17. August 2004

[ Communities , E-Commerce , Knowledgework und PIM , Software , Trends ]

YASN: Multiply - Gedanken zu Online Social Networks

Multiply.com ist ein weiterer Online Social Networking Dienst à la Orkut. Seine Stärke soll anscheinend der Featurereichtum sein: Es gibt nebem der Basis des "Lege ein Profil an, vernetze dich mit allen, die Du kennst" Fotoalben, Blogging, Kalender und einen Marktplatz.

(Ein längerer Eintrag, zunächst kurz zu Multiply, dann über Social Networks im Allgemeinen.)

Der Dienst sieht interessant aus, trotzdem habe ich mich nicht registriert. Warum? Weil ich a) nicht glaube, dass sich viele andere dort registrieren werden und der Dienst damit für mich nicht nützlich wird. (Und falls doch irgendwas drinsteckt, was wahnsinning wichtig ist, werde ich das auch so mitkriegen und kann mich dann immer noch registrieren.) b) mir die pseudo-personalisierten Mails, die das System verschickt nicht gefallen und c) mich die Werbeversprechen skeptisch machen. Die Texter bei Multiply scheinen sehr begeistert von ihrem eigenen Dienst zu sein und schießen bei der Selbstbeweihräucherung ein ganzes Stück übers Ziel hinaus:

multiplycom.jpg

Wenn meine Familie mein Blog jetzt nicht liest, wird sie es auch nicht lesen, wenn sie mit mir auf einer Social Network vernetzt ist. Und auch nicht, wenn diese Plattform ihnen dauernd Nachrichten "Da ist ein neuer Blogeintrag in Deinem Network" schickt, wie es bei Multiply passiert.

Der Marktplatz könnte interessant sein. Die Idee ist, dass man mit Leuten handelt, die man über sein Social Network finden kann. Wenn man also von Günni eine Waschmaschine kaufen will, kann man sehen, über wieviele Ecken man Günni kennt und kann soziale Sanktionierungsmaßnahmen abwägen, falls die Kiste nicht funktioniert.

In gewisser Weise funktioniert OpenBC schon so: Ein Geschäftskollege von mir (auf OpenBC mit mir direkt vernetzt) bekam Spam von einem deutschen Unternehmen und sucht nach ihm in OpenBC. Und siehe da: Der Geschäftsführer war drin, vier Verbindungen entfernt. Es wäre jetzt leicht gewese, die Information "X ist ein Spamer" durch das Netzwerk diffundieren zu lassen und zu sehen, wie weit sie kommt und was sie für Auswirkungen hat. (Ich glaube, es ist beim Gedankenexperiment geblieben.)

Nun. Ein weiteres Social Network also. Was ist eigentlich mit den alten? Was ist eigentlich überhaupt mit diesen Plattformen? Ein paar Gedanken dazu:

  • Verschiedene Plattformen haben sich für verschiedene Zwecke etabliert. Friendster ist das Dating-Netz, LinkedIn das Business-Netz (wobei ich nicht abschätzen kann, wie stark es insgesamt, bzw. im deutschsprachigen Raum genutzt wird), OpenBC im deutschsprachigen Raum das Geschäftskontakte-Netz. Manche Plattformen (Ecademy, tribe, Orkut) haben ein schwammigeres Profil, was dazu führt, dass a) ein Teil der User die Plattform praktisch gar nicht mehr nutzt (der Großteil der Geek-User der ersten Stunden auf Orkut), dafür b) kleine, spezialisierte Communities entstehen. (die c) möglicherweise nach gewisser Zeit abwandern, wenn ihre Featurebedürfnisse steigen.)
  • "Der" Nutzen der Plattformen ist unklar bzw. nicht vorhanden. Dating? Friendster. Geekyness? Orkut. Business-Netzwerken? OpenBC/LinkedIn. Wenn man ein Ziel, ein Anliegen hat, gibt es Plattformen, die das unterstützen können. Aber einen "generellen" Nutzen der Plattformen gibt es nicht. Read this: Es gibt ihn nicht! Gut, womöglich ist ein "alle Leute die ich kenne stehen auf einer Seite und das sieht hübsch aus und fühlt sich gut an" ein Nutzen, aber das zählt mal heute nicht.
  • Die Netzwerke sind immer noch stark abgekapselt von anderen Diensten. Die Interoperabilität mit anderer Software istr ein Graus. Löbliche Ausnahme ist OpenBC, das vCards exportieren kann und einige RSS-Feeds anbietet. Selbst Orkut, das eigentlich prädestiniert dazu wäre, die FOAF-Entwicklung zu treiben und für's SemanticWeb zu arbeiten bekommt man gerade mal einen mickrigen CSV-Export.
  • Um wertvoll zu sein müssen die Dienste in die tägliche Arbeit des Users integriert sein. Deshalb müssen sie sich mit den persönlichen Informationstools des Nutzers vernetzen oder zu diesen Tools werden. Fette Buchstaben, weil's wichtig ist. Eine abgekapselte Plattform nutzt nichts. Eine die mir hilft, Ordnung in mein Addressbuch zu bringen und mir proaktiv nützliche Informationen liefert ("du hast grad an A eine Mail zu X geschrieben. Wusstest Du dass B, ein Kollege von C, auch gerade an X arbeitet? Er versteht übrigens auch was von Kaffee.") nutzt mir was. (Klingt nach einem neuen Weblogeintrag: "Wunschliste für Social Networking Dienste", oder?) Ich glaube, dass das der nächste Schritt für die Plattformen sein wird. Er ist riskant, weil es den Lock-In zerstört: Wenn Schnittstellen verfügbar sind, können die User ihre Daten rausziehen und woanders weiterbearbeiten. Aber er ist unvermeidlich.
    • (Wir hatten diesen Punkt schon einmal in meinem Gespräch mit Stefan Smalla zum Start von Friendity:
      Martin: Jeremy Zawodny meint, dass Social Networking Plattformen nur überleben werden, wenn es externe Anwendungen gibt, die auf sie zugreifen. Die Plattform wäre dann eine Infrastrukturdienstleistung und nicht mehr ein selbstständiger Dienst. Was glaubst Du? (...)

      Stefan: Auch wir sehen da eine wichtige zukünftige Entwicklung, wobei wir das Thema jedoch differenzierter betrachten würden: Zum einen bleiben "Social Networking"-Plattformen auch dann selbständige Dienste, wenn sie Infrastrukturlösungen über Web Services anbieten. Denn nur auf der Basis eines funktionierenden Primärdienstes sind derartige Sekundärdienste sinnvoll anzubieten. Zum anderen wird es (...) eine große Herausforderung sein, diese Web Services so anzubieten, dass die Privatsphäre der Mitglieder auf keinen Fall irgendwie kompromittiert wird. Das ist zwar ein Implementierungsthema und kein grundsätzliches Problem, aber die Privatsphäre im Vertrauensnetzwerk ist hier ganz wesentlich.


      (Hervorhebungen nachträglich von mir. Interessante Punkte, die ich heute nur hervorheben, aber nicht weiter ausarbeiten/diskutieren will.)

    • So ähnlich habe ich das das auch schonmal gesagt (2. Dezember 2003, Identität, Social Networking Software und FOAF.

Über die Suche nach "Orkut", "OpenBC", "FOAF" lassen sich weitere verwandte Weblogeinträge und Links finden.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Ende 2003 bis Anfang 2004 schossen Social Networking Plattformen wie Pilze aus dem Boden. Inzwischen ist der Gründungsboom ein wenig abgeflaut, die ersten Kandidaten haben sich gar schon von der Bi...

Webmaster Blog: Noch eine Social Networking Plattform (17.08.04 14:37)

 

Die angesprochenen Schnittstellen sind der zentrale Kern des "Semantic Web". Wenn das irgendwann (ich sage: in zwei Jahren) funktioniert, brauchen wir auch keinen "Primärdienst" mehr.

Angenommen, ich habe mein Profil bei Orkut. Einige meiner Freunde haben ihr Profil bei Friendster. Ein paar Freunde meiner Freunde haben ihre eigene FOAF- und Sematic Web-fähige Software.

Für meinen Orkut-Account macht das alles keinen Unterschied. Es ist, zumindest was die Basis-Funktionen betrifft, als wären alle meine Freunde bei Orkut.

Der "selbstständige Dienst" ist immer noch wichtig, weil ich mit ihm mein Netzwerk verwalte, Mails schreibe usw. Die "Infrastruktur" sorgt jedoch dafür, dass sich diese Dienste nicht mehr in der Anzahl Menschen unterscheiden, die sich dort angemeldet haben.

Letzteres ist im Übrigen der große Fehler, der den Dienstbetreibern immer noch unterläuft (das Selbe gilt für ICQ, AIM usw.). Auf lange Sicht gesehen funktioniert gerade "Social Networking" nicht, ohne sich nach Außen hin zu öffnen. Man kann keine Netzwerke bauen und sich gleichzeitig von der Außenwelt abkapseln. Die entstehenden lokalen Teilnetze funktionieren eine Zeit lang - wie es Intranets taten, ehe das Potential des Internets erkannt wurde - der große Anspruch, alle meine Freunde weltweit zu vernetzen, kann so aber unmöglich funktionieren.

Warum beispielsweise funktioniert das Usenet (1979) bis heute so wunderbar? Weil es dezentral ist, erweiterbar und über definierte Schnittstellen von jedem noch so kleinen Server "assimiliert" werden kann. Unsere Bekanntschaften (und Lieblingsrestaurants und Lieblingsfilme usw.) müssen ebenso handhabbar werden.

Thiemo Mättig am 18.08.04 19:13 #
 

Aye, ich habe mal etwas ketzerisch gesagt, dass die Networks im wesentlichen "FOAF-Verwaltungs-Tools" werden werden. Interessant ist die Frage wann der Punkt kommt, an dem die Öffnung der Plattform mehr Vorteile bringt als das Abgekapselt-halten. Eine Theorie: Die kleinen Plattformen öffnen sich zuerst und verstärken den Druck auf die großen, wenigstens Export-Schnittstellen anzubieten. Evtl hacken die kleinen die Interfaces der großen so, dass ein User auch ohne die Kooperation seiner (großen) Plattform seine Daten exportieren kann (so wie die Tools, mit denen man seine E-Mail über das Yahoo- oder GMail-Webinterface extrahieren kann?). Die kleinen bieten dann Im- und Export-Schnittstellen an, um so den großen Marktanteil wegzuknabbern. Sie brauchen bessere Usability, Integration in PIM-Infrastrukturen oder am Anfang vielleicht auch nur 2,3 Killerfeatures, dann werden Leute migrieren.

Martin Röll am 19.08.04 10:45 #