5. Mai 2005

[ Innovation und Wandel , Kommunikation , Technologie ]

"The Dynabook revisited" - Wie nutzen wir Computer künftig?

"The Dynabook Revisited" ist ein hochinteressantes Interview mit Alan Kay.

Zwei Punkte daraus:

  1. Zwischen der Erfindung einer neuen Technologie und der Verwirklichung der neuen Möglichkeiten aus ihr, liegt immer ein (langer) Zeitraum. (Kay sagt "realization", was sowohl "Erkenntnis" wie auch "Umsetzung" bedeutet.)

    Himmel, das ist so wahr. Das Interessante ist, dass es trotz aller Beschleunigung auch bei heute erfundenen Technologien noch immer lange - Jahre, Jahrzehnte (!) - braucht, bis es so weit ist. Gute Nachricht für Unternehmensgründer: Nur keine Hektik. Ihr könnt auch in 5 Jahren noch Computer/ Internet / Social Software / anderes Modethema - Unternehmen gründen. ;-)

  2. Neue Technologien / Medien verändern die Weise, wie Menschen argumentieren. (Darüber schreibt auch Neil Postman). Kay kam auf die Idee, dass Simulation die Grundlage für eine neue Art des Argumentierens sein könnte. Aus dieser Überlegung kam er darauf, den Computer als Kommunikationsmedium zu sehen:
    The thing that jumped into my head was that simulation would be the basis for this new argument. (...) If you're going to talk about something really complex, a simulation is a more effective way of making your claim than, say, just a mathematical equation. (...) More and more, I was thinking of the computer not just as hardware and software but as a medium through which you could communicate important things.

    Weiter unten dazu:
    The computer allows you to capture important ideas, whatever the form of their expression, and convey them in a way that will help other people understand them, and maybe even add to them.

Mit dem Personal Computer könnten wir ein Werkzeug haben, mit dem wir anders kommunizieren könnten, als wir das bisher getan haben. Wir sind aber wohl immer noch an einem Punkt weit am Anfang zwischen Erfindung einer neuen Technologie um Umsetzung ihres Potenzials und noch lange nicht am Ende. (Folglich imitieren wir Bestehendes.)

Mit Hypertext erleben wir das heute schon ein wenig. Mit elektronischen (Mind-)Maps kann man das auch manchmal sehen. Aber das ist noch so rudimentär.

Wir nutzen die Kommunikations- und Ausdrucksmöglichkeiten, die wir mit Computern haben, kaum aus. Wir benutzen unsere PCs als Schreibmaschine (Textverarbeitung, Word), als Rechenknecht (Tabellenkalkulation, Excel) und als Buntbilderproduktionsanlage ("Präsentationen", Powerpoint). Dabei ginge viel mehr.

Mit Weblogs & Wikis und einigen Entwicklungen drumrum wird die Sache so langsam interessanter, aber auch dort sind wir fast ausschließlich am Fließtext orientiert, das prägende Paradigma ist die "Seite". Warum? Das Dynabook, pardon, der Computer könnte viel mehr und ganz anders. So vielleicht, oder so oder noch anders? (Ich sammle sowas - her mit den Links!)

Wie finden wir es heraus? Indem wir es bauen. Was sollten wir bauen? Das, was dem Menschen nutzt. Wie finden wir heraus, was dem Menschen nutzt? Wir schauen und hören ihm zu. Wir besinnen uns auf die Grundlagen, die Ziele1. Wir schauen auf das was Menschen eh schon können und versuchen, das ein bisschen besser zu machen. Oder wir bauen einfach etwas Gutes für uns und vertrauen darauf, dass sich schon andere finden werden, die es nutzen und weiterentwickeln werden.

(Richtig so? Oder nicht?)

Ich sollte wieder mehr Science-Fiction lesen.



1. Diese Powerpoint-Sessions und PDF-Orgien machen mich fertig. Worum geht es? Es geht darum, eine Idee, die im eigenen Kopf steckt, auch im Kopf eines anderen erleuchten zu lassen. Es geht darum, Wissen zu teilen. Es geht darum, Entscheidungen zu treffen. All das geht komplett ohne Computer. Zumindest ging das früher mal. Ich bin noch gar nicht so alt, aber ich erinnere mich tatsächlich an Konferenzen, auf denen noch frei geredet und nicht powerpointisiert wurde. Die waren genau so gut, wenn nicht besser, als die Konferenzen von heute. Und das ist nur eins von den Millionen Dingen, die Menschen kommunikativ machen.

Heute fragen wir "Können Sie mir die Präsentation per E-Mail schicken?" Himmel, nein, kann ich nicht! Eine Präsentation (ich bevorzuge ja das Wort "Vortrag") ist eben mehr als ihr Foliensatz! (oder ihre schriftliche Wiedergabe.) Wo sind wir hin geraten, dass wir das vergessen haben?

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Martin Fragt: Warum sind Wikis & Weblogs (und der Rest des Netzes) immernoch Fließtextdominiert sind. Darum: Text ist schnell und einfach zu erstellen, alles andere erzeugt (noch!?) Schmerzen beim Ersteller.

johanneslerch.at - all hail to vanilla: 2005-05-13 (13.05.05 14:28)

 

Zwar nicht ganz passend, aber der Satz, der mir am meisten aufgefallen ist beim Kay Interview:


But if the kid were having difficulty in French, we couldn't say that that kid is not French-minded, because we know that had the kid been born in France he or she would have no trouble learning French. So Papert's idea was that there's something environmentally wrong about the way math is taught to kids.

Siegfried am 05.05.05 20:43 #
 

interessant in diesem zusammenhang dürfte das deepamehta-framework sein: http://www.deepamehta.de.

markus am 06.05.05 13:54 #
 

Um „Innovation und Wandel“ hervorzubringen, besonders in der Form von distributed KM reicht es nicht die Frage zu stellen ‚ Wie nutzen wir Computer künftig?’, oder was gängig oder gar ‚nützlich’ wäre.

Um die Sphäre des ‚Imitieren vom Bestehendem’ zu verlassen und Sprünge in der individuellen und kollaborativen Kreativität zu wagen, könnte auch gefragt werden nach dem ‚Gebrauch vom Selbst’ und seinem virtuellen ‚Gestell’. Das Denk- und Handlungs-Paradigma der ‚user’ sollte sich wandeln. Dann würde eine ‚state of the art’- Kreativität sich individuell/ kollaborative in den Neuen Medien artikulieren können. Wandel wäre kollaborativ selbst-gesteuert.

Rita Grewatsch am 09.05.05 09:48 #
 

Vielleicht lesenswertes zum Thema ‚ Veränderung der Wissensarbeit’:
http://www.manager-magazin.de/it/artikel/0,2828,354844,00.html
"Investitionen in die Informationstechnik eines Unternehmens zielen nach wie vor meist darauf ab, das tägliche Geschäft abzuwickeln und Kosten zu reduzieren, anstatt sie an Produktinnovationen und Ertragssteigerungen zu messen."
http://www.headshift.com/archives/002469.cfm
>
http://ippr.typepad.com/digitalmanifesto/2005/04/consultation_we.html

Rita am 10.05.05 07:40 #