25. Oktober 2005

[ Business Weblogs , Consulting ]

Weblogs als Thema für Kommunikationsagenturen - Wunsch und Wirklichkeit

Klaus Eck schreibt:

Die Kommunikationsbranche spricht seit Jahresbeginn von nichts anderem mehr. Agenturen im ganzen Land arbeiten fieberhaft an Blog-Konzepten für ihre Kunden.

Ach was.

Ich habe letzte Woche zwei Tage auf dem ICCO Summit, der zweijährlichen Tagung der International Communications Consultancy Organisation (ICCO), einem weltweiten Dachverband der PR-Branche, dem über 20 nationale Verbände mehr als 850 PR-Unternehmen angehören, verbracht. Dort sprach man über die Globalisierung, über soziale Verantwortung von Unternehmen, über den Aufbau lokaler Expertise in fremden Ländern, über den Umgang mit Komplexität und Widersprüchlichkeit, über Reputation und Kundendialog... gelegentlich auch von Weblogs.

Weblogs stehen bei den PR- und Kommunikationsagenturen auf der Agenda, das sehe ich an den Anfragen nach Beratung und Seminaren bei mir und an dem Interesse auf Konferenzen und Tagungen wie dieser. Die Agenturen haben erkannt, dass Weblogs für eine Veränderung der Kommunikation im Internet und vielleicht eine Veränderung der Kundenansprache überhaupt stehen. Deshalb beschäftigen sie sich mit ihnen, für sich selbst und für ihre Kunden. Aber dass man "von nichts anderem mehr sprechen" und überall "fieberhaft an Blog-Konzepten für Kunden arbeiten" würde, ist blanker Unsinn. Es ist eine Wunschvorstellung.

Es ist verständlich, wenn ein Weblog-Berater ein Thema wichtig zu machen versucht, um so zu mehr Aufträgen zu kommen. Ich glaube aber, dass wir unseren Kunden und auch dem Markt insgesamt schaden, wenn wir das Maß verlieren. Ob Weblogs wichtig sind oder nicht entscheiden die Kunden, nicht wir! 1

Als Berater sollten wir nicht versuchen, die Realität zu verzerren, nicht in ihrer Darstellung und nicht durch das Erschaffen von sich selbst erfüllenden Prophezeihungen. Wir müssen das Feuer nicht mit Stroh anfachen - es hätte nämlich genug Substanz. Wir sollten ihm die Zeit geben, die es braucht.

Ich habe volles Verständnis für Agenturen und Unternehmen, die sich zur Zeit nicht mit Weblogs beschäftigen, denn es gibt so viele andere Themen, die ebenfalls aktuell sind, die wichtig sind und bei denen es einen viel direkteren Weg von Investition - z.B. in einen Berater - zum Gewinn gibt, als bei Weblogs. Ich glaube natürlich dennoch, dass sie sich mit dem Thema beschäftigen sollten, weil es kein kurzfristiges ist und weil es stellvertretend für eine fundamentale Zukunftsfrage der Unternehmenskommunikation steht: Die nach dem Dialog mit dem Kunden. Die Auftragslage gibt mir recht. Sehen wir mal weiter.

1. Zu dieser Bemerkung siehe auch hier drüben.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Morgen werde ich also wieder einmal eine Diskussion moderieren, bei der es um Blogs geht - diesmal auf den Medientagen (eher teurer Kongress, hier und hier meine mehr oder weniger Live-Berichte vom letzten Mal, Don Alphonso wollte ja nicht hin damals)....

Haltungsturnen - Klopfzeichen aus der Wirklichkeit: Vorbereitung Medientage (25.10.05 20:27)

Kritisch kommentiert Martin Röll die Behauptung, Agenturen im ganzen Land arbeiteten fieberhaft an Blog-Konzepten für ihre Kunden. Und zu Recht! Selbstverständlich soll die - inzwischen fast schon zu viel gehypte - „Top 100-Liste“ mit unmissverständl...

bjoernhasse: Wer nicht bloggt, verliert den Anschluss! (26.10.05 08:53)

Ich kann nicht anders, ich muss es schreiben: Die Geschäftsleitung: Bloggen oder Nichtbloggen; das ist hier die Frage: Obs edler im Gemüt, die Links und schnöde Worte Des wütenden Blogmobs erdulden oder, Sich waffnend gegen eine Schar von Plagen...

Das KMU-Blog: Bloggen oder nicht Bloggen? (08.11.05 02:28)

 

Inhaltlich bin ich im wesentlichen auf der gleichen Linie. Aber warum denn dieser unterschwellig nölige Tonfall.
Ich denke auch Klaus Eck ist klar, dass Formulierungen wie "von nichts anderem mehr sprechen" oder "fieberhaft an Blog-Konzepten für Kunden arbeiten" die Realität überzeichnen.
Aber seit wann legen wir denn in Bloggersdorf jede rhetorische Floskel gleich auf die Goldwage.

Djure Meinen am 26.10.05 10:16 #
 

Wenn's "unterschwellig nölig" klang, tut's mir Leid. Es ist mir ganz ernst und wichtig. Es ging mir auch nicht darum, diese eine Formulierung auf die Goldwaage zu legen. Mir ist das Thema an sich wichtig: Die Wirklichkeit des Themas in den Agenturen und die Kommunikation der Berater.

Martin Röll am 26.10.05 12:07 #
 

Es wäre noch immer die Frage, ob ein Blog irgendwelche nachhaltigen oder vollwertigen Kommunikationsziele erfüllen kann. Ich meine damit nicht die tollen Statistiken, die man dort sammeln kann, sondern eher das alte Drucker'sche Gebot: Sammle alle Informationen über Deine Nichtkunden und Nichtlieferanten und Nichtwettbewerber um deinen Horizont möglichst weit zu halten.

Warum nun Corporate Blogs (SUN, IBM, etc.) besser sein sollen, als das Scannen bestehender Hub-Blogs oder das Einschleusen von Cillit-Bang ähnlichen Barry-Avataren, vermag ich nicht zu sagen. Und auch die Mär, dass statt der dummen Praktikantentrine besser der CIO oder CEO selber schreiben sollen, erschließt sich mir nicht. Kurz gesagt: Was sollte ein Blog im klassischen oder postmodernen Kanon der Öffentlichkeitsarbeit leisten können, als einfach Investitionen in Webtechnik mit mentalem Gehalt zu füllen, der schnell veraltet, oft langweilig, selten zielführend und nie mit mnachrichtlichem Gehalt versehen ist,

fragt Moravagine

Moravagine am 26.10.05 13:33 #
 

Wenn ich mir anschaue, welche Blogs ich wirklich selbst lese, dann stell ich fest, dass es Blogs von Menschen sind. Meistens einzelnen, kommt aber auch vor, dass sie in der einen oder anderen Firma arbeiten.


Wenn ich ein Blog lese, dann weil mir die Gedanken, die der Blogger niederschreibt interessant erscheinen oder weil er einen anderen Horizont hat als ich und damit meinen erweitert.
Ob das nun ein Corporate Blogger kann, hängt ganz davon ab, ob er ein Storyteller, als ein wirklicher Geschichtenerzähler ist und es interessant ist, zu lesen, welche Geschichten ihm passiert oder aufgefallen sind.


Alles andere hat auf die lange Sicht wohl kaum Chancen. Wird vielleicht genutzt um die Website aktuell zu halten oder ähnliches.
Das lässt sich aber auch mit einem RSS-Feed erledigen, in den die Meldungen der Firma einfliessen. Wie jetzt ja auch schon in den Presse/PR Teil einer Corporate Website. Sprich eine Firma braucht kein Blog.


In der Zusammenfassung vielleicht: interessant sind nur die Menschen dahinter und nicht die Technik im Vordergrund.


just my 2 cents

Siegfried am 26.10.05 14:04 #
 

Ich gebe Siegfried recht, wenn er sagt:

"Wenn ich ein Blog lese, dann weil mir die Gedanken, die der Blogger niederschreibt interessant erscheinen oder weil er einen anderen Horizont hat als ich und damit meinen erweitert. Ob das nun ein Corporate Blogger kann, hängt ganz davon ab, ob er ein Storyteller, als ein wirklicher Geschichtenerzähler ist und es interessant ist, zu lesen, welche Geschichten ihm passiert oder aufgefallen sind."

Weblogs sind letztendlich literarische Werke (unterschiedlicher Qualität) und taugen nicht für Copy-Texte. Oben wurde schon erwähnt, dass es Menschen sind, die Weblogs schreiben. Weblogs bieten Unternehmen also die einmalige Chance, den "menschlichen", sprich den sozialen Aspekt ihrer Unternehmenskultur herauszustellen. Da sind wir ganz schnell wieder bei "Corporate Social Responsibility", "Reputation Management", "Corporate Citizenship", und und und...

Für mich ist dabei ein wesentliches Merkmal von Weblogs die Möglichkeit zum Dialog. Eine dialogische Struktur ist schließlich Grundbedingung für Kommunikation, auch, wenn das manche Agenturen nicht sonderlich zu interessieren scheint. Im Dialog ergeben sich Chancen zur Vertrauensbildung und Kundenbindung, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, das eigene Image tiefgehend zu gestalten. Allerdings muss sich jedes Unternehmen ganz oder garnicht auf den Dialog einlassen und auch Gegenfeuer in Kauf nehmen. Diese Hürde gilt es zu nehmen und sie ist wohl für viele (noch) zu hoch, weil sie auf unbekanntem Terrain steht.

Thilo Specht am 08.11.05 10:45 #