9. September 2005

[ Kommunikation , Lernen ]

Vorträge vs. Seminare

Eine Meditation über den Unterschied von Seminaren und Vorträgen, unterschiedliche Weisen, etwas zu lernen, über große Ideen und praktische Fertigkeiten; drei Tage vor meinem Tagesseminar zu Weblogs in Stuttgart.

Während ich hier sitze und mein für kommenden Dienstag vorbereite und gleichzeitig in Seth Godins "Who's there?" Weblog-eBook lese (das Grinsen hab ich gesehen), fällt mir auf, wie unterschiedlich Vorträge und Seminare sind.

In diesem Seminar erkläre ich Weblogs: Was sie sind, wo sie herkommen, wie die Blogosphere aussieht, wie sie mit Unternehmen umgeht, wie Unternehmen Weblogs nutzen, wie sie Marketing machen, wie man Weblogs findet, liest, verfolgt, wie man in Blogs kommuniziert, wie man eigene Weblogs aufbaut. Alles schöne, durchaus wichtige Dinge. Aber es kommt mir vor, als würde ich eigentlich die wirklich wichtigen Dinge gar nicht behandeln.

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Meine Mindmap zum Seminar vom Dienstag in der aktuellen Entwurfsfassung

Wo sind denn die Fragen zum Informationsüberfluss? Zu citizen media? Dazu, dass sich das Internet und eigentlich die ganze Gesellschaft verändert und Weblogs nur ein kleiner Teil davon sind?

Nun: Sie kommen schon vor. Am Anfang. Am Rande. Hier und da. Es ist nicht so, dass die nicht vorhanden wären. Aber das Seminar hat einen anderen Zweck: Es vermittelt Handwerkszeug. Es ist sehr praktisch. Man kann etwas lernen und das dann anwenden.

Meine Vorträge sind anders. Dort geht es um grundsätzlichere Dinge. Um Verständnis für große Entwicklungen, die am Beispiel erklärt werden. (Als ich mir diesen Text ausdachte, fiel mir auf, dass ich in letzter Zeit auch in Vorträgen zu oft vom Blog starte und dann BlogBlogBlogWelt rede, anstatt mit der Welt anzufangen und zum Blog zu kommen. Zu viel Routine. Zu viel ähnliche Anfragen. Ich sollte mir wieder mehr eigene Vorträge bauen, anstatt nur auf Anfragen einzugehen.)

Irgendwo gibt es da einen Widerspruch: Eigentlich müssten die Seminarteilnehmer die "großen" Ideen schon kennen, sonst ist das Handwerkszeug, das sie lernen, nicht so nützlich, wie es sein könnte. Andererseits interessiert sich kein Mensch für die ganz großen Dinge, weil sie so unpraktisch sind. Um "wie Social Software alles verändert" zu hören, gibt niemand Geld aus. Für "3 Knöpfe, die Sie drücken müssen, damit Ihre E-Mail besser flutscht" schon.

Meine Vorträge helfen Leuten, die eine Ahnung von den großen Dingen haben, ein Verständnis dafür zu entwickeln. (Und manchmal kommen gar Leute, die vorher nichtmal eine Ahnung haben und am Ende sicher sind. Das ist auch schön.) In diesem Seminar werde ich Leuten mit Ahnung und vielleicht mit Verständnis - im schlechten Fall einem anderen Verständnis als meinem - die praktischen, handwerklichen Grundlagen beibringen. Solche Arbeit ist für mich immer interessant, weil die Teilnehmer darin anders lernen, als ich das selbst tue: Für mich führt ein Weg zu einer neuen Kompetenz oft von Ahnung zu Neugierde zu Verständnis, zu größerem Verständnis, irrsinnig großem Verständnis, großen Selbstzweifeln und schließlich Aneignung der praktischen Fähigkeiten und Handlung. (Kein wirklich guter Prozess für einen Unternehmer, ich weiß. Ich arbeite an mir. :-)) Die Leuten, den ich in Seminaren etwas beibringe, kommen ziemlich schnell von Ahnung zu Grundverständnis und gleichzeitig zu praktischer Fähigkeit. Das ist gut: Weil sie potenziell schnell handeln könnten. Aber es klappt nicht immer, weil die Erfahrung, die eine Grundsicherheit bringt, fehlt.

Ich freue mich auf den Dienstag. Ich habe lang kein Seminar mehr gegeben. Ich habe noch nie ein Seminar von einem kompletten Tag gegeben! Ich glaube, es wird gut.

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der Artikel von Martin zu seinen Überlegungen, wie er sein Seminar aufziehen soll, erinnern mich an meine Grundüberlegungen: Irgendwo gibt es da einen Widerspruch: Eigentlich müssten die Seminarteilnehmer die “großen” Ideen schon kenne...

Basic Thinking Blog: Blogtalks: Hard Facts oder das Große Ding erzählen? (12.09.05 14:29)

 

Warum denn auch? Der Titel geht ja um die Unternehmenkommunikations und Marketing.

In einem Tag kann man nicht alles unterbringen, man muß Prioritäten setzen. In diesem Fall gehört nicht der schwärmende Ausflug über die Möglichkeiten der neuen Welt, sondern es gehört als Fakt vorausgesetzt mit ein paar Beispielen untermauert.

Entweder verstehen es die Teilnehmer sofort, dann haben sie es einfach, oder aber sie verstehen es nicht - dann aber brauchen sie mehr als nur einen Tag.

Und Tagesseminare sind nett. Man muß nur die Rauchersituation vorher checken ;)

Nicole Simon am 10.09.05 11:35 #