11. Juli 2004

[ Einradfahren , Geschichten ]

Sand

Eine kleine Geschichte vom Einradfahren heute.

Den Titel versteht nur, wer dabei war. S., C., J. und M. sind Fahrradfahrer.


Ich kenne den Weg, den Abstieg runter vom Ostrand ins Prießnitztal. Ein schmaler, relativ gerader Waldweg, 50 cm breit, oben nur leicht abschüssig, später steiler. Die Linkskurve, es wird schmal, zwei junge Bäume links und rechts, die Baumwurzeln, meine Geschwindigkeit ist relativ hoch, das Rad springt, aber es klappt, rechtsrum, 90 Grad mit 1.5 Meter Radius, der Boden ist hier schön griffig. Das Gewicht auf die andere Seite, Linksbogen, ab jetzt ist der Weg nur noch gerade, die anderen fahren vorweg und lassen sich rollen, ich gebe Gas, konzentriert weiche ich allen Wurzeln aus und nutze die Rinnen im Boden.

Wir kommen an der Brücke an, die anderen stehen schon, ich springe ab, juble. Der Hall vom Westhang kommt unerwartet. So schnell bin ich hier noch nie runtergefahren. Kurzer Smalltalk. Weiter geht's.

Ich vorweg. "Ein Rennen!" S. will nicht, aber ich höre wie C. die Herausforderung annimmt. Ich rase los. Baum links, Baum rechts, ich streife sie mit meinen Händen, ein Slalomkurs. Wieder links, rechts, die Piste ist glatt. C. zieht rechts vorbei, ich lasse mit der Geschwindigkeit nach. Jetzt wird es enger. Linksbogen, Rechtsbogen, der Weg weitet sich hier, wir sind jetzt direkt an der Prießnitz, sie fließt links unten, wenig Wasser heute, so wie überall. C. lässt sich zurückfallen, ich nehme wieder Geschwindigkeit auf. Geübt von der Strecke vorher läuft alles rund. 2,5 Umdrehungen pro Sekunde, es ist wirklich verdammt schnell. Der Weg an der Prießnitz ist breit, aber uneben, der Grund ist recht hart, so wachsen die Wurzeln der Bäume ganz an der Oberfläche. Im linken Teil ist eine 20 cm breite, festgetretene, glatte Spur, die ich wähle.

Bäume, das Wasser, Blätter, mein Rad und ich, es rollt und rollt, das Quietschen des Kugellagers ist mein Beat, er ist schnell. Da sehe ich den Fußgänger, noch weit weg, 50 Meter, er bummelt. Genau in der Spur. Genau in der Spur. Und er geht nicht weg. Er geht nicht weg. Er steht in der Spur. Bleibt stehen. Schaut zum Fluss.

Es steht ein Fußgänger in meiner Spur und ich fahre mit locker 25 km/h auf einen Fußgänger zu, der genau in meiner Spur steht und keine Anstalten macht, wegzugehen. Er sieht mich, der Fußgänger, ich sehe ihn. Noch 20 Meter. Er könnte ausweichen. Wenn er denken würde. Wenn er "da kommt mir ein großer, schneller Einradfahrer in einer Fahrspur entgegen, auf der ich hier laufe. Ich sollte beiseite gehen." denken würde. Ich sehe in sein Gesicht. Er denkt nicht.

Ich weiche aus. Alles läuft automatisch, Routine, hundertfach geübt. Die rechte Hand geht an den Sattel, die linke Hand kompensiert, linke Schulter dreht, Knick in der Taille, Schub mit dem linken Oberschenkel, das Rad dreht, rauf auf den Mittelteil des Weges. Direkt vor mir eine 3cm-Wurzel, das Rad knallt darauf, keine Zeit mehr aus dem Sattel zu gehen, es springt. Ich spüre die Flugphase, DONG, aufgesetzt, weiter... ich fahre noch, wahnsinn. Das Rad, in gerader Linie, auf dem Weg an den rechten Wegrand. Ich korrigiere nach links, jetzt läuft es wieder gerade.

Das Rad, der Weg und ich. Wo ist eigentlich der Wald und der Fluss hin? Irgendwas läuft gerade falsch, aber weitterreflektieren ist nicht, denn das Hirn fordert jetzt volle Aufmerksamkeit auf den Boden vor mit. Viel zu schnell, der Boden hier ist hart, überall kleine Steine, Wurzeln, verdammt, die vielen kleinen Wurzeln! Viel zu schnell, das Rad springt über die Würzelchen, springt, springt, verzögern wäre gut, aber dafür fehlt die Balancereserve. Links kommt eine Matschpfütze, ich lehne leicht nach rechts ohne vorher zu gucken.

Das Rad knallt auf die 1,5cm-Wurzel, ich merke wie mein Körper nun schneller ist als das Rad, versuche die Rettung mit dem Griff zum Sattel, die Hand packt zu, aber der rechte Fuß hat schon zu viel Fliehkraft, er fliegt am oberen Totpunkt über das Pedal hinaus. Der linke Fuß weiß nicht mehr was er machen soll.

Der Waldboden, das Rad und ich, der Waldboden, die Speichen des Rades und mein linkes Bein, der Waldboden, das linke Pedal (verdammt, das Rad giert!), der Waldboden (Himmel, ist der Waldboden hier uneben!), das Rad, schon etwas zurück (ohja, das war wirklich zu schnell), der Waldboden, der Waldboden, der Waldboden, nach unendlichen 0.4 Sekunden schlage ich auf dem Boden auf.

Das Rad rutscht nach hinten weg, das linke Knie bremst, die rechte Schulter, hinten, auch. Yippeh, ich surfe auf dem Rücken auf schwarzem Waldboden. Der rechte Ellenbogen macht auch noch mit. Hey, jetzt gleitet das schon zwei Meter! Und Stop.

Komisch, mir tut gar nichts weh. Und alles außerhalb eines Kreises von 1 Meter Radius ist ganz verschwommen. Ich stehe, irgendwo rechts zwischen Rippe 17 und 18 tut was weh, ansonsten geht's. Wo ist das Rad? Ah da. Nicht in den Fluss geplumpst. Prima. Die anderen stoppen, ich grinse. Am liebsten würde ich gleich weiterfahren, aber etwas im Kopf sagt, dass das keine gute Idee wäre. J. bemerkt das Loch in meiner Jeans, ist sehr besorgt um meine Jeans, ich grinse. Ja, es geht mir wirklich gut. Nein, um die Jeans ist es wirklich nicht schade. Sie könnte mir die bestimmt flicken, wenn sie sauber wäre. Ich habe den Wunsch nach etwas Flickwerk für meinen rechten Ellenbogen.

M. hat den Sattelschützer eingesammelt, der jetzt endgültig abgeflogen ist. Ich packe ihn in seinen Rucksack, wir fahren weiter nach Hause.

klamotten.jpg

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Oje, das klingt nach mehr Schreck als Schmerz.
Alles gesund geblieben ?
Aber ich glaube nicht das ich an Stelle des Fussgängers reagieren würde. 7
sekunden
sind zur wohl Bewältigung einer normalen Schrecksituation (kollidierende FahrradfahrerInnen) ausreichend, aber wer zum erstmals ein Einrad auf sich zurasen sieht führt wohl innerliche eine Erstkonfiguration der entsprechenden Reflexenervenbahnen durch.

Da stellt sich mir die (ernsthafte) Frage ob es an Einrädern eine Klingel gibt, z.B. am Stab zwischen Sattel und dem Radhalteding ?

Sonnige Grüsse

Ronny am 12.07.04 16:22 #
 

Ich habe an meinem unterhalb des Sattels eine montiert. Bei der Geschwindigkeit sind aber beide Armen mit der Balance beschäftigt, klingeln ist da nicht - und zeitlich wär's eh zu knapp gewesen.

Martin Röll am 12.07.04 23:44 #
 

Lieber Martin Roll,

ich bin beeindruckt. Mehr ist dazu jetzt gar nicht zu sagen.

Freundlicher Gruß kommt von
Michael Wittke

Michael Wittke am 23.10.04 22:23 #
 

Kennst du Uwe Timms "Der Mann auf dem Hochrad"? Das koennte dich interessieren...

Holger am 28.08.05 21:22 #