6. Dezember 2004

[ Konferenzen , Wissensmanagement ]

KM Europe 2004 - So war's

Meine KM Europe sah in diesem Jahr so aus:

Anreise am Sonntag, den 7.11. von Luxemburg aus, zusammen mit Gabriela Avram im Zug via Brüssel. Gabriela hatte ich schon zwei Tage vorher in meinem Heimatdorf getroffen - sie arbeitet zur Zeit in Luxemburg und ich hatte sie zu meiner kleinen Geburtstagsfeier eingeladen. Wie immer wenn wir uns treffen, hatten wir einige großartige Gespräche und viel Spaß. Im Zug hatte ich Gelegenheit, einen Blick in Gabrielas Ausgabe von Karl Wiigs neuem Buch "People-Focused Knowledge Management" zu werfen, das einen guten, wenn auch zu umfassenden Eindruck macht.
Martin Dugage war in Amsterdam bei Wiigs Keynote:
What I learned: KM people are often mislead by conceptions on how people make decisions. Only novices make rational decisions based on logic. Experts make decisions based on emotional feelings based on reference mental models that they have developed over time. So our KM practice should be primarily geared at building libraries of personal mental models. Hence the importance of simulation games and ontologies.

In Amsterdam angekommen trennten sich unsere Wege - Gabriela besuchte eine Freundin und ich ging Straßenbahnfahren zu meinem Hotel. Das wunderbare "Hegra" vom letzten Jahr hatte leider keine Platz, also hatte ich mich im "PC Hooft" einquartiert, das sich entgegen der Empfehlungen als dreckige, schäbige Absteige entpuppte. Aber immerhin liegt es mitten im Luxusviertel und nahe des Vondelparks zu dem ich mich dann auch aufmachte.

Einen langen Spaziergang und etwas Straßenbahnfahrt später fand ich mich in einem Kneipenviertel nahe des Leidseplein wieder, von wo ich eigentlich in die Innenstadt laufen wollte, aber von einem Straßenmusiker "aufgehalten" wurde, der gar wunderbaren Folkrock sang und virtuos Gitarre spielte. Zwanzig Minuten Lauschen und eine halbe Stunde Gespräch später stand ich dann auch auf der Straße und verdiente meine ersten 2 Euro als Straßenmusiker. ("Leaving on a Jet Plane" weil drei Akkorde im Grunde reichen und ich die ganzen Dave Matthews-Sachen nicht konnte.)

Montag. Konferenz. Keine Überraschungen: Ein weitgehend uninteressanter Ausstellungspark von Softwarefirmen, zu wenig Platz zum Kaffeetrinken, keine besonders interessanten Vorträge, aber jede Menge toller Leute. Ich lerne neue Möglichkeiten im Umgang mit Visitenkarten. Morgens eine Vorstellung des KnowledgeBoard, bei der jede Menge alte Bekannte und ein paar neue Gesichter zu sehen sind. KnowledgeBoard weiß immer noch nicht, was es will: Es sieht jede Menge Möglichkeiten und setzt auch seine Konsortiumsmitglieder auf einzelne davon an, entwickelt aber weder eine Strategie noch setzt es irgendetwas um. (Klarer Fall: Thrashing.)

Am zweiten Tag gab es zwei wichtige Verabredungen: Ein Treffen von OpenBC-Mitgliedern, das ich organisiert hatte und den KnowledgeBoard PKM-Workshop, der von Lilia Efimova angestoßen worden war.

Das Treffen (hier wollte ich eigentlich linken, aber OpenBC löscht historische Termine... na großartig.) war sehr angenehm und wir entdeckten eine Reihe Gemeinsamkeiten in der Runde und hatten Gelegenheit, ganz unterschiedliche Perspektiven auf Wissensmanagement auszutauschen. Ist der Musikeranteil an der Gesamtbevölkerung auch so hoch oder ist das ein Muster unter Leuten, die sich für Wissensmanagement interessieren? ;-) Nächstes Jahr wieder?.

Abends gab es ein Essen in diesem großartigen tibetanischen Restaurant im Rotlichtviertel und eine wilde Diskussion mit Heiko Haller, dies es sogar bis in Lloyds Blog geschafft hat. Ein eigener Eintrag dazu liegt noch auf "Draft" - ich hoffe, ich finde irgendwann die Zeit, den fertigzuschreiben.

Danach ging es zum PKM-Workshop. Ton Zijlstra hat darüber geschrieben und Gabriela Avram hat ausführliche Notizen. Der Workshop war als OpenSpace gedacht, der zum Start von einigen "Teasern", kurze Statements zum Persönlichen Wisssensmanagement, angestoßen werden sollte. Warum dann ausgerechnet Piers Young, der dumpf über "Why PKM ist nothing new" sinnierte, den Reigen eröffnete wird mir zwar verborgen bleiben, aber dennoch: Eine Diskussion kam ins Laufen und wenn man sich das Feedback der Teilnehmer am Ende anhörte oder es auf KnowledgeBoard liest kann man meinen, dass es ein ganz außerordentlicher Workshop gewesen sein muss. Ich bin mir nicht sicher. Ich mag keinen kompletten Überblick haben, weil ich nicht die ganze Zeit da war (mein Körper funktioniert nicht in dunklen, sauerstoffreien Räumen mit schrankgroßen Klimaanlagen), aber erstaunlich war, dass am Ende nicht ein einziger Teilnehmer in der Lage war, irgendein Ergebnis der Drei-Stunden-Diskussion in Worte zu fassen. Alle waren begeistert darüber, dass man sich unterhalten hatte, aber was genau man dabei gelernt hat, blieb unklar. Ich mag da durch mein persönliches Netzwerk und durch die BlogWalks verwöhnt sein, aber nur ein gutes Gefühl weil man viel geredet hat reicht mir nicht mehr. Ich bin mir auch nicht sicher, dass solche Events nachhaltig Wert schaffen. Das einzige, was sicher entsteht, ist eine Gruppenbildung zwischen den Teilnehmern - die hier nicht genutzt wurde: Alle gingen wieder ihrer Wege. Ob Leute sich wirklich die URL des Wikis notierten und dann zu Hause dorthin surfen und sich an Zusammenarbeit beteiligen? Ich glaube nicht weiß jetzt: Nein. Und wieviel da wirklich implizit gelernt wurde? Sicher war es ein guter Workshop und sicherlich ein Highlight der Konferenz - aber man hätte mehr daraus machen können.

Ich teile den Enthusiasmus für den OpenSpace, der im Moment an so vielen Stellen auszubrechen scheint, nicht. OpenSpace funktioniert, wenn es ein Problem gibt. Oder, in den Worten von Michael Herman:

Open Space works best when the work to be done is complex, the people and ideas involved are diverse, the passion for resolution (and potential for conflict) are high, and the time to get it done was yesterday.
Wirft man einfach nur Leute zusammen und lässt sie im OpenSpace-Format reden kann das auch funktionieren - muss aber nicht. Das Format trägt dann auf jeden Fall kaum etwas zum Gelingen bei.

Trotz einiger guter Gespräche (die dann meistens gar nichts mit PKM zu tun hatten) verließ ich den Workshop einigermaßen enttäuscht. Ich hätte gerne mehr über die Teilnehmer und ihre Anliegen erfahren. Warum stehen "wir", die ach so tollen "PKM-Experten" vorne und "teasen" unsere Weisheiten in den Saal? Warum stehen nicht die anderen Leute vorne und erzählen, warum sie da sind? Irgendetwas, das sich möglicherweise mit PKM angehen lässt, wird es schon sein, sonst wären sie nicht da, oder? Wir wissen gar nichts darüber. Wir haben Leute in einen Saal reinkommen lassen, sie mit unserem vermeintlichen Wissen beeindruckt, sie in zwar interessante, aber am Ende belanglose Diskussionen verwickelt und sie dann wieder ziehen lassen. Tolle Leistung. (Nein, ich meine es nicht so böse, wie's hier steht. Ich übertreibe um den Punkt klar zu machen.) Beim nächsten Mal will ich das anders machen.

Highlight: Sicherlich Lloyd Davis mit Gedanken ähnlich denen, die wir auf dem vierten BlogWalk gesprochen hatten.

Lloyd Davis approached the emotional responses to knowledge management, emphasizing on fear: individuals' fear that their knowledge gaps will be discovered, their fear about making mistakes, their fear of losing power, of telling the truth, and then the fear of entire groups. He highlighted the contradictions between the intention to empower people and the fear of losing control, between the need to be truthful and the fear of telling the truth, which tear people apart.

[Gabriela Avram]

Zum Ende des Abends und dem Verlauf der folgenden Nacht habe ich hier schon geschrieben. Zu erwähnen bleibt noch die Kakerlake, die in Martins Dugages Teller fiel.

Gabriela Avram hat auch Notizen vom dritten Tag, an dem ich schon wieder unterwegs via Stansted und Stockholm nach Umeå war. (Zum BlogWalk dort später noch mehr.)

Zeit für ein Fazit: Wie erwartet war es eine tolle Konferenz, vor allem wegen der Treffen mit den Leuten, mit denen ich sonst meist nur computervermittelt kommuniziere und wegen einiger Ideen und Erkenntnisse jener Art, wie man sie nur auf solchen Konferenz kriegt und die so klar und strahlend sind, dass man noch Wochen von ihnen zehrt.

Ansonsten: Wie sogar der Veranstalter selbst einräumt (hier in milder Fassung - mir liegen auch deutlichere Aussagen vor): So kann die KM Europe nicht weitermachen. Wie im PKM-Workshop einer schön sagte: Solche Workshops kann man auch selbst organisieren. Man braucht den Overhead eines Kongresses nicht. Ein Posting und eine E-Mail auf KnowledgeBoard und man hat seine Aufmerksamkeit. (Hallo KnowledgeBoard, lest ihr mit? Hier steht Euer Geschäftsmodell.) Für die Softwarehersteller, die dem Veranstalter seine Einnahmen bescheren, geht die Rechnung schon lange nicht mehr auf.

Hier im Überblick lesenswerte Einträge von anderen Bloggern zu Konferenz: Martin Dugage, Gabriela Avram [1], Gabriela Avram [2], Gariela Avram [3], Lilia Efimova, John Curran.

Durch die weitere Reise im Anschluss und laufende Projekte, die noch immer einen zu großen Teil meiner Zeit in Anspruch nehmen, bin ich noch nicht dazu gekommen, einige der "großen Einsichten" zum Wissensmanagement auszuformulieren und zu bloggen - sie sind direkt in den anschließenden
Workshop in der Schweiz eingeflossen. Dazu und zu anderem später mehr, hier im Blog oder spätestens in ein paar Papieren Anfang nächsten Jahres. (Da fällt mir noch ein Eintrag aus dem Archiv ein - vielleicht sind die Gedanken im Moment einfach noch zu komplex, als dass das bloggen darüber lohnt. Für mich sind die ja schon klar, aber wenn ich sie für anderen nicht klar genug formulieren kann, sodass sie verstanden werden und zu eigenen Gedanken anregen, hat es ja keinen Wert.)

Genug jetzt. Spezielle Fragen oder Wünsche zu bestimmten Themen? Gerne.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

It is so interesting to see how a double of the reality is emerging on the web. Let's take the example of the recent KM Europe event. We went there with our expectations...

Coniecto: The reality and the web (02.01.05 19:54)

 

Hi Martin,

I agree that the actual outcome of the PKM Workshop is barely visible. Spending time and preparation on how to create convergence is one of the take aways for me as a facilitator. More on that in the htpp://wiki.knowledgenetworker.net
Convergence in Open Space events is something I still know too little about for my taste. Also the talk of how easy it is to organize something like this sometimes fools me in to thinking not much preparation is needed.

The teasers were meant as conversation starters, and not as the experts preaching to the crowd. That is why we let the teasers self-select. It was in anticipation of not having enough shared context to immediately dive in, something we can build upon in BlogWalks for instance. Hence the conversational hooks in the form of teasers.

Giving the other participants a bigger role in the introductions is a good suggestion. It was something we originally planned to do in general at the start, but then skipped because the group was much larger than expected. Maybe a better adaption would have been to ask people to come forward with their own motivations. I do think that the teasers worked ok, and also generated some interesting statements immediately, for instance by Andy Boyd.

The whole preparation thing and follow-up thing, needs more consideration as well. We probably could and should have hand-outs ready with the url's etc. for starters.

Ton Zijlstra am 06.12.04 14:45 #
 

Oh, and other important thing that I also discussed with Patrick Svennson at HumLab, based on the fact that during Howard Rheingolds workshop only a few of us took part in the discussion, combined with your observation that just having a nice conversation isn't enough:

it seems very awkward to me that people are really happy having the opportunity to interact (see the PKM workshop) or willing to travel thousands of miles (see Umea) and then not use that opportunity to the fullest. As you say, I too think having a problem to solve or a goal to fulfill is important here. That would also make it easier to formulate your take-aways. I try to go to things like these with a few specific goals, usually in the area of getting certain opinions, meetings certain people, or finding partners for something, and a few general ones, usually in the area of gaining new insights / interesting topics and other explorational learning.

Maybe in that sense we both are already a bit spoiled: we want to take definite action away from these meetings. Just chatting about interesting and meaningful stuff isn't enough anymore. Where others perhaps feel rewarded enough still by stepping into the warm bath these events can be.

But you're right it amazes me that people can be so enthusiastic about things, and yet seem to do so little with it. It's the old "I've been on a course yesterday, and now I'm back at work and don't know what it was I got so excited about yesterday." - thing. Which also has something to do I think with how well trained you are in retaining stuff from a meeting as it happens, apart from the warm and fuzzy feeling of meeting other people. Personal info strategy is my take-away in that area from both the PKM workshop and meeting Howard Rheingold the day after.

Ton Zijlstra am 06.12.04 14:54 #