19. Januar 2006

[ Weblogs und Journalismus ]

Neue Trends im Journalismus

Was in den letzten Tagen hier an Presseanfragen einschlug, geht auf keine Kuhhaut. Ich dachte ja immer, Journalismus würde so funktionieren, dass der Journalist nachdenkt, recherchiert und den Artikel schreibt. Der neue Trend scheint aber zu sein, dass der Journalist ein paar Buzzwords mit Fragefloskeln versieht ("Was ist der Trend beim ...? Wie wird sich ... in Zukunft entwickeln?") und an die 10 Leute versendet, die für die entsprechende Google Abfrage (Google-Suche nach "Buzzword") oben stehen. Sind die Antworten zu knapp, wird um Nachschlag gebeten. Originalzitat aus meiner Mail:

Erstmal vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen. Daneben habe ich aber auch noch eine kleine Anfrage.

Wir veröffentlichen mit unseren Artikeln meistens auch einen Info-Kasten. Jetzt meine Frage bzw. Bitte, ob sie etwas Derartiges nicht zur Hand haben oder für uns kurz aufbereiten könnten. Das bietet sich an, da ich Sie ja auch in meinem Artikel zitiere. Ich dachte da so an: "Was man bei [...] auf jeden Fall beachten muss", wo man kurz die notwendigen Punkte angibt.

Himmel, nein! Gute Frau: Sie sind die Journalistin! Sie müssen den Artikel schreiben! Würde ich irgendwelche Infokästen veröffentlichen wollen, würde ich... Oh, Moment... Infokästen? Gute Idee.

Infokasten "Gute und doofe Verhaltensweisen im Journalismus"
Gute VerhaltensweiseDoofe Verhaltensweise
Interviewpartnerauswahl über Referenzen. Fragen. Googeln. Empfehlungen einholen. Referenzen prüfen. Mehr Empfehlungen einholen. Fragen. Googeln. Prüfen.Interviewpartnerauswahl per Google: "Wer oben steht, ist ein Experte."
Selbst denkenAusschließlich auf das Denken des Interviewpartners vertrauen
Artikel selbst schreibenCopy-and-Paste-and-ein paar Satzbausteine umstellen
...
(Ja, diese Tabelle darf wild kopiert, modifiziert, erweitert werden.)

Lustig auch der Herr, der sich für "Corporate Blogging" interessierte (das ist ja das neue große Ding) und ausgerechnet Soli fer nach bestimmten Branchen oder Marktsegementen, wo die Vorteile besonders greifen fragte. (Der Chef meinte: "Wir sind ein Sonnenwärmeanbieter." und, etwas weiter unten: "Ob sich so etwas anderswo machen lässt, bereitet uns, offen gestanden, keine schlaflosen Nächte." :) Dass Soli fer kein Corporate Blogging betreibt (obwohl das manche glauben, hatte er schon weiter oben klargestellt.)

Um den Berufsstand ein wenig in Schutz zu nehmen: Ich hatte dieses Jahr auch sehr interessante und anregende Gespräche mit Journalisten. Manchmal lerne ich in diesen Gesprächen mehr als die. Manche verstehen in der Tat etwas (viel!) davon, von dem sie schreiben. Manche können in der Tat noch recherchieren. Manche schreiben in der Tat ihre Artikel selber (und die werden dann sogar noch gut).

Ich brauche ein besseres System, um mit den Journalisten, die weder vom Thema noch von ihrer Arbeit etwas verstehen, weniger Zeit zu verlieren. Fragen. Googeln. Prüfen. klappt leider bei vielen Fachmedien nicht. Irgendwelche konstruktiven Vorschläge?

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Gar nicht mal ignorieren!
Oder, im Ernst:
Wenn man merkt, dass Ahnungslose ihren Namen über mundgerecht Vorgekautes setzen wollen, sich dezent zurück ziehen. Nachteil: Man (du) kommt (kommst) selbst nicht mehr vor. Aber meistens ist die so erreichte Werbng eher peinlich.

Disclaimer: Ich bn Journalist, aber alt genug, um noch eine richtige Ausbildung bekommen zu haben...

ulrich am 19.01.06 12:19 #
 

Bieten Sie Ihre 'qualifizierte Mitarbeit' an. Und starten Sie mit einer eigentlich verpönten 'Rück-Delegation', das hilft Bequemlichkeits-Anfrager auszusieben!

Ich sage auf eine solche Anfrage dann zum Beispiel: Sie/er solle mir einmal kurz per eMail skizzieren, wie sie/er den Beitrag angelegt hat und mit welcher Zielsetzung, Was sie/er schon im Kasten hat und woran sie/er sich, trotz harter Arbeit, bisher die Zähne ausgebissen hat, ...

und dort (und dann) würde ich gerne weiterhelfen. Manchmal kommt dann was ... Gutes heraus und zwar für alle Drei (Schreiberling, Leser und mich).

Hugo E. Martin am 19.01.06 16:38 #
 

Ich frage mich immer öfter, zum welchen Anteil der Niedergang der gedruckten Medien selbst verschuldet ist. Oft wird ein vorgestanzter Stil gepflegt, an dem ich nichts lesenswert finde. Diesem grauenhaften Deutsch müssen dann auch die Pressemitteilungen entsprechen, zu deren Anfertigung man ... Journalisten benötigt.

Das sind Freie, eben noch die teureren Mitarbeiter der Redaktionen, die dort als erste gefeuert wurden. Wenn es so weitergeht, findet man in den kostenlosen Anzeigenblättchen Beiträge, die besser recherchiert und geschrieben sind als die der etablierten Presse. Das ist mir schon wiederholt untergekommen.

Oliver Baer am 19.01.06 19:53 #
 

Etwas OT: Wo Du das sagst, Oliver: Ich habe die letzten Tage öfters Gelegenheit gehabt, beim Mittagessen die "Dresdner Morgenpost" zu studieren. Das Blatt ist _erheblich_ besser geschrieben und lektoriert als die Dresdner Neuesten Nachrichten.

Martin Röll am 19.01.06 21:16 #
 

Was das "OT-Thema" angeht, das kann ich für den hiesigen Raum bestätigen.

Ausgerechnet eines der Umsonstblätter brachte erst kürzlich eine mehrteilige, inhaltlich schön gemachte und sogar ordentlich bebilderte Serie über das frühe Wirken der Familie Hoesch (wie in Hoesch-Stahl) im Hagener Raum - und zwar auf der Titelseite, mit Forsetzung im Innenteil. Das Ganze war so geschrieben, daß es auch für Leute, die dergleichen industrie- und regionalhistorische Abhandlungen ansonsten eher langweilig finden, unterhaltsam war und deren Interesse wecken konnte.

Die WAZ-Lokalredaktionen hingegen schreiben sich bei Industriethemen seit Jahr und Tag einen Murks zusammen, der einen bei Autoren wie Redaktion keinerlei Verständnis der Materie erahnen lässt - und das, obwohl intensiver Strukturwandel, massive Deindustrialisierung und jahrelang dauernde spektakuläre Verlagerungen kompletter kleinstadtgroßer Hüttenwerke aus Dortmund nach China die Lokalpresse thematisch durchaus bestimmen.

Haiko Hebig am 19.01.06 22:52 #
 

Naja! Vielleicht sollten wir doch positiver reagieren und ihnen einfach etwas aufschreiben. Sonst müssen wir sowas und anderes immer und immer wieder lesen. Und außerdem kommen wir dann immerhin auch vor.

Aber nein! Wir sollten den Mut haben, Ihnen zu erklären, dass das eigentlich doch ihr Job ist.

50hz am 20.01.06 08:48 #
 

Deine Reaktion ist nachvollziehbar und erfrischend! Sie hat mich ermuntert, zukünftig ebenfalls offensiver mit solchen Auskunftsersuchen umzugehen. Was ich übrigens noch bemerkt habe: Wenn man auf die erste Email nicht mit einer zeitaufwendigen Antwort, sondern der Einladung zum telefonischen Gespräch reagiert, lösen sich 50 Prozent der Anfragen in Luft auf. Denn dann werden vielen ihr Unwissen bzw. ihre Faulheit offensichtlich doch peinlich.

Jochen Robes am 21.01.06 23:35 #
 

Was bei Dir ankommt ist aber auch wirklich gruselig. Von Journalisten habe ich das in der Form noch nicht bekommen - von Studenten öfters. Auf die "Können Sie mir nicht..."-Fragen antworte ich meist nur noch mit einem "Ja" und einer Rückfrage à la Oliver Gassner ("Welche Suchmaschinen hast Du bisher zur Recherche genutzt? Welche Suchbegriffe hast Du
benutzt? Warum ist das bisher vorgefundene Material untauglich?"). Dann kommt leider (?) oft nichts mehr zurück. Bei Journalisten habe ich mit der Frage nach den schon bekannten Quellen oft gute Erfahrungen gemacht: Manchmal rufen welche an, denen einfach die Grundlagen fehlen, um ein Expertengespräch führen zu können. Dann hilft die Nachfrage danach, was sie schon gelesen haben und der Hinweis auf 1, 2 Bücher oder Texte mit dem Angebot, dann zu telefonieren, wenn sie sich eingearbeitet haben. Das wird dann nicht als persönliche Zurückweisung gesehen (ist es auch nicht), sondern hilft wirklich weiter.

Martin Röll am 21.01.06 23:55 #
 

Wenn Du den Eindruck hast, dass da jemand nicht nur Deine Einschätzung und einen kleinen Tipp haben will, sondern gleich die halbe Arbeit an Dich delegieren, dann könntest Du ja fragen, wie es denn mit einem Info-Honorar aussieht. Man braucht zwar nicht unbedingt damit rechnen, dass dafür Budget da ist, aber es rückt ein paar Dinge zurecht.

Irene am 24.01.06 16:09 #
 

Gerade heute kam eine Presseanfrage "zum Thema Blogs" rein. Man will von mir wissen "was sich in den letzten 12 Monaten getan hat" (beim "Thema Blogs"). Ich war kurz davor, "recherchieren Sie doch selbst" zurückzuschreiben, aber vielleicht habe ich die Anfrage nur falsch verstanden. Ich habe einmal nachgefragt. Danke.

Martin Röll am 24.01.06 16:17 #