6. März 2005

[ Dresdensia ]

Au Revoir, "La Croquante"

Das "La Croquante" war ein Bistro im Dresdner Hechtviertel, direkt bei mir schräg über die Straße, auf der Rudolf-Leonhard-Straße 14.

Ein Mann, ich habe leider seinen Namen vergessen, hatte es Ende 2001, unwesentlich nach dem 11. September eröffnet. Das war die Geschichte des Bistros: Eigentlich hatte er zusammen mit seiner Freundin, einer Stewardess, in den USA, ich glaube in Atlanta, gelebt. Er flog regelmäßig alle 90 Tage aus den USA kurz nach Deutschland und wieder zurück, weil er nur ein Touristenvisum hatte. Nach dem 11. September ging das schief: Er wollte wieder einreisen und wurde zurück geschickt. In Bremerhaven, wo er herkam, langweilte er sich und fand keine Arbeit. Also ging er nach Dresden, wo er Freunde hatte, dachte ein wenig nach und als klar war, dass er auch hier keine Arbeit finden würde, machte er kurzerhand ein Bistro auf.

Ich habe nie genau verstanden, wie er einfach so so einen Laden aufmachen konnte, aber er meinte, er habe ja nichts zu verlieren und was solle ihm schon passieren. So eröffnete das "Croquante", ein kleiner Laden mit 8 roten, quadratischen IKEA-Holztischen und den passenden blauen Stühlen drumherum, mit schöner, von Freunden handgemachter Deko (die Pflanzen kamen vom Blumenhändler gegenüber) und einer Theke, hinter der große Baguettes, Pitas und Salate zusammengebaut wurden. So groß, dass man völlig ausgehungert hingehen und satt und glücklich werden konnte. Die Zutaten waren immer frisch, "und die Leute merken das auch, mal im Ernst: Wer will heute wirklich noch Döner essen? Wenn Du einmal gesehen hast, was die da reintun.. nee." meinte der Chef und Recht hatte er. Auch die Dönerläden, die gegenüber aufmachten und nach kurzer Zeit wieder schlossen, konnten ihm nichts anhaben: Der Laden lief.

Die Öffnungszeiten habe ich nie gewusst. Das "Croquante" war einfach immer auf, wenn man es brauchte und man bekam immer ein Lächeln und gutes Essen zum günstigen Preis. Wenn ich Leuten von der Lebensqualität im Hechtviertel erzählte, sprach ich immer erst von meiner Ecke und dann, gleich nach dem "Leonardo", vom "Croquante" gegenüber.

Der Inhaber hatte mir gleich erzählt, dass er das Bisto nicht als seine Lebensaufgabe sähe. Er wollte es hochziehen und dann, irgendwann, weiterverkaufen und etwas anderes machen.

2002 passierte das auch: Wanda, eine seiner Angestellten, übernahm den Laden, zur Verwunderung einiger im Viertel. Wanda hatte zu dem Zeitpunkt gerade ein Kind bekommen hatte und war nicht gerade die Person, der man ein großes Vermögen, zugeschrieben hätte, aber es klappte und der Laden lief weiter. Das Angebot veränderte und verbesserte sich leicht und die Preise zogen unwesentlich an. Das war gut, denn es nahm mir das schlechte Gewissen, für so hohe Qualität so wenig zu bezahlen und wog mich in größerer Sicherheit, dass es den Laden noch länger geben würde.

Ich war oft da, schleppte Freunde, Bekannte und Geschäftspartner hin, "wie immer?" - "ja." - "und für Sie?". Das "Croquante" war ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Gutes Essen, und genug davon, und keine Bedienung, die mich schief anschaute, wenn ich einen schlechten Tag hatte - ich war ein bisschen zu Hause hier.

Das einzige, was etwas beunruhigte, waren die Freunde von Wanda, die abends manchmal im Lokal saßen und zechten, was wohl vor allem an deren Kurzhaarfrisuren, Lonsdale-Pullovern und Springerstiefeln gelegen haben muss, die mich immer ein wenig verunsicherten. Da ich abends aber eh nur hereinkam, um mein Pita bauen zu lassen und wieder zu gehen, störte mich das nicht weiter. Die Herren belästigten niemand und das Essen wurde davon auch nicht schlechter.

Das Lokal hatte jetzt Öffnungszeiten. Leider lagen die so, dass ich oft zu spät kam: Ich beginne halt oft erst, um 14 Uhr an Mittagessen zu denken und da hatte das "Croquante" nun schon zu - zum Vorteil des benachbarten "Come In"-Bistro, das zwar einen furchtbaren Namen hatte und von draußen furchtbar aussah (der Eindruck wurde drinnen bestätigt), aber gute Küche, ebenfalls zu fairem Preis anbot und mich seitem regelmäßig auch noch um 15 Uhr bewirtete.

Dem "Croquante" schien es nicht zu schaden. Ich kam jetzt halt öfters abends vorbei oder disziplinierte mich, mittags früher rüberzugehen. Wanda führte den Laden weiter, hatte eine handvoll Angestellte und genügend Stamm- und Laufkunden - das Geschäft lief.

Nun hat ein neuer Besitzer das Lokal übernommen. Vor ein paar Wochen schloss es plötzlich und die Fenster waren mit rotem Papier verhüllt. Keine Nachricht, nichts - nur "Closed", wie es schon immer auf dem eigenartigerweise in Englisch beschrifteten Schild gestanden hatte. Nach reichlich 20 Tagen öffnete es wieder - auf den ersten Blick ohne sichtbare Veränderung. Auf den zweiten sah man von draußen eine blaue Neonröhre, die in die Theke, die nun aus Glas zu bestehen schien, integriert worden war. Und den neuen Namen: "French Kiss - Breads Et Salads".

Nach reichlich 15 minütigem Grübeln schaffte ich es, den die kognitive Dissonanz verarbeitetenden Prozess zu stoppen und ihn in ein Fluchen umzuleiten, was nur so lange Linderung verschaffte, bis mein Hirn sich damit zu beschäftigen begann, ob ich dieses Lokal jemals wieder betreten könne und ob es das gute, leckere Essen nicht vielleicht doch wert sei, die Überwindung, die Schwelle eines Ladens, der einen solch wirren, Neuronen zersetzenden Namen trug, zu überqueren, aufzubringen.

Ich dachte einige Tage darüber nach.

Heute Abend war ich sehr hungrig. Ich ging rein.

Neonblau strahlt mir die Theke entgegen. Ich nähere mich, mich fragend, ob es noch die gleichen Produkte gibt und ob der junge Kerl, der hinter dem Tresen steht und mich ansieht, mich verstehen wird, wenn ich "einmal die Nummer 4, als Pita, in groß, mit Curry, zum Mitnehmen" murmele. Ich entdecke eine neue Tafel unter der Decke, über der Theke, viel zu hoch, als dass ich sie wirklich lesen könnte, jetzt wo ich schon so nah vor ihr, unter ihr stehe. Ich scanne die Theke, wo immer ein plastifiziertes Blatt Papier mit dem Menu herumlag, das die Kommunikation mit neuem Küchenpersonal entscheidend erleichterte. Die Theke ist leer.

Ich gehe ein paar Schritte zurück und orientiere mich. Ich entdecke meine alte "Nummer 4", die jetzt einen Namen trägt, auf der Tafel, und trete wieder an den Tresen heran. "Was darf's sein?" Ich bestelle. "... zum Mitnehmen."

Ich parke mich seitlich am Tresen und mich durchzuckt ein Schmerz in der Magengegend, als ich erkenne, dass das hölzerne Geduldsspiel, das hier immer stand, verschwunden ist. Ich habe schon Stunden in dieses Ding investiert, bei dem man einen Stapel unterschiedlich großer Holzscheiben vom linken der drei Stäbe auf den rechten bekommen muss. Zuletzt war ich ganz knapp vor der Lösung. Ich war mir sicher, dass ich es beim nächsten oder übernächten Mal schaffen würde. Das ist gar nicht so einfach, wenn man nur eine Pitazubereitungszeit Zeit hat und immer mit hungrigem Magen dasteht. Meine Gedanken werden unterbrochen: "Setz Dich schonmal hin, ich bring's Dir dann an den Platz."

Hallo? Ich grüble darüber nach, ob es jetzt unhöflich ist, wenn ich mich nicht hinsetze, darüber, ob meine "zum Mitnehmen"-Spezifikation nicht gehört oder verstanden worden ist, darüber, was er wohl gemeint haben könnte, darüber... ach was. Ich bleibe stehen. Ein Flyer verrät mir, dass das Lokal nun "Französisch- und anderen Liebhabern" gewidmet ist. Nun denn. Auf der Karte stehen eine Menge neuer Sandwiches mit amerikanischen Namen. Einen Lieferservice gibt es jetzt auch.

Irgendwann ist mein Essen fertig. Ich nehme es und gehe nach Hause. Der Brotlieferant ist gewechselt worden. Das Fladenbrot, früher krosser Hauptbestandteil des Produkt, ist nun eine pappige Hülle. Die Soße, die früher überall herauskleckerte, dass es eine Freude war, ist nun so sparsam aufgebracht, dass sogar eine Papierhülle reicht, um das ganze zusammenzuhalten. Ist das die Kälte draußen oder ist das wirklich nur lauwarm? Ich bekämpfe das Nachhallen der lärmigen Beschallung mit Beethoven, zweite Sinfonie.

Au revoir, "La Croquante", es war schön mit Dir. Hello, "French Kiss", mit uns wird das nichts. Dir und Deinen Besitzern trotzdem viel Glück.

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Schade, dass man manchmal von guten Lokalen erst etwas mitbekommt, wenn es zu spät ist. Martin Röll trauert seinem Lieblingsbistro hinterher, und so wie er das alte »La Croquante« beschreibt wäre ich da sicher auch gern mal hi...

poetsch.org: Die Zeiten ändern sich. (07.03.05 13:01)

 

schön geschrieben, aber wieder ein stück lebensqualität futsch. ich sehe darinnur ein positives: vielleicht sehe ich dich jetzt öfter mal bei uns im laden - zwar nicht um die ecke, aber auch nicht weit. und durchgehend geöffnet von vor deinem aufstehen bis um mitternacht mindestens...
(nein, kein link! martin weiß es, und wer dies hier öfter liest, auch :-)

ulrich am 07.03.05 00:17 #
 

Das Ding mit dem "Stapel unterschiedlich großer Holzscheiben" heißt Türme von Hanoi.

Thiemo Mättig am 07.03.05 12:57 #
 

Solltest Du entzugserscheinungen haben:
Türme von Hanoi

Ein 15-Minuten-Gericht in den Ofen und Losgeht's. ;o)

Übrigens wenn man erst einmal den Dreh raus hat ist der Reiz des Spieles weg.

Silke Schümann am 07.03.05 15:25 #
 

sowas hät ich hier bei uns auch mal gern :(
Immer Döner, Pizza oder zum Bäcker in der Mittagspause ist wirklich nicht so das Wahre

exaury am 07.03.05 17:38 #
 

ich war auch früher öfter da - es war immer ein fest!
aber für mich war bereits nach dem ersten besitzerwechsel der reiz weg. es gab viel weniger auf dem teller, es war teurer und irgendwie nicht mehr so lecker.
vielleicht treffen wir uns bei ulrich ;-)

ma.y am 08.03.05 10:43 #
 

mir gefällt das neue Ambiete jetzt echt besser.
Endlich mal geregelte Öffnungszeiten das macht schon viel aus.
und ehrlich echt mal was anderes als nur Döner

Kalle am 01.06.05 11:09 #