15. Dezember 2005

[ Buecher , Innovation und Wandel , Technologie ]

"Das Neue muss besser sein, sonst wird es sich nicht durchsetzen!" (Mehr zum digitalen Buch.)

In Diskussion um Innovationen, so wie wir sie grad über das Buch und das digitale Buch führen, hört man immer wieder das Argument, dass das Neue (die neue Technologie, hier: das Digitale Buch) mindestens so gut und besser sein muss, als das Alte (hier: das schöne, blätterbare Papierbuch), sonst würde es nicht angenommen werden und könne sich also nicht durchsetzen.

Diese Ansicht ist falsch.

Viele Innovationen sind zunächst schlechter als das Alte, das sie vermeintlich ersetzen (sie ersetzen es nicht, darauf komme ich gleich ganz unten) und werden trotzdem angenommen.

MP3 ist viel schlechter als CD-Audio und setzte sich trotzdem durch. Warum? Weil es gut genug war und eine Reihe von zusätzlichen Vorteilen (für die Marketingsprachfreunde: "Zusatznutzen") brachte.

Ähnlich könnte das mit dem digitalen Buch, eBook, DigiBook, PrintPod (merci, Djure!) oder wie auch immer das Gerät heißen wird, das wir zum Lesen elektronischer Bücher verwenden werden heißen wird, kommen.

Im Grunde sind diese Geräte nämlich längst da. Mein alter TabletPC war so eins. Nein, Bücher habe ich darauf nicht gelesen. Aber PDFs (wieviel PDFs öffnet ihr so am Tag? Wieviel Buchseiten?) und meine Offline-Version der Wikipedia. Das ging prima.

In der Tat: So ein Gerät braucht Strom (mein neues Notebook hat 10 Stunden Akkulaufzeit). In der Tat: In der Sonne lässt es sich nicht gut ablesen (mit dem neuen Notebook ist das fast kein Problem mehr). In der Tat: Blättern fühlt sich gut an (hach). Aber: Ich kann alles im Volltext durchsuchen (will ich bei meinen Tolstoi-Romanen vielleicht nicht). Ich kann Annotationen und Lesezeichen speichern (dito). Ich kann Inhalte, ganz oder im Teil, ganz leicht weitergeben (das ist bei Büchen schwieriger).

Eine Grafik, die Disruptive Technologie mäßig gut illustriert.
Eine Grafik, die Disruptive Technologie
mäßig gut illustriert. In Christensens Buch
gibt es bessere.
Was ist sagen will: Das elektronische Buch ist längst da. Es ersetzt nicht das gedruckte Buch und tötet auch nicht auf einen Schlag das klassische Verlagswesen, aber es nimmt sich kleine, spezifische Teile des Marktes und breitet sich aus.

(Meine digitale Version vom "Herrn der Ringe", die ich auf meinem kleinen Palm hatte, fand ich übrigens auch klasse. Ich hätte nie den Wälzer mit in die Straßenbahn geschleppt. So konnte ich zwischen zwei langweiligen Haltestellen schnell in den Elbenwand abtauchen. Das Aufschlagen der richtigen Seite ging auch schneller als beim Papier.)

Während sich das weiterentwickelt - auf Seite der Software wie der Hardware - wird es in immer größere Bereiche vordringen. Die Probleme, die man jetzt noch sieht (Batterielaufzeit, "Vom Bildschirm bekomme ich Kopfweh", "man kann nicht so gut blättern") werden gelöst werden. Und dann?

Schon in der nächsten Generation wird man eher fragen, was denn das Papierbuch für Vorteile gegenüber dem digitalen Buch hat, anstatt an den Mängeln des digitalen Buches herumzumäkeln. Für einen großen Teil der Literatur, mindestens für alles, was Sachliteratur ist, werden da, fürchte ich, nicht mehr viele Argumente übrig bleiben.

Der Blick darauf, ob das Neue das Alte ersetzen kann, ist oft nicht hilfreich. Wichtiger ist es, ob es das Alte ergänzen kann oder etwas ganz Neues schaffen kann (Enzyklopädiestudium in Straßenbahnen), das womöglich in einer späteren Entwicklungsstufe eine Gefahr (oder wieder nur: eine Ergänzung) für das Alte sein kann - in einem Markt, in dem sich dann die Rahmenbedingungen geändert haben könnten.


(Das erste Mal habe ich das mit Neuem, Alten und disruptiven Technologien in "The Innovator's Dilemma" gelernt, das ich hier gerne nochmal empfehle. An den Gedanken von heute ist außerdem Stefen Niemeyer mit Schuld, der mit mir Mittagessen war und sein Tablet mitgebracht hatte. Michael Hyatt hat inzwischen auch weitergeschrieben. Von ihm habe ich das MP3-Beispiel geklaut übernommen. Danke.)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Ich bleibe bei meiner These, dass eine neue Technologie grundsätzlich besser sein muss, als bestehende, um sich tatsächlich universell durchsetzen zu können. Lass mich sie an MP3-versus-CD prüfen:

Du sagst, MP3 ist schlechter als die CD. Das ist richtig, und wenn wir den Lebensweg von MP3 betrachten, hatte es nie durch das Qualitätsmerkmal "gewonnen", sondern immer nur durch Begleitumstände bzw. Dinge, die es erst ermöglichte. Es war also in Teilbereichen besser, als die CD und unterm Strich überwogen diese Vorteile, weil die Nachteile kalkulierbar waren.

Sprich: Als MP3 aufkam, wusste niemand so recht, was damit anzufangen ist. Die Freaks begannen, ihr CD-Archiv auf MP3 umzuwandeln, es gab die ersten Pläne für Musikverkauf (1997 mit MCY.com, inzwischen pleite), der Durchbruch kam aber mit den Tauschbörsen, weshalb MP3 auch heute noch am meisten mit der Begriffen "Napster", "Tauschbörse", "P2P" etc. asoziiert wird. Der grösste Vorteil war und ist, dass es die Menge an Musikdaten eindampft, ohne die Hörqualität merklich zu beeinflussen. Hätte MP3 einen dieser beiden Vorteile nicht, wäre es tot, zumindest im Massenmarkt. Und nicht zu vergessen: Es war kostenlos und damit "sexy".

Der Mensch entwickelt sich weiter, er will Besseres, nicht Schlechteres. Man kann nun durchaus Besseres bauen oder zumindest die Illusion vermitteln, Besseres sei wirklich besser. Die Frage ist dann am Ende nur noch, ob der Kunde tatsächlich Geld in Besseres investieren möchte und ob er Schlechteres, was jedem Besseres in irgendeiner Form beiwohnt, kalkulieren und in Kauf nehmen will.

Nochmal kurz zum eBook: Ich teile mit dir einen grossen Vorteil: Indexierung und Volltextsuche. Das kann das herkömmliche Buch nicht. Allerdings überwiegen in meinen Augen die Nachteile weiterhin: eBook braucht ein Lesegerät, Lesegerät will Batterie, eBooks sind vermutlich genauso oder nur minimal billiger und es wird sicherlich keinen Gebrauchtbuchmarkt mehr geben.

Anders sieht es vielleicht schon im Zeitschriftenbereich aus: Ein ePaper kann sehr, sehr aktuell sein (siehe den Ideenansatz in "Minority Report") und einige Mängel eines eBooks (z.B. Gebrauchtmarkt) spielen bei einer Zeitung keine Rolle. Ein Nachteil ist jedoch immer noch da: Die Zeitung wiegt 100 Gramm, mein TabletPC 1,4 kg.

Besim Karadeniz am 15.12.05 18:03 #
 

@Besim: Digitalkameras sind immer noch wesentlich schlechter als analoge, trotzdem habe sie analoge schon verdrängt. Warum? Weil gut/schlecht sich immer auf bestimmte Eigenschaften bezieht - in der Digitalfotografie z. B. auf Bildqualität oder Auflösung. In beiden sind Digitalkameras immer noch weit schlechter. Aber in allen anderen Bereichen: Handlichkeit und Schnelligkeit, da sind sie besser. Damit eine Technologie eine andere verdrängt, muss sie nicht insgesamt besser sein, sie muss nur in einem wesentlichen Punkt besser sein.
@Martin: Warum ist Beletristik noch überhaupt nicht von der Verdrängung betroffen? Einerseits ist ein Laptop immer unhandlicher als ein Buch, man kann es immer noch nicht ins Bett mitnehmen. Der Zusatznutzen (Ausdrucken, Kopieren, Durchsuchen) spielt überhaupt keine Rolle. Das Haptische ist bei Beletristik wichtiger als bei Fachlieteratur. Aber entscheidend ist, dass es keine Beletristik in Form von eBooks gibt. Ich weigere mich, Beletristik auf Englisch zu lesen - und wie viele deutsche Romane gibt es als eBook? Die Verlage tun es nicht, wohl aus Angst vor den Kopierern (nicht zu Unrecht). Und die Anwender scheinen ihrerseits nur ein geringes Interesse daran zu haben, sonst gäbe es Tauschbörsen für Romane mit illegal eingescannten Büchern. Vieleicht liegt es daran, dass das Scannen und PDFen von Büchern doch um ein Vielfaches aufwändiger ist, als MP3s zu rippen ...

Peter am 15.12.05 18:36 #
 

Es gibt tatsächlich Tauschbörsen für illegal eingescannte Bücher, allerdings weniger für Romane als für Fachbücher.

Thiemo Mättig am 15.12.05 19:45 #
 

Na, es gibt alles und das sogar bei der selben Tauschbörse.

Hm, sagen wir mal: der gute Freund eines gute Bekannten hatte sich einen, nun ja, gefragten Bestsellerroman, der sehr dick war (der Romna, nicht der Freund des Bekannten), just zum offiziellen Erscheinungstermin gekauft. Bei 1/3 des Buches passierte es, dass, ehm, zufällig eine digitale Kopie des selben Buches an ihm vorbeiwaberte. Da las er auf dem Palm weiter. Das war ihm angenehmer. Das Buch war nämlich schwerer als der Palm und hatte keine Beleuchtung. Und das blöde Umblättern machte Lärm und störte die nehmen ihm schlafende Dame des Nachts. ;)

OG am 16.12.05 15:06 #
 

Was es nicht alles gibt. Aber gut, die "Gedankenschuld" übernehme ich gerne
;-)

Nun habe ich den Sonntag sehr erholsam im Bett verbracht und mußte dennoch weder auf ein Buch noch auf das Internet verzichten. Wenn ein Tablet PC so klein ist wie der Fujitsu Siemens P1510, den ich gerade teste, und noch dazu so leicht (1,2 Kilo), habe ich keine Probleme damit, den Tag lesend zu verbringen. Mir tun die Augen und der Kopf nicht weh. Laute Lüfter muß ich auch nicht ertragen (OK, den Testbericht erspare ich Euch, der erscheint demnächst im Notebookjournal). Sprich, ich habe ein Werkzeug, mit dem ich lesen und schreiben kann, so wie ich es will. Hätte ich meine Büchersammlung bereits PDFiert, oder koennte ich als Kaeufer von Donna Leons Aqua Alta vom Verlag gegen ein geringes Zusatzentgelt eine PDF- oder Ebook-Version bekommen, koennte ich das eine daheim lesen und es materialschonend daheimlassen und unterwegs auf dem Rechner weiterlesen.
Wieviele Bücher sind denn heutzutage noch haptisch interessant? Doch nicht die Bestseller. Da muß ich schon zu erlesenen Exemplaren von Kleinverlagen greifen. Der Tablet PC ist vielleicht schwerer als eine Zeitung, aber handlicher und ich kann weit mehr mit meiner Lektüre anfangen (notieren, archivieren, verbloggen etc.)
Was ich bei unserem Treffen im Da Rosa nicht erwähnt habe, war das
Buch von Julie Bick. Sie war in den 90ern bei Microsoft und hat aus ihren
Erfahrungen ein auch heute noch überaus lesenswertes Buch gemacht: "ALL I REALLY NEED TO
KNOW IN BUSINESS I LEARNED AT MICROSOFT" (zu finden zum Beispiel bei Amazon
unter
http://www.amazon.com/gp/product/0671009133).

In einem gewissen Zusammenhang mit der Einstellung gegenüber technischen Innovationen und „besseren“ und „schlechteren“ Produkten: Was bringt es, wenn ich etwas Tolles entwickle, es aber nicht schaffe, es unter die Leute zu bringen? Aber das sprengt den Rahmen des Kommentars, dazu mehr in meinem Blog ;-)

Mit besten Grüßen
Stefen

Stefen Niemeyer am 19.12.05 04:56 #
 

Demnächst gibt es auch ein Lesegerät im Handel, das ohne Kopfschmerzen und kurze Akkulaufzeiten (aber auch ohne Hintergrundbeleuchtung) daherkommt: http://www.golem.de/0512/42294.html . Oder verbindet das die Nachteile von Büchern und Laptops? Vermutlich kaum Rechenleistung für interessante Anwendungen, wenig Integration mit dem PC (kann man seine Notizen synchronisieren?) usw. usf. Und dafür braucht man wieder Strom und digitales Lesematerial...

Magdalena am 20.12.05 14:53 #
 

Was mich wundert, ist, dass hier hier immer von objektiven Vorteilen gesprochen wird: Dieses oder jenes, das gesamte Produkt oder einige seiner Teile sind besser als Altes.

Technische Innovationen und deren gesellschaftliche Diffusion funktionieren aber anders. Weshalb hat denn das Faxgerät solange gebraucht, um sich durchzusetzen? Die technischen Vorteile waren von Anfang angegeben.

Man muss zum einen (vermeintilche) Bedürfnisse der Verbraucher in Betracht ziehen. Und das bezieht sich beim Thema MP3 eben nur nebensächlich auf das eindampfen, sondern auf die Mobilität: Beim Hören und beim (elektronischen) Transportieren.

Zum Anderen spielen bestimmte gesellschaftliche Gruppen eine Rolle, die technische Innovationen in die Gesellschaft einführen oder eben nicht.

Dazu sei Granovetters "Diffusion of Innovations" und Gladwells "Tipping Point" empfohlen.

Der Gebrauch von Technik ist immer ein sozialer und kein technischer.

In diesem Sinne einen guten Rutsch

Kai Lehmann am 29.12.05 14:55 #