9. Januar 2005

[ Blogging , Business Weblogs , Marketing ]

Rent-A-Blogger! (Marqui Paybloggers)

Elizabeth Lane Lawley ("mamamusings") und eine Reihe anderer Blogger nehmen an einem interessanten Programm teil: Sie werden in den nächsten 3 Monaten einmal pro Woche über das Unternehmen Marqui und seine Content Management Software bloggen und dafür von Marqui bezahlt werden.

Elizabeth schrieb, dass es um einen not-insignificant amount geht, also bin ich hingesurft und habe es mir angeschaut:

Das Blogosphere Program ist eine richtig große Sache: Zur Zeit stehen 15 Blogger, darunter Marc Canter (der Marqui auch berät, wenn ich das richtig gesehen habe), Paolo Valdemarin, Mitch Ratcliffe, Richard MacManus auf der Liste. Sie erhalten 800 US Dollar monatlich plus 50 Dollar für jeden Lead der über ihre Einträge zu Marqui kommt. Marqui will in den nächsten 12 Monaten 200.000 Dollar für das Projekt ausgeben.

Marqui hat das Programm ausführlich dokumentiert und sogar den Vertrag, den sie mit den Bloggern schließen ins Netz gestellt.

Die Blogger dürfen schreiben was Sie wollen und dürfen auch die Einträge als gesponsert kennzeichnen. Es gibt eine Liste der geschriebenen Einträge. Darüber findet man eine Handvoll von Einträgen, die über ein Whitepaper zur Suchmaschinenoptimierung sprechen und sich negtiv darüber äußern! Robin Good schreibt zum Beispiel: the white paper is a badly written collection of well-known antiquated principles and techniques that are either out of use, outdated, unsubstantiated or plainly wrong. und zerreißt es anschlißend Punkt für Punkt. Er ist einer der gesponserten Blogger! Marc Canter freut sich darüber. Er hat auch eine Übersicht über die Einträge bis zum 30. Dezember.

In der englischsprachigen Blogosphere ist das Programm schon ausführlich diskutiert worden. Ein interessanter Eintrag ist zum Beispiel der auf Corante (via Marc Canter) oder dieser Eintrag von Stowe Boyd, der auf die Blogethik des ganzen eingeht. Lesenswert dazu auch: InsideGoogle: Who Takes The Pay-For-Blogging Bait?.

(Der Eintrag hier ist schon lang genug und in den Kommentaren wird das eh aufkommen, deshalb schreibe ich hier noch nichts dazu. Der Kernpunkt ist, dass jeder Blogger selber entscheiden kann, was er macht und dass, wie die erste Kommentatorin schreibt, er zunächst seinen Lesern verpflichtet ist. Wer seine Seele verkauft oder seine Leser belästigt, ist selbst schuld. Es ist eine Integritäts- und Vertrauensfrage: Vertrauen mir meine Leser, dass ich ich und ehrlich bleibe? Wenn ja, und wenn die Einträge interessant sind, gibt es eigentlich kein Problem. Jetzt muss das Produkt nur interessant genug sein. Und jetzt habe ich doch schon was dazu geschrieben. Noch ausführlicher? Mitch Ratcliffe (II).)

Marqui hat auch ein eigenes Weblog, das noch ziemlich leer ist, das sie aber genutzt haben, um auf die Kritik zum Whitepaper einzugehen.

Spannend! So ein Programm würde ich in der deutschsprachigen Blogosphere auch gerne sehen!

Probieren wir es aus: Wer mag mich für's Bloggen bezahlen? :-) Einen Eintrag pro Woche über eine Content Management oder CRM-Software oder den neuesten Mindmanager?

Oder: Wer will so ein Programm für sein Unternehmen aufsetzen? Ich helfe dabei.

(Ich weiß nicht, ob ich das ernst meine. Die deutsche Blogosphere ist lang nicht so weit wie die englische. Hätte jemand, der in Weblogeinträge investiert, in .de wirklich so einen Multiplikatoreffekt? Wir können es nur ausprobieren.)

(Ausprobieren müsste das ein wirklich mutiges Unternehmen. So lange Unternehmen in .de noch nichtmal Pressemitteilungen an Blogger schicken, müssen wir über gesponserte Blogeinträge wohl gar nicht reden.)

(Und wo wir grad dabei sind: In der Seitenleiste gibt es einen Button, auf den Ihr draufklicken könnt, um mir ein neues Notebook zu finanzieren. Nicht, weil ich mir das sonst nicht leisten könnte, sondern aus Neugierde, ob Leute (Ihr! Du!) Weblogs bespenden und weil ich schon immer mal diese Paypal-Knöpfe ausprobieren wollte. Wer sich davon belästigt fühlt: Sagt Bescheid. Danke!)

Via Alex Halavais.

[11.01.05] Alex Halavais » More on paid-blogging

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

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>>So lange Unternehmen in .de noch nichtmal Pressemitteilungen an Blogger schicken

wäre es da nicht gleich besser, sie würden die PMs gleich über einen WebLog verbreiten. Da könnte sich jeder, den es interessiert, die PM per RSS runterladen. TrackBacks hätten sie dann sogar eine einfachen Überblick, wer etwas dazu verfaßt hat ...

René Pönitz am 09.01.05 11:57 #
 

Ich würde mich primär Fragen was das ganze soll, denn normalerweise würden sie nicht über CMS schreiben (oder?), genauso wenig wie man von Dir ein Strickblog erwarten würde.

Jörn am 09.01.05 12:58 #
 

Hi,
interessant, was mein Newsfeed heute so alles offenbart: Der Spiegel mokiert sich über die deutsche Bloggerszene und meint in seinem, offensichtlich nicht besonders gut recherchierten Artikel (ohne Kommentarmöglichkeit) "Blogger halten sich hierzulande bisher allerdings in Grenzen. Stattdessen berichten sie in ihren Online-Notizen gern vom letzten Sex, wachsenden Babybäuchen oder ihren Lieblingsbüchern." Und hier in diesem Blog wird über die Ethik der Blogger diskutiert ...

Meine private Meinung übrigens: Warum sollen sich Leute, die in einem Blog für ein Produkt (egal welches) Werbung machen, nicht genauso bezahlen lassen dürfen wie solche, die mit anderen Mitteln Werbung betreiben?
Viele Grüße
Cora

Cora Burger am 09.01.05 13:34 #
 

Naja, wenn sie Werbung machen, dann bitte, soll man sich bezahlen lassen. die frage ist, wie steht man zu dieser art werbung/promotion?

Markus am 09.01.05 13:50 #
 

Also, ich stehe für Werbung / Promotion für leckere Schokoladen und Kaffee zur Verfügung.

Martin: Der Knopf könnte besser wirken, wenn die Blumen zuerst stehen würden. ;o)

Nicole Simon am 09.01.05 14:14 #
 

Zu Pressemitteilungen an Blogger:
Wir (also mein Brötchengeber news aktuell) erleben durch die Verweise auf unser Presseportal, dass auch Blogger Pressemitteilungen unserer Kunden abonniert haben (per Mail oder per RSS - die Links, die sie setzen, variieren je nach Bezugsart) und teilweise Postings sich darauf beziehen. Vor allem, dass wir so unglaublich viele RSS-Abrufe haben, spricht aus meiner Sicht dafür, dass aus dieser Szene schon der eine oder die andere auf PR ansprechbar ist, oder?
Spannend ist aber schon, dass bisher so gut wie nie Kunden danach fragen, ob wir "die Blogger" (oder wie immer es dann formuliert wird) erreichen. Sicher aber nur noch eine Frage der Zeit.

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach am 10.01.05 12:09 #
 

Naja, also ich sehe das eher skeptisch. Blogger sind Privatpersonen und bezahlte Blogger schreiben, wenn sie bezahlt werden, genau das, was ihnen vorgelegt wird, es gibt keine inhaltliche Diskussion, wie es von "richtigen" Redaktionen zu erwarten ist. Demzufolge spielen solche Blogger mit ihrem Ruf.

Ich sehe das an meinem Blog: Als ich letztens mal einen Pro-Artikel über American Express schrieb ("Pro-Artikel" ist da schon überbewertet, ich liess mich über deren tollen Werbespot aus), kamen eher kritische Feedbacks dazu, dabei war ich durchaus recht weit von Schleichwerbung entfernt.

Die Frage ist: Wo ist die Grenze zur Werbung?

Besim Karadeniz am 10.01.05 13:35 #
 
"bezahlte Blogger schreiben, wenn sie bezahlt werden, genau das, was ihnen vorgelegt wird, es gibt keine inhaltliche Diskussion"

Was zu beweisen wäre...

Martin Röll am 10.01.05 14:58 #
 

Und genau da ist das Problem. Ein Blog wird für gewöhnlich von einem einzigen Menschen geschrieben, eine Zeitung normalerweise von mehreren, die sich gegenseitig ein Stück kontrollieren. Ein Blog gibt keine Meinung einer Redaktion wieder, sondern die Meinung eines einzelnen. Die kann durchaus neutral sein, die kann aber auch verzogen bis zum Gehtnichtmehr sein.

Besim Karadeniz am 10.01.05 15:16 #
 

Ja, und? Genau darum geht es ja.

Martin Röll am 10.01.05 15:41 #
 

Inwiefern?

Aber abgesehen davon: Bei der Marqui-Geschichte leuchtet mir (da es ja nun doch nicht, wie zunächst vermutet, allein um die Berichterstattung über das Angebot ging als gewünschten PR-Effekt) immer noch nicht ein, warum ein Unternehmen das macht (oder machen sollte).
Abgesehen davon, dass mich bei einem entsprechenden Fall in Deutschland schon die Reaktionen der Alphonsos dieser Welt interessieren würden.

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach am 10.01.05 16:28 #
 

Hi Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach,

> ... spricht aus meiner Sicht dafür, dass
> aus dieser Szene schon der eine oder die
> andere auf PR ansprechbar ist, oder?

Ich weiß nicht genau, wie Sie das meinen, auf PR ansprechbar zu sein. Für mich gehört es einfach dazu, neben der Arbeit der Journalisten auch die vermeintlichen "Originalstimmen" der Presseabteilungen der Unternehmen oder Parteien wahrzunehmen. News Aktuell beispielsweise ist dafür ein gewisses Hilfsmittel. Inwiefern ich für die Anliegen der Aussender "ansprechbar" bin, kommt immer auf den Einzelfall an. Prinzipiell besteht diese Möglichkeit natürlich.

Robert am 11.01.05 15:09 #
 

Kurz und knapp:

Die Sache ist doch ganz einfach:


Wenn der Beitrag nicht als "Bezahlter Beitrag" markiert ist - z.B. mit den Worten "Bezahlter Beitrag" -, dann missbraucht der Blogger das Vertrauen seiner Leser. Dann wäre das eine milde Form von Betrug.

Und dann würde - wenn das um sich greift - insgesamt ein Vertrauensverlust in das Format resultieren.


Übrigens: Dass auch negativ berichtet werden darf halte ich für eine Art Trick, damit dieses schöne Mem "Hey, endlich bezahlt mir jemand mein Geblogge" besser in den Köpfen kleben bleibt - die Idee wäre ja sonst längst erledigt worden.


Dass dieser Trend nicht aufzuhalten ist, ist klar, da die Wirtschaft bis jetzt jede Plattform für ihre Zwecke erobern konnte - ob im Internet oder im Print.

Problematischer ist da i.Ü. der Print-Journalismus, wo die Grenzen zum Unseriösen öfter überschritten werden als die meisten glauben und quasi Auftragsarbeiten erstellt werden ... vom Autotest bis zum Reisebericht ...

Davon muss man sich ja nicht infizieren lassen.


Wie gesagt, die Lösung ist Wahrung der Ethiik durch klare Markierung (etwa wie bei Suchmaschinen die Paid Listings) ... sonst heisst es morgen:


they payed the blog,
they killed the blog ...

Willi Schroll am 12.01.05 14:33 #