4. Mai 2006

[ Weblog-Forschung ]

Das eine Weblog. Anmerkungen zur Weblog-Forschung.

Heute erreicht mich wieder eine Umfrage zu Weblogs, diesmal ist es Tobias Schnitzer von der Freien Universität Brüssel, der wissenschaftliche Erkenntnisse über das "Phänomen" Blogging (Zitat aus der Mail) gewinnen will, was auch immer die Gänsefüßchen dort sollen.

Ich kann Umfragen diesen Stils zunehmend nicht mehr richtig beantworten. Sie gehen von einer falschen Basis aus. Sie fragen: "Betreiben Sie selber ein eigenes Blog? - Ja / Nein" und schon da wäre meine Antwort "Ja, mehrere.", wenn die denn erlaubt wäre.

Hier steckt der grundlegende Fehler drin: Der Fragesteller bezieht sich auf das Weblog und so wird es dann später schwierig: "Welche Inhalte zeichnen Ihr Blog aus?" (Na, das eine ist so, das andere so und das andere so.) "Wie regelmäßig aktualisieren Sie Ihr Blog?" (Das große Blog unregelmäßig, so dreimal die Woche, manchmal mehr, das kleine fast täglich, die Linksammlung auch, Flickr auch, etwas weniger und das Photoblog nur noch zweimal im Monat.)

"Wie viele Personeln lesen Ihr Blog?"
"Wie viel Prozent Ihrer Einträge werden in der Regel kommentiert?"

Für eine ganze Menge Leute gehen diese Fragen an ihrer Realität vorbei. Leute haben nicht nur ein Blog. Sie haben Online-Identitäten. Sie kommunizieren online - zum Beispiel im Blog, aber auch in anderen Medien, mit anderen Werkzeugen, auf anderen Sites. Wenn man nur "das Blog" betrachtet, erfährt man nur etwas über "das Blog" - was auch immer das dann ist. Was das genau ist, kann man gar nicht mehr sagen, zu vielfältig sind die miteinander in einen Topf gerührten persönlichen Medien.

Blogger sind nicht nur Blogger. Sagt mal, für wie trivial haltet Ihr uns eigentlich?

Ich habe mich gefragt, was hier wohl eigentlich der Forschungsgegenstand ist. Was will der Autor eigentlich herausbekommen?

Weblog-Forschung darf den Kontext des Weblogs nicht vernachlässigen. So wie die Weblog-Linksbeziehungs-Analytiker gemerkt haben, dass Beziehungen zwischen Bloggern auch ohne Links bestehen können, so wie Weblog-im-Glaskasten-Beobachter gemerkt haben, dass Blogger nicht nur im eigenen Weblog bloggen, sondern z.B. auch anderswo kommentieren, so müssen sich die "ich befrage einen Weblog-Autor"-Forscher im Klaren darüber sein, dass sie nur einen Teil der Online-Kommunikation eines Nutzers betrachten. Mit dieser Beschränkung müssen sie umgehen. Sie müssen die Zusammenhänge des betrachteten Teilsystems mit dem Gesamtsystem verstehen.

Derzeitige Befragungen tun das oft nicht. Sie gehen von einem Bild eines Bloggers aus, das unvollständig ist. Die Aussagekraft der Ergebnisse ist dann fragwürdig.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Nein, Martin Röll regt sich nicht über eine aktuelle Anfrage und/oder Umfrage zum Thema Weblogs auf. Er weist aber zurecht darauf hin, dass die Fragestellungen die Realität nicht widerspiegeln.

Bjoern Hasse: "Phänomen" Blogging (04.05.06 08:38)

Martin Röll regt sich über eine weitere unnütze Bloggerbefragung auf und Bjoern bereitet uns schonmal auf "mehr davon" vor. Auch ich habe eine entsprechende "Einladung" erhalten. Dabei ist es auch völlig egal, ob es die Universität Brüssel - sponsored ...

Blogdiplomatie: Wer Antworten will muss auch passend fragen können (04.05.06 20:22)

Martin Röll schreibt, was ihm an der Blogger-Forschung auf den Keks geht und wendet sich an die Damen und Herren Forscher: „Blogger sind nicht nur Blogger. sagt mal, für wie trivial haltet Ihr uns eigentlich?“ Dann freilich sagt er, was auch viele so gena

sehpferds sinnige seiten: Forscher ohne Gegenstand (04.05.06 21:13)

Sag mir wie und wo Du bloggst, und ich sage Dir, wer Du bist. - Nein! - So simpel ist die (Blogger-)Welt nicht gestrickt. Dem “Phänomen” Blogging kommt man nicht mit Hilfe von Standard-Umfragen zum Ankreuzen, wie dieser hier, auf die Spur....

MiFoMM: Kommunizieren, Aber Wie? (06.05.06 22:33)

Ach ja, immer wieder diese Umfragen und Studien. Wenn, wie neulich geschehen, mit Hering Schuppener eine größere PR-Agentur anruft und ein Interview für eine Studie rund um Digitalisierung von Medien macht, dann ist prinzipisch klar, dass das für einen...

Haltungsturnen - Klopfzeichen aus der Wirklichkeit: Umfragen und Zitate, lustig (09.05.06 17:55)

 

ich musste die befragung abbrechen als mir 60 fragen zur akzeptanz udn wahrnehmung von corporate blogs gestellt wurden. die zielrichtung war klar: wie könnten business-blogs funktionieren, nur leider waren die fragen so blödsinnig, dass ich vor lauter kopfschüttteln das fenster schloss.

ix am 04.05.06 01:50 #
 

Martin: Geht mir auch imemr so. Zudem isses imme ne Masse Arbeit mal wieder meine Blogs nachuzählen ;)

Und : Wer für Geld in div. Netzwerken bloggt ist schon mal gar nicht vorgesehen.

D.h. 'man müsste' erstmal 'aus der Hüfte' verschiedene Bloggertypen charakterisieren und dann überlegen,w as man dei so fragt.

Ggf. sollte man überhauupt eher qualitativ arbeiten statt quantitativ.

Aber das entspricht ja nicht der 'objektiven' Erbsenzählerei. Nur wie du andeutest: Das, was bei solchen Befragungen rauskommt, ist an sich auch unbenutzbar.

Hm, you got me thinking.

OliverG am 04.05.06 09:39 #
 

Schonmal vorab die Leseempfehlung für Jan Schmidts neues Buch (ich schreibe in den nächsten Tagen noch ausführlicher drüber). Er beschäftigt sich ausführlich mit der Methodik der Weblog-Forschung.

Martin Röll am 04.05.06 10:42 #
 

Naja, auf mich trafs zu ich hab ja nur mein Flickr.

Aber 1000 Fragen zu corporate bloging waren eindeutig zuviel.

Auch war ich ein bisschen überfordert, woher soll man denn wissen wo meine hits herkommen?

Im Übrigen wird die Auswertung wohl ziemlich sinnlos sein wenn man Angaben zu mobile bloging machen muss obwohl man kein handy/handheld hat.

Danoobiel am 04.05.06 11:28 #
 

Ich stimme Dir völlig zu, Martin - eine der wichtigsten Entscheidungen, die man als Blogforscher bei solchen Umfragen (oder auch Inhalts- oder Netzwerkanalysen o.ä.) treffen muss, ist: Was ist mein Untersuchungsobjekt? Will ich Aussagen über das Weblog als kommunikativen Ort treffen? Oder über den Autor/die Autorin bzw. die jeweiligen Praktiken des Bloggens?
Oft interessieren beide Dinge, dann muss man die Fragen entsprechend exakt stellen bzw. darauf hinweisen, dass beispielsweise nur nach den Kommentaren in _einem_, dem 'typischsten' oder ältesten Weblog gefragt wird.
[NB: Ich habe gerade nochmal nachgeschaut: In unserer "Wie ich blogge?!"-Umfrage hat etwa ein Viertel der aktiven Blogger angegeben, mehr als ein Weblog zu führen.]

Jan Schmidt am 04.05.06 11:46 #