4. Oktober 2004

[ Oekonomie ]

Zum freien wissenschaftlichen Publizieren

Joi Ito ist jetzt eingeschriebener Student und erfreut sich an dem Möglichkeiten seiner Bibliothek. Aber die elektronischen Zugänge zu wissenschaftlichen Publikationen sind merkwürdig:

It's a weird feeling. I feel like I'm sitting behind some massive intellectual firewall. I can research all kinds of stuff here, but many of the sources are not online and do not have permalinks. I can blog about them, but many times all I will be able to provide is the "nah nah, I bet your library doesn't have THIS periodical" sort of citation.

Es ist so unverständlich: Warum publizieren so viele Wissenschaftler nur in Journals und stellen ihre Arbeiten nicht ins Netz? Warum unterwerfen sie sich absurden Copyright-Forderungen? Warum publizieren Sie nicht frei im Netz? Sie würden mehr gelesen und zitiert und würden der Welt viel mehr Nutzen stiften! Sind die Wissenschaftler wirklich so abhängig von den Journals? Wieviele Leute bräuchte man, um das System zum Kippen zu bringen?

Also troubling is the, what i feel is unethical, practice of journals of making the paper authors assign their copyrights to the journal/institution, for the "privilege" of having their research printed. [...] Maybe researchers could start a "just say no" campaign backed by the creative commons team?

[Ian Wilson bei Joi Ito]

Ich selbst stehe jetzt an so einem Punkt: Um mein Papier für die CELDA-Konferenz zu publizieren muss ich ein Copyright Transfer Agreement ausfüllen. Hier behalte ich wenigstens noch das Recht, mein eigenes Werk selbst verfielfältigen und auch extern as a preprint, reprint, technical report, or related class of document, was auch immer das ist, zu publizieren, aber trotzdem schaudert es mich, ein Copyright to the above work (including, without limitation, the right to publish the work in whole or in part in any and all forms and media, now or hereafter known) zu transferieren. Wozu? Sie sollen es drucken, wenn sie mögen. Sie sollen es auf die Konferenzwebsite stellen, wenn sie mögen. Und fertig! Alles weitere passiert dann auf roell.net und im Netz: Auf roell.net erscheint das Paper und wird dort in der maßgeblichen Fassung verfügbar sein. In den Weblogs werden die Ideen diskutiert werden. Dann entwickeln sie sich weiter und es entsteht etwas Neues, das dann vom Paper aus referenziert werden kann. Go Hypertext!

Ich werde mich nie verpflichten, meine Texte nicht selbst zu veröffentlichen und im Internet verfügbar zu machen. Ich will dass mein Kram gelesen wird! Die Papierfassung erreicht ein paar hundert, von denen kaum 20% sich wirklich intensiv mit ihr beschäftigen werden. Im Web erreiche ich hunderte und tausende.

"Just say no" klingt gut für mich. Nun bin ich kein großer Wissenschaftler. Aber wenn es noch ein paar Leute gibt, denen freies Publizieren am Herzen liegt und denen Copyright Transfer Schaudern verursacht, könnten wir uns zusammenschließen und einen Text à la

Wir werden unsere wissenschaftlichen Arbeiten immer vollständig und frei verfügbar im Netz publizieren und keine Vereinbarungen schließen, die das verbieten.
in das Netz stellen und darunter unsere Namen setzen.

Gut? Gut. Lasst uns am Text feilen und das dann machen. Wer interessiert ist, kommentiert hier oder schreibt mir. Wenn's mehr als 5 werden setze ich eine Mailingliste auf.

Mehr Lektüre: Olaf Brugman Academic Publishing inhibits the Free Flow of Knowledge vom 22. November 2003, aus dem Archiv: Das E-Business Weblog: Wissenschaftliches Publizieren vom 26. November 2003.

Dort gibt es den Link zu Peter Subers Open Access Seite, auch mit Weblog. Peter Suber? Genau, Peter Suber. Der Erfinder von Nomic.

[Nachtrag] Über den Trackback von Jens: c't 18/2002, S. 84: Fachpublikation im Internet von Stefan Krempl.

[23:30] Inzwischen weiß ich, dass ich das Rad gerade neu erfinde. Das Stichwort ist Open Access. (Danke Markus.) Vermutlich ist meine Aktion oben nicht nötig. Ist sie's? Ist sie's nicht?

[12.10.2004] Elf Argumente für Open Access (via netbib)

[22.11.2004] B2OB: Relação dos Blogs com o «Open access»...

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Früher war es Einfach, wollte man etwas wissen, ging man in die Bibliothek, dann Kam das Internet. Immer mehr Autoren veröffentlichen in Internet, das hat Vorteile. Man kann mit den Autoren kommunizieren (E-Mail, **ogs, ...) Quellen werden einfach ver...

Jens: Freies Wissen (04.10.04 17:05)

in einem sehr kurzweiligen und interessanten gespräch darüber gesprochen wie sich die wissenschaft wohl entwickeln würde, wenn auf einmal tabula rasa gemacht würde. so zusagen reboot. science 2.0 (oder vielleicht ist das ja schon scien...

smi.twoday.net: reboot (04.10.04 21:57)

Das FIZ Karlsruhe und die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) bauen gemeinsam eine integrierte Informations-, Kommunikations- und Publikationsplattform f ü r netzbasiertes wissenschaftliches Arbeiten auf. Das Bundesforschungsministerium (BMBF) hat f ü r dawe...

Der Schockwellenreiter: eSciDoc (05.10.04 07:40)

Ich weiß ja nicht, wie das mit unseren Diplomarbeiten an der HTL aussieht, ich veröffentliche auf alle Fälle sämtliche Texte daraus unter boozle.de/diplomarbeit bzw. werde auch keinen böse sein, wenn er mit Verweis auf meine Person das ganze Werk in ir...

Sinus Weblog - Szientometrie definiert Van Raan: Im Web wird man gelesen - im Bücherkammerl nicht (05.10.04 08:53)

Der Consultant Martin Röll stellt in seinem E-Business Weblog einige wie ich meine hochinteressante Frage...

bildung.twoday.net: Zugänglichkeit wissenschaftlicher Publikationen (05.10.04 14:30)

 

Als Info: Das neu gegründete International Journal of Internet Science versteht sich als Open Access Journal; bislang ist noch keine Ausgabe erschienen und deswegen mir noch nicht ganz klar, wie das gehandhabt wird, aber dort hat man zumindest die Zeichen der Zeit erkannt.. :)


jan

Jan am 04.10.04 15:05 #
 

Ein gute Idee! Derzeit funktioniert das Copyright-Kartell auch deshalb, weil bei Berufungsverfahren die Zahl von Publikationen in diesen Journals sehr hoch gewichtet wird.
Als Aspirant auf eine wissenschaftliche Karriere würde man ein Risiko eingehen, dort nicht zu publizieren. Ändern würde es sich, wenn auch die Online-Aktivitäten eines Forschers in die Bewertungskriterien eingehen würden.
Bewerber an amerikanischen Hochschulen werden heute schon häufig auch nach ihrer Online-Reputation beurteilt. An manchen Instituten wird systematisch "nachgegoogled", wie stark der Bewerber in den Fachcommunities vernetzt ist.
Man könnte aber auch die aktiven Bildungspolitiker bei uns fragen ob sie zu einer Neugestaltung bereit wären. Schon bei der letzten Neugestaltung des Hochschulrahmengesetzes wurden beispielsweise die Ergebnisse von Lehrevaluationen stärker bei Mittelvergabe und Berufungen gewichtet. Warum sollte dies nicht auch für die Online-Präsenz eines Wissenschaftlers oder Institus gelten?

Es muß ja nicht gleich der PageRank sein :).

Rainer am 04.10.04 15:49 #
 

Es geht mir nicht um einen Kampf gegen die Journals. Es geht mir nicht um das Nicht-Publizieren in Journals. Peer-Review bleibt genau so wichtig wie vorher. Es geht mir also auch nicht um "Online-Aktivitäten". Mein Anliegen ist hier ausschließlich das Verfügbar-Machen von wissenschaftlichen Arbeiten über das Netz. Siehe auch hier: Distinguish self-publishing (vanity press) from self-archiving (of published, refereed research).

Martin Röll am 04.10.04 15:56 #
 

It is not as bad as it seems. Most (all) major scientific publishers allow putting a copy of personal papers on personal websites. So, if the author(s) keep track of their own papers, it should suffice to type in the name of the author and the title to retrieve it using your favourite search engine.

Asking companies to make their core business available freely is asking a bit too much :).

Anjo.

Anjo am 05.10.04 00:09 #
 

Viele Wissenschaftler fahren hier eine zweigleisige Strategie, da sie ihre Texte zum einen in den wichtigen Journals veröffentlichen, um einen hohen Citation Index zu bekommen (gibt es disziplinen-spezifisch, z.B. den Social Sciences Citation Index, der leider auch nur gegen hohe Gebühren zugänglich ist), und zum anderen als "Pre-prints" im Netz. Da die Definition eines Pre-Prints nicht besonders klar ist, ist die Möglichkeit der Veröffentlichung im Netz eigentlich immer gegeben. Wer noch etwas aktiver werden will in Sachen Open Access kann sich der Budapester Open Access Initiative anschließen (http://www.soros.org/openaccess/g/read.shtml).

Marco

Marco Kalz am 05.10.04 07:12 #
 

Oder eben der Berliner Erklärung zum Open Access (siehe mein Trackback).

Der Schockwellenreiter am 05.10.04 07:51 #
 

Related Sites (sorry, not much time for large comments right now):

Get politically active:

  • FFII(Förderverein für eine Freie Informationelle Infrastruktur)

Open Access Journals etc.:

Heiko Haller am 05.10.04 23:37 #
 

Open Access Informationen bieten die entsprechenden Kategorien der Weblogs
http://log.netbib.de
http://archiv.twoday.net

Klaus Graf am 12.10.04 00:01 #