15. Juni 2004

[ Communities ]

Top-Down vs Bottom-Up

Ich beschäftige mich seit mittlerweile acht Tagen damit, einen Artikel auf dem KnowledgeBoard publiziert zu bekommen. Es ist richtig mühsam. Sehr viele Leute müssen einbezogen werden und es gibt viele unterschiedliche, zum Teil widerstreitende Interessen. Ich will niemanden vor den Kopf stoßen, aber trotzdem irgendwann fertigwerden und nicht in der Bürokratie versacken.

In diesem Prozess sehe ich wieder einmal deutlich die Unterschiede zwischen Top-Down und Bottom-Up Publishing-Ansätzen. Das KnowledgeBoard ist Top-Down: Du kannst nur publizieren, wenn ein Editor deinen Artikel gutheißt. Ohne das "ok" eines Editors geht der Artikel nicht online. Das führt zu hoher Qualität im Sinne der Editors - und zu extremer Langsamkeit in den Publikationszyklen. Vor allem wenn neue Dinge veröffentlicht werden sollen die nicht in bestehende Raster passen gibt es ein Problem, denn womöglich ist der angeschriebene Editor nicht zuständig. Es ergibt sich Koordinationsaufwand - und angesichts der Interessenlage ist die Koordination alles andere als trivial.

Ein Bottom-Up-Ansatz wäre es, erstmal alles zu veröffentlichen und erst nachträglich zu editieren. Das könnte natürlich missbraucht werden und würde möglicherweise auch zu Problemen führen, wenn einmal veröffentlichte Artikel nachträglich verändert werden. Die Frage ist nur, wie oft solche Probleme wirklich vorkommen würden.

Eine Metrik wäre der Anteil der zur Zeit editierten bzw. zurückgewiesenen Artikel an den insgesamt eingereichten Artikeln. Wenn weniger als 5% der Artikel signifikant geändert oder zurückgewiesen werden, bevor sie veröffentlicht werden, könnte man sich überlegen, ob man die Redaktionsprozedur nicht verändert oder zumindest freigiebig "Direkt-Publizier-Rechte"-verteilt.

(In dieser Überlegung nicht betrachtet sind Editor-Aktionen wie das Kategorisieren, Verschlagworten, Formatieren etc - wenn diese Arbeit nicht von den Autoren übernommen werden kann, müsste evtl. eine "Queue" hinzugefügt werden: Eingestellte Artikel gehen nach 48 Stunden live. In diesen 48 Stunden haben die Editors Zeit, ihre Arbeit zu tun bzw. zu entscheiden, dass der Artikel mehr (inhaltliche) Editierarbeit benötigt und aus der Queue genommen werden muss. Ein Kompromiss zwischen schnellen, direkten Publizieren und den redaktionellen Anforderungen.)

Bei CoPs, wie das KnowledgeBoard eine ist, werde ich zunehmend skeptisch, was zentrale Kontrolle angeht. Es bilden sich Bürokratien, die sich zunehmend mit sich selbst beschäftigen und nicht mehr ausschließlich dem Ganzen dienlich sind. Für manche Organisationsformen ist eine zentrale Instanz wohl notwendig (Staaten fallen mir da ein und die meisten Unternehmen) und eine gewisse Bürokratie unvermeidlich, aber für Netzwerke von Wissensarbeitern?

Es erscheint mir als ob die zentrale Instanz ihre Aufgaben

  1. Gewünschte Prozesse beschleunigen (v.a. durch Entscheidungen über Ressourcenallokation)
  2. Zerfallen des Ganzen verhindern

zwar gut hinkriegt, aber die Kosten dafür zu hoch sind.

Die Ziele der einzelnen Mitglieder sind sehr einfach: Sie wollen vor allem kommunizieren. Die Ziele der Organisation und der Organisationsleitung sind inzwischen sehr komplex. Die Mitglieder zahlen für diese Komplexität mit erhöhtem Aufwand. Solange die Synergieeffekte das aufwiegen funktioniert das System noch. Aber wenn die organisationalen Prozesse zu wenig mit den Prozessen der Mitglieder zu tun haben, intransparent oder ineffektiv werden, werden die Mitglieder abspringen.

Hier sind zwei Bilder, die mir heute in die Kopf gekommen sind:

publishing1.jpg
Ein Weblogger möchte etwas ins Web publizieren. Er tut es.

publishing2.jpg
Mein Prozess der Publizierens eines Artikels auf dem KnowledgeBoard (vereinfacht, nur Email-Flüsse). Wir stehen gerade hinter Schritt 13.

Wenn alles gut geht noch diese Woche auf dem KnowledgeBoard: Connecting Weblogs and KnowledgeBoard. Damit Top-Down- und Bottom-Up-Ansätze vereint werden.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

It took a while, but now it's online: My article Connecting Weblogs and KnowledgeBoard on how to connect KnowledgeBoard, the European KM Community, better to the Blogosphere. It is a...

Das E-Business Weblog: "Connecting Weblogs and KnowledgeBoard" (16.06.04 12:48)

 

Nichts ist gefährliches als falsches wissen, auch wenn das nur wenige minuten online ist kann es richtig viel schaden anrichten.

Ich denke man sollte lieber die Art und Weise wie dort Top-Down betrieben wird verändern, z.B. alle Editoren an die Arbeit lassen, denn so wie ich das jetzt sehe passiert dort nun eine Person zu -Person und nicht Person zu Organisation Kommunikation, und da hängt dann natürlich das System da nicht gut verteilt wird.

Wenn jeder Editor deinen Artikel in seiner Liste hat und quasi anwählen kann "Darum kümmere ich mich jetzt" dann geht sicher alles schneller vorran als wenn du direkt einen Editor anschreibst "kümmere du dich darum".

Um Kompromisse zu finden: Artikel können von fast jedem Editor zugelassen werden (PHP Profis sollen nicht über Design urteilen, Designer aber evtl. ruhig über XHTML/CSS), bleibt aber in der Lite des in diesem Falle angesprochenen Editors.

Nur meine 0,02 Euro.

amano.ncr am 15.06.04 14:59 #
 

skizze 2 finde ich genial: sie zeigt nicht nur die prozessabläufe sondern auch die gefühle des zeichners: wenn man genau hinsieht, ist eine liegende, verzweifeilt schreiende figur zu sehen, die die hände über dem kopf zusammenschlägt..

helge am 15.06.04 15:56 #
 

"Falsches wissen" ist gefährlich. Allerdings kennt jeder von uns auch Bücher, welche Fehler enthalten. Das blinde Vertrauen in Quellen (egal ob Blog oder PeerReviewMagazin) ist das Problem. Beim Blog sehe ich einen Vorteil im Archiv - man kann sich vielleicht schneller einen Eindruck über die Motive (Stichwort Hidden Agenda) des Autors verschaffen.

Die herrschende Meinung kann beim Bottom-Up leichter durchbrochen werden. Ob das gut ist, steht auf einem anderen Blatt ,-)

Jens Loehrer am 17.06.04 12:25 #
 

Spannnend! Ich werde mal darüber Grübeln, weil mich das Thema interessiert.

Spontane Aussage: Aber wie ist es denn mit dem Wissensprozess an sich, der die Qualität reguliert. Dann wird die Kommunikation als Gütesiegel genutzt. Denn auch ein Editor muss sich ja wieder informieren um sauber bewerten zu können.

http://matthiaswegner_dot_blogspot_dot_com

Matthias Wegner am 24.03.05 11:49 #