12. August 2005

[ Internet ]

Tim Berners-Lee über das World Wide Web

Eins noch, bevor ich mich endgültig in den Urlaub verabschiede.

In diesem Interview mit der BBC (via Ralf Graf) spricht Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, über die Entwicklung des World Wide Web und seine Rolle in der Welt.

Er erläutert, dass er das Web als ein Medium sieht. Es ist ein "Substrat" für die Menschheit. Sie kann es als Grundlage nutzen, um das zu tun, was sie tun will.

Er betont, dass es die Menschen sind, die das Netz nutzen und es die Handlungen der Menschen sind, die zu schlechten Dingen im Netz führen. Er ist sich dabei aber durchaus bewusst, so meine ich herauslesen zu können, das es keine "neutrale" Technologie gibt: Das Web muss die Formen von Gesellschaft unterstützen, die wir haben wollen. Dann können wir auch mit Spam und allen anderen Problemen im Medium umgehen.

"I feel that the web should be something, which basically doesn't try to coerce people into putting particular sorts of things on it.

I feel that we need to individually work on putting good things on it, finding ways to protect ourselves from accidentally finding the bad stuff, and that at the end of the day, a lot of the problems of bad information out there, things that you don't like, are problems with humanity.

This is humanity which is communicating over the web, just as it's communicating over so many other different media. I think it's a more complicated question we have to; first of all, make it a universal medium, and secondly we have to work to make sure that that it supports the sort of society that we want to build on top of it."

Er wird dann gefragt, an was er eigentlich gedacht hat, als er zu ahnen begann, welche Möglichkeiten das Netz bringen wird:

ML: I'm interested that at what sense you began to sense the possibilities. You weren't thinking car rental, you weren't thinking blogging, I assume.

TBL: Well in some ways. The idea was that anybody who used the web would have a space where they could write and so the first browser was an editor, it was a writer as well as a reader. Every person who used the web had the ability to write something. It was very easy to make a new web page and comment on what somebody else had written, which is very much what blogging is about.

For years I had been trying to address the fact that the web for most people wasn't a creative space; there were other editors, but editing web pages became difficult and complicated for people. What happened with blogs and with wikis, these editable web spaces, was that they became much more simple.

When you write a blog, you don't write complicated hypertext, you just write text, so I'm very, very happy to see that now it's gone in the direction of becoming more of a creative medium.

Wir nähern uns so langsam einer der ganz großen Ideen, die im Web stecken: Dass es ein Medium sein kann, dass weltweit die Menschen zusammenbringt. Das ist viel mehr als das Konsumieren von irgendwelcher Information, die Medienkonzerne und Unternehmen für uns zusammengestellt haben. Es ist der direkte Austausch zwischen Menschen. Sie nutzen das Web, um sich auszudrücken, mitzuteilen und Gehör zu finden.

Wir verstehen noch nicht richtig, was daraus werden wird. Das Web ist immer noch so jung. Berners-Lee meint, dass es in den Hintergrund treten wird, dass es "einfach da" sein wird und Leute es wie selbstverständlich nutzen werden. Für irgendetwas Großes, das wir uns noch nicht vorstellen können.

Schön, dass er da auch nicht konkreter wird. Warum auch? Wir wissen es nicht. Und warum auch raten?

Die beste Weise, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu erfinden. hat Alan Kay gesagt1, ein anderer Visionär. Oder ein "practical visionary", wie Thomas Madsen-Mygdal sagen würde. Der Begriff hat mir gefallen. Ich habe ihn über die Beschreibung der Reboot (die Website ist kaputt) das erste mal gefunden und trage ihn seit der Konferenz stolz auf meinem knallgelben T-Shirt herum. (european practical visionaries, unite. yeah. :-))

Damit konnte ich mich gleich identifizieren: "Visionär" sein ist doof. "Praktischer Visionär" ist viel besser. Ich will das mitbauen. Damit steigen dann auch gleich die Wahrscheinlichkeiten, dass die eigenen gemachten Prognosen eintreffen...2

"Werden Weblogs groß?" - "Ganz, ganz groß."

"Wird das Web gut?" - "Es wird sehr gut."




1. Ich übersetze das bewusst so, auch wenn ich damit offenbar allein stehe. Sollen ruhig mal alle "way" mit "Weg" übersetzen. Ich mache es anders.

2. Für diese Überlegung und eine Reflexion darüber, ob ich in meiner Arbeit eigentlich Visionär bin, sich selbst erfüllende Prophezeihungen aufstelle oder etwas ganz anderes tue, bin ich Bruno Haid zu Dank verpflichtet. Ich schreibe das bei Gelegenheit mal auf.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

So viele W’s in einem Titel, das kann ja nicht gut gehen. World Wide Web, jeder kentn es, jeder nutzt es - zum Teil ist das WWW garnicht mehr wegzudenken. Dafür gibt es einfach zu viel was damit im Zusammenhängt. Im Zeitalter des fortschreite...

Blog 42: World Wide Web WWW (18.08.05 12:47)

 

Die Idee, ein praktischer Visionär zu sein, gefällt mir außerordentlich. Aber ist man das nicht schon dann, wenn man - was ja gottseidank heutzutage meist der Fall ist - das Web und die Technologien einfach nur für sinnvolle Zwecke benutzt, ohne die Technologien als Selbstzweck zu sehen?

Denn - so ja der Artikel - wenn das Web dann toll ist, wenn es nicht nur Technik, sondern ein Medium zum Tun von Dingen ist, dann sind die "wahren" Visionäre die Nutzer.

Arne Trautmann am 25.08.05 15:08 #
 

Es sind, glaube ich, nicht die gewöhnlichen Nutzer. Es sind die, die neue Nutzungsmöglichkeiten suchen und erforschen. Ein normaler E-Mail Benutzer ist noch kein "practical visionary" - da fehlt die vision, die man bei normaler Benutzung nicht hat.

Martin Röll am 27.08.05 18:09 #