6. Oktober 2004

[ Geschichten ]

Meine erste Platte

babayagaplatte.jpg Ob's wirklich meine allererste Platte war, weiß ich nicht, aber es ist zumindest die erste selbstgekaufte Platte. Oder die erste, die mir in Erinnerung geblieben ist. Auf jeden Fall die erste, die bis heute überlebt und ihre Bedeutung behalten hat. Aber zur Sache.

"Baba Yaga". Nein, ich kannte die Band auch nicht. Und damals kannte ich auch die Bedeutung der Baba Yaga nicht, geschweige denn dass ich den Begriff schon einmal gehört hätte. Es war ein Frühlingstag und ich hielt mich, ziemlich genau 35 Franc besitzend, in Begleitung einiger Klassenkameraden irgendwann am Vormittag im "Pro Markt", Avenue de la Gare, Luxemburg, auf. So wie wir das häufig zu tun pflegten nutzten wir eine Freistunden-Pausen-Kombination um in die Stadt zu fahren und unser hart verdientes Geld (haha!) in nutzlose Dinge zu investieren. Meine Freunde kauften diverse, mir nichts sagende Popmusik und ich wandelte etwas umher, ein wenig betrübt ob der Aussicht, dass ich mit meiner Barschaft in diesem Laden kaum etwas würde ausrichten können. Der Konsumzwang. Hach.

Doch da! Ich erblickte eine Grabbelkiste. Eigenartig dünne Hüllen lagen darin, "Singles" wie ich später, noch nach meiner sexuellen Aufklärung, lernen sollte. Die meisten unerreichbar teuer. Doch eine verhieß mit ihrem "30 F"-Preisschild Glück. Meine! Was für ein Erfolg: Meine Freunde hatten gerade F 500 in dämliche Popmusik investiert, die sie gar nicht kannten, geschweige denn gut fanden, nur weil sie der vermeintliche Gruppenzwang dazu ...zwang und ich hatte es geschafft, mit minimaler Investition, aus scheinbar aussichtloser Lage, in einer großartigen Aktion,... nunja, die Bewunderung meiner Klassenkameraden darüber, dass ich es geschafft hatte, mit gerade drei Münzen eine CD zu erwerben, hielt sich in Grenzen. Ausgeprägter, wenigstens in meiner Erinnerung, war das Naserümpfen über das merkwürdige flache Ding mit Schrift darauf, die niemandem etwas sagte. Egal. Ich war froh. Ich hatte eine CD erworben.

Nun. Baba Yaga - "Where will you go". Deutsche Schallplatten GmbH Berlin. Erschienen 1992. Eine Single. Drei Tracks: "Where will you go", eine Eigenkomposition, "Back in the U.S.S.R.", ein Cover von Lennon/McCartney, und "Red Bird", wieder eine Eigenkomposition.

Der erste Song ist ein klassicher Fall von "Liebe auf den zweiten Blick". Auf den ersten hört man nur die russischen Volksgesänge am Anfang und "ganz soliden, ziemlich unspektakulären Gitarrenrock. Naja, nett." Auf den zweiten versteht man das ausgefeilte Offbeat-Muster, hört man die saubere Hihat-Arbeit, die einfache, aber wirkungsvolle Linie vom Synth und lernt die simple, gerade Basslinie schätzen. Man findet den Gesang nicht mehr albern, sondern großartig und versteht plötzlich die Idee hinter dieser Band. Und auf einmal bleibt der Song auch im Ohr und geht nicht mehr weg. Tolles Stück.

Weiter. "Back in the U.S.S.R.". Ja, es ist wirklich der Beatles-Song. Und er ist es nicht. Ein kleiner Chor russischer Frauen beginnt acapella und legt mit dem Gesang den Groove für den Leadsänger. Der Song bleibt acapella und ist, als er nach 1:30 endlich in Fahrt kommt, leider fast schon zu Ende. Es erscheint, als hätte sich die Band nicht getraut, das Ganze richtig ernsthaft auszubauen. So bleibt ein interessantes und gar nicht blödes Experiment und ein ein wenig schales Gefühl zurück (das sich mit der Endlosrotationstaste beheben lässt).

Zum dritten Sond verliere ich nicht viel Worte. Ich habe ihn nie richtig verstanden. Vielleicht ist das meine zu-matschiges-Akkordeon-in-Gitarrenrock-Allergie oder meine Aversion gegen Sänger, die "nananaaah" singen oder irgendetwas in den schrammeligen, clean gespielten E-Gitarren, auf jeden Fall ist das der Track, der gut auch hätte fehlen können. Wie es sich für eine anständige Single gehört. (Auch das habe ich erst später gelernt.) Alles in Ordnung also.

Von der Band habe ich nie wieder was gehört. Anscheinend gibt es sie heute nicht mehr. Auf Amazon schweben noch ein paar gebrauchte Alben herum. Wird Zeit, meine Platte mal zu digitalisieren.


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Bei einigen deutschsprachigen Blogs (siehe Links am Artikelende) scheint eine Diaryblogging-Welle ausgebrochen zu sein. Würde ich da mitmachen, stünde hier...

hebig.org/blog: Meine erste Platte (06.10.04 15:05)