18. März 2006

[ Digitalisierung ]

Zur Zukunft des Fernsehens


"Saturday morning television",
aufgenommen von "Unknown cataloguer",
veröffentlicht auf Flickr
(CC-by-nc-nd)

Dieser BBC-Artikel schaut in die Zukunft des Fernsehens (via Alexander).

(Ich schreibe ein paar Dinge aus dem Artikel heraus und mische es mit eigenen Ideen.)

Wir werden eine riesige Auswahl an Kanälen haben. Mit kleinen "Personal Video Recordern" werden wir tagelang Sendungen aufzeichnen können. Das eigentliche "Programm" der Sender wird weniger wichtig, wenn wir werden Sendungen dann schauen können, wann wir wollen.

Werbung kann übersprungen werden. Auch Live-Sendungen können auf "Pause" gesetzt werden, wenn zum Beispiel ein Anruf reinkommt - man schaut dann einfach fünf Minuten verzögert weiter.

Die meisten Sendungen werden online verfügbar sein. Man braucht das "digitale TV" eigentlich nicht, denn man kann sich das, was man sehen will, über das Internet herunterladen.


"Breakfast with friends",
aufgenommen von "saltoricco" (Holger Stephan),
veröffentlicht auf Flickr
(CC-by-nc)

Alte Leute werden immer noch viel fernsehen. Junge Leute werden selektiv schauen, sich das herunterladen, was sie wollen, es ihren Freunden weitergeben und eigene Sendungen aus Material der Sender zusammenkleben.

Den Geschäftsmodellen der Sender wird das kaum schaden. Werbung wird besser, gezielter, wertvoller werden, vor allem durch automatische Platzierung und weiter als Geschäftsgrundlage funktionieren. Vielleicht entstehen Pay-per-View-Geschäftsmodelle, mit sehr geringen Beträgen pro Sendung, weil Sperren mit geringem Aufwand umgangen werden können.

Mag jemand mal ein ganz anderes Szenario aufmachen?

Siehe auch: Das E-Business Weblog: Aufmerksamkeitsökonomie (26. Januar 2006).

BBC NEWS | In Depth | Broadcasting

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

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"Den Geschäftsmodellen der Sender wird das kaum schaden. Werbung wird besser, gezielter, wertvoller werden, vor allem durch automatische Platzierung und weiter als Geschäftsgrundlage funktionieren."

Ich widerspreche lautstark. Unterbrechungswerbung stinkt bereits gewaltig und ist kurz vor dem endgültigen Ableben. Ein alternatives Modell ist noch nicht gefunden.

Sollten die Sender versuchen, ihren Kram über iTunes et al zu vertreiben (was die ersten ja bereits tun), haben sie demnächst nicht mehr ein paar dutzend, sondern ein paar tausend Mitbewerber. Darauf sind sie nicht vorbereitet.

"Die Marke eines Fernsehsenders wird bald weniger Wert sein, als ein gebrauchter iPod mit defektem Akku auf Ebay", schrob ich Anno 2004. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert.

Besäße ich TV-Sender-Aktien, ich würde allerspätestens jetzt verkaufen. Alle.

Mario am 18.03.06 20:40 #
 

Mensch, da schreibe ich einmal was Defensives... ;-) Hast ja recht. Auf mein Szenario oben würde ich auch nicht wetten. Aber: Inzwischen ist's für mich denkbar. Ich halt es nicht für wahrscheinlich, aber doch möglich. Vielleicht werd' ich alt. :)

Martin Röll am 18.03.06 21:45 #
 

Mario nennt aber einen Schlüsselbegriff: Marke. Nehmen wir RTL im Internet. Meiner privaten und bescheidenen Ansicht nach tun die nichts, was andere nicht auch und besser tun. Dennoch kommt RTL World (alle Angebote des Netzwerks) auf 563 Millionen Page-Impressions im Februar 2006 (mehr als vier Mal so viel wie Heise Online). Damit will ich nicht sagen, dass Qualität sich nicht durchsetzt oder dass Suche (vulgo Google) bzw. gemeinschaftliches Katalogisieren (Diggen, Furlen etc.) nicht auch kleine Akteure ganz groß machen kann. Aber deswegen verschwindet die Bedeutung von Marken nicht völlig -- vorausgesetzt natürlich, die Akteure legen überhaupt Wert darauf, ihre Marke in diese undurchsichtige neue Welt zu übertragen.

(Unterbrecher-)Werbung als Geschäftsgrundlage auf Dauer für kommerzielles Fernsehen? Ich zweifle auch daran. Im kommerziellen TV eher mehr Sponsoring, mehr Pay-per-view/channel/package. Und die Digital-Sat-Zuschauer dürfen anfangen.

Alexander am 18.03.06 23:28 #
 

Ich stimme im Großen und Ganzen zu, allerdings seh' ich noch einiges Potential für Spartenkanäle. Ich bin insgesamt für VoD (insbesondere über bestehende Internetstandards - ist ja alles bereits machbar), aber schaue mir immernoch gerne Spartenkanäle (wie Phoenix, ARD.Extra, ZDF.doku, etc.) über Satellit an.

Ich weiss nicht, ob es tatsächlich zutreffen wird, dass jeder zu jeder Zeit bestimmen _wollen_ wird, was "läuft". Kann mir vorstellen, daß manchmal ein unverhofft gutes Programm über ein ausgesuchtes Thema ganz interessant sein kann. Ich erinnere mich an einen hervorragend gemachten Themenabend "erneuerbare Energien" auf arte. Ich hatte zufällig - eher gefrustet vom restlichen Abendprogramm - auf arte geschaltet und war über die Qualität des Programms sehr angenehm überrascht.

Der Punkt ist der: kann ich mir aussuchen, was ich schauen will, wenn ich nicht weiß, was tatsächlich an interessanten Programmen existiert? Ich weiß, z.B. daß mich 3Sat "neues" interessiert und schau das mittlerweile fast nur noch per RealVideo übers Netz. Vielleicht gibt's mittlerweile eine (für mich) interessante Sendung zum Thema 'Ökologisches Leben' und ich weiß davon nur nichts, weil der Fernseher schon seit Monaten nicht mehr angeschmissen worden ist.

Wenn gutes Fernsehen darin besteht, daß es sowohl innovativ, als auch informativ ist, dann lass' ich mich auch mal gerne von einer gut gemachten Reportage oder Diskussionsrunde überraschen. Wenn die Überraschung unangenehm sein sollte (s. DSDSS, Big Brother, restl. Fernsehmüll) kann man noch immer die Glotze einfach ausmachen und ein gutes Buch lesen... oder sich den neuesten Vidcast anschauen. ;)

Michael P. Tomaszewski am 18.03.06 23:32 #
 

Ich habe nun seit Jahren nicht mehr fern gesehen und vermisse es keineswegs. Die Werbung ist zu laestig und die Auffindung von guten Sendungen zu umstaendlich. Unser 13-jaehrige Sohn sitzt lieber am Computer. Da ist er auch auch in guter Gesellschaft bei seinen Altersgenossen. Vielleicht, ohne Werbung und besserer Kontrolle ueber den Inhalt werden wir uns in der Zukunft wieder als Zuseher gewonnen. Aber dann wird es wohl eher eine Mischung aus Computer und Fernseher sein. Bis dahin setzen wir uns nur vor die Kiste um Filme auf DVD zu sehen. Nur mal so eine nicht-repraesentative Meinung.

Holger Selover-Stephan am 19.03.06 09:08 #
 

Ein Blick in die Vergangenheit: Zu einer Zeit, als es in Deutschland nur drei Fernsehprogramme gab, nämlich ARD, ZDF und die regionalen dritten Programme, also bis Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, hatte Fernsehen auch erhebliche Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben. Aufgrund der im Verhältnis zu heute geringen Auswahl an Sendern schauten mehr Menschen dieselben Sendungen. Und dies wirkte sich soziokulturell aus: Wenn am Samstag abend die halbe Republik, und die Einschaltquoten waren damals so, „Wetten dass“ sahen, dann wurde am kommenden Montag darüber an der Arbeit, in der Schule und anderswo darüber gesprochen. Straßenfeger wie dieser hatten Nachwirkungen, waren Gesprächstoff, verbanden die Menschen. Um am Montag dabei zu sein, durfte der Durchschnittsdeutsche eine solche Sendung nicht verpassen. Auch die Verfilmungen der Kriminalromane von Francis Durbrige sorgten für traumhafte Einschaltquoten. Arm und reich, jung und Alt saßen vor der Glotze und sahen ein und dasselbe Programm.

Über soziale Unterschiede und Bildungsgrenzen hinweg, generationsverbindend hatten die Deutschen etwas, worüber man reden, lachen und diskutieren konnte. Das Fernsehen einte in gewisser Hinsicht das Land. Und das führte auch dazu, daß die Menschen in ihrer Gesamtheit mehr im Gespräch miteinander waren. Fernsehen hatte damit positive soziale Folgewirkungen.

Das ist mit der Vielfalt der Sender und der damit verbundenen Individualisierung verlorengegangen. Und die Vielfalt ist gut. Dennoch ist es keinem Medium jeweils wieder gelungen, derartig integrierend zu wirken

Jörg Holzmüller am 19.03.06 12:00 #
 

@Jörg:

> Dennoch ist es keinem Medium jeweils wieder
> gelungen, derartig integrierend zu wirken

Du hast das Medium vergessen, das wir hier gerade benutzen ;-) Im Ernst: Ich unterhalte mich wesentlich lieber z.B. in Blogs über Themen, die mich wirklich interessieren, als über die letzte "Wetten Dass"-Folge. Das Internet führt Menschen mit ähnlichen Interessen zusammen (on- und offline). Das Fernsehen wollte den Menschen ihre Interessen diktieren.

Nico Zorn am 19.03.06 16:17 #
 

anderes Szenario? ok!

Die privaten treiben die Verschlüsselung voran: Digitales privates Fernsehen im Kabel nur mit Verschlüsselung und Freischaltgebühr, ab 2007 sollen auch die bisher frei empfangbaren Kanäle verschlüsselt werden. Und das betrifft das sogenannte Free-TV.
Nicht vergessen: die privaten bauen ihr Programm um die Werbespots dem Zuschauer zu zeigen, Werbung rausschneiden natürlich unerwünscht, weils die Werbeeinnahmen schmälert.

HDTV: nur anzusehen durchgängig zertifizierter Hardware, mitschneiden? Fehlanzeige, wenn mans nochmal sehen will, muss man blechen. Content-Kontrolle eben und das durchgängig! Heute gekaufte Hardware (HD ready) ist, da die Standards noch nicht klar sind, ggf. in einem Jahr ein Fall für den Mülleimer, da sie nicht zertifiziert ist.

"... ... entstehen Pay-per-View-Geschäftsmodelle, mit sehr geringen Beträgen pro Sendung, weil Sperren mit geringem Aufwand umgangen werden können."
Irrtum: Das Knacken von Sperren ist jetzt schon illegal, die Industrie wird mit nachladbarer Software geknackte Verschlüsselungen ersetzen können, ergo: Verschlüsselungen werden wirksam und bleiben es auch. Die Zeiten, dass Verschlüssleungen geknackt werden können sind jetzt schon fast Geschichte. (vgl. http://www.golem.de/0603/44098.html)

"Wir werden eine riesige Auswahl an Kanälen haben. " Stimmt, haben wir aber jetzt schon - wenn ich durch das Satelliten-Angebot durchswitche wird mir aber schlecht - ProSiebenSat1 zeigt immer mehr Wiederholungen und billich jemachte Eigenproduktionen. Zielgruppe: Die Masse, und die bekommt mittlerweile immer öfter Hartz IV. Das hat zur Folge, dass die Qualität der Zielgruppe angepasst wird -> siehe Programm.

Die Zukunft sieht wohl eher so aus, dass die öfftl. rechtlichen ihre Spartenkanäle ausbauen - bezahlt mit der GEZ-Steuer. Die sind natürlich auch frei zugänglich. Ggf. braucht man da aber auch wieder extra Hardware (vgl. ARD-MHP).
Die privaten sehen ihre Zukunft im Bezahlfernsehen, digital und ggf. auch on demand. Werbeunterbrochenes Fernsehen wird es in spätestens zehn Jahren nicht mehr geben und die Übertragungswege werden vielschichtiger, man kann ja den eingebauten Tuner im Fernseher heute schon in den DVB-T versorgten Gebieten nicht mehr nutzen, man braucht also die eine und/oder andere externe Box (Kabel-TV, Sat-TV, DVB-T, D-Box usw.).

Die Zukunft?
Junge Leute beziehen Ihre Infos (Nachrichten) eh übers Web und Filme werden gekauft. Den älteren macht die Industrie gestaffelte Angebote als Bezahlfernsehen und der soziale Status lässt sich an den abonnierten Kanälen ablesen. Unter den Prekären (also die, die gerade über die Runden kommen) wird öfftl. rechtlich geschaut! (Schön wärs :o), eher übernimmt das Sozialamt die Abo-Gebühren für die privaten Sender)

Im Endeffekt wird die Rolle des klassischen Fernsehens weiter abnehmen - was auch den politischen Journalismus treffen wird.


Schöne neue Welt!

Nicht vergessen: Die Nachfrage bestimmt den Markt! Und wenn eben niveauvolles Gernsehen nur von einer Minderheit nachgefragt wird machts keiner.
Siehe Viva2 vor ca. 2 oder 3 Jahren, vielleicht ist es auch schon länger her ... ...

Karsten am 19.03.06 21:37 #
 

Korrektur/Ergänzung im ersten Absatz:
Die Verschlüsselung ab 2007 betrifft Die ASTRA-Ausstrahlung der ProSiebenSat1-Programme via Satellit.

Karsten am 19.03.06 21:39 #