4. Januar 2005

[ E-Learning , Wissensmanagement ]

Brauchen wir den Begriff "E-Learning" noch?

Jochen Robes fragt:

Brauchen wir e-Learning noch? Ich meine als Begriff? Reden wir noch über dieselbe Sache, wenn die einen an Learning Management Systeme und Bildungscontrolling, die anderen an Online Communities und Weblogs denken? Was hat denn die Frage, wie man e-Learning organisatorisch einführt, verankert und managt, noch mit den Interessen des einzelnen Lerners und Lehrers und ihren Lernprozessen zu tun? Dort geht es häufig um Effizienz, Prozessoptimierung und letztlich Kosteneinsparungen, hier - im Idealfall - um selbst organisiertes und informelles Lernen, um Kompetenzentwicklung. Auch wenn es nur die zwei Seiten einer Medaille sind, zwei Perspektiven sozusagen, die Tatsache, dass ihre Verbindung heute eher zufällig, aber keineswegs zwangsläufig besteht, ist für mich eine der Erfahrungen aus 2004.
Und hat sehr recht. "E-Learning" war schon immer einer der schwammigeren Begriffe, aber seit dem letzten Jahr ist er dermaßen uneindeutig, dass er für sich allein genommen kaum noch etwas aussagt. Wer verständlich machen will, über was er genau redet, muss andere Begriffe benutzen.

Jochen stellt dann seine Top Ten Readings 2004 zum E-Learning vor und fasst seine drei Themenwelten zu E-Learning zusammen:

  • Lernen bzw. e-Learning ist untrennbar mit Kompetenzen und Kompetenzentwicklung verbunden.
  • Selbst organisiertes und soziales Lernen profitiert von den Möglichkeiten neuer Technologien, vor allem von denen des Internets.
  • Meine Erfahrungen als Learning Professional und e-Lerner sind Teil meines Alltags und meiner Entwicklung als Knowledger Worker.

Faszinierend, wie parallel da Überlegungen laufen: Zum zweiten Punkt habe ich zusammen mit Magdalena Böttger "Weblog Publishing as Support for Exploratory Learning on the World Wide Web" geschrieben. Zum dritten habe ich mich in einer gerade heute fertiggewordenen Publikation ausgelassen (und im Grunde steckte die Überlegung auch schon in "Distributed KM" drin, auch wenn ich da nur marginal explizit auf "Lernen" eingehe - damals sah ich das noch nicht so klar wie heute.) (Zu der Publikation schreibe ich hier bei Gelegenheit. Ein paar Feedbackschleifen fehlen noch.) Am ersten Punkt arbeite ich noch... ein langes Gespräch an Weihnachten1 hat da eine Menge Neuronen in mir in Wallung gebracht.

1. Das, in dem ich meine Stimme verloren habe, für die, die danach den Spaß hatten, mich zu hören.

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Und, brauchen wir den Begriff E-Learning nun noch? Ich denke: ja. Genau so, wie wir Begriffe wie Lehren und Lernen, Weiterbildung und Schule verwenden, die für sich genommen ebenfalls sehr, sehr unscharf sind. Es kommt halt auf den Kontext an ;-)

Nicht nur wer über E-Learning redet, muss verständlich machen, über was da genau gesprochen wird. Auch Weiterbildung und Qualifizierung kann so viel gegensätzliches bedeuten, dass hier ebenfalls weitergehende Ausführungen erforderlich sind. Begriffe wie E-Learning, Weiterbildung, Lernen, Pisa stellen Umschreibungen dar, denen immer ein gegenwartsbezogener Kontext inne wohnt mit individuellen Wertvorstellungen.

Und genau hier sehe ich das Problem, speziell in Deutschland. Bildung ist ein sehr emotionales, wenn nicht gar ein ideologisches Thema. So muss sich E-Learning bei uns an einem Wertekanon messen, der dem 18. Jahrhundert entstammt. Darüber hinaus wurde und wird die Technik über das eigentliche Ziel, die Wissens- und Kompetenzvermittlung, gestellt. Dabei steht der Begriff E-Learning eben nicht nur für den technologischen Aspekt von Lernen und Bildung mit dem Computer, sondern eben auch und gerade für die dafür notwendigen didaktischen Konzepte.

Derzeitige E-Learning-Angebote sind vom Konzept her sehr "classroom based", d.h. sie folgen dem Paradigma einer Präsenzveranstaltung. Im angloamerikanischen Sprachraum wird dieses Problem nun schon etwas intensiver diskutiert, während hier selbst eine Koryphäe wie Peter Baumgartner im universitären Bereich noch auf Widerstände trifft. Ich denke, dass auch Jochen Robes ähnliche Erfahrungen bei seinem letzten Arbeitgeber machen konnte.

Ich habe als E-Learning-Experte in der Wirtschaft immer wieder die Erfahrung gemacht, dass E-Learning nur dann anerkannt wird, wenn das Lernen auch weh tut. Dagegen haben es konstruktivistische didaktische Konzepte, die einen problemlösungsorientierten, kommunikativen und authentischen Ansatz verfolgen, recht schwer. Im trauten Gespräch wird dann schnell klar, dass solche Ansätze als zu wenig restriktiv, für den direkten Vorgesetzten nicht kontrollierbar gelten...

Tim Schlotfeldt am 04.01.05 10:56 #