11. Januar 2006

[ Dumme Ideen ]

Aktienkursspekulation auf Basis von Weblogeinträgen

Wenn ich mir so etwas ansehe, komme ich auf ganz dumme Ideen:

Man könnte einen Bot aufsetzen, der auf Basis von Weblogeinträgen über Unternehmen Handelsentscheidungen trifft.

Der Bot legt das Kapital zum Beispiel entlang des DAX30 an. Er analysiert neu veröffentlichte Weblogeinträge und Diskussionen rund um diese Unternehmen. Für negative Äußerungen reduziert er seinen Anteil am Unternehmen im Portfolio. Für positive erhöht er ihn. Man erhielte ein Portfolio, das am DAX orientiert ist und Unternehmen, die positive Kritik in der Blogosphere erhalten übergewichtet und solche die negative Kritik erhalten, untergewichtet.

Für die, die jetzt "albern!" rufen, etwas Theoriegrundlage, damit das Gegenargumentieren schwieriger interessanter wird: Solche Kritik an Unternehmen ist Information. Diese Information kommt mit ihrer Veröffentlichung im Weblog in die Welt - und damit auf den Markt. Jede Information zu einem Unternehmen kommt irgendwann einmal in seinen Aktienkurs.

Probleme wie die Entscheidung "Ist dieser Eintrag positiv oder negativ" sind lösbar - schon heute fast komplett automatisiert. Das wird nicht immer eindeutig - die Einträge zur Kreditvergabe der Dresdner Bank könnte man z.B. auch als positive "die lehnen riskante Kreditvergaben ab"-Einträge sehen - aber auch das lässt sich algorithmisch lösen. Selbst wenn es nicht sehr präzise wird: Wenn die Aussage "Kritik an Unternehmen in der Blogosphere schlägt sich langfristig im Aktienkurs nieder" auch nur ein bisschen wahr ist, verdient man mit dem Bot Geld. (Hier liegt irgendwo noch ein Denkfehler. Ich formuliere die Passage evtl. um wenn ich den gefunden habe.)

Wetten statt Reden. Mag jemand investieren? :-)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Martin Röll glaubt, durch einen Bot zu guten Aktienempfehlungen zu kommen. Der Bot soll dabei die Weblogs nach Beiträgen zu dem jeweiligen Unternehmen durchforsten und dann je nach positiven oder negativen Kommentaren gewichten. Die Idee klingt natürlich

Qbi's Weblog: Börsenerfolge durch Weblog-Bots? (12.01.06 16:38)

 

Dass man positive oder negative Postings automatisiert erkennen kann, halte ich für ein Gerücht. (Ich lasse mich aber gerne belehren.)

Mixt man ein wenig Psychologie, oder besser, Lebenserfahrung in deine Therorie, ist das aber gar nicht nötig: Menschen nörgeln und schimpfen lieber, als dass sie loben oder schwärmen. Taucht ein Unternehmensname schlagartig besonders häufig in der Blogwelt auf, dürfte es sich in der Mehrheit aller Fälle also um negative Kritik handeln. Ergo: verkaufen, bzw. short gehen.

Davon ausnehmen muss man Unternehmen, die eher religiösen Vereinigungen gleichen, z.B. Apple. Da schreien und bloggen die Jünger Hosianna, sobald ihr Prophet eine Silbe absondert.

Aber ansonsten könnte das funktionieren. Kann mal jemand eine Simulation basteln?

Mario am 11.01.06 14:00 #
 

Den Entwickler habe ich schon. Jetzt brauche ich noch eine Finanzierung, vielleicht von einem Weblogmonitoringanbieter.

Martin Röll am 11.01.06 14:11 #
 

Außerdem gibt es auch schon so einige Beispiele der Verleumdung in der Blogspähre, wo ein Gerücht durch die Blogs geht.
Wennn es denn so einen Bot gibt, interpretiert es als negativ für das Unternehmen und die Aktienkurse fallen, obwohl es dem Unternehmen in Wirklichkeit glänzend geht und nur ein bloggender, gefeuerter Ex-Mitarbeiter sich ausgelassen hat.
Natürlich gibt es auch jetzt solche Schwankungen der Aktienkurse aufgrund von Fehlinformationen, aber die Bloganalyse würde zu einer noch höheren Rate an Fehlinformationen führen, da die Verbreitung von Fehlinformation über Bloggs wegen ihrer subjektiven Natur und der hohen Sympatie zwischen den Bloggern, um einiges einfacher ist.

Trotzdem wäre es interressant mal so einen Bot in Aktion zu sehen. Der müsste natürlich auch nach Produktnamen der Unternehmen Ausschau halten.

Guckst du hier:
http://www.opinmind.com/search.jsp?q=Microsoft
http://www.opinmind.com/search.jsp?q=ipod

Russianger am 11.01.06 14:28 #
 

Russianger: Wenn ich der Bot wäre, würde ich sagen: "Einem Unternehmen, das negativ über es bloggende Ex-Mitarbeiter hat", geht es nicht 'glänzend'". ;-) (Ich würde auch sagen, dass es "Fehl"informationen nicht gibt. Es gibt nur Information. Die Frage ist, was man daraus macht.)

Aber ich bin ja nicht der Bot, deshalb: Du hast prinzipiell Recht. Der Bot muss zwischen "schlechter" Information (alle hauen auf Microsoft ein, weil es Mode ist) und "guter" Information (Die Dresdner Bank lässt sich gute Kreditgeschäfte im Internetbereich entgehen) unterscheiden bzw. dazwischen gewichten können.

Martin Röll am 11.01.06 14:37 #
 

Sehr futuristisch. Ich stelle mir das ziemlich kompliziert vor, oder anders gesagt anspruchsvoll. Die Bots können ja nichtmal richtig chatten. Könnte man sie nicht täuschen wie für den Einzelfall auch sehr leicht den ziemlich durchschaubaren Googlebot. Und klar, bad news können auch good news sein. Kommt immer darauf an, wer was schreibt. Wenn ein Unternehmen die Fackel trägt, will einem doch immer einer den Bart abzusengen - ob wettstreitende bots das so bald auseinander halten können ? Aber vielleicht wird in zwanzig Jahren jemand auf diese Idee zurückkommen. Schade, dass das Patent dann schon ausgelaufen ist. ;-) [Lob zum Weblog und allgemeine Bemerkungen zu Weblogs gekürzt. MR]

Steffen Kaufmann am 12.01.06 10:23 #
 

Ich wage es kaum zu sagen: aber solche Systeme gibt es (natürlich) schon. Da turnen sogar Lösungen am Markt, die das offline machen, vulgo: man füttert die mit gescannten Zeitungen (solche Dienste gibt es) und die OCRen das und analysieren die Meldungen. Relativ intelligent können die sogar herausfinden (mit erstaunlicher Präzision), ob die Äußerung positiv, negativ oder neutral ist und in welchem Umfeld (Wirtschaftsseite: wichtig; Feuilleton: juckt keinen) sie fällt.

Arne Trautmann am 12.01.06 17:19 #
 

Auf der CeBit 2005 gab es am Stand des Instituts für Computerlinguistik der Universität des Saarlands eine interessante Demo zu sehen. Dort wurden 70 Nachrichtenquellen aus dem Internet automatisiert gescannt und die semantischen Gewichtungen zu bestimmten Themenkreisen (z.B. Unternehmensname) nach linguistischen Methoden ermittelt.
Das ganze wurde dann als Stimmungskurve zusammen mit dem Aktienwert überlagert. Und siehe da... es waren erstaunliche Korrelationen erkennbar! Eigentlich gar nicht so erstaunlich, oder?
Das Institut forscht nach eigenen Angaben bereits seit 25 Jahren auf dem Gebiet der Computerlinguistik - interessanter Zweig ;-)

Wen's interessiert:
http://www.coli.uni-saarland.de/

Marcel Moré am 12.01.06 18:54 #
 

Und, haben die verständigen Bots den Index geschlagen ? Da nimmt man doch lieber den Index und spart die Transaktionskosten. Für Politikerwetten könnten die Bots interessant werden bis der Spaß verboten wird.

Steffen Kaufmann am 12.01.06 19:26 #
 

Marcel: Könnte ja sein, dass die Wirkung genau andersrum ist, nicht? "Am Aktienmarkt erfolgreiche Unternehmen bekommen entsprechend positive Presse." Und nicht: "Unternehmen mit positiver Presse sind am Aktienmarkt erfolgreich". :) Wenn man dann mit einem wie von mir beschriebenen Bot kurzfristig orientiert handelt, rennt man immer den Trend hinterher.

Martin Röll am 12.01.06 20:23 #
 

Interessant finde ich ja Eure Einschätzung, dass das Grundproblem "ist der Eintrag positiv oder negativ?" eigentlich schon gelöst sei. Ich habe jetztes Jahr auf einer großen internationalen Computerlinguistik-Konferenz ein paar Vorträge zu ähnlichen Themen (die analysierten Filmkritiken) gehört, und bin da mit der Einschätzung rausgelaufen, dass das noch nicht zufriedenstellend gelöst ist.
Martin, ich hätt nichts dagegen, Deine Entwickler mal kennenzulernen. :)

Florian Laws am 13.01.06 10:42 #
 

Man sollte auch bedenken, dass die Entlassung einer größeren Anzahl von Mitarbeitern gleichzeitig zu negativen Artikeln und zu steigendem Kurs führt.

Nachgedanke 1: Man könnte zunächst ein selbstlernenden, "empirischen" Bot bauen, der dann vielleicht das Stichwort "Entlassungen" zu den positiven (i.e. kurssteigernden) Meldungen zählt. Und evtl. andere interessante Korrelationen aufdeckt.

Nachgedanke 2: Naja, vielleicht bewirken die negativen Berichte von Entlassungen insgesamt doch so schlecht auf das Image einer Firma, dass sie letztlich doch Kursverluste bekommen. Solche langfristigen Auswirkungen sind aber noch schwieriger zu belegen, als die kurzfristigen...

Magdalena am 13.01.06 12:18 #
 

1. In wie fern soll eine Suchmaschine (zuverlässig) die Qualität von Informationen entscheiden können? Google kann das jedenfalls nicht und approximiert die Qualität auch nur anhand von technischen Merkmalen der Internetseiten (Verlinkungsgrad, Keyworddichte etc.). Wenn Google ein Urteil über die Qualität fällen könnte, warum gibt es dann so viel Spam in den Suchergebnissen? Gerade um Bereichen, wo es um Kohle geht, kann man sich vor Spam kaum retten.
Vielleicht wird es in 10 oder 20 Jahren einen Algorithmus für so etwas geben, im Moment aber eher utopisch, bzw. für große Datenmengen zu ineffizient.

2. Wieso haben Blogger solch ein Privileg verdient, dass sie die Aktienkurse mitbestimmen sollten? Blogs sind kaum mehr als Newsskripte, also sollten auch Newsgroups, Foren, Newsskripte etc. pp. miteinbezogen werden. Im Prinzip müsste man es auf das ganze Internet ausdehnen, denn die Meinung eines Bloggers ist nicht mehr wert, als die eines Menschen bei Beepworld, oder? Diese völlige Überschätzung und Fixierung auf Blogs nervt mich ehrlich gesagt.

3. Wie schon jemand gesagt hat: Negative Meinungen werden naturgemäßig lieber publiziert als positive.

4. Das System ist sehr manipulativ. Sowohl von Unternehmsseite(n), als auch von Bloggern.
Ich erinnere da mal an die "Google-Bombe" [1]. So etwas kann auch mit Aktien passieren und dann stellt sich die Frage der Schuldzuweisung. Wer ist dafür verantwortlich, wenn ein Unternehmen Pleite geht oder Leute entlassen werden müssen wegen so etwas?

5. Notwendige, aber vielleicht unpopuläre Firmenentscheidungen werden aufgrund der Meinungen von Hans & Franz vielleicht zurückgestellt. Auf Dauer schadet es der Firma, weil die Umstrukturierung zu lang aufgeschoben wurde.

6. Das ganze System ist eigentlich unnötig. Die Marktwirtschaft funktioniert doch ganz einfach: Die Blogger, die negative Erfahrungen mit einer Firma gemacht haben, werden dort nichts mehr kaufen. Durch ihre negative Publicity werden auch die Leser des Blogs und die Leute im Umfeld von der Firma abgeschreckt, welche dieser Firma folglich in Zukunft auch eher reserviert gegenüber stehen werden. Die Firma kann an diese Leute nicht mehr so viel verkaufen, die Gewinne fallen. Schlechte Gewinnprognosen oder Bilanzen wirken sich negativ auf den Aktienkurs aus und so schließt sich der Kreis wieder. Jeder Mensch hat indirekt einen kleinen Einfluss auf den Aktienkurs, wieso müssen Blogger so previligiert sein, _direkten Einfluss_ haben zu können?
Die Börse lebt doch schon genug von Gerüchten, "hätte", "wenn" und "aber" und "vielleicht, jedoch" und ist ein einziges P*kerspiel von Blöff, Hoffnung, Kolportierung und Angstmacherei. Die Börse ist kaum noch ein Spiegel der Wirtschaftslage, als viel mehr ein Gestalter der Wirtschaft und da es nicht die Realität wiederspiegelt, gibt es ja auch Blasen die platzen (New Economy, Asienkrise). Wozu muss man das noch weiter anheizen?

[1] http://www.linksandlaw.de/suchmaschinen-leitfaden-zur-Manipulation-von-Suchergebnissen-Googlebombing2.htm

Dirk Niemeier am 14.01.06 11:27 #
 

Und noch eine kleine Randbemerkung:
Die Bevölkerungsverteilung von Bloggern entspricht derzeit sicher noch nicht der der Realität. Ich habe habe den Eindruck, dass es hauptsächlich männliche Blogger zwischen 15 und 30 mit technischem Verständnis gibt. Viele Schichten würden durch so ein Aktien-Blog-System nur unzureichend vertreten.

Dirk am 14.01.06 12:03 #
 

1. Google hat ein ganz anderes Ziel als "meine" Suchmaschine. Dass eine Software zuverlässig "Qualität" (was genau meinst Du?) von Information einschätzen kann, da habe ich keinen Zweifel.

2. a) Jeder Schmetterlingsflügelschlag beeinflusst jeden Aktienkurs dieser Welt. Blogger beeinflussen selbstverständlich auch Aktienkurse. Was glaubst Du, wie Kurse zustande kommen?

b) Wo hast Du denn das mit der "völlige Überschätzung und Fixierung von Blogs" her? Kein Mensch hat gesagt, dass dort unbedingt nur Blogs reinmüssen. Wie zu gewichten ist, sieht man dann schon. (Das ist übrigens genau die gleiche Fragestellung, die sich Unternehmen und Leute, die sich für Weblog-Monitoring interessieren, gerade stellen.)

3. Ja, und?

4. Unfug. Blogger können Google bomben. Aber nicht "Aktien".

5. Wenn ein Geschäftsfüher "notwendige" Entscheidungen "aufgrund der Meinungen von Hans & Franz" zurückstellt, gehört er gefeuert. Aber was das mit dem Eintrag zu tun hat, verstehe ich nicht.

6., "Das ganze System ist eigentlich unnötig." Och.

"wieso müssen Blogger so previligiert sein, _direkten Einfluss_ haben zu können?". Das hat keiner behauptet. Die Einträge könnten (Konjunktiv, wie oben im Artikel auch schon) ein Indikator für den Unternehmenserfolg sein und deshalb könnte. Nicht mehr, nicht weniger. (Das auch zur Nachbemerkung. Repräsentativität braucht kein Mensch. Zuverlässige Indikatoren reichen völlig.)

Martin Röll am 14.01.06 12:16 #