31. Januar 2006

[ Konferenzen ]

"Grassroot-Journalismus" auf der 2. Internetnight der CDU Sachsen

Georg Milbradt spricht auf der Internetnight der CDU Sachsen in Dresden.
Mr. Milbradt himself

Am gestrigen Montag Abend fand im Flughafen Dresden die 2. "Internetnight" der CDU Sachsen statt. Nach einer grandiosen, sauber strukturierten, hochinteressanten und weitblickenden Rede des Ministerpräsidenten begab ich mich, noch immer sehr berührt, ins dunkle Flughafencafé - die angekarrten geschätzt 40.000 Watt Beleuchtung waren wohl alle oben in der Halle verbaut worden - wo das Panel "Grassroot-Journalismus" stattfand.

Michael Sagurna, ehemaliger Regierungssprecher, heute mit eigener PR-Agentur tätig, stellte die Teilnehmer vor.

Da war zunächst Reiner Burger, der Dresden-Korrespondent der FAZ, als Vertreter der klassischen Medien ohne Graswurzeln. Dann Kurt Jansson vom Wikimedia e.V. für den besonders graswurzeligen Teil. Christian Piwarz, der ein Amateur-Live-Webradio von Spielen der Dresden Monarchs produziert . Thomas Schultz-Homberg, Redaktionsleiter von SZ-Online, der Online-Ausgabe der Sächsischen Zeitung. Matthias Wellmann von politikerscreen.de, pardon: von der Politikerscreenpunktde-eh-ahgeh. Schließlich Roland Wöller, Mitglied des sächsischen Landtags und Dozent an der HTW Dresden.

Kurt Jansson wurde aufgefordert, die Wikipedia vorzustellen und tat das. Die erste Powerpointfolie funktionierte tadellos, der erste Klick im Webbrowser leitete allerdings zur "Hallo Fluggast, hier Lufhansa, bitte wähle einen der wunderbaren Bezahldienste aus, um ins Internet zu gehen"-Seite um, womit die praktische Demonstration schon wieder beendet war. Nach 5 Minuten wussten wir viel über die Wikipedia und ganz wenig über Grassroot-Journalismus. Dafür ging es weiter:

Reiner Burger wurde gefragt: "Können Sie damit was anfangen?" Er hielt einen vorbereiten, mehr als 10 Minuten dauernden Monolog, erklärte, dass Zeitungen einen etablierten Markennamen hätten, Studien erwiesen hätten, dass sie ein Image hätten und der Markenbekanntheitsgrad der FAZ bei fast 100% liegen würde. Auch in 20 oder 30 Jahren gebe es noch immer einen Bedarf nach Meinungsvielfalt. Die Papierzeitung würde nicht sterben. Natürlich habe die FAZ auch einen Internetauftritt. Der solle als "Einstiegsdroge" für jüngere Leser dienen. Bisher habe man so einen Effekt aber noch nicht feststellen können. Kein Medium würde verdrängt. Die Medien würden sich verändern. Die FAZ sei nun eine Art "tägliche Wochenzeitung". Das Radio sei ein Begleitmedium. Das Fernsehen habe Angst. Wie es weiter gehen würde? Für die besonders gebildeten würde es weiter "en vogue" bleiben Zeitung zu lesen, er selbst sei dafür das beste Beispiel. Er würde sich auch freuen, wenn er in der FAZ auch mal im Sportrteil etwas Interessantes entdecke, obwohl er den eigentlich gar nicht lese. Das Internet sei ein schönes Recherche- und "Archivmedium".

Um einiges schlauer, was Herrn Burgers Sicht der Dinge angeht und entzückt über die Rhetorik - wenn die Zeitung stirbt, waren die Bürger halt zu ungebildet - lauschte ich weiter, denn Michael Sagurna fragte Thomas Schultz-Homberg nach Blogs, Vlogs und Podcasts (die er konsequent "Podkästs" aussprach):

Schultz-Homberg meinte, dass man damit "nicht zu arrogant umgehen" solle. Sie würde das beobachten und auch "selbst nutzen", wobei unklar blieb, was er damit meinte. Sie würden das auch "erklären". (Auch hier blieb unklar, was er meinte. Ich vermute, dass es ihm um die RSS-Implementierung auf sz-online ging.) "So sehen wir das ganze Thema Internet." Man müsse aber auch sehen, dass im Internet vor allem Leute mit höherem Bildungsgrad und höherem Einkommen zu finden seien. Nicht jeder könne einen Computer bedienen. Deshalb... hm, die Konsequenz blieb unklar.

(Weblogleser, Zeitungsleser und überhaupt alle, die... naja, viele, wissen mehr: Zum Beispiel, dass das mit den reichen, gebildeteren Internetnutzern nicht stimmt.)

Christian Piwarz erzählte ein wenig von der Motivation, das Webradio zu betreiben. Football wäre in Deutschland eine Randsportart, die aber durchaus viele Anhänger habe. In den klassischen Medien käme sie aber kaum vor. In Dresden kommen zu Spielen der Monarchs regelmäßig 4000 Zuschauer - die Fans können aber nicht immer zu den Auswärtsspielen mitfahren. Insbesondere für die ist das Webradio. 300 bis 400 Hörer lauschen regelmäßig den Berichten. Sowohl Hörer wie Produzenten nähmen das ernst. "Es ist wichtig."

Matthias Wellmann korrigierte erst einmal Schultz-Homberg mit dem Verweis auf die ARD-Online-Studie. Dann stellte er politikerscreen vor, eine Website mit Information zur Politik, die sich vor allem an "Politik-Professionals" wendet. Auch nachdem er anhand eines Screenshots die Struktur der Homepage erklärt hatte, wurde mir der Themenbezug nicht klar. Michael Sagurna wohl auch nicht, also erkundigte er sich nach dem Geschäftsmodell und wir erfuhren, dass politikerscreen eine AG sei (aha) und sie sich vor allem durch Bannerwerbung finanzieren würden; sie hätten 70.000 Besucher am Tag. Außerdem würde T-Online ihnen einige Inhalte abkaufen, um sie im eigenen Portal zu duplizieren. In mein Notizbuch wanderte die mehrfach verwendete Wortschöpfung "wir kooperieren mit denen zusammen".

Schließlich war Roland Wöller, der der Frage nach den Aktivitäten der Medienpolitik auswich und stattdessen über das Internet theoretisierte. Es ging einmal von "Netzwerkeffekte" zu "Cyberterrorismus" und zurück und endete damit, dass "die Gatekeeperfunktion" der klassischen Medien "aufgeweicht" sei. Hier wäre es dann interessant geworden, aber sein Beitrag war zu Ende.

Sagurna fragte nach, wie man denn mit dem vielen "Müll" und den "Lügen" im Netz umgehen sollte, von denen es voll sei. Wöller meinte, dass Marken das lösen würden. Kurt Jansson meinte, dass Transparenz viel helfen würde und führte Wikipedia mit seinen "wer hat wann was in welchem Zusammenhang geschrieben"-Informationen, Diskussionen und Quellenbelegen und Blogs mit Kommentarfunktionen an. Rainer Burger bestritt, dass im Netz Wissen entstehen könne. Er beklagte, dass Schüler heute überhaupt keine Medienkompetenz mehr hätten. Er hätte das noch in der Schule gelernt. Heute würden die sich einfach nur Texte von hausaufgaben.de herunterladen. Die Lösung läge vielleicht darin, härter gegen Plagiate durchzugreifen. Und auch wenn die Lösung darin nicht läge, solle man härter gegen Plagiate durchgreifen. Wöller korrigierte Burger in seiner Sicht auf die Schaffung von Wissen im Netz, auch und sogar Sagurna merkte an, dass die Wissenstheorie durchaus auch aussagen würde...Burger wiederholte sein Jammern über medieninkompetente Hausaufgabenkopierer. Wellmann, inzwischen ohne Stimme sagte etwas, an das ich mich nicht mehr erinnern kann und Schultz-Homberg gab ein Glaubensbekenntnis zur Papierzeitung ab. Sie hätte die höchste Glaubwürdigkeit. "Man müsse ja auch nicht googeln." (Sondern was? SZ-Online e-paper lesen?.)

Schließlich: Die Ausblicke. "Wo sehen Sie das Internet in 10 Jahren?"

Wöller schaute ausgewogen auf eine größere Freiheit, eine bessere Meinungsbildung und meinte, dass künftig mehr Menschen aus allen Schichten in politische Entscheidungen einbezogen werden würden. Kurt Jansson sagte, dass mehr Menschen sich gewahr werden würden, dass sie nicht nur Konsumenten von Information, sondern auch Produzenten sein können. Burger sah die "Qualitätsanbieter" auch in Zukunft weiter "selbstbewusst" sie würden zunehmend Geld für ihre Inhalte verlangen und die Rezipienten würden das auch bezahlen. Das Internet würde als Werbemedium an Bedeutung gewinnen. Zu mehr Freiheit würde es nicht führen - das würden die Beispiele China und Weißrussland zeigen. (In denen es jetzt, wo es das Internet gibt, ja bekanntlich viel unfreier zugeht, als vorher.) Wellmann prognostizierte, dass das Netz 3/4 aller Deutschen erreichen würde und dass die Medien Radio/TV/Internet stärker miteinander verschmelzen würden. Piwarz sorgte sich um die Juristerei: Es würde oft versucht, mit ungeeignetem juristischen Instrumentarium das Netz zu regeln; dies könne zu Schaden führen. Schultz-Homberg schloss sich im wesentlichen den anderen an und war sich sicher, dass das Internet größer werden würde.

Ich verbrachte den Rest des Abends mit Kurt, Nina und Yvonne, einigen Zynismen und liebgewonnenen, bestätigten Vorurteilen, nahm nur zaghaft von dem aufgefahrenen Essen, das wohl der Anlass der Veranstaltung gewesen war und fragte mich, wie lange es noch dauern würde, bis...

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Am 30. Januar lud die CDU Sachsen nunmehr zum 2. Male zu ihrer innovativen Veranstaltung InternetNight ein. Als Verein haben wir uns nat

diabetesverein.twoday.net: Vortrag zur Elektronischen Gesundheitskarte (01.02.06 13:09)

Es gibt so Fragen, die man lieber nicht gestellt bekommen hätte. Nicht weil sie peinlich sind oder gar beleidigend - nein, eher weil sie einen irgendwie auf dem falschen Fuß erwischen. "Sagen Sie mal, Herr UVS, wie bloggt man eigentlich ansprechend?" ist

fixing blog: Ansprechend bloggen? (09.03.06 08:57)

 

die titanic bläst halt noch ein bisschen ins nebelhorn.. ;-)

helge am 31.01.06 12:23 #
 

Danke fuer die Zusammenfassung, ich konnte gestern leider nicht hin :( :( :(.

Ah ja, die FAZ... Ich war 1995 als FAZ-Praktikant, frisch begeistert vom Internet - der Korrespondent diktierte seine Berichte per Telefon nach Frankfurt. War toll. Du zwingst Dich zu besserem Schreiben schon beim Schreiben, wenn Du's direkt danach jemandem vorlesen musst ;-) Hm, bei Herrn Burger habe ich den Eindruck, er weiß das Internet auch heute nicht zu nutzen.

Drum passend der Bericht von Stefan Niggermeier in der FASZ über "Das Publikum an der Macht": http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E330BCF7246904136BE9B82A738BD11B9~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Stefen Niemeyer am 31.01.06 17:23 #
 

Sie haben sich Mühe gemacht mit der CDU-InternetNight. Vielen Dank. Seien Sie aber nicht ungnädig mit der CDU. Es ist doch schön, dass sich wenigstens eine Partei in Sachsen mal mit dem Thema Graswurzel-Journaliusmus auseinandersetzt. Unser Publikum bestand nicht aus geübten Weblog-Nutzern oder -Schreibern, sondern überwiegend aus Leuten, die damit weniger anfangen konnten. Jetzt sind die natürlich noch Welten von Ihrem Wissen entfernt, haben aber wenigstens eine gewisse Vorstellung von alldem.
Und ich selbst werde mich demnächst um eine britische Aussprache bemühen, ich versprechs.

M. Sagurna

Michael Sagurna am 09.02.06 11:08 #
 

Ich habe an der CDU in Bezug auf diese Veranstaltung gar nichts auszusetzen. Ich mein's ganz ohne Spott: Ich war von der Größe der Veranstaltung überrascht und ein wenig beeindruckt. Zum Graswurzel-Journalismus: Ich bin ein bisschen skeptisch, ob das Panel den Leuten so viel weiter geholfen hat. Es fehlte eben das Graswurzelige, nicht? Der Herr vom Football-Radio hatte das, Wikipedia hat es ganz, ganz wenig und alle anderen hatten es überhaupt nicht und zum überwiegenden Teil auch keine Ahnung davon. Am ganzen Abend habe ich nicht ein einziges Weblog an der Wand gesehen oder einen Austausch zu Vernetzung, Bewertung, Prüfung, Annotation, Kontextualisierung, Kommentierung, die in Weblogs stattfindet, gehört. Da steckt aber der Kern des Themas drin. Haben Sie von Leuten aus dem Publikum noch Feedback erhalten? Fragen hat ja keiner gestellt.

(Lassen Sie bloß Ihre amerikanische Aussprache heil - ich finde die prima.)

Martin Röll am 09.02.06 21:00 #
 

Ich hatte sehr positives Feedback, eben vor allem von solchen Zuhörern, die reichlich unbeleckt von dem ganzen Thema waren und nun einen Hauch mitbekommen haben. Beiuspielsweise saß der sächsische Justizminister drin und hat aufmerksam zugehört. Dass das Thema Weblogs einigermaßen stiefmütterlich behandelt wurde, lag daran, dass kein Blogger auf dem Podium war. Das kann man beim nächten Mal besser machen.

Michael Sagurna am 15.02.06 16:18 #