6. Januar 2005

[ Internet , Oekonomie ]

Kooperativ vs. Kompetitiv. Izynews. Die Allmende. Kant.

Kristian Köhntopp schreibt über kooperative Wertschöpfung versus kompetitive Wertschöpfung am Beispiel von IzyNews. Sehr lesenswerte Lektüre. Und er bringt es auf den Punkt: Es geht um kompetitiv vs. kooperativ.

Es gibt im Netz eine Reihe anderer Dienste, die ganz ähnlich wie IzyNews arbeiten: Sie nehmen RSS-Files und republizieren sie. Bloglines ist so ein Dienst (webbasierter Newsaggregator). Bloglet auch (RSS-zu-E-Mail Dienst). Beide speichern auch Webloginhalte zwischen.

An ein paar Stellen regen sich jetzt Leute auf und sagen: "Warum jammert ihr über IzyNews? Bloglines macht doch das gleiche! Und Google! Und archive.org!" Ja, genau.

Kooperativ vs. Kompetitiv: Wir erlauben den anderen Diensten, unsere Inhalte zu nutzen und zu republizieren. Weil wir sie für "gut" halten oder zumindest keinen Grund haben, sie für "schlecht" zu halten. Oder vielleicht nur, weil es uns im Grunde egal war oder wir zu faul, uns damit zu beschäftigen. Nein, sie haben uns nicht gefragt. Aber sie sind Teil unserer kooperativen Welt und wir lassen sie ihren Kram machen. (Ich vereinfache. Natürlich ist das differenzierter. Aber darum geht's hier nicht. Und am Ende schreibe ich auch was dazu.)

IzyNews hätte sich da einreihen können. Es hätte einen webbasierten Aggregator bauen können (wie Bloglines) und ein Verzeichnis von Feeds dazupacken können (wie Bloglines) und eine E-Mail-Schnittstelle dazuschreiben (wie Bloglet). Und es hätte sogar einen Preis dafür verlangen können (wie diverse Hersteller von RSS-Aggregatoren und tausende kleiner Softwarehersteller). Was es aber getan hat, ist fremde RSS-Feeds zu republizieren und Google-Ads dazuzustellen. Es hat weiter - ob absichtlich oder nicht - seinen Dienst höchst ungeschickt beschrieben, sodass Blogger das Angebot nicht wie "wir stellen eine technische Dienstleistung bereit, die Geld kostet", sondern wie "wir verschicken Inhalte aus RSS-Feeds und lassen uns die bezahlen" gelesen haben. Zum Teil sah es so aus, als ob sie sich Inhalte zu eigen machten.

Darauf reagieren die Blogger: Sie ordnen IzyNews in die "kompetitiv"-Schublade ein und machen ihre Rechte geltend:

Wer die Gefilde der kooperativen Wertschöpfung in der Wahrnehmung seiner Peers verläßt und in den kompetitiven Bereich rüberwechselt, der muß sich darüber klar sein, daß er dann auch mit den Methoden der kompetetiven Wertschöpfung behandelt wird - und das heißt in diesem Fall die harte und spitze Seite des frisch nachgeschliffenen Urheberrechts. Es geht also nur vordergründig darum, daß izynews.de für irgendetwas Geld haben will, sondern es geht im Kern darum, daß izynews.de hier als Mitglied des kompetetiven Lagers wahrgenommen wird, daß sich an der Allmende bereichern will. Dafür gibt es auf's Maul.

Ich stelle meine Texte hier ins Netz, weil ich will, dass sie gelesen werden. Ich freue mich über Leute, die sie verlinken und zitieren. Ich freue mich über Leute, die sie ihren Freunden weitergeben. Ich freue mich über Leute, die Tools anbieten, die es möglich machen, meine Inhalte zu verfolgen.

Aber: Meine Texte gehören mir. Ich entscheide, wie sie wiederverwertet werden. Ich kann sie freigeben, eine Creative Commons Lizenz draufpacken oder sie für teures Geld verkaufen. Manche meiner Texte kriegen eine CC-Lizenz, manche kommen unter GNU FDL, wie auch meine Fotos, Diagramme und Texte für die Wikipedia. Es ist meine Entscheidung.

Jeder darf lesen, jeder darf zitieren, jeder darf sich Millionen Privatkopien machen. Aber einfach so meine Inhalte kopieren und weiterverbreiten ist nicht! (Bei der Gelegenheit: Die Annahme, dass das zur Verfügung stellen eines RSS-Feeds eine implizite Erlaubnis ist, den Feeds zu republizieren ist wirr! Mein Feed ist erstmal dazu da, dass Leute meinen Feed in ihrem Feedreader abonnieren nicht, damit der Feed in anderen Websites republiziert wird.)

Ich habe überhaupt nichts gegen Geschäftsmodelle, die auf Blogs und Blog-Content basieren, ganz im Gegenteil! Aber wenn mein Text Teil Deines Geschäfts sein soll, will ich vorher gefragt werden! Einfach nur nehmen ohne zu geben, bzw. ohne eben wenigstens zu fragen, geht nicht!

Kristian Koehntopp hat im Sommer einen Planet, einen öffentlichen webbasierten Newsaggregator, aufgesetzt und mein Blog darin anzeigen lassen. Meine erste Reaktion war: "Hey! Moment! Das ist *mein Blog*! Du kannst das nicht einfach republizieren!" Nach einem Gespräch mit Kristian und etwas Reflexion habe ich dann die in Panik bereits eingerichtete Referrer-Sperre wieder weggenommen und mich gefreut: Kristian ist ein Teil dieser Community. Wir kooperieren - er erfreut mich und die Welt mit interessanten Einträgen und ich versuche, das gleiche zu machen. Er darf mein Blog planetisieren.

Izynews kooperiert nicht. Sie republizieren meine Inhalte und packen Google-Ads darauf. Sie haben nicht gefragt. Deshalb wehre ich mich, so und so.

Es geht (mir) nicht um "kommerziell oder nicht kommerziell". Es geht nicht darum "dass das andere auch so machen" . Es geht nicht darum "dass RSS nunmal dazu da ist, syndiziert zu werden, nimm halt deinen RSS-Feed vom Netz". Es geht um meine Rechte an den von mir geschriebenen Texten und um meine unendliche Arroganz, dass ich vorher gefragt werden will, wenn jemand sie benutzen will.

Wer aus der kooperativen Welt kommt und einen Dienst baut, der meine Inhalte benutzt, und mich vorher nicht fragt, bei dem werde ich eher ein Auge zudrücken, bzw. sogar neugierig hingucken, um zu sehen, was er da macht. Aber wer aus der kompetitiven Welt kommt und meine Inhalte - und damit mich - nur als Mittel zum Zweck benutzt, verhält sich falsch, Das kann man schon bei Kant nachlesen.

Ich mag es überhaupt nicht, Leuten, die neue Internet-Geschäftsmodelle bauen wollen, Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Aber es gibt hier draußen, in der kooperativen Welt, in der Allmende, ein paar Regeln, an die man sich halten muss. Wer sich nicht dran hält, spielt ein anderes Spiel, nach alten, kompetitiven Regeln.

Gute Ratschläge für Leute, die auf Inhalten anderer aufbauen wollen:

  1. Vorher fragen! (Hey, es ist kostenloses Marketing!)

  2. Kant lesen:
    "Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest."
    Du nimmst etwas von anderen - gibst Du auch etwas zurück?

Und morgen schreibe ich das ganze nochmal ordentlich auf. Bestimmt.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Mittlerweile hab ich mir ein wenig Zeit genommen und habe einige Artikel und Kommentare gelesen, die mittlerweile in der Blogosphere zum Thema Verwertung von RSS-Inhalten erschienen sind. Vieles hat mich leider an die Zeit von Usenet und ersten Mail...

RSS BLOGGER: Brötchen verdienen - koopertativ oder kompetitiv? (06.01.05 01:53)

Martin hat dar ü ber ä u ß erst lesenswert geschrieben: Kooperativ vs. Kompetitiv. Izynews. Die Allmende. Kant: » Aber: Meine Texte geh ö ren mir. Ich entscheide, wie sie wiederverwertet werden. Ich kann sie freigeben, eine Creative Commons Lizenz drwe...

Der Schockwellenreiter: Noch einmal Content-Klau (06.01.05 07:58)

izyNews hat aktuell einen schweren Stand, wobei ich es für einen PR-Gau halte und weniger für einen Missbrauch der kooperativen Wertschöpfung. Es vermischen sich auch "Mein Universum" und "Unser ...

A2O — Business pur: Die Frage nach Wert und Währung und Selbstbestimmung (06.01.05 12:45)

Markus Breuer kommentiert bei mir: in der open source gemeinde ist aktuell eine bewegung zu beobachten, die sich mehr und mehr in rage über kommerzielle nutzer steigert, die von OSS...

Das E-Business Weblog: Kommerzielle Nutzung freier Inhalte und Creative Commons Lizenzen (06.01.05 12:47)

Mein Content, meine Nutzungsrechte! Bitte schreibt Bücher oder eröffnet geschlossene, von mir aus auch kostenpflichtige Communities, aber macht mir mein Netz nicht noch kaputter, als es schon ist.

Eiderstede!: *kopfkratz* Open Source vs. Blogger? (07.01.05 06:42)

Die spannendste Diskussion (neben den Spekulationen um die Hintergründe von Mooshammers Tod) ist zweifellos die derzeitige Aufregung um die Art und Weise der Nutzung von Blog-Feeds. Das Vorgehen von IzyNews hatte hier ja zu einiger Aufregung in der Blo...

Die primäre Tugend: Kooperativ, kompetitiv und warum eigentlich? (14.01.05 22:52)

 

kant ist bei ethischen fragestellungen immer schön. ich denke (fragen kann ich ja nicht, der mann ist ja schon länger tot) nur, dass kant speziell auch den kategorischen imperativ nicht als etwas gemeint hat, was man anderen vorhalten und sie bei nichteinhaltung bestrafen oder ausgrenzen sollte.

letzteres würde ich mehr als "wie du mir, so ich dir" einordnen. es gibt menschen, die den KI so auslegen ... erscheint mir aber gewagt ...

ich denke, der kant'sche imperativ ist ein apell an das EIGENE handeln (auch und gerade, wenn ich mich als "gut" oder "gerecht" empfinde).

>> Handle so, daß die Maxime deines Willens
>> jederzeit zugleich als Prinzip einer
>> allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.

jeder, der im moment (bei vielen, die ich gestern gelesen haben, ebenfalls ohne beim schuldigen nachzufragen) wettert, "gegenmaßnahmen ergreift" und droht, möge sich fragen, ob er/sie stets so behandelt werden möchte, wenn er/sie sich (vielleicht) ungeschickt verhält, einen fehler macht, sich mit einer verrannt hat etc.

in der open source gemeinde ist aktuell eine bewegung zu beobachten, die sich mehr und mehr in rage über kommerzielle nutzer steigert, die von OSS profitieren und nichts zurück geben. auch die CC lizenzen werden von vielen usern inzwischen mehr als "möglichkeit, den bösen etwas zu verbieten" dann als "austausch vereinfachen" angewendet. ich denke, dafür hat lessig sich die mühe nicht gemacht. aber man weiß halt nie, was andere aus seines geistes kindern machen ...

abgesehen von der frage, ob da wirklich immer "nichts zurückgegeben wird" (bei einigen beispielen irrten sich die kritiker, glaube ich) stellt sich mir die frage ob eine "kooperative kultur des gebens" wirklich darauf beruht, dass ich immer nur dem gebe, der mir zurück gibt.

Markus Breuer am 06.01.05 07:03 #
 

@Markus: Aber diese Firma hat sich nicht in irgend etwas "verrannt", sondern sie haben das ganz gezielt geplant. Sie haben sich die Adresse http://www.bloglines.de gesichert und auf ihren Dienst umgeleitet. Sie bezeichnen sich als "Das größte deutsche Newsfeed-Verzeichnis" und von wo aus betreiben sie ihren Dienst? Kann man da noch "ungeschicktes Verhalten" hineininterpretieren?

Stefan am 06.01.05 09:04 #
 

Markus: Es geht um den praktischen Imperativ, nicht um den kategorischen. Und es ging mir nicht darum, den jemandem "vorzuhalten" und zu "bestrafen", sondern aufzuzeigen, dass es nützlich und gut ist, nach ihm zu handeln. Es _muss_ sich niemand daran halten, es ist völlig in Ordnung, es nicht zu tun. In der Allmende ist das nur keine Strategie, um mitzuspielen.

Ich denke nicht (und habe hoffentlich auch nicht behauptet), dass "eine 'kooperative kultur des gebens' darauf beruht, dass ich immer nur dem gebe, der mir zurück gibt." Auf keinen Fall! Ganz im Gegenteil sogar manachmal!

Gunter Dueck hat das mal schön geschrieben und sinngemäß gesagt: Er verschenke immer Dinge: Er helfe anderen, beantworte ihre E-Mails, vermittelte sie zu anderen, tue irgendwelche Dinge, die "gut" sind, ohne dass er was zurück bekomme. Das wäre in Ordnung so! Er glaube, er würde das schon irgendwie von "der Welt" wieder zurückbekommen, irgendwann. Das wäre so eine Art "Karma". :-)

Ich sehe das ähnlich. Meine Texte sind für jeden. Aber es ist eine Frage der Kultur und des Respekts (und witzigerweise eben auch des Urheberrechts), vorher zu fragen.

In der kooperativen Kultur geben wir allen. Man muss nicht vorher "einzahlen", um "nehmen" zu können. Man muss vor allen Dingen nicht *mir* vorher geben, um nehmen zu können. Wenn aber einer kommt und nimmt und sich so verhält, dass es nicht den Anschein hat, dass er kooperieren will, wenn es so aussieht, als wolle er sich nicht an diese Kultur halten, sondern ihre Errungenschaften nutzen, um ausschließlich eigennützig zu handeln, dann ist es völlig legitim, dass sich diese Kultur verteidigt. (Dazu hat Kristian ja schon schön geschrieben.)

Martin Röll am 06.01.05 12:20 #
 

"... und um meine unendliche Arroganz, ..."
Immerhin gibst Du es zu... ;-)

Nein, mal ganz ehrlich:
Ich bin ja auch der Meinung, dass das Vorgehen der Izynews definitiv als 'unglücklich' bezeichnet werden kann und das man das ihnen ruhig mal sagen sollte, aber wo ich herkomme, reden Menschen noch direkt miteinander und nicht über Anwälte...
(was sich wohlgemerkt auch - vielleicht sogar noch stärker - an die Izynews richtet...)

Mike am 06.01.05 13:41 #
 

Es ist eigentlich mehr als Arroganz: Ich glaube, dass aus dem erschaffenen Werk mehr Wert geschaffen werden kann, wenn ich von einer weiteren Verwendung erfahre und ggf. helfen oder sonstwie intervenieren kann. Es ist gute und schöne Tradition, wenn man z.B. ein Stück Code eines anderen Programmierers verwendet, ihn zu informieren. Mann _muss_ das nicht machen, aber man tut es: Weil es nett ist und weil man manchmal Neues entdecken kann. Vielleicht hat er noch weiteren Code, den er noch nicht freigegeben hat, den er Dir aber gibt. Vielleicht kennt er jemanden, der Dir helfen kann. Vielleicht... Aber das ist mal Thema für einen eigenen Eintrag. Für heute bleibt es bei meiner Arroganz. ;-)

Worauf ich eigentlich Bezug nehmen wollte: Die Intervention über Udo ist vielleicht misverständlich. Ich wollte nicht, dass die wie "wir schlagen Dich mit unseren Anwälten" rüberkommt. Udo hatte in seinem Blog geschrieben, dass er sich an IzyNews wenden wolle und gesagt, dass er andere mit aufnehmen können. Dieses Angebot habe ich angenommen. Hätte er nicht dieses Eintrag schon stehen gehabt, hätte ich Herrn Schwanitz (IzyNews) selbst geschrieben. Ich dachte mir, dass es die Dinge vereinfacht, wenn wir mit einer Stimme sprechen und Udos Brief, den er dann formuliert hat, fand ich auch höflich und und un-"böser-Anwalt"-lich genug, um hinter ihm zu stehen.

Martin Röll am 06.01.05 14:34 #