30. November 2004

[ Business Weblogs , Marketing , Unternehmertum ]

Bloggen für Gründer (mein Vortrag in Zwickau)

Manchmal fallen einem die besten Argumentationslinien erst ein, wenn man sie vorträgt. Heute ging mir das in Zwickau so.

Ich hatte mich entschieden, Vortragsfolien und Theorielektion stecken zu lassen und lieber Geschichten zu erzählen: Die von meiner ersten Gründung, dem Scheitern, der zweiten Gründung, wie ich mit mäßigem Erfolg versuchte, ein Berater zu werden und plötzlich Weblogs alles veränderten. Das Grundgerüst der Punkte, die ich damit vermitteln wollte, hatte ich schon im Kopf, aber erst während ich so plauderte, wurde die Struktur so richtig klar.

Die Argumentationslinie läuft etwa wie folgt (Kontext "Marketing für Unternehmensgründer):

  1. Richtiges Marketing kann man als Gründer fast nicht machen, denn man weiß viel zu wenig: Was verkauft man eigentlich? Wem? Und wie muss man es ihm antragen?
  2. Oft findet man erst durch's Tun heraus, was man eigentlich wirklich tun sollte.
  3. Um vernünftiges Marketing machen zu können, muss man erst wissen wer man ist, was man will und einen Plan haben wie man da hin kommt (das ist aus der Perspektive eines Einzelunternehmers geschrieben, mir fällt aber im Moment kein Grund ein, warum das für größere Unternehmen nicht auch Gültigkeit haben sollte).
  4. Wie findet man das raus, als einsamer Gründer im kleinen Büro? Wie lernt man?
    • Businessplanbegutachtung von Bankern, Beratungsstellen & Co hilft nichts: Die prüft auf Plausibilität des Plans, versteht aber überhaupt nichts vom Verkaufen von Nanotechherzklappendiagnosewerkzeugen.
    • Ausprobieren hilft, dauert aber lange und ist teuer und schmerzhaft.

  5. Auftritt Weblog. Wer bloggt, kann Leser finden: Leser, die sich für das interessieren, was man macht. Das liegt in der Natur der Sache: Wen es nicht interessiert, der liest nicht. Weblogs haben nur interessierte Leser. Es gibt einen Markt für Hundeelektrozahnbürstenblogcontent.
  6. Aus Lesern werden Kommentatoren, E-Mail-Schreiber und Geschäftskontakte (und manchmal sogar Kunden, aber um die geht es hier nicht). Die geben Feedback und helfen einem und verbinden einen mit den richtigen Leuten. So kann man lernen, Fehler erkennen und korrigieren und die Gespräche führen, die man führen muss. Und weiterlernen.
  7. Es dauert ungefähr drei Jahre, dann weiß man, wie es geht. Und dann kann man immer noch mit normalem Marketing anfangen. Wenn man das dann noch braucht.

Soweit in etwa das, was ich heute vorgetragen habe in der Bulletpoint- und Theorieversion. Wer es ausführlich hören will, muss mich zum Vortrag einladen. ;-)

Schön war's. Ein paar Leuten im Publikum hat's auch gefallen. ;-) (Und für den Rest gab's einen Sitzschein.) Danke für die Einladung!

Ein paar weitere Punkte, als Notiz für mich selbst zum späteren Ausarbeiten: Warum Businessplanung nicht funktioniert (IST/SOLL/Plan); Warum es "Marktlücken" nicht gibt (und was das für die Zusammenarbeit mit Businessplanevaluatoren bedeutet); Matrizen im Kopf vs. Bauchgefühl; Was das eigentlich genau ist, was in Weblogs zu Vertrauensaufbau führt.

Ich hätte furchtbar gerne ein paar Beispiele von Leuten, die Unternehmen gründen oder gegründet haben und dabei ein Weblog geführt haben. Kennt jemand welche? (Liste startet hier und wird verlängert: Yoosic, Subway Dresden, ...)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

>>Es dauert ungefähr drei Jahre, dann weiß man, wie es geht.

Ich denke, das Hauptproblem dürfte hier liegen. Drei Jahre sind eine große Zeit. Welche Firma, die sich heute gründet, hat diese Zeit? Bis dahin dürfte man längst von Konkurrenten überholt worden sein. Also muß man nach Möglichkeit mit Vorarbeit arbeiten. Während des Studiums / festes Arbeitsverhältnis diese Erfahrungen schon sammeln, um dann einen flüssigen Übergang zu haben ...

René Pönitz am 01.12.04 00:24 #
 

Ich glaube nicht an den Mythos vom Überholen durch Schnellere. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man drei Jahre braucht es zu lernen. Es gibt immer wieder Shooting-Stars in der Szene, wobei der Geschäftserfolg hierbei meist nicht erkennbar ist.

Viele Erfahrungen, die wir Altblogger gemacht haben, kann man sich inzwischen als Beratungsleistung und in solchen Kursen, wie Martin sie hier präsentiert aus zweiter Hand besorgen. Dies sollte die drei Jahre massiv verkürzen.

Das konservative Businessumfeld, das mich umgibt wird allerdings noch Fakten, Fakten, Fakten brauchen, was es wirklich bringt und die Trennlinie zwischen Verkauf und PR wird einmal mehr nicht gezogen werden.

Die Frage ist, wie stark ist ein Weblog ein Point of Desicion? Welche Rolle spielt es ... wo ist die Studie, die die Varianten austestet.

Silek Schümann am 01.12.04 10:06 #
 

Als wir das erste Subway in Dresden planten, habe ich gezielt mit einem Blog Geschmack auf den Laden gemacht. Unsere Bemühungen im Vorfeld trugen Früchte: Wir hatten VOR der Eröffnung die meisten Besucher auf der Seite (8.500 Pageviews laut Sitemeter im Juli) und am Eröffnungstag die meisten zahlenden Kunden. Gelobt wurden wir auch vom "Gastgewerbe Gedankensplitter" (hier und da).

Ulrich am 01.12.04 11:24 #
 

ich "höre" dir gern zu.

Uta Kleffling am 01.12.04 11:30 #
 

as always: it depends.
Für viele innovative Ideen sind 3 Jahre einfach viel zu lang. Aber wenn man derart zielstrebig weiß, wo der Puls der Zeit das Geschäft hintreibt, gehört man ja auch nicht zu den oben angesprochenen Gründern, die anfangs oftmals noch nach Orientierung suchen.
Als (Ex-)Gründer, bei dem ebenfalls Scheitern und Erfolg oftmals sehr nahe lagen, und der jetzt erst das Thema Blogging entdeckt hat, finde ich diese Thesen sehr bestechend...und hoffe auf spannende Praxisbeispiele.

Alexander Kluge am 02.12.04 16:04 #
 

Gibts wirklich nicht mehr bekannte Gründungsblogs als Yoosic und Subway Dresden? Mich würde das wirklich interessieren, kennt wirklich keiner solche Blogs?

Philipp am 03.12.04 08:27 #
 

@René Pönitz Während des Studiums / festes Arbeitsverhältnis diese Erfahrungen schon sammeln, um dann einen flüssigen Übergang zu haben ...

Das ist der Ideal(wunsch)fall, in der Praxis schaut es doch eher so aus: "Festes Arbeitsverhältnis - aus welchem Grund auch immer - verloren, neue Festanstellung nicht in Sicht, Mut und Ideen vorhanden, also machen wir uns selbständig. Zumindest war es bei mir so - vor 5 Jahren - und es hat "trotz allem" geklappt.

Tatsache ist natürlich - Bloggen - richtig gemacht - erhöht den Bekanntheitsgrad und ist als solches eines der kostengünstigsten Marketingmittel, die's gibt.

miezetina am 06.12.04 22:06 #
 

Also jetzt kann ich auch offiziell meinen Senf dazu geben. Am Freitag den 23.09.2005 habe ich die eMail erhalten, dass mein Buch verlegt wird. Es kann also losgehen mit dem Schreiben. Mein Buchvorschlag hat die Jury passiert. Der Vertrag folgt in den nächsten 14 Tagen, inklusive Terminplan mit Abgabemeilensteinen für Teilmanuskripte. Es gibt sogar schon einen Buchtitel, aber ich weiß nicht ob ich den überhaupt schon nennen darf.

Auf jeden Fall habe ich bereits einen Monat zuvor einen Blog gestartet, der die Entstehung des eCommerce Handbuches protokolliert. Sicher interessant für andere Buchautoren und Personen, die sich einen Online-Shop zulegen wollen.

Mein Ziel ist es auch in die Liste aufgenommen zu werden, wo Leute Unternehmen gegründet haben und dabei ein Weblog geführt haben. Interessant wäre vielleicht noch der Zusatz "erfolgreich gegründet", sonst ist es ja witzlos. Erfolglose Dinge, die nichts einbringen, habe ich schon genug in meinem Leben gemacht.

Wolfgang Kundler am 25.09.05 00:14 #
 

Ab wann hat man "erfolgreich gegründet"?

Ohne dass das allzu anmaßend klingen soll, vielleicht verstehe ich Sie völlig falsch: Sie sollten Ihre Ziele ein wenig höher stecken, als mit Ihrer URL in eine fast ein Jahr alte, nie gepflegte Liste in einem unbedeutenden Weblogeintrag zu gelangen. "Erfolgreich gegründet" ist auch nicht so viel wert: "Erfolgreich gegründet und überlebt" wäre mir wichtiger.

Wissen Sie: "Gründen" ist ganz leicht. Den ersten Vertrag angeboten zu bekommen, auch. (Bei der Gelegenheit, wenn ich gleich noch mehr altkluge und ungebetene Ratschläge geben darf: Ich würde über einen Vertrag erst dann jubeln, wenn er geschlossen ist.) Aber das ist nicht das Ziel, oder? Was ist denn das Ziel?

(Das ist der Punkt 3 aus meinem Vortrag oben. Hey, wir sind immer noch on-topic.)

Martin Röll am 25.09.05 20:09 #
 

Hier ein englisches Blog eines Software-Entwicklers der seine Gruendung und Arbeit eines Mikro-ISV beschreibt.
http://www.blueskyonmars.com/

Und schade das mein blog bei Blogger hier unerwuenscht ist...

ccwelt.blog spot.com

Tony Schinkowski am 25.09.05 23:32 #
 

Apropos Senf und ungebetene wie altkluge Kommentare: Über geschlossene Verträge kann man sich m. E. freuen, aber jubeln darf man erst, wenn der Vertrag bezahlt ist und die entstandenen Kosten den Rechnungsbetrag nicht übersteigen.


sven am 26.09.05 09:24 #
 

Sehr wahr. Da habe ich auch ein paar eigene Geschichten zu erzählen... danke.

Martin Röll am 26.09.05 10:15 #