24. Juni 2005

[ Ethik , Gesellschaftliches , Rechtliches , Systemik und Komplexität , Transparenz ]

Pranger.

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Die Polizei von Chicago stellt Bilder, Namen and Adressen von Menschen, die im Zusammenhang mit illegaler Prostitution festgenommen worden sind auf ihrer Website ins Netz (via tagesschau.de). Ein Internet-Pranger. Von unverurteilten Leuten.

Es ist entsetzlich. Schon jetzt sind die Leute googelbar. Ihre Namen und der Zusammenhang mit Prostitution werden vielleicht nie wieder aus dem Netz gelöscht werden. (Die Daten werden angeblich nach 30 Tagen von der Seite gelöscht. Ob sie aus dem Google-Cache und aus archive.org und ähnlichen Seiten auch verschwinden?)

Ist das gerecht? Die Liste ist not a comprehensive list of all individuals arrested by the Chicago Police Department for patronizing or soliciting for prostitution. Es stehen nur manche Festgenommen darauf, aber nicht alle.

(Die Chicagoer Polizei hat weitere bemerkenswerte technische Dinge im Einsatz.)

Der Pranger soll wohl der Abschreckung dienen und wird das zweifellos erreichen. Aber ist das verhältnismäßig? Was ist mit dem Nebeneffekten? Soll jeder einmal Festgenommene auf Lebenszeit gebrandmarkt werden - damit er dann nie wieder einen Job findet und dauerhaft geächtet bleibt?

In den mir bekannten Gegenden ist ein wichtiges Ziel des Justizvollzugs immer auch die gesellschaftliche Reintegration Straffälliger. Hier passiert genau das Gegenteil: Leute, die mutmaßlich straffällig geworden sind, werden noch vor einer Verurteilung sozial geschädigt! Für das Ziel der Prostitutionsbekämpfung mag das effektiv sein, aber die Nebeneffekte sind unverhältnismäßig.

Dieser Artikel in der Chicago Tribune geht weiter ins Detail und verweist auf andere Pranger in den Vereinigten Staaten (einige Links dazu gibt es hier).

The recommendation to post offenders on the Web in Chicago came from a task force made up of local law-enforcement officials, former prostitutes and representatives of social-service agencies that studied the causes and effects of prostitution for two years, officials said.

Sieht nach einem klassischen Systemeffekt aus, der sich da ankündigt: Prostitutionsraten runter, weitere Kriminalität rauf. Ob das für die Gesellschaft langfristig gut ist, im land of the free and home of the brave?

Am 4. Juli ist Unabhängigkeitstag.


(Dieser Artikel im San Francisco Chronicle befasst sich mit der Geschichte von Ehrenstrafen und verweist auf aktuelle Fälle aus den USA. (Hier gefunden.) In ihm kommt Dan Markel (der auch bloggt) zu Wort, der über das Thema geschrieben hat (z.B. hier). Er enthält auch ein warnendes Beispiel:

A cautionary tale in this regard comes from Toronto, where on April 16, 2003, the local chief of police made a big splash of announcing the names of men caught up in an Internet pornography sweep ("Operation Snowball") at a press conference. James LeCraw, one of the men named, but later exonerated, committed suicide. He blamed the loss of his job, family and friends -- the rapid unraveling of his life -- on the mistaken disclosure. He left a suicide note urging his family to sue.
)

(Selbst wenn ein Pranger grundsätzlich nach US-Gesetzgebung erlaubt wäre (was ich nicht einschätzen kann), ist ein Pranger von nicht rechtskräftig verurteilten definitiv gegen die amerikanische Verfassung (hier gefunden).)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

In den USA entscheidet das jeder, der sich irgendwie 'berufen fühlt' (vom Volk, von Gott oder von sich selbst) für sich – irgendwo muss die Würde des Menschen ja schliesslich aufhören!
(Und dafür gibt es ja auch prominente Unterstützung aus Washington D.C. und aktuelle Beispiele).

Aber etwas ganz anderes, wie wäre es mit der Möglichkeit der Widereinführung des erst 1848 abgeschafften Prangers bei uns? Wäre das im 'Sondergebiet Internet' nicht geboten und erlaubt? - oder müsste da erst stramme Demokraten zusammenstehen und soeben einmal die überholten Gesetze anpassen? Würde es bei einen solchen Vorhaben bei uns (noch) einen wirksamen Widerstand geben?

Wenn Sie einmal schauen, was die Schily's, Beckstein's und Zypries'en so alles einführen und noch einführen wollen - ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen - dann sind wir vielleicht gar nicht mehr so weit davon entfernt. Mit dem Totschlagargument, sie wollen doch nicht mitschuldig sein, wenn unsere Frauen (oder Männer) vergewaltigt, unsere Kinder geschändet oder Bürger beraubt und getötet werden, begibt sich der brave Bürger stillschweigend in die Obhut der Obrigkeit zurück.

Wenn ich mich recht an meinem Geschichtsunterricht ernnere, wurde damals in der Paulskirche noch ein paar andere 'fortschrittlichen Dinge' beschlossen, auch die könnten wir dann gleich an die '(un-)heilige Allianz' zurück geben.

Hugo E. Martin am 24.06.05 18:51 #