26. Mai 2005

[ Business Weblogs , Innovation und Wandel , Intranets , Social Software , Trends ]

Angst, Gier und... - Über den Markt für Social Software.

Ross Mayfield schreibt auf Corante einen großen Artikel über die zwei Bereiche, in denen ich zur Zeit arbeite - Weblogs in der externen Unternehmenskommunikation und Social Software in Intranets - und beschreibt, wie er den Markt zur Zeit sieht: Many-to-Many: Fear, Greed and Social Software

Weblogs und Marken

Aus Ross Sicht ist der Markt für Weblogs zur Zeit angstgetrieben: Die Unternehmen sehen, wie Blogger über sie und ihre Marken schreiben, sie beobachten, eigene Projekte mit ihnen starten. Das ist ungewohnt.

Dazu fürchten sie ihre eigenen Mitarbeiter (dazu hatten wir hier auch schonmal was): Interne Nachrichten können seit E-Mail nach außen weitergeleitet werden, mit Weblogs wird das jetzt noch einfacher. Durch das Weblognetzwerk können die einzelnen Mitarbeiter Unterstützung bekommen, wenn sie "nach draußen" gehen, wenn interne Einflusswege scheitern.

Ross schließt, dass Unternehmen deshalb zur Zeit im Feld Business Weblogs entweder gar nicht handeln oder nur verteidigend, mit Klagen gegen Bloggern oder ähnlichem reagieren, meint aber auch, dass die Angst schnell in Gier umschlagen kann, wenn Erfolge zu sehen sind.

Nun zum anderen Thema, Social Software in Intranets:

Social Software in Intranets

Hier sieht Ross den Markt durch Gier getrieben:

Der IT-Markt geht nach den Investitionen in Sicherheit nach dem 11. September wieder zurück in seinen vorherigen Zustand: IT-Investitionen werden getätigt, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Das Potenzial in der Prozessautomatisierung ist praktisch ausgeschöpft. Die Unternehmen beschäftigen sich mit Innovation und die ist direkt durch Zusammenarbeit (collaboration) untermauert. 95% der IT-Investition in Unternehmen gehen in die Prozessunterstützung, aber das, was die Menschen heute vor allen Dingen tun, ist, die Ausnahmen von den Prozessen zu bearbeiten. Diese Seite ist bisher kaum unterstützt.

(Vgl meine Ausführungen hier. Die Sichtweise "Die Maschinen erledigen die Standardprozesse, die Menschen arbeiten an den Ausnahmen" gefällt mir gut. Die werde ich sicher in künftiger Arbeit aufnehmen.)

Weblogs, Wikis, RSS-Aggregatoren und andere Social Software sind eine Alternative zu E-Mail und unterstützen das soziale Gefüge im Unternehmen. Wenn die Potenziale in der Prozessunterstützung ausgereizt sind, kommen Unternehmen an eine andere Grenze: Innovation. Social Software unterstützt, dass sich Gruppen zusammenfinden, flexibel an einer Problemlösung arbeiten können, lernen und die Innovation in die Organisation bringen.

Unternehmen nehmen Social Software also nicht aus Angst auf. Sie sehen, dass Social Software 80% der Funktionalität von Groupware / Portal / Collaboration / KM System mitbringt und dabei sehr viel billiger ist, was die Hürde zu Pilotprojekten senkt. Zunächst geht es ihnen oft um einfach Gruppenproduktivität, aber das, was wirklich der entscheidende Punkt ist, ist, dass Social Software die Möglichkeit der Veränderung durch Innovation schafft.

Simple group productivity may be the spark, but the great intangible is helping people innovate together. Enterprises adopt social software because of the opportunity to change through innovation.

Social Software kommt zur Zeit, wie jede disruptive Innovation, "von unten" in die Unternehmen. Die Unternehmen, die die Möglichkeiten heute schon sehen, werden einen Wettbewerbsvorteil haben, wenn sie von anderen aus Gier kopiert werden.


Es dürfte kaum überraschen, dass ich Ross' Ansichten teile. Im Bereich von externen Weblogs geschieht aus meiner Sicht zur Zeit wenig Innovatives. Die Unternehmen warten ab, was geschieht. Es gibt die ein oder andere Ausnahme, wie Ross auch beschreibt, aber die Haupt(nicht-)bewegung ist eine des Abwartens.

Im zweiten Feld dieht das anders aus: Es ist klar, dass die Unternehmens-IT die neuen Arbeitsprozesse, die die Wissensarbeit mit sich bringt, besser unterstützen muss. Es ist in der Tat so: Die Standardprozesse haben wir IT-mäßig gut unter Kontrolle. Interessant wird es da, wo die Menschen zusammenarbeiten. Jedes Unternehmen hat erkannt, dass es innovieren muss und die Zusammenarbeit der Mitarbeiter dafür entscheidend ist.

Social Software verspricht, sich flexibel den Aktivitäten anzupassen, die die Mitarbeiter tun wollen und ein Umfeld zu schaffen, in denen Informationen effektiv genutzt werden können, um zu innovieren.

Es ist noch sehr früh in dem Markt. Es ist die Zeit des Beginns. Frühling.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Fear, Greed and Social Software

Die Einstellungen und Motive der Unternehmen im Bezug zu Social Software mit Angst und Gier beschreiben wollen, ist nach meinen Beobachtungen und Einschätzung deutlich daneben.
Hätten Sie wohl gerne?

Wenn ich Ross Mayfield und Sie einmal als "Promotoren und Insider" von Social Software bezeichnen darf, dann ist die dargelegte Einschätzung (und Reduzierung) in „Fear, Greed and Social Software“ eher eine Umschreibung einer Außenwahrnehmung unter dem Innendruck der "Bewegung", als eine Beobachtung dessen, was in den Unternehmen gedacht, gefühlt und auch gebraucht wird.

Das man auch vor etwas, was man nicht kennt und einschätzen kann, Ängste und/oder Unsicherheit entwickeln kann, das ist nicht neu. Aber vom Entwickeln von wirklichen Ängsten bei den Unternehmen zusprechen, setzt ja voraus, dass (ein Großteil der) Unternehmen mit dem Begriff und Erscheinungsformen der "Social Software" etwas verbinden und eine Beziehung, Einflussnahme oder Bedrohung auf das Unternehmen annehmen oder wenigsten annehmen könnten.

Machen Sie Mal eine Umfrage, die meisten Gesprächspartner an der Unternehmensspitze, im Bereich Kommunikation oder IT&C kann mit den Begriffen "Social Software, Blogs, Wikis, etc." noch immer nichts anfangen. Sie wissen auch gar nichts mit den (nur wenig bekannten) Funktionen anzufangen und haben kaum Ahnung, zu welchen ihrer Ziele Social Software etwas Vernünftiges beitragen könnte. Ausnahmen gibt es natürlich, aber ...

(Bei meiner Umfrage zu Blogs und RSS bei Zeitungen, Fachzeitschriften und Magazinen, gab es (und nicht nur einzelne) Ansprechpartner, die sich „beschwerten“, warum ich die Begriffe nicht wenigsten kurz erklärt hatte und 2 Befragte haben zugegeben (Danke!), dass sie sich erst einmal schlau gemacht hätten, was das überhaupt sei ... – noch Fragen?)

Ist das die Schuld der Unternehmen? Der im Unternehmen Verantwortlichen? Ich denke nein - jedenfalls nicht in der Hauptsache. Wir (Anbieter, Berater, Promotoren) müssen uns hier an die Brust klopfen (mea culpa).

Die postulierten, eventuell vorhandene Ängste würden sich rasch auflösen und die "Gier nach diesen Alleskönnern" würde schneller wachsen, wenn die Social Software Propheten den Nutzen und die Anwendung in der Sprache der Unternehmen erklären und nachweisen können. Und nicht zuletzt, wenn es im Unternehmen für den dargestellten Nutzen, die dazupassende Aufgabenstellungen im Unternehmen auch gibt.

Die große Masse der Unternehmen und die Unternehmenswirklichkeit (insbesondere auch in Deutschland) hat die "Macht" der Weblogs noch gar nicht erreicht. Mit und ohne die sich häufende Erwähnung in MSM (Mainstream Medien) sind die aktiven Blogger und Blogleser in Deutschland ein recht bescheidenes Häufchen. Die wenigen Beispiele, in denen Blogs zur Verwerfungen innerhalb von Unternehmen und/oder Kunden und Lieferanten geführt hat, sind eher eine Bestätigung für diese Einschätzung als für eine „gefährliche Welle“.

Dass die, von den Segnungen von Social Software überzeugte Unternehmen, die einmal gewonnene Einsicht dann vielleicht schnell, professionell und mit Leistungsnachweis umsetzen möchten, könnte passieren. Die erhoffte oder gefürchtete (?) Gier – ist das schon ein erster Abwehrmechanismus - gegenüber einer gefühlter Überforderung die nützliche, "passgenaue" Lösung, für real existierende, unternehmenskritsche Aufgaben und mit einem Return-on-Investment anzubieten oder die installation und den Einsatz begleitend sicherzustellen?

Aber, natürlich ich bin überzeugt, dass Martin Röll in seinen Projekten nicht ruhen wird, bis der Kunde den geplanten Nutzen auch tatsächlich erreicht hat – sonst hätte ich diese Gedanken auch nicht aufgeschrieben.

(Und nachdem Martin R. meine Blog-URL nicht mag, habe ich die URL meiner Website angegeben.)

Hugo E. Martin am 26.05.05 19:50 #
 

Himmel, Sie haben so Recht! Vielen Dank!

(Ross Mayfield aber auch: Sie betrachten unterschiedliche Märkte. Im US-Markt, auf den Mayfield schaut, ist die Diskussion schon weiter und da sind die "Angst und Gier" Metaphern durchaus zutreffend, glaube ich. (Die Passgenauigkeit der Metaphern brauchen wir aber nicht weiter zu diskutieren - darum geht es nicht.))

Ich wünschte, ich könnte noch ein bisschen mehr zu der künftigen Entwicklung von Social Software in Unternehmen in Europa schreiben, aber dann würde ich mit laufenden Projekten in Konflikt kommen. Ich komme darauf zurück.

(Das bin nicht ich, der Ihre Blog-URL nicht mag. Das ist Google, das den Blogspot-Spam nicht in den Grifff bekommt, weshalb ich blogspot komplett filtern muss. Es tut mir leid.)

Martin Röll am 26.05.05 20:03 #
 

auch wenn ich den artikel von ross sehr gut finde, weil er um die richtigen gedanken kreist, zwei steine für den weg:

# bin ich der einzige, dem diese diskussion bekannt vorkommt? ich will mich nicht als web-pionier hervortun, aber soweit ich mich erinnere gab es diese "probleme" schon vor 10 jahren und vor allem dann, als unternehmen ("bwler") anfingen, im/mit dem internet geld zu machen .. "all you bloggers - time to face reality!" es ist typisch dafür, dass
"insider" darüber klagen, wenn "ihr" medium oder kommunikationsmittel "missbraucht" wird, wenn es in die breite geht. nur: wenn ein medium völlig offen ist, gibt man auch aus der hand, was die leute damit machen. auch wenn man es lieber cosy und heimelig hat: gilt für alle und für jeden.

# ross mayfield macht einen fehler, wenn er eingangs doc searls zitiert: starke marken (=unternehmen) haben es für gewöhnlich nicht nötig, ihren antrieb (nur) aus furcht zu schöpfen oder ihre mitarbeiter zu gängeln. sie leben von ihnen. und wenn sie gut zugehört haben, wissen sie auch schon, wie und warum sie blogs einsetzen (oder eben nicht).

das problem, das die aktuelle diskussion am thema "social software" aufwirft, ist viel globaler und älter und hat nichts mit einem CEO-blog oder blog-monitoring zu tun. es hat damit zu tun, wie man mit den menschen umgeht; welche unternehmensstrategie man verfolgt. und natürlich gibt es einige, die in blogs oder wikis ihre chance erkennen, sie als (hils)mittel erkennen, weil es zu ihrer philosophie passt. und viele, die das nicht tun -- und vielleicht in 1-2 jahren anders sehen. nur: die meisten von den firmen, die 1995 der meinung waren, das internet sei (für sie oder ihr business) unwichtig, haben sich getäuscht und mussten dazu lernen. und viele von denjenigen, die denken, sie haben das internet in all seinen facetten mittlerweile längst verstanden, werden nun auch wieder dazu lernen müssen. uns eingeschlossen ;)

ich weiss nicht, ob das für die diskussion hier hilfreich ist, ging mir nur so durch den kopf als ich den artikel gelesen hab ...

ami am 26.05.05 22:08 #
 

@ Hugo E. Martin aber auch allgemein.

# Netzwerke wie LinkedIn und OpenBC 'unterwandern' die Firmen sowieso. D.h. wenn die Köpfe Social Software nicht wahrnhemen, die Augen und Hände der Unternehmen tun es. es sickert dann schon durch. (Die USA sind da wie Martin nicht allein meint, da in der Tat einigtes voraus. Schadet ja nix, die Probleme von übermorgen schon jetzt zu sehen.)

# Blogs und Wikis sind in einigen größeren Firmen bereits etabliert, weil sie besser funktionieren als komplexe Intanets oder KM-Lösungen, weil sie transparenter sind als E-Mail. Gehen wir mal davon aus, dass auch diese Erkenntnis, sei es mit Personalwechsel, sei es, weil ohnehin extrene Berater involviert waren, langsam in den Rest der Wirtschaft diffundieren wird.

Mal ein Blick auf die Gegenwart in D, was 'externes' Business-Blogging angeht:
* viele KMUs und Freiberufler nutzen bereits Business-Blogs zur PR
* einige Zeitungen und einzelne Medien steigen in breit angelegte 'user driven'-Blogprojekte ein oder lassen ihre Mitarbeiter extensiv bloggen
* ITlern muss man nicht mehr nahebringen, dass Wikis eine gute Idee sind und auch die Medien haben sie entdeckt (und mögen sie manchmal so sehr, dass sie von ihnen abschreiben)

Kein Grund also zur Schwarzmalerei.

OliverG am 29.05.05 21:51 #