21. Dezember 2004

[ Blogosphere , Marketing ]

Jamba oder das Ernstnehmen des Internets

Jamba ist ein Unternehmen, das Handyklingeltöne verkauft. Vor ein paar Tagen erschien im Weblog Spreeblick ein zynischer Artikel über das Unternehmen, der große Aufmerksamkeit in der Blogosphere erhielt - zunächst einfach, weil es ein guter Artikel war, dann, weil plötzlich massenweise pro-Jamba-Kommentare auftauchten, die den Autor angriffen und - schön dumm - sofort herauskam, dass die alle von Jamba-Mitarbeitern abgesetzt worden waren (wobei unklar blieb, ob es koordiniert war oder nicht).

Klaus Eck hat Tilo Bonow, den Presseprecher von Jamba, zur Sache interviewt. Er zeigt erschreckende Unkenntnis. [Nachtrag beachten.]

Vielleicht hätte er vorher bei Markus Breuer nachlesen sollen, der ausführlich erklärt hatte, welche Lehren man aus der Story ziehen könnte.

Bonow setzt, eine Woche nachdem der Ärger losging und in einer Zeit, in der hunderte Einträge auf die Story verweisen, Weblogs mit "Foren und Newsgroups" gleich, jammert darüber, dass "manche Blogger es anscheinend auf Krawall anlegen", beklagt dass "viele Blog-Artikel" "unorganisiert, undifferenziert und vom Niveau her sehr flach" "wirken" (?) würden und meint, dass "die Kritik der Blogger von der allgemeinen Öffentlichkeit vermutlich gar nicht richtig wahrgenommen (wird)".

Wenn das mal kein Fehler ist. Heute hat die Online-Ausgabe der Marketing-Zeitschrift "Werben und Verkaufen" (w&v) einen Artikel über die Geschichte. Googelt man "Jamba" taucht der Spreeblick-Eintrag weit oben auf. Sicher: Solange das "nur" in Weblogs bleibt, lesen das "nur" Weblogger und ihre Leser, also "nur" ein paar zehntausend Leute. Aber von dort wandern solche Geschichten ganz schnell in andere Medien, das hat man bei dem ganz ähnlichen Fall von Kryptonite gesehen. Heute ist das für Herrn Bonow irrelevant - und wenn es morgen in der Zeitung steht oder im Fernsehen läuft? Wie er auf die Fragen reagiert spricht jedenfalls nicht für seine Professionalität.

Jamba scheint die Kommunikation im Internet nicht ernst zu nehmen. Darauf deutet auch dieses Detail hin:

Bonow:

"Wir verfolgen Foren und Newsgroups über ein umfangreiches Meinungsmonitoring der Deutschen Medienbeobachtungs Agentur. Bisher haben wir rund 12 Foren aktiv beobachtet."

Auf die Gefahr hin, dem Unternehmen hin Unrecht zu tun - Ich weiß nicht, was mit "aktiv beobachten" gemeint ist, womöglich beobachtet man noch viele weitere Quellen "passiv" (?) - aber "rund 12 Foren" ist für ein Unternehmen in einem Massenmarkt wie Jamba, das über alle Kanäle wirbt, vollkommen lächerlich. Das heißt: Es ist natürlich vollkommen angemessen, wenn man glaubt, dass die Kommunikation in den Foren nicht wichtig ist. Aber das ist eine Fehleinschätzung. Und das Risiko, sich Wellen wie die im Spreeblick entgehen zu lassen, ist viel zu hoch, als dass man das Monitoring nicht ausbauen sollte - es ist, richtig gemacht, überhaupt nicht teuer!

Jamba beschäftigt 500 Leute! Und dann verfolgt man 12 Foren? [Bitte Nachtrag beachten] Noch sind im Marketing nur Werbe-Stellen ausgeschrieben - One-Way-Kommunikation - und keine "Internetmonitoring", "Internetkommunikation", "Öffentlichkeitsarbeit", "Community Relations" u.ä. Ob sich das ändern wird?

Vielleicht passiert in dieser Welle wirklich nichts und "nur" das Internet regt sich auf. Vielleicht wird es aber größer. So oder so: Die Blogosphere und die Netzöffentlichkeit überhaupt ist heute zu wichtig, als dass Unternehmen sie ignorieren können oder so arrogant mit ihr umgehen sollten, wie Jamba das hier getan hat.


Jamba ist im Mai 2004 von Verisign gekauft worden.

Aus dem Archiv: 11. März 2003: MoBlogging @ Jamba? Den angekündigten Moblogging-Dienst hat Jamba meines Wissens nach nie implementiert.

[06.01.05] PR-Problem für Klingeltonhändler: Blogger heizen Jamba ein - Netzwelt - SPIEGEL ONLINE

[07.01.05] Tagesspiegel Online : Berliner löst Proteststurm gegen Jamba aus


[Nachtrag, 16:00 Uhr]
Ich hatte eben ein langes Telefonat mit Herrn Bonow, der mich auf diesen Eintrag hin angerufen hat. Ein paar Klarstellungen:

Jamba verfolgt natürlich nicht nur 12 Foren, sondern eine Vielzahl von Quellen. Die Zahl 12 sind die als am wichtigsten identifizierten Orte. Viele Diskussionen sind nicht wichtig, weil sie nichts Neues bringen und nur dieselben Punkte immer wieder aufkommen. Hier muss Jamba nicht reagieren. Wir sprachen ausführlich darüber, ob ein Unternehmen auf Kritik in Blogs reagieren sollte, wann es das tun sollte und wie es das dann tun sollte. Für ein Unternehmen ist es nicht leicht, zu identifizieren, wann eine Kritik wichtig ist und wann nicht: Der Eintrag im Spreeblick brachten zum Beispiel für Jamba inhaltlich wenig neue Kritik, deshalb hat Jamba nicht offiziell darauf reagiert. Was sie nicht gesehen haben ist, wie schnell sich die Story verbreitet und welche Konsequenzen, insbesondere nach der Reaktion der Jamba-Mitarbeiter sie haben kann.

Hierauf bezog sich auch meine Äußerung zur "Unkenntnis" von Herrn Bonow oben, mit der ich ihn nicht beleidigen wollte (was ich aber wohl getan habe - es tut mir Leid): Jamba hat hier nicht gesehen, wie wichtig der Weblog-Eintrag war und wie kritisch die Reaktion der Mitarbeiter in den Kommentaren werden könnte. Es weiß nicht, wie die Dynamik so einer Geschichte in der Blogosphere ist, wie schnell sie sich fortpflanzt und auch in andere Medien überspringen kann. Es ging mir nicht um eine generelle Unkenntnis von Herrn Bonow zu seiner Arbeit, sondern nur um die Unkenntnis über die Blogosphere.

Wie gesagt: Es war ein langes und ein sehr interessantes Gespräch. Vielen Dank!

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

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[This posting also appears in my Bamblog and the groupblog "bloginitiativegermany.de"]Over the last weeks, a string of interrelated events has raised awareness of the german Blogosphere. This posting aims to (at least partially) recap these...

Vernetzte Kommunikation: Jamba, SPON & Planetopia: The german blogosphere on its way to mass media? (21.01.05 12:26)

 

Im Moment habe ich das Gefühl und die eigene
Erfahrung
, dass Unternehmen bei einem kritischen Blogbeitrag dazu neigen, den Autor lieber zu verklagen bzw. Schadensersatz zu fordern, als mit ihm zu reden oder das als Marketingmöglichkeit zu sehen. Bei Spreeblicks Jamba-Artikel gab es aber nichts zu klagen, da eigentlich "nur" das wohl doch legale Geschäftsmodell erläutert wurde.

Marc am 21.12.04 17:55 #
 

Also mit bösen Firmen kenne ich mich mittlerweile auch aus. Zuerst fett mit Anwalt in Wien drohen und dann auch noch einfach auflegen. Peinlicher Chef bei der Firma, ist nicht nur meine Erfahrung. Anscheinend reagiert der immer etwas kritisch auf "böse Buben" und schlägt wild um sich. Er war früher einmal Nachrichtenredakteur bei einem Lokalsender - daher sollte man denken, er kann mit sowas umgehen. Kann er aber nicht. Übrigens ist ja das beste, dass er wirklich schon alles an den Anwalt weiter geleitet hatte und der schon daran gesessen ist. Naja, wenigstens ist seine Firma bei einigen Bekannten von mir ziemlich bekannt und die wissen jetzt, wer mit 100% Sicherheit nicht ihren Firmenauftritt gestalten wird ;)

Philipp am 21.12.04 20:51 #
 

Schön zu sehen, dass Herr Bonow das Gespräch sucht...

Den Punkt "Viele Diskussionen sind nicht wichtig, weil sie nichts Neues bringen und nur dieselben Punkte immer wieder aufkommen. Hier muss Jamba nicht reagieren" kann ich allerdings nicht nachvollziehen: Sollte ein Unternehmen nicht gerade dann auf Kritik reagieren, wenn Sie wiederholt geäußert wird?

Nico Zorn am 21.12.04 23:49 #
 

Ja und nein. Es gibt Fälle, in denen schon alles gesagt ist. Wenn wir hier z.B. den Vorwurf der "Abzocke" durch das Abo nehmen: Die Kritik kommt sehr oft und das Unternehmen hat klargestellt, wie es selbst die Sache sieht. (So sagte mir das zumindest Herr Bonow - ich bin kein Kenner der Jamba-Unternehmenskommunikation.) Jetzt jedes Mal wenn die Kritik wiederholt wird, wieder darauf zu antworten, nutzt wenig, vor allem dann, wenn sie von Leuten kommt, die gar nicht Kunden, nicht mal Zielgruppe und auch keine Multiplikatoren sind.

Wenn allerdings ein Informationsdefizit besteht und somit eine Chance da ist, durch eine Reaktion den Kritiker zu überzeugen oder zumindest bei den Lesern einen positiven Eindruck zu hinterlassen, sollte natürlich reagiert werden.

(Das ist noch ein bisschen komplexer, als ich das hier jetzt ausführe, aber ich will den Kommentar kurz halten.)

Martin Röll am 23.12.04 00:02 #
 

In meinen Augen ist dies [1] eines der lächerlichsten Argumente die ich mir vorstellen kann.

[1] "Viele Diskussionen sind nicht wichtig, weil sie nichts Neues bringen und nur dieselben Punkte immer wieder aufkommen. Hier muss Jamba nicht reagieren"

Das einzige was wohl wirklich dahinter steckt, ist die Angst, dass die zugrundeliegende 'Nachricht' eine größere Aufmerksamkeit bekommt. Wahrheit tut wohl doch weh!

Gerade der Pressesprecher von Jamba sollte sich mal Gedanken machen. Die Werbung seiner Klitsche wiederholt sich immer und immer wieder aufs Neue, und das in einer derart pentranten Weise, dass nicht nur eine 'negative Wahrnehmung' eintritt, vielmehr mehr noch stellt sich eine tief verwurzelte Abneigung gegen das Beworbene ein. Ich persönlich werde Jamba jedenfalls in keinem einzigen positiven Zusammenhang mehr erwähnen - das ist die Konsequenz.

hitchi am 27.12.04 15:01 #
 

Arbeitszeit ist eine begrenzte Ressource. Deshalb kann und solte Jamba nicht jedem kritischen Posting hinterherlaufen. Mit Angst hat das nichts zu tun, sondern schlicht mit Ökonomie. Ansonsten habe ich hier dazu schon alles gesagt.

Zur sich wiederholenden Werbung: Die Leute von Jamba sind nicht doof. Wenn die Werbung nicht funktionieren würde, würden sie sie nicht schalten.

Martin Röll am 28.12.04 10:04 #
 

Vermutlich/Sicherlich ist es schon irgendwo mal angemerkt worden, aber egal: die Jamba-Werbung funktioniert doch im Grunde nach dem Spam-Prinzip: Wenn ich mein Anliegen massenhaft und unablässig nach außen trage, habe ich selbst bei einem minimalen Anteil von Leuten, die darauf eingehen, die Kosten wieder raus.
Die Kostenstruktur wird bei Jamba anders sein, da Werbung auf mtv mehr kostet als das massive Versenden von Viagra-Mails, aber wie Martin schon sagt: Es scheint zu klappen!

Jan am 28.12.04 21:36 #
 

Ich überlege mit: Was ist jetzt das besondere an der Situation, daß der Artikel in einem WebLog erschienen ist?

Artikel dieser Art erscheinen hin und wieder auch auf diversen Meinungsaustauschplattformen, wie z.B. ciao.de / yopi.de / usw.. Ich kann man mich da an einen sehr guten Beitrag über den Telefonprovider ACN erinnern. In dem Falle wäre ich Zielgruppe gewesen.

Unter den Kommentaren tauchten ein paar auf, in dem man den Autor Unkenntnis vorwarf - und dann mit Banalitäten verbesserte. Im Effekt bestätigten sie den Artikel, ob sie es wollten oder nicht. Das geschah auch bei Spreeblick ...

Also ist der Unterschied in dem Falle nur die rasante Verbreitung dieses Artikels.

René Pönitz am 30.12.04 15:32 #
 

Komisch nicht? ;-) Die Dynamik der Verbreitung von Nachrichten in Weblogs ist völlig unterschiedlich von der in Foren. Genau das ist es, was die meisten zur Zeit noch nicht verstehen.

Martin Röll am 30.12.04 23:24 #
 

we are a production company (www.dv3productions.com/content/Furp2.mov)and would like to contact Jamba, perhaps Tilo Bonow, to show them an interesting animation. does anyone know how to contact Mr. Bonow or Jamba?

Larry Olson am 27.06.06 21:18 #
 

Yes.

Martin Röll am 27.06.06 21:24 #