24. April 2006

[ Innovation und Wandel , Interviews ]

Gespräch mit Michael Tomaszewski

Chapel Court

Am Wochenende des 8./9. April habe ich meinen Freund Michael Tomaszewski in Cambridge besucht.

Michael und ich sind zusammen zur Schule gegangen, haben dort aber kaum Notiz voneinander genommen. Schatten des Fotografen und eines weiteren Herrn Unser erstes richtiges Gespräch haben wir als erwachsene Leute Ende 2004 in einem Büchercafé in Luxemburg geführt, als er noch für eine luxemburgische Investmentbank arbeitete und beim Googeln in meine Website gefallen war (stimmt so, oder?). Auf dieses Treffen folgten weitere und so ist eine Freundschaft entstanden, die... ach, was red' ich:

Eine Tasse Kaffee im Cazimir Café Michael erforscht derzeit in Cambridge das Web2.0 und das Wesen der Innovation. Am Nachmittag des 8. April saßen wir zusammen im "Cazimir Café", tranken Kaffee und redeten über Podcasting- und Social-Software-Sinnfragen, neue Möglichkeiten im Netz und die Frage, ob die Veränderung eher Grund zu Euphorie oder Depression ist.

Mikrofone und Mischpult auf dem Cafétisch Das komplette Gespräch könnt Ihr auch auf archive.org als MP3 herunterladen (16,1 MB) oder mit diesem Player hier direkt im Browser abspielen. Alles steht unter Creative-Commons (BY-SA). Das Gespräch geht über 33 Minuten.

Creative Commons License

Shownotes:

  • 00:00 Start. Wir sagen hallo und kaspern ein wenig herum.
  • 01:38 Podcasting. Was wir hier eigentlich machen: Wir reden. Leute können uns zuhören. Das fühlt sich gut an.
  • 03:10 Revolutionäres. "Wir haben unsere eigenen Druckerpressen."
  • 04:07 Die Frage nach Sinn und Geschäftsmodell: Muss man mit Podcasten Geld verdienen? Was haben wir eigentlich vom Podcasten? "Sind wir Altruisten?" "Wollen Menschen teilen?"
  • 08:28 Sind die vielfältigen Medien und Informationsmöglichkeiten, die wir jetzt zur Verfügung haben toll und nützlich? Oder - so sorgt sich Michaels Mutter - gehen wir drin unter?
  • 13:00 Persönliche Karriere- und Sinnfragen. Sind die Personen und Organisationen, die die neuen Internet-Möglichkeiten nutzen im Wettbewerb stärker? Kommt es zu einem Konflikt zwischen denen, die die neuen Möglichkeiten nutzen und denen, die es nicht tun?
  • 16:20 Gibt es gemeinsame Werte und Sprache in der der Web2.0-"Community"? Verweis auf die reboot-Konferenz. Ideologiefragen: Kompetitiv vs. Kooperativ, neue gegen alte Ökonomie.
  • 19:34 "Wir können nicht alle Unternehmensberater werden." Stimmt. :-) Mehr zur "Web2.0-Avantgarde".
  • 22:10 Wie kommt es, dass es sich so anfühlt, als ob es viele Leute wären, die das Neue machen? Ist das in Wirklichkeit nur eine kleine, doofe Echo-Chamber?
  • 23:48 Werden wir durch die Veränderung und Beschleunigung alle depressiv? Ich erzähle eine Anekdote vom Digital Lifestyle Day (Videos hier, die Sache mit dem Pool z.B. hier).
  • 26:00 Neue Möglichkeiten im Netz. Meine Geschichte. Wie Leute das Netz verwenden, um neue Kontakte zu knüpfen.
  • 27:30 Schumpeter. "Wie macht man eine Wissensgesellschaft?" Sollte man? Lange Frage, lange Antwort. Ich erkläre, warum ich die Frage gefährlich bzw. nicht mehr interessant finde. Bei ungefähr
  • 29.30 kommen wir zur Schlüsselpassage des Gesprächs, glaube ich. "Ich weiß, wie das für mich funktioniert." Egoistisches. Praktischer Nutzen für mich. Ausblick auf Kunden und die Gesellschaft. Wenn ich recht habe, kommt das schnell genug, dass ich das noch mitkriege.
  • 32:07 Outro. Das Café schließt. Wir problematisieren über den Podcast und kaspern noch ein wenig herum.
  • 33:33 Ende.

Danke Michael, für das Gespräch, die Gastfreundschaft und (unter anderem) das neu gewonnene Audiobeitragsproduktionswissen. Das war ein außergewöhnliches Wochenende.

Über Feedback zum Gespräch - gern auch in privater E-Mail - würden wir uns freuen. Einige Fotos aus Cambridge habe ich nach hier drüben gestellt. Michaels Set ist hier.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Angeblich, laut Herrn Röll, gibt's im Cazimir Café den besten Kaffee, den er jemals getrunken hat! ;)

Michael P. Tomaszewski am 24.04.06 22:20 #
 

Ist wahr. Verrate ich aber keinem. Sonst baut der Laden an und wird anders.

Fahrt nicht nach Cambrige! Geht nicht in dieses Café! Besucht Brauereien! Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen! ;-)

Martin Röll am 24.04.06 22:25 #
 

Oh, Ihr seid ja wahnsinnig coole Techies ;-)
Im Ernst: Vielen Dank für das Mitschneiden des interessanten Gesprächs!

Nico Zorn am 25.04.06 00:12 #
 

Die unterlegte Muzak zum Gespräch schafft für Leute mit Hörgerät ein Inferno. Für mich auch ohne.

Oliver Baer am 25.04.06 08:40 #
 

Ich werde nicht mehr warm mit Podcasts, da hilft auch der neue Versuch nicht. Obwohl die Thematik spannend ist und ihr beide sehr angenehme Stimmen habt: es ist deutlich zu merken, dass es sich um ein Gespräch zweier Menschen in einem Café handelt und nicht um ein Interview für die Zuhörer. Die Sprache ist eine andere, es gibt keinen Moderator, der als Agent des Zuhörers fungiert und die Fragen stellt, bzw. in einer (Podiums)diskussion zwischen den einzelnen Teilnehmern vermitteln und darauf achten würde, dass das Gespräch zumindest einer groben Leitlinie folgt.
Euer Gespräch macht den Zuhörer zum Voyeur, selbst wenn er mehrmals indirekt angesprochen wird. Er ist aber nicht wirklich als Adressat involviert, ich komme mir ausgeschlossen vor. Es ist das selbe Gefühl, als würde ich in einem Café dem Gespräch an einem Nachbartisch lauschen, obwohl ich mit einer anderen Person in diesem Café sitze und weiß, dass mein Verhalten gerade unpassend ist. Das gleiche Gefühl hääte ich wohl bei einem Weblog-Eintrag, der als persönlicher Brief an eine ganz bestimmte andere Person gerichtet ist. Diese Form der Intimität verbietet mir den Zugang geradezu. Auch ist der Zuhörer von der kompletten Interaktion zwischen euch beiden ausgeschlossen. Ich habe immer das Gefühl, etwas zu verpassen, gerade in den längeren "Denkpausen" - dann würde ich gerne sehen, was passiert: Gestik, Mimik, Interaktion mit der Umwelt. All das würde euer Gespräch erst komplett machen. Ob ein Vidcast das schaffen würde, wage ich allerdings zu bezweifeln. ;-)

Vielleicht muss erst gelernt werden, diese Form der Kommunikation zu verstehen, wie auch eine Sprache gelernt werden muss. Ich schaffe es jedenfalls (noch) nicht.

Ein Wort zum Inhalt: Michael sprach vom revolutionären Charakter der social Software in Bezug auf die Möglichkeit zur weiten Verbreitung von Informationen. Er verglich diese Möglichkeit mit den früheren Schwierigkeiten in feudalen und totalitären Gesellschaften, an Druckerpressen zu gelangen, um Meinungen und Ideen in Papierform verbreiten zu können. Er sprach auch davon, dass diese Form der Publikation nur wenige gesellschaftliche Gruppierungen und Schichten erreichen konnte, was mit social software anders wäre. Ich glaube nicht, dass dieser Vergleich gut ist. Die Generierung von Inhalten und die Herstellung von Öffentlichkeit mag mit social software leichter fallen, aber die Schwierigkeiten verlagern sich auf den Rezipienten. Zum Hören von Podcasts und Lesen von Weblogs bedarf es nämlich entsprechender Hardware und, noch wichtiger, das Know-How um diese zu bedienen. Im Vergleich zum Aufschlagen einer Zeitung oder in die Hand nehmen eines Flugblattes ist dies ein unendlich hoher Aufwand, der auch eine soziale Barriere darstellt. Die Hardware ist nämlich so kostenintensiv, dass sie eher selten in sozial schwachen Familien vorzufinden ist, vom nötigen Know-How zur Bedienung mal ganz zu schweigen. Die Barriere ist der des gutenberischen Buchdrucks also ganz ähnlich. Und die Verbreitungsdichte deutscher Tageszeitungen ist heute sowieso wesentlich höher als vor einigen hundert Jahren.

Thilo Specht am 25.04.06 12:28 #
 

Ich stimme zu, dass die technischen Hürden nach wie vor (viel) zu hoch sind, auch wenn viele Leser dieses Weblogs dies natürlich für sich selbst nicht so empfinden. Kostenintensive Hardware sehe ich hingegen nicht als das Problem an. Diese Zeiten sind vorbei - und in sozial schwachen Familien wird man eher einen PC (inkl. nicht zu verachtender Hardwareausstattung) als eine Tageszeitung vorfinden. Dafür lege ich (fast) meine Hand ins Feuer. Tatsache ist, dass wir uns in einem Umbruch befinden, dessen vollständige Ausmasse heutzutage niemand abschätzen kann. Tatsache ist auch, dass Weblogs und Podcasts beispielsweise die chinesische Regierung vor grosse Probleme stellen, da diese nicht ganz so einfach wie die Printmedien kontrolliert werden können. Dies zeigt für mich, dass der Zugang für denjenigen, der Informationen verbreiten will als auch denjenigen, der diese Informationen sucht durch diese Medien im Vergleich zum Buchdruck wesentlich vereinfacht wird. Und vor allem wird die Zahl potenzieller Rezipienten exponentiell gesteigert. Lange Rede, kurzer Sinn: ich glaube an eine Senkung dieser Barriere!

Florian Heidecke am 25.04.06 12:58 #
 

Hallo Florian,

die Barriere ist vielleicht niedriger geworden, aber vor allem ist die Anzahl der Menschen höher geworden, die diese Barriere überwinden können oder überwunden haben. Das hat dann aber vor allem mit demokratischen Prinzipien, Bildungspolitik, Informations- und Meinungsfreiheit zu tun und weniger mit Technologie, wobei diese als Instrument natürlich schon eine bedeutende Rolle einnimmt.

China ist ein gutes Beispiel, dass ich vorhin vergessen habe: Wenn ein Land seine eigene Google-Suchmaschine bekommt und jeglicher Internetverkehr über staatliche Server läuft, die fleißig filtern, wird die Kontrollmöglichkeit für Weblogs und Podcasts nicht sooo schlecht sein. Nicht zu vergessen, dass kein geringer Teil der chinesischen (Land-) Bevölkerung immer noch in archaischen Verhältnissen lebt.

Thilo Specht am 25.04.06 13:15 #
 

Hmmm... Ich äußere mich demnächst mal zu den Kommentaren. Alles sehr interessante Einwürfe...

Erstmal hat die Forschung allerdings Vorrang...

Michael P. Tomaszewski am 26.04.06 15:20 #
 

(Michael schreibt gerade an zwei Papieren und hat ganz enge Deadlines. Gebt uns ein paar Tage.) (Tut mir Leid, dass ich noch kein RSS an den Kommentaren habe. Kommt. Bald.)

Martin Röll am 26.04.06 15:46 #