21. Januar 2005

[ Knowledgework und PIM , Software , Usability ]

Benjamin B. Bederson: Interfaces for Staying in the Flow

Ben Bedersons Artikel Interfaces for Staying in the Flow, erschienen in ACM Ubiquity (Volume 5, Issue 27, Sept. 1 - 7, 2004), ist ein interessanter Text über die Gestaltung von Benutzeroberflächen.

Nutzer haben je nach ihrer Erfahrung unterschiedliche Anforderungen an eine Oberfläche:

Bederson bezieht sich auf J.R. Anderson (1995) und identifiziert 3 Phasen:

1. Cognitive stage: learner works from instructions or examples.

2. Associative stage: learning replaces general problem-solving methods with domain-specific problem-solving methods. Learner can apply a skill directly without having to first think through how they are going to do it.

3. Autonomous stage: Skill becomes automated and rapid, and there is minimal cognitive involvement in application of skill. Also called automatized or routinized.

In der ersten Phase ist ein Benutzer auf eine grafische Oberfläche angewiesen. Er muss herausfinden können, was mit der Software möglich ist.

Die zweite Phase bezieht sich auf fortgeschrittene Nutzer, die wissen, was mit der Software möglich ist. Sie kennen schon die Position der Bedienelemente, brauchen aber noch visuelles Feedback, um Funktionen auszulösen.

In der dritten Phase können die Nutzer ("Experten") die Software ohne visuelle Feedback benutzen, z.B. über Tastaturshortcuts.

Das Papier führt aus, wie Software gestaltet werden muss, damit die Voraussetzungen für ein Flow-Erlebnis bei der Benutzung gegeben sind und verweist auf interessante Softwarebeispiele.


Ein schönes Zitat für eine Sache, die ich relativ oft in meiner Arbeit erklären muss:

While it has become nearly dogma that computer interfaces should be so simple to use that ideally, no documentation should be necessary, there are several counterexamples of tools for expert users that should perhaps cause us to reconsider this approach. For example, both Adobe Photoshop and the Emacs text editor are tools that require significant effort to learn effectively. And yet, those people that do put in that effort often love those tools, sometimes fanatically, and use them in countless ways for years.

"Die Software muss ganz einfach sein" (um angenommen zu werden, um zu funktionieren, um verkaufbar zu sein...) ist manchmal richtig. Und oft falsch. (Richtig ist vielmehr oft: "Es schadet nichts, wenn die Software ganz einfach ist." "Es macht die Einführung einfacher, wenn die Software ganz einfach ist." Aber "Einfachheit" ist oft eher Hygiene- und eben nicht Erfolgsfaktor.


Welche Tools benutzt Ihr, um in Flow zu arbeiten? Welche Tools, die Ihr viel benutzt, sind Flow-zerstörend und warum?

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Ich erinnere mich an eine Software (OfficeWare), mit der wir vor Jahren unsere bürointernen Abläufe und unsere Kundenbeziehungen organisierten. Im Prinzip ein geniales Paket, allerdings waren viele Funktionen nur über Mausklick (rechts) erreichbar. Leider auch ein paar Wichtige. So hatten einige Funktionen, die man viele Hundert Mal am Tag aufrief (z.B. Kommentar bei Vorgang ergänzen), keine Shortcuts. Das mag die Einsteiger nicht gestört haben, aber spätestens nach ein paar Wochen hatte sich noch jeder diese Abkürzung gewünscht um nicht ständig zwischen Maus und Tastatur wechseln zu müssen. Ärgerlich für eine Software, die ja die bürointerne Effizient steigern soll.
Wir hatten uns dieses "Feature" über mehrere Updates hinweg vom (lokal ansässigen) Hersteller gewünscht - es wurde aber nicht umgesetzt. In meinen Augen ein schönes Beispiel für mangelnde Einbindung des Kunden in den Entwicklungsprozess - oder sollte ich sagen "Tunnelblick"?

Stefan Weiß am 23.01.05 11:26 #
 

Selbst konfigurierbare Tastaturshortcuts für Programmmfunktionen sind etwas Großartiges. Ich habe zum Beispiel meinen Mailclient so konfiguriert, dass die meisten Funktionen Shortcuts analog zum Browser haben. "Neues Fenster aufmachen" ist also immer "an der gleichen Stelle" auf der Tastatur.

Allerdings kommt man bei eigenen Konfigurationen dann in Schwierigkeiten, wenn man die selbe Anwendung auf einem fremden Rechner bedienen muss. Dann braucht man plötzlich doch wieder die Maus und weiß gar nicht mehr, wo die Bedienelemente eigentlich sind, weil man so gewöhnt ist, die Anwendung "blind" zu bedienen

Martin Röll am 23.01.05 13:58 #
 

Ich habe mal mit einer Software gearbeitet, wo man nur maximal 10 Kunden (= Fenster) gleichzeitig öffnen konnte. Wollte man ein 11-tes Fenster öffnen, kam eine Warnung das wieder Fenster zu schliessen sind. Hier hat sich der Programmierer sicher gedacht, "Wozu sollte jemand jemals mehr als 10 Fenster öffnen?".

Tatsächlich wurde aber manchmal Listen abgearbeitet von Mitarbeitern, wo es im Workflow einfach wäre, zunächst alle Kunden nachzuschauen und danach alle Fenster auf einen Rutsch zu schliessen. Dies auch mangels einer (SOAP/XML) Schnittstelle um solche Abfrage automatisiert zu erledigen.

Ärgerlich ist auch Software, die sich nicht an Windows-Standards wie z.B. rechter Mausklick und kopieren, hält, wie z.B. SAP.

Adalbert Duda am 23.01.05 14:55 #
 

Auf dem Mac fließt es mit BBEdit (Texteditor), Terminal (UNIX-Shell) und Safari (Browser) so richtig. Es ist alles über die Tastatur bedienbar. Fehlende Shortcuts werden in BBEdit direkt oder über die Systemsteuerung definiert. Fehlende Funktionen durch AppleScript (+ Shortcut) oder Shell-Skripte realisiert. Nicht zu vergessen das Umschalten zwischen Anwendungen mit Apfel+Tab. Ganz wichtig ist auch QuickSilver (Application Launcher von Blacktree), um per Tastatur Programme aufzurufen: Apfel+Leertaste, dann bb und schon läuft der Texteditor. QuickSilver kann noch viel mehr vereinfachen: Nach Eingabe weniger Buchstaben findet es Programme, Dokumente, Emailadressen, Bookmarks, iTunes-Library uvm. Nach Betätigen der Tab-Taste lassen sich auf die gefundenen Dinge Aktionen ausführen wie Datei versenden, kopieren, im Finder (für Windows-Benutzer: der Explorer) anzeigen etc. QuickSilver ist durch Plugins erweiterbar, so daß man z.B. mit dem iTunes-Plugin durch seine Musik blättern kann.

Die absoluten Flow-Breaker sind für mich auf der Windows-Plattform zu finden: WinCommander oder Explorer mit ihren mehrfachen funktionell überladenen Abfragen bei Dateioperationen ("Wollen Sie Datei xy wirklich....Abbrechen, Nur diese, Alle, ..."). Schrecklich, wie kann man soetwas ernsthaft anbieten?

Ich bin auch immer wieder erstaunt, daß Benutzer solche Dialogboxen z.B. bei Dateitransfers auf einen FTP-Host mit WinCommander für jede Datei einzeln immer und immer wieder brav abnicken. Diese nervigen Fragen lassen sich doch sicher irgendwo abstellen. Genauso auch die immerwiederkehrende Frage vom Internet Explorer oder älteren Mozilla-Versionen: "Sie senden unsichere Daten..", wenn man ein Web-Formular absendet. Dabei müßte man nur das Häkchen "Diese Meldung nicht mehr anzeigen" wegklicken. Im neuesten Firefox ist die Frage zum Glück umgekehrt: "Wollen Sie diese Meldung in Zukunft weiterhin sehen" ist da explizit anzukreuzen, wenn man das erste Formular sendet. Schon krass, diese User!

Bernhard Fürst am 26.01.05 23:59 #
 

Nur die wenigsten wollen in Flow arbeiten. Wir sind eine Minderheit. Die ganzen Dialogboxen erfüllen durchaus eine Funktion: Sie geben dem User Feedback und damit Sicherheit. Vor "ganz schnellen" Computer, so wie wir sie uns wünschen, haben viele User Angst! Die wollen noch "sehen", wie die Dateien gelöscht werden und sie nicht einfach gelöscht wissen.

Martin Röll am 27.01.05 11:05 #
 

Aha, demzufolge hat der Macintosh unter anderem deswegen wenig Verbreitung gefunden ;)

Zum Beispiel: schiebt man eine Datei in den Papierkorb, ist sie weg. Ohne das noch jemand sagt: "Sei haben eben eine Datei in den Papierkorb gelegt. Wollen Sie das wirklich? -- Ja, Nein, Alle, Keine, Nur diese eine, alle anderen aber auch, oder lieber doch nicht, ...

Ich verstehe. Aber irgendwann sollte der Benutzer sich doch mit seinem System angefreundet haben, oder nicht? Und ab diesem Punkt werden vielleicht auch "normale" Benutzer von den doppelten Sicherheitsfragen genervt. Nur, wo ändert man das dann..

Bernhard Fürst am 27.01.05 12:54 #
 

Flow?

Eclipse ist mein Flow...

Leo Sauermann am 27.01.05 15:45 #