21. April 2006

[ Blogosphere , PR ]

'Durch Weblogs ausgelöste Krisen', Angst-Marketing und eine schlechte PR-Agentur

25.04.06: Zu diesem Eintrag gibt es einen nicht unwesentlichen Nachtrag.

Am Osterwochenende gab es ein wenig Aufregung in Blogland. Auslöser war die PR-Agentur Johannsen + Kretschmer, die einen Artikel über "Weblogs und Krisenkommunikation" veröffentlicht hatte. Dieser war mit einer Abbildung des Buchcovers von "Blogs!" versehen worden, was Don Alphonso bemerkt hatte. Er hat Rechte an dem Bild und beschwerte sich über die unerlaubte Nutzung. Die zwei Mitarbeiter der Agentur - eine von ihnen interessanterweise die, die vor wenigen Monaten noch bei einer anderen Agentur arbeite und dort den Kunden Jamba betreute - reagierten in den Kommentaren... und logen: Sie erklärten, sie hätten die Verwendung mit dem Verlag abgeklärt. Wenige Stunden später war klar, dass das nicht stimmte. Eine dünne Erklärung des Bedauerns kam noch irgendwoher von Agenturseite, die Mitarbeiter waren nicht mehr gesehen.

Und nun, einige hundert Kommentare und dutzende Weblogeinträge später?

Fast nichts. Außer: Ziemlich blöde Google-Positionen für die Agentur. Ein ziemlich mieser Eindruck von den beiden Mitarbeitern und ihrem Arbeitgeber. Ein weiteres Beispiel für meine Sammlung, wie man es nicht machen sollte.

Es ist so schade. Da könnte man so viel mehr machen. Aber die Agentur bringt nur ein "Weblogs können Krisen verursachen" zu Stande, schreibt dass "unabdingbare Voraussetzung für den Umgang mit Weblogs (...) das Verständnis der Spielregeln der Blogosphäre" ist und geht dann zu Don Alphonso ins Blog und lügt ihn an. Ich kam heute Morgen aus dem Kopfschütteln kaum raus.

Es gibt in der Tat einen Haufen guter Gründe für Unternehmen, Weblogs zu beobachten. Das ist ein bisschen, wie wenn man beim Autofahren die Augen auf macht: Man sieht dann mehr. Das hilft beim Autofahren.

Aber dann die billige: "Be afraid! Be VERY afraid!"-Nummer? Wer kauft denn auf sowas? Wie jämmerlich.

Wenn's wenigstens mal wahr wäre. Wenn Blog wenigstens wirklich eine Gefahr wären. Krisen, die durch böswillige Blogger ausgelöst und erfolgreich verbreitet wurden, gibt es nicht. schreibt Djure Meinen und hat Recht. Oder Björn Hasse:

Die Meinungen über ein bestimmtes Produkt oder Unternehmen existieren. Wer ein Produkt oder Unternehmen kennt, hat dazu auch eine Meinung. Je besser er es kennt, desto ausgereifter ist seine Meinung. Und wenn ein Produkt oder Unternehmen Schwächen hat - ob Materialfehler oder Praktikantenhungerlöhne -, dann werden darüber Meinungen auch ausgetauscht.

... zum Beispiel in der Blogosphere. "Krisen, die durch Blogs ausgelöst werden"? Noch lange nicht.

(Exkurs: Die Fokussierung auf Krisen mancher PR-Leute ist richtig elend, auch wenn sie ökonomisch verständlich ist: In der Krise sind die Budgets hoch und kann der PR-Held glänzen, in der "Krisenprävention" gibt es viel Geld für wenig Arbeit und vor allem keinen Druck, irgendeinen Nutzen rechtfertigen zu müssen: ist ja alles präventiv. Dauerhafte Kommunikationsarbeit, die Wert schafft, messbaren gar, sodass man nachrechnen könnte, ob sich das Honorar gelohnt hat, ist viel mühsamer. Vertriebsarbeit für solche Dienstleistungen auch.)

"Strategische Kommunikation" ist gar nicht so einfach: Man braucht die richtige Strategie und die richtige Taktik und die richtige Ausführung. Wenn nur ein Schritt falsch läuft - vernachlässigen wir hier mal die miese Informationsbasis und das eingeengte Blickfeld der Agentur und schauen nur auf letzteres - kann's schief gehen. Schauen wir mal, wieviel Umsatz Johannsen + Kretschmer im Geschäftsfeld "Weblogs" so machen werden.

25.04.06: Zu diesem Eintrag gibt es einen nicht unwesentlichen Nachtrag.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Ich kann Dein Kopfschütteln nur bestätigen. Blogs bieten dermaßen positives Potential, dass man das Kribbeln im Nacken schon verspürt, wenn man nur den Stift zum Brainstorming in die Hand nimmt. Aber soweit kommt es nicht. Zwei Dinge bemerke ich: Die Ausnutzung (und den Missbrauch) der Technologie (SEO Spam und Linkblogs) oder eben die metaphorischen Warnungen und Tiraden, die versuchen Blogschreibern die inhaltliche Basis zu entziehen. Schade.

Oliver am 21.04.06 22:12 #
 

Lustige, lehrreiche Sache für Blogger. Dumm gelaufen für die Agentur. Ist alles in allem wieder einmal ein Beispiel dafür, wie es laufen kann, aber nicht unbedingt sollte. Ein Klassiker so zusagen. Ich will hier nicht "wichteln", weiß aber, dass auf Agenturseite im Ungang mit Weblogs noch immer großes Staunen herrscht. Wenn das Steuern von Kommunikation infolge user generated media immer schwieriger wird, ist es klar, dass es nicht weit ist, das böse böse Blog-Gespenst an die Wand zu malen. Es wird noch dauern, bis sich die Blog-Denke auch auf Agenturseite entsprechend durchgesetzt hat. Dann werden wir auf den Homepages zwar noch immer darüber lesen, dass die Blogsphere nach "eigenen, besonderen Gesätzmäßigkeiten funtioniert, etc.", der Umgang mit diesem Medienphänomen wird dann aber friktionsfreier und wesntlich entspanner vor sich gehen. Hoff' ich zumindest ;)

Ed am 08.05.06 16:53 #