15. Dezember 2004

[ Reisen ]

Abendessen mit Kay Uwe Arnecke

Ich hatte vorletzte Woche die Ehre, mit Kay Uwe Arnecke, dem Geschäftsführer Personal der DB Personenverkehr GmbH, 2 weiteren Bahnmitarbeitern und neun anderen Dresdnern im italienischen Dörfchen Essen zu gehen.

Bei gutem Wein und außerordentlich gutem Essen drehte sich das Gespräch vor allem um die Anforderungen von Geschäftsreisenden an ihre Transportmittel, die Konkurrenz zwischen Bahn und Flugzeug, spezifische Wettbewerbsvorteile der Bahn, die Notwendigkeit von Pufferzeiten im Fahrplan, die neue Ausbaustrecke zwischen Hamburg und Berlin, die Fahrtzeiten von Dresden nach Berlin, Frankfurt, Köln und anderswo, den Mangel von Abendverbindungen zwischen Großstädten, die neue BahnCard 100 und das bahn.comfort-Programm und ob es mit Miles and More oder Payback kooperieren sollte.

Ein paar der Kernpunkte:

  • Absolute Reisegeschwindigkeit und absoluter Zeitvorteil gegenüber Auto oder Flugzeug ist manchen Teilnehmern nicht das wichtigste. Sie nehmen durchaus längere Fahrtzeiten in Kauf, wenn sie Zuverlässigkeit - "ich komme sicher dann an, wenn ich geplant habe" - und Komfort - "ich kann im Zug arbeiten" - gewinnen. Andere kalkulieren knallhart auf Zeit und Kosten und wählen dann oft den Flieger, wenn sie z.B. Dresden-Köln fahren, oder das Auto, vor allem, wenn sie in kleinere Städte müssen, die per Bahn nur mit mehrfachem Umsteigen zu erreichen sind.
  • Die Unternehmen die viel Reiseaufkommen haben, rechnen sehr, sehr genau. Wenn ihr Reisebüro plötzlich Buchungsgebühren für Bahntickets erhebt, weil die Bahn keine Provisionen auf den Verkauf mehr zahlt und sie keine direkte Schnittstelle ins Bahnsystem bekommen, kann plötzlich das Flugzeug billiger werden.

Ein paar meiner Ideen:


  • Dass die BahnCard für eine spezielle Klasse gekauft werden muss, ist grundfalsch und verhindert das "Upgraden" in die erste Klasse. Das wird von vielen gewünscht: Viele Chefs fahren grundsätzlich zweite Klasse, wollen aber auf manchen Verbindungen lieber erste Klasse fahren, um mehr Komfort oder einen sicheren Sitzplatz zu haben. Die hohe Preisdifferenz zwischen dem reduzierten Tarif der zweiten Klasse und dem der ersten und die Unmöglichkeit, ein "Upgrade"-Ticket flexibel am Bahnhof zu kaufen, machen das sehr umständlich.

    Mein Vorschlag für ein Interface am Fahrkartenautomat à la "Hallo Martin, schön dass Du in letzter Minute ein Ticket zweiter Klasse für den Zug nach Dresden kaufen willst. Die zweite Klasse ist schon rappelvoll - Willst Du nicht 10 Euro mehr ausgeben und in die erste Klasse gehen?" stieß leider auf keine große Begeisterung, dabei würde es 1) die Züge besser auslasten 2) dem Reisenden höheren Komfort bieten und 3) der Bahn höheren Deckungsbeitrag geben, aber...

  • Verspätungen sind nicht zwangsläufig schlimm - wenn sie planbar sind. Reisende sollten die Möglichkeit haben, unterwegs über Verspätungen ihrer Züge informiert zu werden.

    Als ich vor zwei Wochen in Zwickau war hätte ich nach meinem Vortrag gerne noch mehr Zeit gehabt, mich mit den Teilnehmern zu unterhalten - aber ich musste zum Bahnhof. Dort erfuhr ich dann, dass mein Zug 25 Minuten Verspätung hätte. Eine kleine SMS hätte gereicht und hätte viel Wert geschafft. Die Daten sind alle verfügbar: Verspätungsdaten stehen im RIS (und können auch schon über die Online-Bahnhofstafeln abgefragt werden), Daten zu "welcher Kunde fährt wann welche Verbindung" stehen im Online-Buchungssystem.

Und ein paar Beobachtungen:

  • Für manche Leute sind "Miles and More"-Meilen ein Fetisch und eine Parallelwährung.
  • Die Tendenz, aus einer einzelnen Beobachtung ("Dieser Kunde wünscht x") auf ein grundsätzliches Muster ("Was Kunden wünschen") zu schließen, ist sehr verbreitet. Es wurde unzulässig vereinfacht und die Möglichkeit der Existenz verschiedener Kundenprofile manchmal ignoriert.
  • 13 Männer. Keine Frauen. Unklar blieb, ob das etwas über den Selektionsmechanismus der Gastgeberin oder über die allgemeine Reisendendemographie aussagt. (Arnecke vermutete dass "gleichviel Männer wie Frauen Bahnfahren", was ich aber kaum glauben kann. Zumindest in Personenkilometern gerechnet dürfte der Anteil der Männer viel höher sein.)

Es war ein interessanter und lehrreicher Abend. Herzlichen Dank für die Einladung!

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

"Upgrade"-Ticket: Das wäre wirklich super. Hätte ich auch schon ein paar Mal gemacht. Wird aber nicht angeboten. Leider.

Auch ich kaufe mein Ticket eigentlich immer direkt vor der Abfahrt am Automaten (Bahncard 50%). Oft ist eine Platzreservierung nicht (mehr) möglich. Der Automat weiss aber in dem Moment, wenn er fragt "Möchten Sie eine Reservierung?" bereits, welche Verbindung ich wünsche. Wenn für die Verbindung keine Reservering mehr möglich ist, sollte er mich gar nicht fragen. Das weckt jedesmal falsche Hoffnungen und ist ein lästiger Buchungsschritt, wenn es sowieso nichts mehr gibt.

Auch ist mir unverständlich, warum die Automaten standardmässig versuchen, Fensterplätze zu reservieren. 1. will ich Gangplätze. 2. wäre es sinnvoller, z.b. "Steckdosenplätze" anzubieten.

Und noch was: 1 Monat vor Ablauf der Bahncard sollte, wenn ich meine Card zum Punktesammeln einschiebe, der Automat sagen: "In 4 Wochen läuft Ihre BahnCard ab. Wollen Sie die Karte jetzt verlängern?"

Naja, vielleicht liest das hier jemand, dem Kunden wichtig sind.

Heiko Hebig am 15.12.04 14:54 #
 

Ich bin zwar kein Profi-Bahnfahrer wie Martin und Heiko es sind, denn bei mir reicht es gerade zu einer Schülerjahreskarte für eine Strecke von 10 Minuten mit einem Bummelzug.

Das "Upgrade"-Ticket kann ich mir gut vorstellen, wenn man eine längere Strecke nur mit RE und RB zurücklegen kann und dafür die 1. Klasse wählt um etwas mehr Komfort zu erleben.

Als ich das letzte Mal weiter mit der Bahn unterwegs war, habe ich telefonisch bestellt und dann das Ticket am Automaten abgeholt. Hat toll geklappt, doch hatte ich dann leider 5 Zettel in der Hand.

Über Stefan Freimark habe ich eine Site gefunden, wo alle ICEs, die in D verkehren aufgelistet sind und dazu die Baureihe, woran widerum Steckdosenverfügbarkeit etc. sieht.

Interessant wäre auch, wenn man wählen könnte, dass man diese Einzelplätze neben Gardaroben oder Abfallbehältern bekommt, da man mehr Platz, einen Tisch und keinen Nachbarn hat.

Christoph Hörl am 15.12.04 17:28 #
 

Reservierung von Steckdosenplätzen halte ich auch für eine gute Idee. Steckdosen an jedem Platz fände ich noch besser!

btw:
Neulich maulte mich ein Automat an: "Es werden 4 Belege gedruckt" - darunter zwei nutzlose Werbezettel ("Gutscheine"). Sowas nervt - besonders wenn der ICE bereits am Gleis steht..

Meine 5 Cent zu diesem "Männerthema". ;-)

Holger Dieterich am 16.12.04 01:12 #
 

Von Upgradetickets gesprochen, las gestern ein Blogentry (finde es aber nicht zurueck) wo ein Flugunternehmen beschrieben wurde, wo man statt Upgrade zu Business Class, um $25 ein Sitz mit 12 Zentimeter mehr Beinraum bekam im Flugzeug. Laut dem Blogger genau die Zentimeter die fehlten um komfortabel auf dem Laptop arbeiten zu koennen.

Steckdosen sind absolut notwendig. Hier in NL gibt es genau 1 Abteil der 1. Klasse der Steckdosen hat (eins pro 4 Sitze). In den letzten 6 Monate (fahre merhmals die Woche 5 Stunden am Tag im Zug) hatte ich schon einmal das Glueck in diesem Abteil zu sitzen :(


Ton Zijlstra am 16.12.04 10:30 #
 

Hier meine Gedanken zum Thema im Schnelldurchlauf: Meinem Gefühl nach hält sich der Anteil Frauen zu Männer in etwas die Waage. In der 2. Klasse in modernen ICEs fühle ich mich wohl, ist aber zu eng. 1. Klasse wäre nett, ist aber zu teuer erkauft. Die Kartenautomaten sind auch im Streß kurz vor Abfahrt gut zu bedienen (außer, die EC-Karte ist nichtlesbar).

Alles in allem fahre ich gerne und lieber Bahn, als Auto.

Bernhard Fuerst am 17.12.04 01:00 #
 

"Reisende sollten die Möglichkeit haben, unterwegs über Verspätungen ihrer Züge informiert zu werden."

Dazu muss man tatsächlich nicht zum Bahnhof fahren oder mit dem Notebook online sein. Die Abfrage ist auch bequem per WAP mit dem Handy möglich, innerhalb von 20 Sekunden bei geeignetem Lesezeichen. Die Details dazu:
http://www.bus-und-bahn-im-griff.de/handy/verspaetungen.html

Dass BahnCard-2. Klasse-Besitzer gar keinen Rabatt mehr für die erste Klasse bekommen, ist erst mit dem "alten neuen Preissystem" seit Dezember 2002 der Fall: zuvor war das "Upgraden" möglich, man bezahlte statt 150 % des Normalpreises in der 1. Klasse (2. Klasse = 100 %) für die 1. Klasse mit 2. Klasse-BahnCard 100 %.
Das ist eine der Kleinigkeiten, die abgeschafft wurden und deshalb keine neue "Idee".

In dieselbe Kategorie fällt seit 2005 die Eigenschaft, dass 1. Klasse-Fahrkarten nicht pauschal 50 % teurer sind als die 2. Klasse, sondern je nach Relation über 50 %. Übersichtlich? Kundenfreundlich?

Zum Thema SMS bei Zugverspätung: sicher ein interessantes Angebot. Es bleibt die Frage offen, was mit Anschlüssen (DB oder auch örtlicher Nahverkehr) geschieht. Insofern wäre eine reine Verspätungs-SMS keine echte Hilfe.
Die SBB bieten in der Schweiz bereits eine HAFAS-Version an, die in der Reiseauskunft die Anschlüsse den Verspätungen anpasst, vgl.
http://www.hacon.de/hafas/hafas-rt.shtml

Bei der DB gibt es keine Ambitionen, diese HAFAS-Version einzuführen. Dabei wären gerade per WAP-Handy solche Echtzeitfahrpläne eine große Hilfe.

Oliver Kaiser am 14.10.05 09:36 #
 

Danke für die Hinweise. Ich hätte gerne einen Push-, nicht einen Pull-Dienst, d.h. ich will die Verspätungsinformation von der Bahn geliefert bekommen (dann, wenn eine Verspätung besteht) und nicht eigenständig per WAP nachsehen müssen, ob eine Verspätung besteht.

Martin Röll am 14.10.05 11:24 #