24. Juni 2005

[ Social Software ]

Verbindungen erschleichen in OpenBC

Heute muss irgendwie ein Social Networking Tag sein: Es begann mit einer Einladung über LinkedIn von einem Herrn, dern ich überhaupt nicht kannte, der mir mit seinen 7000+ connections in private equity and venture capital weighted towards communications, healthcare, pharmaceuticals, medical devices, IT, business to business services, media, and internet sectors. prahlte und mich gerne als 7000+1. Kontakt gehabt hätte. In seiner Einladung warf er mit aufschlussreichen Links wie Cheater's Guide to LinkedIn und "Right-Sizing" Your LinkedIn Network rum. Willkommen in der Welt der transaktionalen Beziehungen...

Was der Wert von "Beziehungen" in Online Social Networks sein soll, in denen man sich gar nicht kennt, ist mir nachwievor schleierhaft. Fein: Mittels der Verbindung zu diesem Herrn könnte ich über LinkedIn viel mehr Leute kontaktieren - aber nur über eine dünne Verbindung, in der der Intermediär überhaupt nichts über mich sagen kann. Genausogut könnte ich beliebig googeln und einfach irgendwen ansprechen, der mir interessant erscheint. Der einzige Wert, der Vermittlungs-Netzwerke wie LinkedIn schaffen können, liegt in der Mediation der Kontakte zwischen den Mitgliedern. Wenn einfach jeder mit jedem verbunden ist, ist es nur noch eine dumme Kontaktdatenbank, nur unwesentlich dichter als das Welt-Telefonbuch. Kontakt abgelehnt. Ende der Geschichte.

Doch nun zum eigentlichen Punkt: Ich wurde von einer E-Mail überrascht:

Subject: openBC: Einladung an Horst [...] erfolgreich

Sehr geehrter Herr Röll,

Sie haben Horst [...] zu openBC eingeladen.

Die Einladung war erfolgreich, diese Person hat sich jetzt registriert.
Das System hat deshalb automatisch einen bestätigten Kontakt von Ihnen
zu dieser Person hergestellt:

Huch? Ich kenne überhaupt keinen "Horst". Und eingeladen habe ich ihn auch nicht. Was ist hier passiert? Hat jemand meinen Account gehackt?

Die Lösung war relativ einfach, wie mir der Herr nach meiner verwunderten Nachfrage schrieb: Er hatte mein Weblog gefunden, darin gelesen und war dann einem Link, den ich fahrlässigerweise auf meiner Kontakt-Seite stehen gehabt hatte, gefolgt. "OpenBC" war dort nicht auf die OpenBC-Startseite, sondern auf eine "Einladungsseite" verlinkt gewesen.

050624-openbceinladung.jpg
Nö. Hab ich gar nicht.
So einen Link kann man sich einfach selbst bauen: Man nimmt einfach http://www.openbc.com/go/invuid/ und setzt hinter den letzten Schrägstrich den Namen desjenigen, von dem man gerne eingeladen sein will. Dann muss man nur noch auf "Jetzt registrieren" drücken und derjenige, dessen Namen man missbraucht hat, bekommt genau so eine Mail wie ich sie bekommen habe und wundert sich über seine Vergesslichkeit.

Hier steckt eine hübsche Missbrauchsmöglichkeit drin: Zwar kann man im normalen OpenBC-Betrieb auch schon Kontakte zu beliebigen Personen knüpfen. Sie werden dann aber, wenn der andere sie nicht bestätigt, als "einseitige Kontakte" angezeigt. Mit diesem Umweg über den Einladungslink kriegt man einen voll bestätigten, zweiseitigen Kontakt - angeblich habe ich Horst ja eingeladen! Habe ich aber gar nicht: Er ist einfach einem Link gefolgt - den er sich auch selbst hätte basteln können.

(Nochmal zur Klarheit: Der Herr von heute morgen hat sich nichts "erschlichen" - er ist einem Link gefolgt, den ich auf meiner Website stehen hatte, der da nicht hätte stehen sollen. Er handelte in guter Absicht.)

In der OpenBC-Community wird das nicht besonders nützlich oder gefährlich sein - aber wenn dort auch mehr Kontaktsammler wie auf LinkedIn ihr Unwesen zu treiben beginnen, wird es nicht mehr spaßig. Einen bestätigten Kontakt zu Bill Gates? Nur zu.

OpenBC sollte die Einladungsseite ändern und noch eine Bestätigung des echt oder vermeintlich einladenden dazwischenschalten, um Missbrauch auszuschließen. So könnten User ihre Einladungsseite auch benutzen, um Kontakte ins Netzwerk einzuladen, ohne gleich mit ihnen verbunden zu sein - das Netzwerk könnte schneller wachsen und würde seine Qualität beibehalten.

Aus dem Archiv: Das E-Business Weblog: Gaming the System: OpenBC (3. März 2005)

Bei der Gelegenheit wiedergefunden: "The first duty of a socsoft application should be to not create new bad social situations. First, do no harm." (Cory Doctorow)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

For many people, size does matter. In the context of social networks like LinkedIn and OpenBC, some individuals will boast a huge number of 1st degree contacts. The more, the better. As far as I can remember, I think...

Rakeman: The Value of Online Social Networks (24.06.05 14:00)

 

wie stehst du eigentlich zu marios wette?

helge am 24.06.05 12:39 #
 

Keine Ahnung. Die Adresse, auf die er linkt, ist tot. OpenBC "verschwinden"? Nein. Dafür rechnet sich das Geschäftsmodell viel zu gut. Selbst wenn OpenBC als Social Network zusammenbricht: Die Funktionen zur Kontakt- und Terminverwaltung sind nützlich und das Geld wert. Sicher werden die auch irgendwann kostenlos verfügbar sein, aber bis dahin und bis zu dem Zeitpunkt, wo die Nutzer dann wegrennen, ist es noch lang.

Martin Röll am 24.06.05 12:46 #
 

Nach der ersten Begeisterung über Social Networks scheint nun die Stimmung umzuschlagen. Man muss nicht gleich auf das Ende bestimmter Dienste wetten, aber Ernüchterung kehrt offenbar ein. Die Five reasons social networking doesn't work bringen es ganz gut auf den Punkt.

Wolfgang Sommergut am 24.06.05 19:39 #
 

Scheinbar funktioniert die "Einladung mit persönlichem Link" nicht so, wie sie sollte. Platziert man irgendwo unter der Navigation einen Link "In OpenBC Mitglied werden", weiß kaum einer, der noch nicht dabei ist, worum es bei OpenBC geht. Schreibt man über OpenBC und ruft dabei seine Leser dazu auf sich dort anzumelden und einem einen kleinen Gefallen zu tun indem sie der indirekten Einladung folgen, ist diese Methode gut. Es kann aber dennoch sein, dass sich Leute über den Link als Kontakt "einschleichen", die man gar nicht mag oder kennt.

Bisher hatte ich auch diesen Link in meiner Homepage/Weblog eingebunden, doch nachdem es keinen Nutzen gebracht habe, wurde er wieder entfernt. Ich halte die direkte Form der Einladung für deutlich besser.

Wenn man deine Reaktion auf den neuen Kontakt sieht, Martin, so scheint es, dass es auch deine erste indirekte Einladung war, die funktionierte. Jetzt hast du deutlich höhere Besucherströme und trotzdem fand niemand den Weg. Wie ich gesehen habe, hast du den Link mittlerweile auch entfernt, oder?

Mit den anderen Kontaktmethoden hat dennoch die bessere Wahl. Man läd den ein, für den eine OpenBC-Account nützlich sein könnte. Man nimmt den Kontakt auf, den man kennt, der für einen nützlich ist.

Christoph Hörl am 25.06.05 08:31 #
 

Dieses Problem hatten wir bereits erkannt und in Kürze werden sich die Einladungslinks ändern.

Michael Otto
CTO openBC

Michael Otto am 27.06.05 14:02 #
 

Die Einladung von dem Herrn, der mit seinen 7000 Kontakten prahlte bekam ich auch. Sehr seltsam.

Was die Zukunft von Open BC et al angeht, glaube ich, dass das vor allem auch als sehr gutes Instrument für "Mundpropaganda-Marketing" genutzt werden kann. Ein Problem bei diesen Ansätze ist immer, diejenigen stark vernetzten Individuen herauszufinden, die mit ihrer Meinung möglichst viele andere beeinflussen können. (Procter & Gamble macht's mit Online-Fragebögen.) Aber genau das sollte ja für die Open BC Leute kein Problem sein. Über Open BC kann man ideal Profile vom Kommunikationsverhalten der Leute erstellen und anschließend mittels Seed Marketing Mundpropaganda erzeugen. Also allein deswegen würde ich ja gern mal einen Blick hinter deren Kulissen werfen (nicht zuletzt wegen meiner Promotion zu dem Thema... ;-).

Martin Oetting am 04.07.05 22:09 #