24. März 2006

[ Communities , E-Commerce , Gesellschaftliches , Internet , Marketing ]

Primitivinternet

Die Diskussion auf der Labrador Lounge heute Abend war in vielerlei Hinsicht interessant (in vielerlei Hinsicht auch grauenhaft, aber darüber werde ich hier nicht schreiben). Einer der zentralen Punkte für mich waren die unterschiedlichen Sichtweisen der Leute auf User oder, um es leicht zu überzeichnen: die unterschiedlichen Menschenbilder.

Manche glauben, dass Menschen vor allem durch Neugierde und Macht- bzw. dem daraus resultierenden Selbstdarstellungstrieb angetrieben sind. Sie möchten Neues, Interessantes finden und sich selbst darstellen. Sie wollen das Vertrauen und die Anerkennung der anderen und sichtbare Symbole, die ihren Status repräsentieren.

Sie werden deshalb Teil einer "Community", das ist hier: eine technische Plattform im Internet, in der sie das finden und in der es ein System des Aufstiegs im "Trust", das ist das technisch ausgedrückte Vertrauen der anderen in einen, gibt.

Hm.

Befragt man diese Leute, kommt heraus, dass sie so nicht sind. Nur die anderen. Nein, sie kennen auch niemanden der so ist. Der Nachbar ist so nicht, der Chef nicht, der aktuelle Gesprächspartner gerade auch nicht, aber die anderen. Im Prinzip alle, nur wir gerade nicht und auch niemand, den wir kennen, aber im Prinzip alle.

Komisch.

Wie schön wäre es, wenn wir so primitiv wären.

Ach nee, wir sind's ja nicht. Es sind ja die anderen.

Und die gibt's ja. Lycos hat ein paar Millionen User, nicht?

Hm.

Das ist das Primitivinternet. Es gibt das schon lange, aber jetzt ist mir das richtig klar.

Es gibt die: die, die auf den Plattformen leben, die Reputation-Points sammeln, die gierig die von den Viral-Marketers geseedeten Clips replizieren und weiterschicken (hurra! Wirtstiere!), die jede noch so dumme Frage auf Lycos-IQ beantworten, um Punkte, Reputation, Trust oder wasauchimmer zu sammeln oder auch einfach nur die Zeit totzuschlagen. Es gibt sie.

Und dann gibt's da noch: Die, die nur wenig Zeit am Netz verbringen, ganz gezielt, wenn sie was suchen oder kommunizieren wollen. Die im wesentlichen woanders, vielleicht offline, leben, ein richtiges Leben [tm] haben und nicht Mitglied auf einer, sondern auf vielen Plattformen sind. Für die "Community" nicht Software und Plattform bedeutet, sondern menschliche Gemeinschaft. Die Reputation an menschlichen Äußerungen spüren und nicht als Trustpoints messen. Manche von denen haben vielleicht ein Weblog, in dem sie mal schreiben, mal behaupten, mal fragen, mal Information weitergeben, über das sie Leute kennenlernen, Kontakte pflegen, sich selbst "darstellen", naja: Sie leben halt da und dabei stellt man sich fast automatisch dar.

Manche lassen sich durch Bonbons und Trust-Punkte motivieren. Manche sind komplexer.

Für das Marketing wird das in vielerlei Hinsicht interessant (das ist eh interessant und für noch viel mehr Dinge als Marketing, aber darum ging's heute abend und dort wird's schön praktisch): Wen will man denn erreichen? Wen kann man überhaupt noch so erreichen, wie man das bisher versucht hat?

Das Primitivinternet wird überleben. Das andere Internet wird auch überleben. Das Primitivinternet braucht Plattformen, die die Leute zusammenführen. Im anderen Internet organisieren sich die Leute selbst.

Preisfrage: Welches Netz wird größer? (Gibt's mehr Primitive oder mehr andere? Und bevor Ihr antwortet: Erst nochmal den Absatz oben lesen.)

Ich male hier mal einen Long Tail hin.

Schauen wir, wer in fünf Jahren noch mitspielt.

Im Archiv: Das E-Business Weblog: Long Tail (23. Januar 2006)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

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Ich glaube die Steigerungsform Deines Primitivinternet nennt sich Blogosphäre. SCNR

Jan Almer am 24.03.06 15:12 #
 

Im Gegenteil.

Martin Röll am 24.03.06 17:45 #
 

Die Motivation des gemeinen Bloggers ist doch unstreitig gerade sein Selbstdarstellungstrieb, den Du als Merkmal des Primitivinternets nennst.

Sogar Dein Beispiel des "Wirtstieres", dass irgendwelche Webfundstücke an Freunde weiterleitet, zeigt doch genau den Grundgedanken bei der Entstehung von Weblogs. Es ging darum, etwas was man im Web gefunden hatte, für die Nachwelt festzuhalten.

Gut, Weblogs haben sich weiterentwickelt. Aber in einem Großteil der Blogs schreiben doch Menschen über ihre Erlebnisse, Gedanken, Meinungen. Und im Großteil der Fälle (natürlich, es gibt Lichtblicke) ist das Zeug völlig uninteressant für jeden Außenstehenden.

Und genau da bin ich an dem Punkt, wo ich mich dann immer frage: Hat der Typ keine Freunde, denen er das erzählen kann? Hat der kein richtiges Leben? Muss der das wirklich aller Welt im Netz erzählen?

Und genau deswegen sage ich: die Blogosphäre und Dein Primitivinternet haben eine sehr große Schnittmenge.

Jan Almer am 24.03.06 18:47 #
 

Hi Martin,

recht schade fand ich, dass sich fast ausschließlich die beiden Marketingherren unterhielten. Hätte mir mir "Kontra" von dir und Sven erhofft. Zeit genug wäre ja gewesen, denn dieser Journalist hatte ja auch genug Zeit, x uninteressante Postings zum Thema Fußball vorzulesen ;-)

Kai am 24.03.06 19:02 #
 

Jan, Leute bloggen aus allen möglichen Gründen. Selbstdarstellung ist nur einer davon und bei weitem nicht der wichtigste. "Hat der Typ keine Freunde, denen er das erzählen kann?" Doch, hat er: Die lesen sein Weblog. Genau für die schreibt er. Viele Weblogs sind einfach nur Mitteilungen an Freunde oder Gespräche. Oder mal Selbstdarstellung. Oder mal Kunstwerk. Oder mal was ganz anders. So sind Menschen: Immer anders. Und komplex.

Martin Röll am 24.03.06 21:25 #
 
Schauen wir, wer in fünf Jahren noch mitspielt.
Jep. Dann will ich zuerst kurz nachschauen, ob es diesen Beitrag noch gibt. ;-) Onno am 25.03.06 00:01 #