veränderte den Vertrag und legte diesen seinem Auftragsherren erneut vor. Nach eingehendem Studium der Papiere stellte sich heraus, dass die nicht sehr schönen Texte von der zweiten Seite auf die letzet Seite gewander sind. Da hatte wohl der Kopierer das Blatt noch im virtuellen Gedächtnisspeicher. Der Auftragsherr war böse und hat gesagt: Noch einmal, aber richtig! (Und leg Dir einen anderen Kopierer zu).

Freudestrahlend wurde das Papyrus erneut vorgelegt. Der Auftragsherr war auf den ersten Blick zufrieden, denn die bösen Sachen waren nicht mehr zu sehen. Misstraurisch wie der Herr geworden ist, dachte er sich, jetzte lese ich doch auch mal das „Standard-Kleingedruckte“ durch. Ohhhh Graus, jetzt ist der böse Text von der zweiten Seite über die letzte Seite in verkleinerter Form in das Kleingedruckte gewandert. Der Auftragsherr hat dies erzürnt – beim Wellnesbad mit frisch gereichten Weintrauben - seinem Obersten Gremium erzählt. Seit dem war der Mann nicht mehr gesehen. Es wird gemunkelt, dass er einen funktionsfähigen Kopierer sucht.

F. X. Steininger am 04.05.06 18:59 #
 

Weltverbesserung durch Kopiergeräte. Und auf meiner Selbstdarstellungsseite steht immer noch: "Ich habe eine Abneigung gegen alle Elektrogeräte, die mit Toner funktionieren." Ich werde das bei einem Bier überdenken gehen.

Martin Röll am 04.05.06 19:03 #
 

Und wohin ziehst du jetzt? ;)

OliverG am 04.05.06 20:01 #
 

Mal sehen. ;-)

Martin Röll am 04.05.06 20:15 #
 

Obwohl wir Juristen keinen Humor haben, von dem wir wüssten, fand ich Deine Darstellung zum Kugeln.

Ein Lehrstück nicht nur für Juristen.

Einfach herrlich!

RA Michael Seidlitz (macviser) am 06.05.06 19:50 #