1. Oktober 2004

[ Kaufmännisches ]

Lieferavis

Martin erklärt die Kaufmannswelt, Kapitel 978. Heute: Der Lieferavis.

Wenn einer etwas haben will, was er nicht hat, aber ein anderer hat, dann bestellt der eine es beim anderen. Das ist eine Bestellung. Der andere sucht das dann raus, packt es ein und bringt es vorbei. Das ist eine Lieferung.

Jetzt ist es aber so, dass der eine vielleicht gar nicht da ist, wenn der andere kommt. Das ist natürlich doof für den einen, denn er kriegt seinen Kram nicht. Und es ist auch doof für den anderen, denn er wird seinen Kram nicht los und muss eventuell nochmal kommen. Dann kriegt er ein Rückenleiden und muss zur Kur. Geht also gar nicht.

Deshalb ist der Lieferavis erfunden worden. Der funktioniert so: Wenn der andere den Kram rausgesucht hat und weiß, wann er ihn vorbeibringen will, sagt er dem einen Bescheid. Früher hat er einen Boten losgeschickt: Der konnte schneller laufen, als er, weil er ja keine Kisten schleppen musste. Also kam er vor dem anderen an und konnte dem einen Bescheid sagen, dass die Lieferung bald da ist. So war der vorbereitet und konnte schonmal aufräumen.

Weil die Boten meistens auch noch schlechte Neuigkeiten oder Rechnungen mitgebracht haben, sind sie alle umgebracht worden. Deshalb schreibt man heute Briefe oder E-Mails. Aber das Prinzip ist das gleiche. Man sagt Bescheid. Oder eben "Lieferavis". Oder "HUAAARGHH$%&&!!". Egal. Wichtig ist nur, dass der Lieferavis früher ankommt als die Lieferung. Sonst macht das ja keinen Sinn.

"Lieferavis" heißt der übrigens, weil er eine Lieferung avisiert. Das ist ein kompliziertes französisches Wort für "ankündigt", weil die Kaufleute gerne so tun, als wären sie schonmal in Paris gewesen. In Wirklichkeit war noch keiner da.

Und beim nächsten Mal erklär' ich Euch, wie sich das anfühlt, einen 19-Zoll-Monitore auf Socken vier Stockwerke im Steintreppenhaus hochzutragen, weil der Postbote nur gesagt hat: "Ich hab da Pakete." und ich mangels Avis annahm, es handele sich um die (avisierten) Bücher. Trottel, ich. Danke an den Postboten, der den zweiten getragen hat. Soll ich Ihnen damit helfen? war die falsche Frage. ;-)

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Sehr hübsch! Jetzt habe ich es verstanden, obwohl ich mich vorher nie danach fragte. Hätte ja aber auch mal in eine ähnliche Situation geraten können..

Bernhard Fuerst am 01.10.04 15:14 #
 

Ja wie? 19'' der alten Generation schön schwer und ein gebrochener Zeh, wenn's Padautz macht?

Und dann gibt es noch ...:
Fragencheckliste für Besteller
1. Wareneigenschaften
... a) Was gilt es zu beachten?
... b) Welches Gewicht und welche Maße hat das Objekt?
... c) Wie ist es Verpackt?
2. Lieferspezifikation
... a) Wie liefern Sie?
... b) Wann liefern Sie?
... c) Bis wohin liefern Sie?
... d) Was passiert bei Lieferschäden?
... e) Was passiert wenn unzustellbar, weil ...
... f) Wer liefert?
... g) Gibt es sonst etwas, das Sie mir mitteilen wollen?

Und Last but not least:

Sie schicken mir doch eine Lieferavis, damit die Auftragsabwicklung von beiden Seiten reibungslos verlaufen kann?
;o)

Silke Schümann am 01.10.04 17:01 #
 

und ich dachte im ersten moment das hat was mit dem autovermieter "avis" zu tun. wie man sich doch täuschen kann. danke martin übrigens für die erklärung. vielleicht versteh ich dann auch irgendwann wie die wirtschaft funktioniert.

David El Dib am 03.10.04 18:43 #
 

Tja, einen Hexenschuß oder Fußfehlstellungen bekommt man halt, wenn nicht den Unterschied zwischen "Frei Haus" und "Frei Verwendungsstelle" kennt. :)

Also immer schön "Frei Verwendungsstelle" als Frankatur vereinbaren.

Volker "der schon mal in Paris war und Kaufmann ist" :D

Volker am 04.10.04 14:02 #
 

Stimmt, wir waren noch nie in Paris, dafür aber in Italien (die Summe der Kaufleute könnte man vielleicht als Toskana-Fraktion unter den Kapitalisten bezeichnen), daher also die schönen Begriffe wie Agio, Diskont, Bilanz, Lombardsatz ... ;-)

Wolfgang am 05.10.04 20:12 #
 

Frei Verwendungsstelle - sofern man die Extrakosten tragen möchte oder nicht doch es vorzieht beschuht die Ware am Bürgersteig entgegenzunehmen, um die Mehrkosten nicht tragen zu müssen. Denn "Frei Verwendungsstelle" schränkt die freie Wahl des Lieferanten ein. Ein kleiner Luxus, der sich zumeist im Lieferpreis niederschlägt. Alles eine Frage der Perspektive.

Silke Schümann am 07.10.04 13:08 #
 

Ich weiß ja nicht in welchen Onlineshops Ihr einkauft, aber meine sehen nicht vor, Lieferbedigungen auszuhandeln oder in dem Detailgrad, der nach Euren Wünschen nötig wäre, auszuwählen.

Hausaufgabe: "Beschreiben Sie die Veränderungen im Prozessablauf 'Bestellung in einem Onlineshop mit Lieferung an den Besteller durch die Deutsche Post' bei der Einführung der freien Wahl der Lieferbedigungen. Legen Sie besonderes Gewicht auf die Veränderung der Logistikprozesse und schätzen Sie den Einführungsaufwand der Veränderung für die Deutsche Post ab."

Martin Röll am 07.10.04 13:19 #
 

Es soll auch im Onlinehandel noch den Händler der alten Schule geben, dem Kundenwünsche nicht abstrus genug sein können. Allerdings muss man dann den Pfad des automatisierten Bestellvorgangs verlassen und den Direktkontakt des Anbieters suchen.

Zugegeben, dies schränkt erneut die auswahl ein und nur wenige Anbieter und so gut wie keine im "Billig, billiger, am billigsten"-Segment lassen sich auf Sonderwünsche ein. Sich als Käufer einfach machtlos seinem Schicksal zu ergeben muss man nicht — eine Entscheidung treffen schon. Wieviel Luxus darf es sein?

Silke Schümann am 07.10.04 15:36 #
 

Sehr schön erklärt. Locker leicht, ohne irgendwelche Fachbegriffe.

Einfach genial. :)

Alexander Bolte am 22.05.06 08:25 #