30. September 2004

[ Kommunikation ]

Vortrag von Walter Krämer in Dresden

Den gestrigen Vortrag von Walter Krämer, dem 1. Vorsitzenden des Vereins Deutsche Sprache e.V. in Dresden habe ich sehr genossen. Es ist lange her, dass ich dermaßen simpel aufgebauter Polemik lauschen durfte.

Spracheverfall und kulturelle Selbstaufgabe - die Sprache Goethes und Schillers auf dem Weg zu einem regionalen Pidgin-Dialekt?", so der Titel des Vortrags.

Krämer begann, mit einigen verzerrten Stichproben und ein paar fehlerhaften Datensätzen zu belegen, wie die deutsche Sprache auf dem Weg in ihren Untergang ist. Dies aktivierte das Publikum, das sich in seinen Vorurteilen bestätigt sah und nun auf den zweiten Teil eingestimmt war, in dem die Gründe für das Verhalten der Deutschen ergründet werden sollten.

Zunächste stellte Krämer einige "vorgeschobene Gründe" vor: Gründe, die genannt werden, warum Englisch besser als Deutsch sei, die aber Krämers Ansicht nach nicht die "wahren" Gründen seien. Anschließend schlug er andere, "wahre" Gründe vor und argumentierte in einem perfekt ausgeführten unechten Dilemma, dass diese Gründe die wahren sein müssten, da der erste Satz Gründe ja offensichtlich nicht wahr sei.

Den Abschluss machten einige Post Hoc- und Rampenlicht-Betrachtungen, mit denen er bewies, dass (1.) deutsche Unternehmen, die sich englische Namen geben, wenig Erfolg haben, sowie (2.) deutsche Unternehmen, die sich in Amerika betätigen, grundsätzlich scheitern.

Das konsequente Verwechseln von Koinzidenz mit Korrelation und Kausalität wurde Krämer von niemandem übelgenommen und so hinterließ er er nach einer Stunde Vortrag einen überzeugten, sachte kopfnickenden Saal.

Dankeschön.

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Sehr interessanter Bericht!

Das ist es was ich so schade finde. Auch Ich bin der Meinung das so einige Anglizismen nicht noetig sind. Wieso bei der Telekom ein Ortsgespraech Citycall heissen muss (zumindest war es so als ich das letzte Mal in Deutschland eine Telefonrechnung gesehen habe) erschliesst sich mir auch nicht.

Nur ist der VDS zu radikal und bringt halt solche Vortraege wie Du sie besucht hat. Untergang der Deutschen Sprache und all das.

Dazu kommt dann die Denglisch-Kampagne die aus meiner Sicht in Deutschtuemelei umschlaegt. So einige der Uebersetzungen auf der DEnglisch Liste des VDW sind mindestens fragwuerdig, teilweise sogar falsch. Dadurch ruecken sie sich in die Naehe der "redlichen" Websites die immer wieder als Parodie durch's Web geistern.

Wenn sie sich etwas maessigen wuerden koennten sie weitaus erfolgreicher sein und sogar etwas sinnvolles bewirken. So machen sie sich nur laecherlich.

Armin am 30.09.04 13:10 #
 

Der VDS ist auch mir ein wenig zu "radikal", im Kern gebe ich den Jungs und Mädels dort allerdings Recht - was mich in letzter Zeit wirklich heftig nervt ist dieses rumenglischen überall da, wo es sowas von unnötig ist ...

Siehe auch hier
http://www.x-ploration.de/archiv/2004/09/22/deunglish/
;-)

Thomas am 30.09.04 16:14 #
 

Es würde denen nicht schaden, mal die Zahl der tatsächlichen Sprachwissenschaftler in ihren Reihen zu erhöhen. Dies wird jedoch vermutlich nicht passieren, solange sie einen "Snapshot" (SCNR) des derzeitigen Deutsch konservieren (oder sollte ich das deutsche Wort 'beibehalten' nutzen?) wollen.
Natürlich muss man auch bewahrend mit seiner Sprache umgehen, aber was ist so verkehrt daran, wenn "weil" von einer subordinierenden Konjunktion zur nebenordnenden Junktion wird? Das stört den Verein scheinbar nicht, ist aber ebenso bedenklich. Da fand ich das mit den Haarfarben interessanter ;-)

Stephan am 30.09.04 18:08 #
 

Die Anglizismen nehmen nicht nur in Deutschland sondern auch in Österreich langsam überhand. Ich bin sicherlich Keiner, der sich englischen Sprachgebrauch verschließt aber ich denke nicht alles muss wirklich mit Gewalt verdenglischt werden.

Nur einige Beispiel aus dem TV, Radio: voting, voten anstatt wählen; Citywetter, usw. Anderseits findet sich bei uns sowas wie die "Donnerstag-Nacht" mit der "Sendung ohne Namen", also deutscher Sprachgebrauch. Sehr schön, aber eine Ausnahme?

Die Werbebranche hat uns an diese völlig unnötigen englischen Begriffe gewöhnt, vielen denken es ist zeitgemäß so zu sprechen. Österreich scheint aber hierin anders zu sein als Deutschland, ich denke nur an die McDonalds Werbung: "I'm loving it" heisst es bei uns, in Deutschland gibt's sowas nicht. Letztens las ich in einer Zeitschrift, dass eine Studie belegt, dass die Österreicher den Inhalt dieses Slogans durchaus besser verstehen als die Deutschen. Vielleicht das Erbe von Arnold Schwarzenegger und Frank Stronach (Magna)?

Wobei ich zugeben muss, dass mich solche Werbeclaims nicht stören, "I'm loving it" kommuniziert meiner Meinung nach was anderes als "ich liebe es". Und Englisch lernt hier nun schließlich jeder schon in der Volksschule.

Jürgen R. Plasser am 30.09.04 23:45 #
 

Lieber Internetzgeschäft-Konsulent, vor kurzem sah ich übrigens an einer U-Bahn-Fensterscheibe einen VDS-Aufkleber: "Stoppt die Amerikanisierung unserer Sprache und Kultur". Da bin ich gespannt auf die Aktivitäten des VDS im transatlantischen Kulturkampf!

Alexander am 02.10.04 15:02 #
 

@Alexander

Wenn dann ist Martin ein ZWISCHENNETZ-GESCHÄFTSBERATER.

Abgesehen davon, dass ich auch kein Freund von affektiertem benutzen der Anglizismen bin, kann ich die Bewahrer der dt. Sprache auch nicht ganz verstehen. Ähnlich wie die aktuelle Diskussion um die Einführung einer Quote für deutsche Musik im Radio, wollen die etwas bewahren was sich im stetig drehenden Kreisel der Veränderung befindet. Veränderung heißt in diesem Zusammenhang Verbesserung. Wie auch immer die geartet sein mag. Sei es, dass sich Experten ein gemeinsames Vokabular zulegen und sich somit besser und schneller verständigen können oder sei es in der Jugendsprache, wo es vor allem "cool" und beeindrucken muss was gesagt wird. Goethe und Schiller sprachen auch nicht althochdeutsch, deshalb hat man sie auch verstanden. Sie sprachen die Sprache ihrer Zeit. Das taten sie mit einer virtuosen Selbstverständlichkeit. Vielleicht geschah dies zu einem Zeitpunkt als die deutsche Sprache ihre Blüte hatte und all die schönen Facetten zeitgemäß waren. Mit Cybertalk oder Minnesang hätten Schiller und Goethe jedenfalls auch keinen Blumentopf gewonnen. Also liebe Damen und Herren Sprachhüter und Radioquoteneinführer: "Veränderung ist eine Kraft, die von einer breiten Masse getragen wird und nur deshalb erfolgreich sein kann. Verbote, Apelle oder Quoten sind nichts weiter als dünne Furze im Gegenwind der Weiterentwicklung." In diesem Sinne wünsche ich allen Reinluftatmern noch einen schönen Abend.

Marius am 05.10.04 21:02 #
 

Da muss ich doch mal eine Lanze für den VdS brechen: Er ist sich der Notwendigkeit der Veränderung von Sprache völlig bewusst. Es geht ihm nicht um eine Konservierung der deutschen Sprache, sondern um die Gestaltung ihrer Veränderung. Ob seine Intervention da gut/schön/nützlich ist, darüber können wir uns streiten, aber der Vorwurf, er würde sich gegen die Veränderung generell stellen, ist falsch.

Martin Röll am 06.10.04 09:31 #