19. Februar 2006

[ Blogging , Datenschutz ]

Mehr zur Privatsphäre im Netz

Vor ein paar Tagen überraschte mich das Fernsehen, das ich im Hotel in Karlsruhe in nicht nur geistiger Umnachtung angeschaltet hatte, mit einer Diskussion über Privatsphäre im Netz bei Sandra Maischberger, die Andreas Weigend zu Gast hatte. Ich dachte, ich sehe nicht richtig: Sie führten genau die Diskusssion, die dieser Tagesschau-Artikel ein paar Tage vorher angezettelt hatte! (Mein Weblogeintrag dazu.)

In dem Thema steckt eine ganze Menge drin, und mehr, als bisher in der Breite diskutiert wurde. Kirstin Walther hat mich mit ihrem Kommentar hier darauf gestoßen: Es geht in der "Privatsphäre im Netz"-Debatte gar nicht im Kern um die Daten, die wir über uns selbst veröffentlichen, so wie ich etwa hier meine Reisepläne veröffentliche. Das heißt: Es geht schon darum, aber das ist nicht der wichtige Punkt. Viel interessanter, wichtiger, kritischer sind die Daten, die andere über uns veröffentlichen.

Bilder auf Flickr, Weblogeinträge, Annotationen... es kommen immer mehr digitale Spuren über uns ins Netz, die wir nicht direkt selbst digital verursacht haben. Es reicht, dass irgendwer ein Foto von uns auf einer Veranstaltung aufnimmt und es auf Flickr stellt. Ein anderer erkennt uns zufällig darauf und annotiert das Bild mit dem Namen - und schon weiß der Chef, dass man beim Bobrennen und nicht krank war. Nicht mehr lange und Suchmaschinen werden auf Fotos Personen erkennen können - dann wird der Vorgang automatisiert. Ein anderes Beispiel gab es ironischerweise bei Kirstin selbst, in ihrem Weblog!

Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich eine "Daten-Ethik" in Weblogs, Fotodiensten und im Web allgemein entwickeln wird: Nach welchen Regeln veröffentlicht man Daten über andere? Ich finde zur Zeit ganz interessant, wie das Teenager in ihren Tagebuch-Blogs machen: Manche nennen ihren Klarnamen und die ihrer Freunde. Alle Sauforgien und Exzesse sind sauber dokumentiert im Netz und werden wahrscheinlich ewig personenbezogen auffindbar sein. Andere gehen sehr differenziert mit Namen um, verwenden Pseudonyme, Kürzel oder Verfremdungen - zum Teil wohl, damit die Genannten die Einträge über sie selbst nicht finden können, zum Teil aber offenbar ganz bewusst, um die Identitäten der Be-bloggten (die mitlesen und manchmal mitkommentieren) zu schützen. Das macht mir ziemlich viel Hoffnung: Die Leute, die da ins Netz kommen, haben Medienkompetenz. (Gegenbeispiel: Die Kids, die ihre Klarnamen zusammen mit ihren Adressen und Telefonnummer bei mir in die Tokio-Hotel-Kommentare stellen.) Wie das wohl weitergehen wird?

Mich hat diese Sache damals ganz nachdenklich gemacht. Da steckt viel mehr Vernunft drin, als ich damals gesehen habe. Daten über andere Personen zu veröffentlichen ist ein Eingriff in deren persönliche Rechte. Man muss behutsam damit umgehen.

Zum Beispiel:

  • Fragen, bevor man ein Foto einer anderen Person veröffentlicht.

  • Fragen, bevor man in Weblogeinträgen Bezug auf offline geführte Gespräche oder offline statttgefundene Treffen nimmt.

  • Nachdenken, bevor man irgendwelche Daten mit persönlichen Daten einer anderen Person annotiert.

  • Was noch?

Ich habe heute Herrn Weigend, als ich ihm bei Chris Langreiter wieder über den Weg lief, ein paar Zeilen geschrieben. Über seine Website kam ich zu seinen Flickr-Fotos. Dort kann man sich die andere Seite der Maischberger-Sendung ansehen. Schöne, neue Web2.0-Welt. Mein' ich ernst.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Bestimmte Themen haben einen langen Atem. Vorgestern schreibt dazu Martin in seinem Blog unter anderem:

Es geht...

ThoBlog: Spuren im Web und Privatsphäre (21.02.06 13:10)

ja, jetzt hab ichs auch benutzt, das schmutzige Wort ;-)

und wie übersetze ich "Privacy" genau?

Egal, da ist ein Problem. Schön hat es der auf amerikanisch be

Kommentare aus der AMAZONAS-Box: Web 2.0 und Privacy (06.06.06 23:33)

 

Ich kann Ihrer Meinung nur uneingeschränkt zustimmen: Meiner Meinung nach muss unbedingt gefragt werden, wenn Fotos von Personen oder Zitate, die nicht bereits in irgendeiner anderen Form (Weblog, Forum oder Zeitung) von der jeweiligen Person selbst publiziert wurden, im Web veröffentlicht werden. Ich habe ein sehr zwiespätiges Gefühl bei Flickr ...

Peter am 19.02.06 01:28 #
 

Anderer Gedankenansatz: sich vielleicht nicht krank melden, sondern Urlaub nehmen, wenn man sich das Bobrennen ansehen will. Dann stört es auch nicht, wenn man dort geflickrt wird.

Will heißen: Wer offen und ehrlich ist, hat nichts zu befürchten. Wie offen und ehrlich wollen wir sein? Wie viel Lüge gehört zur normalen Privatsphäre? Wie viel ist sogar notwendig? Ist es wirklich so?

Think about it.

(This was just a little Diskussionsanreiz.)

Mario am 19.02.06 02:07 #
 

Ich veröffentliche grundsätzlich nur Fotos von Personen auf flickr (oder auf meiner Seite), wenn ich das Einverständniss der Abgebildeten habe oder davon ausgehen kann (Fotos von einem Flickrer Treffen, wobei ich natürlich auch nicht alles zeigen würde). Genauso versuche ich es mit meinen Blogeinträgen zu halten. Und ich denke, ich würde Kommentare in meinem Blog entfernen oder überarbeiten, die gegen diese (meine) Regeln verstoßen.

Carsten am 19.02.06 10:46 #
 

Wer Bilder von Personen veröffentlichen will muss deren Einverständnis einholen. Und das ist nicht meine Meinung, sondern gesetzlich geregelt.

RJ am 19.02.06 12:04 #
 

Interessant dazu: Wikipedia: Recht am eigenen Bild.

Martin Röll am 19.02.06 13:04 #
 

Die Veröffentlichung persönlicher Daten anderer ist doch (zumindest in Deutschland oder sogar der EU) bestimmt auch gesetzlich geregelt, oder? Zumindest wenn es um Adressen, Telefonnummern u.ä. geht.

Aber wo ist eine sinnvolle Grenze dessen, was ich ohne nachzufragen irgendwo schreibe? Martin hat sich ja z.B. "beschwert", dass B veröffentlicht hat, dass er A kennt. Gerade in der Grauzone werden sich die Geister scheiden. Oder man verzichtet ganz, andere Personen zu zitieren, die den Sachverhalt nicht schon ihrerseits publiziert haben.

In Zukunft wird man wohl oft unverhofft auf Daten über sich selbst im Netz stolpern, die man nicht direkt selber verursacht hat...

Carsten am 19.02.06 14:07 #
 

@Mario: "Wer offen und ehrlich ist, hat nichts zu befürchten."

Dazu sagt Pär Ströms: "Es gibt tausendundeinen Grund, warum ein Mensch bestimmte Einzelheiten seiner Privatsphäre nicht offenbaren will, und es besteht nicht die geringste Pflicht, dies auch noch begründen zu müssen. Es reicht, dass man es nicht will." In: Twister (Bettina Winsemann): Wir haben ein Menschenrecht auf Privatsphäre. Telepolis, 19.02.2006
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21833/1.html

RJ

RJ am 20.02.06 10:43 #
 

Als ich vergangenenes Semester in England war, veröffentlichten ebenso einige Fotos über den Austausch, einschl. der Ausflüge, Partys usw.

Ich sprach einen darauf hin an, zu seinen Argumenten hatte ich einmal Stellung bezogen. Ich zog das Fazit und stellte solche Fotos lediglich so zur Verfügung, daß die anderen des Austausches einen direkten Link erhielten - und nur mit diesem dann auch die Dateien abrufbar sind.

@Mario: es gibt auch genügend andere Beispiele. Fußballvereine und eine Bewerbung um einen Arbeitsplatz, Partybilder von Sauforgien und das Interesse an einer bestimmten Wohnung etc.

Und jenseits des Problemes, daß andere persönliche Informationen öffentlich machen, gibt es noch ein weiteres: Falschinformationen.

In Bezug auf das Bobrennen: was ist, wenn der jenige nur so ähnlich aussieht?
Oder Mobbing: Ein anderer Mitarbeiter hat ein Foto von einem Bobrennen, wo der unerwünschte Mitarbeiter abgebildet ist. Er publiziert es aber genau dann, wenn dieser sich krank meldet, und zwar zu einem Rennen, während er krank war.

René am 20.02.06 14:13 #
 

In der heutigen Ausgabe der "Welt am Sonntag" ist eine komplette Seite dem Thema "Web 2.0" gewidmet. Darin wird etwas in die Zukunft gegriffen und behauptet, dass dank Web 2.0 jeder seine Termine im Internet veröffentliche.

[...] Seine Fotos legt [der Web 2.0-Nutzer] auf Plattformen wie Flickr.com, die für die meisten sichtbar sind. Seine Dokumente bearbeitet er online, damit Kollegen sie ändern können, auch seine Termine sind öffentlich einsehbar, gleichzeitig ist jedem ersichtlich, von welchem Ort aus er sich im Internet angemeldet hat. [...]

Meine Termine öffentlich einsehbar ins Internet zu stellen, geht für mich zu weit. Durch das Internet verliert man unbewusst sehr viel Privatsphäre, gewinnt jedoch sehr viele neue Kontakte kennen, die man so nie im Leben getroffen hätte. Ich nutze Plazes und schreibe meine zukünftigen Aufenthaltsorte in mein Weblog. Das wars! Termine sind teilweise privat oder gehen niemanden etwas an.

Christoph Hörl am 19.03.06 15:39 #