29. Juni 2004

[ Geschichten , La vie ]

Einfach Leben

Leute fragen mich manchmal, wieviele Stunden ich in der Woche arbeite. Ich weiß dann meistens nicht, was ich antworten soll.

Oh, ich habe schon eine Menge Antworten parat:

"So um die 40 Stunden." "60 Stunden." "Ziemlich viel, vielleicht 65 Stunden?" "Ich arbeite eigentlich ganz wenig. Ja, ich sitze schon lange vor dem Computer, aber Arbeit ist das nicht wirklich. Naja, schon. Aber ich mach's ja gerne. 40 Stunden? 50? So was. Manchmal bin ich sehr faul." "Ich weiß nicht. Ich trenne da nicht so genau zwischen Arbeit und anderem." (Diese Antwort funktioniert nie: Leute wollen immer eine Zahl.)

aber das ist alles Quatsch.

"Arbeiten"? Was ist das? Oder anders: Was ist das Gegenteil von Arbeiten? Wie nennt man das, wenn man nicht arbeitet?

"Faulenzen". Ja, danke, genau darauf habe ich gewartet. Faulenzen ist es sicher nicht. Wenn ich nicht arbeite, sitze ich am Klavier, fotografiere ich, fahre ich mit dem Einrad herum, treffe ich Freunde, dichte ich, male ich, trete ich mit der Band auf, besuche ich Museen und Galerien, lese ich, schlafe, koche und esse ich und ja, gelegentlich liege ich auch faul herum. Wenn das Faulenzen ist... gut.

Ich verstehe überhaupt nichts vom "Arbeiten". Die Leute um mich herum scheinen ein komisches Konzept davon zu haben. Sie trennen zwischen "Arbeit" und "Freizeit", als ob sie in ihrer Arbeitszeit irgendwie "unfrei" wären.

Ich arbeite einfach. Oder tue andere Dinge. Ich lebe.

Ja, ich muss auch Geld verdienen. Dafür muss ich arbeiten. Vom Einradfahren sind erst wenige reich geworden. Klar, ich arbeite; mal an mehr, mal an weniger sinnvollen Dingen, die mein Geld verdienen. Und während ich das tue, tue ich andere Dinge.

Ich schreibe ein Weblog voll. Ich erzähle Leuten Geschichten. Ich surfe und denke und surfe und denke und lese und denke und surfe und denke. Und? Ich verstehe nicht, warum es einen Unterschied zwischen "Arbeiten" und "Nicht-Arbeiten" geben muss. Geben kann.

Würde ich den ganzen Blödsinn nicht machen, könnte ich gar nicht arbeiten. Ich könnte gar nicht denken. Ich würde gar nichts wissen. Von Jonas habe ich mehr gelernt als von so manchem Referenten. An Tagen wie diesem entwickle ich mehr Strategien als in drei Wochen Schreibtisch. Und hier im Weblog: Ist das Arbeit? Stundenlang Rumsurfen, RSS-Abgrasen, Trackbacken, Kommentieren, Basteln, Frimeln? Aber hier sind alle meine letzten Aufträge entstanden. Beziehungen zu guten Leuten, mit denen ich jetzt zusammenarbeite. Neue Möglichkeiten. Neue Sichtweisen.

Klar, es ginge auch ohne. Ich könnte einfach nur "arbeiten". Irgendetwas tun, von dem ich weiß wie es geht und Rechnungen schreiben. Was soll diese blöde Kreativität, dieses ständige Dazulernen, dieses "an Dingen arbeiten, von denen noch keiner weiß, wie sie gehen"?

Dann könnte ich bestimmt auch "zwischen Berufs- und Privatleben trennen". Berufsleben ist das langweilige, in dem man arbeitet um Geld zu verdienen. Privatleben ist dann das, in dem man richtig leben kann. Schöne Welt.

Nein, ich mache das lieber so. Damit, dass ich keine gescheite Antwort auf die Frage oben habe, muss ich wohl leben. Ich mag mein Leben. Eins, in dem ich Gedichte schreiben darf, ohne mich zu fragen, ob das "Arbeit" ist. Eins, in dem ich mit Leuten zusammenarbeiten darf, mit denen ich auch zusammen wohnen würde. Eins in dem ich trödeln, hetzen und laufen lassen kann wie ich will. Eins, in dem ich mich um das kümmern kann, was mir wichtig ist und nicht von irgendwem vorgegeben. Es macht Spaß. Es macht Freude. Es fühlt sich großartig an. Es ist eine ziemlich gute Basis um glücklich zu werden, glaube ich. Ich kann das nur empfehlen.

Könnten wir also in Zukunft nicht über Arbeitsstundenzahlen reden, sondern über das Leben? Das wäre für mich wichtiger.

(Merci, Mónica).

[Nachtrag am 7. Oktober 2004] Ganz ähnlich: Lilia Efimova: Turning work into life (6. Juni 2004)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Ich empfinde die Arbeit genauso wie Du: Sie ist keine Last, sondern kurzweiliger Zeitvertreib. Bei der Arbeit beschäftigen wir uns mit den Dingen, die uns Spaß machen. Kurz: Unser Beruf ist Berufung.

Anderen Leuten dient die Arbeit zum reinen Gelderwerb: Sie machen Dinge, auf die sie eigentlich keinen Bock haben - Hauptsache, am Ende des Monats kommt die Überweisung. Deshalb wird getrennt: Zwischen den Sachen, auf die man eigentlich Lust hat (Freizeit), und denen, die man machen muss, damit die Kasse klingelt (Arbeit).

Das Verständnis von Arbeit und Freizeit hat sich in den letzten 30 Jahren gewandelt:
Früher: Freizeit = Vergnügliche Unterbrechung der Arbeit
Heute: Arbeit = Lästige Unterbrechung der Freizeit

Wer so denkt, zählt gerne die Stunden, wie lange die Freizeitunterbrechugn dauert. Wir empfinden anders: Unseren Beruf machen wir aus Überzeugung; wir arbeiten mit Lust an etwas, das uns Spaß macht. Deshalb empfinden wir nicht, dass uns die Arbeit von etwas abhält, mit dem wir uns viel lieber beschäftigen würden. Und deshalb müssen wir auch keine Arbeitsstunden zählen.

Christian Rothe am 30.06.04 09:29 #
 

Zustimmung!
Ohne Weblog währe ich nie zu XHTML, CSS 2 und RSS gekommen.
Ohne Forum währe ich nie zu PEAR Coding Standards, Sauberen SQL Abfragen und Nested Sets gekommen.
Ohne E-Mail hätte ich bisa heute noch keine rechte auf den Firmeninternen Server.
Ohne meine wunderbare Freundin hätte ich garkeine Motivation zu arbeiten.
Ohne die vielen Biere die ich so gerne mit Freunden trinke hätte ich garkeinen Grund Geld zu verdienen.

amano.ncr am 30.06.04 10:29 #
 

Martin, Du hast völlig Recht, was Dich, mich und andere Leute angeht, die mehr oder weniger ihr Geld mit dem verdienen, was ihnen sowieso Spaß macht, die wie Christian ganz richtig schreibt, ihrer "Berufung" nachgehen.

Du hast Unrecht, was den großen Teil der abhängig Beschäftigten angeht. Die, die sich morgens bei Aldi an die Kasse setzen, mittags loshetzen um das Kind im Kindergarten abzuholen, es irgendwo unterbringen, um sich anschließend wieder an die Kasse zu setzen. Oder die, die im Morgengrauen in einer Fabrikhalle den Blaumann überstreifen und irgendetwas bauen. Wenn deren (ohnehin seit Jahren ständig sinkendes) Lohnniveau durch eine angeblich wirtschaftlich notwendige Arbeitszeitverlängerung noch weiter gedrückt werden soll, dann ist das eine Frechheit der Arbeitgeberfunktionäre, und da muß die Arbeitszeit sogar *sehr genau* gezählt und drüber geredet werden.

Ralf Graf am 30.06.04 10:32 #
 

Natürlich habe ich "Recht" - es geht ja nur um mich. Es ging mir nicht um ein generelles lächerlich machen von Arbeitszeitdiskussionen. Das ist nur _meine_ Welt, ohne den Anspruch, dass das auf irgendwen sonst übertragbar ist.

Martin Röll am 30.06.04 10:37 #
 

Pardon, da habe ich etwas mißverstanden, lag wahrscheinlich daran dass ich gerade in meiner Morgenzeitung über die "Arbeitszeitdiskussion" gelesen habe.

Ich habe "lieber über das Leben als über Arbeitsstunden reden" in Bezug zur aktuellen Gesamtdiskussion in "Presse, Funk und Fernsehen" verstanden. Dann streichen wir den Absatz mit dem "Unrecht". ;-)

Ralf Graf am 30.06.04 11:00 #
 

OK, machen wir so. :) Ich hatte gehofft, dass das "für mich" im letzten Satz klar macht, dass das kein Wunsch mit Allgemeingültigkeitsanspruch ist. Aber so ist das mit nachts geschrieben Weblogeinträgen und morgens geschrieben Kommentaren... ;-)

Martin Röll am 30.06.04 11:08 #
 

Arbeit hat vielfach einen Unterton von "Ich tue das nur, um Geld zu verdienen". Wer sein Hobby zum Beruf macht, der empfindet das, was er da tut nicht als Arbeit - denn er würde vermutlich auch nichts anderes machen, wenn er kein Geld mehr verdienen müsste.

Ich arbeite auf diesen Zustand hin, bin gerade dabei, mein Hobby, meine liebsten Beschäftigungen, so zu gestalten, dass ich damit auch Geld verdienen kann. Ein wirklich lohnenswertes Ziel, auch wenn es nicht immer leicht ist.

Tobias Zimpel am 02.10.05 18:02 #
 

Hallo Martin,
habe deinen Link beim Googeln zum "Einfach Leben" gefunden. Das was du da erzählst, ist die Quintessenz des Buches "Wie man Arbeit vermeidet" von Dr. William Reilly. Ein sehr altes Buch von 1954, aber immer noch aktuell. Es geht darin darum, dass man als Arbeit das tun sollte, was einem Spaß macht. Dann ist es keine Arbeit mehr.
Zum Teil habe ich es geschafft. Einer der drei Berufe, die ich gelernt habe, bringt mir viel Freude und auch ein finanzielles Auskommen. Leider ist aber hier Teilzeitarbeit nicht gefragt. Ich bin gerade auf einer Suche nach einer weiteren Alternative. So etwas, was du tust, ist der Idealzustand. Nur habe ich nur Laienkenntnisse. Bin aber dabei, dazuzulernen. Denn das ist es ja, was das Leben interessant macht: Wissen input :-).
Ich wünsch dir was. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Irmgard

Irmgard Schertler am 21.01.06 21:03 #
 

Danke, Irmgard!

Martin Röll am 21.01.06 22:53 #