8. Februar 2005

[ Business Weblogs , Marketing ]

Falsche Blogs vs. authentische Blogs.

Zitat des Tages von Robert Scoble (via einem Kommentar bei Markus Breuer):

"Fake blogs (...) demonstrate that no one is passionate enough about the product inside the company so they had to hire an ad agency to do a fake blog to try to get bloggers to link up."

So wahr.

In einem Gespräch fragte mich neulich jemand: "Was hättest Du denn Air Berlin geraten?" Zur Erinnerung: Air Berlin betreibt (bzw. betrieb - das Projekt ist nun zu Ende) zusammen mit der Wien Tourismus ein armseliges Pseudo-Weblog namens "Wien:Log", das ein langweiliges, von Werbetextern geschriebenes "Tagebuch" mit Kneipen- und Kulturtips ist.

Gute Frage: Wie wäre das besser gegangen?

Echt.

In jeder Maschine aus Wien sitzen Reisende, die gerade in Wien waren. Jeder von ihnen hat eine Geschichte. Mindestens jeder zehnte war in einem Café oder Restaurant. Mindestens jeder fünfundzwanzigste hat digitale Fotografien gemacht. Gegen einen Reisegutschein ist von davon jeder dreißigste bereit, einen Artikel zu schreiben oder ein Foto abzuliefern, wenn man es klug anstellt.

Bei 10 Maschinen jeden Tag (es sind mehr) und einer Laufzeit von zwei Monaten sind das...

Es wäre mindestens ein randvolles, interessantes Weblog.

Es wäre wirkungsvoller als das, was die Agentur dort abgeliefert hat, weil jeder Beitragende ein Multiplikator wäre. Es wäre interessanter, echter, direkt dran an dem, was die Flugpassagiere erleben und nicht eine künstliche Welt von gutaussehenden Werbeagenturpraktikanten, die jeden Abend in einer anderen Kneipe ihre Cocktails schlürfen gehen.

Wien ist toll? Prima, dann lasst doch Wienbesucher darüber schreiben! Air Berlin fliegt hin? Prima, dann lasst das die Passagiere schreiben! Aber lasst diese blödsinnige, falsche Kommunikation. Wir haben sie satt. Der Markt hat sie satt.

Wir wollen Echtheit. Wir wollen Authentizität. Weblogs die künstlich sind, langweilen und zeigen nur, dass es niemanden gibt, der wirklich über Euer Produkt schreiben will.

Wenn Eure Produkte interessant sind - und das sind sie, Himmel, ich war schon mal in Wien! - dann kann man auch Leute finden, die darüber schreiben - echt, ohne Marketingerede und Hochglanzfotos. Das ergibt dann interessante Weblogs - und besseres Marketing.

Falls Ihr hier mitlest, liebe Wien-Touristiker, lieber Air-Berliner: Ruft mich mal an, ich zeig Euch, wie's geht.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Martin Röll skizziert in seinem Weblog eine kleine Vision von einem Weblog: In jeder Maschine aus Wien sitzen Reisende, die gerade in Wien waren. Jeder von ihnen hat eine Geschichte. Mindestens jeder zehnte war in einem Café oder Restaurant. Mindesten...

tzwaen.systems - Weblog: Eine Vision für ein Weblog (08.02.05 09:44)

Martin Röll greift das Wien:log auf und gibt gute Ratschläge. Dabei sollte er es besser wissen. Schließlich hat sich auch sein Blog lange Zeit nicht gerechnet. Er bloggte und bloggt, weil es Spass bringt. Wenn ...

A2O — Business pur: Holidayblogger reloaded — oder der kleine Unterschied (08.02.05 10:23)

Martin R

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Herr Lünenbürger-Reidenbach bietet auf seinem Blog die Möglichkeit sich einen recht interessanten Artikel des Marketing-Fachmagazins W&V als pdf zu laden: Haltungsturnen - Klopfzeichen aus der Wirklichkeit Nach den Fortune- Artikeln schadet es nich...

(b): W&V über Blogs (12.02.05 14:00)

Habe gerade einen interessanten Artikel

zuckerwatte.twoday.net: wienlog.de (08.05.05 19:50)

Die Fluggesellschaft HLX hat ein Weblog-Projekt gestartet: In den HLX Urlaubsblogs stecken zwei verschiedene Elemente: Im Vordegrund stehen Weblogs bzw. aggregierte Weblogeinträge von Fluggästen (eine Idee, die dieser hier (Februar...

Das E-Business Weblog: HLX Urlaubsblogs (14.11.05 16:08)

 

Boah, wie armselig! Klar ist Wien eine interessante Stadt, mit mindestens genauso interessanten Leuten. Aber das ist ja mal wieder zum schreiend Davonlaufen. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis findige Geschäftsleute in die Bresche springen und mit dem Medium Weblog Kohle verdienen wollen. Diese Kommerzialisierung ist echt zum Kotzen ;). Jedenfalls danke für diesen tollen, aufklärenden Beitrag, zeigt einmal mehr dass man nicht alles verlinken sollte, was einem so unter den Tastaturanschlag rutscht ;) Dein Vorschlag, wirkliche Reisende ein Weblog führen zu lassen, ist übrigens eine grandiose Idee und sollte schleunigst umgesetzt werden! :)

Grüsse aus Vorpommern,
tommy

tommy am 08.02.05 08:49 #
 

Guter Anfang. Und jetzt erklär' mal: Warum ist das schlecht? *Warum* ist "Kommerzialisierung" schlecht? Sag mal was. So ist das, nun, "armselig", nicht?

(Schimpfwörter werden nicht dadurch besser, dass man Smileys hinter sie setzt. Lass die stecken.)

Martin Röll am 08.02.05 09:48 #
 

interessanter gedanke.

wobei die motivation, überwindung und fähigkeit zu schreiben die entscheidenden hürden sind. selbst in der doch sehr schreibafinen „blogospäre“ ist es nicht wirklich leicht thematisch gebundene (offene) blogs mit beiträgen zu füllen.

auch wenn das „blogdings“ die hürde öffentlich zu schreiben kräftig herabgesetzt hat, es bleibt für einen grossteil der menschen schwer sich zu überwinden öffentlich zu schreiben. und die gründe sind nicht nur technischer oder organisatorischer natur. von daher würdest du von mir nicht hören „ix zeig euch wie es geht“, eher: „hier entlang, pappnasen“.

ix am 08.02.05 11:27 #
 

Wien:log & Co. zeigen ja nur, dass Blogs allmählich im Mainstream ankommen. Und dort - also in traditionellen Medien - ist es durchaus üblich, dass redaktionelle Inhalte auch von Herstellern und Agenturen geliefert werden. Dagegen ist nichts zu sagen, solange es keine platt werblichen Texte sind und ersichtlich wird, dass der Autor für eine bestimmte Firma arbeitet.

Die Blogosphäre wird ja oft als ein sich selbst regulierendes System beschrieben, bei dem interessante Inhalte durch Verlinkung größere Aufmerksamkeit erlangen als belangloses Zeug (dem "Grundrauschen"). Im Übrigen haben die meisten Leser genug Medienkompetenz, um Werbetexte als solche zu erkennen. Insoferne sollte man sich über ein windiges PR-Blögelein nicht zu viele Gedanken machen, die Sache erledigt sich von selbst (es sei denn, seine Betreiber lesen das E-Business-Weblog und ändern ihr Konzept :-). Es bietet bestimmt keinen Anlass, um über die kommerzielle Verunreinigung einer heilen Blogger-Welt zu lamentieren.

Wolfgang Sommergut am 08.02.05 16:05 #
 

ix hat wohl recht: Ein solches Blog würde einfach einen zu breiten Schnitt durch verschiedene Zielgruppen herstellen.

Der eine ist evtl. selbst Blogger und schreibt einen guten Artikel über ein Cafe in Wien, der nächste ist da nur so zu einem "Rave" hingeflogen und redet sehr derbe über seine angeblichen sexuellen Errungenschaften.
Sowas will eine Fluggesellschaft nicht. Und Moderation ist aus Sicht von Firmen meist dann viel zu teuer/aufwendig/unsicher und somit lieber garnichts oder halbes tun als riskieren.

Ansgar Schürmann am 08.02.05 16:34 #
 

Gestalte den Schreib/Sammel/Publikationsprozess entsprechend und schalte eine Prüfung vor die Veröffentlichung und Du kriegst die Heterogenität in den Griff.

Martin Röll am 08.02.05 16:45 #
 

Wen interessieren Berichte von Wienreisenden?
blogs a la wondergirl u.a. folgen dem aufmerksamkeitsökonomischen "Gesetz" sex sells, und die Zugriffe duerften eine deutliche Sprache sprechen.

Torsten Müller am 09.02.05 10:42 #
 

1) Mich.
2) Ja, und? Mein "Nacktfotos"-Eintrag ist auch der meistgelesene in diesem Blog und trotzdem nicht der Grund, warum Leute es interessant finden.

Martin Röll am 09.02.05 10:47 #
 

Entscheidend dürfte doch folgendes aus der Pressemeldung sein:
"Die im Wien-Tourismus von Alina Seidl vom Werbemanagement betreute Kampagne ist zunächst auf acht Wochen ausgerichtet, kann bei entsprechender Response aber durchaus verlängert werden."

Die Response war wohl nicht da.

André Wegner am 09.02.05 12:57 #
 
Guter Anfang. Und jetzt erklär' mal: Warum ist das schlecht? *Warum* ist "Kommerzialisierung" schlecht?

Ist doch ganz einfach: weil sich eindeutig zuviele Menschen durch Kommerzialisierung lenken und leiten lassen. Das individuelle Bedürfnis des Einzelnen geht dadurch unter. Es wird nur noch nach den - vermeintlichen - Bedürfnissen der großen grauen Masse gefragt und gehandelt. Es macht mich traurig und wütend jeden Tag aufs neue zuzusehen, wie sich der ständige Drang nach höheren Gewinnen und die Ausbeutung von Menschen wie ein Geschwür ausbreitet. 16jährige die mehrere 1000 Euro Schulden haben kommen nicht von ungefähr. Sie sind das Ergebnis von skrupellosen, kommerzverkrebsten Firmen die mit der Unerfahrenheit von Menschen soviel wie möglich Geld scheffeln wollen.

Und nun sollen auch Weblogs mit diesem Geschwür infiziert werden? Ich zitiere:

Weblogs sind vergleichbar mit Newslettern oder Kolumnen, jedoch persönlicher

Und genauso sollte es auch bleiben: ein persönliches Logbuch und keine von Werbetextern verfasste Seifenoper. Mit dem Gedanken will ich mich nicht abfinden! Wie gesagt, deine Idee ist super. So stelle ich mir das vor: persönliche Berichte über (Reise)Erlebnisse von echten Wien-Touristen.

Die Response war wohl nicht da.

Na ein Glück!

Gruss,
tommy

tommy am 09.02.05 14:57 #
 
weil sich eindeutig zuviele Menschen durch Kommerzialisierung lenken und leiten lassen.

Irgendwas sagt mir, dass wir dann bei den Menschen und nicht bei der Kommerzialisierung intervenieren sollten. Aber das sprengt hier meilenweit den Rahmen - belassen wir es dabei.

Martin Röll am 09.02.05 16:35 #
 

Ich muss Martin da zustimmen, auch wenn's Off-Topic ist. Niemand zwingt den Menschen zum Kommerz, sondern wir Kaufen das alles freiwillig.
Es liegt an uns, unseren Kindern beizubringen, dass sie mehr Wert sind, als die Klamotten, die sie anziehen. Und es liegt an uns, ihnen klarzumachen, dass man sich Selbstbewustsein nicht kaufen kann.

Ottifanti am 24.02.05 00:14 #