16. Mai 2004

[ Business Weblogs , Lernen ]

Weblogs sind an sich nicht nützlich

Stephan "Moe" Mosel schreibt im BildungsBlog über Weblogs im Bildungsbereich und stellt fest, dass Weblogs per se gar nichts nutzen. Wo es aber konstruktivistische Ansätze gibt, "könnten Weblogs durchaus der diskursiven Gestaltung eines Feldes zuträglich sein."

Das ist ein sehr wichtiger Punkt in der großen "Wo sind Weblogs nützlich"-Diskussion: Natürlich kann man Weblogs als CMS, als "Schwarzes Brett" und in Koordinationsfunktionen einsetzen und sicher sind sie dort auch auf eine gewisse Weise nützlich. Viel Neues bringen sie aber nicht. Weblogs allerdings als Tool für individuelle KnowledgeWorker oder Lernende - als Werkzeug zur Reflexion oder zum Diskurs - haben ganz andere Effekte und bringen wirklich Möglichkeiten mit sich, die vorher nicht da waren.

Nochmal konkret zurück zur Bildung: Einfach nur ein Weblog einzusetzen und zu hoffen, dass dadurch irgendetwas besser wird, wie das in einem Universitätsprojekt offenbar passiert ist wird nicht klappen. Im Gegenteil: Für manche Funktionen sind Weblogs denkbar ungeeignet:

Ich denke, dass - zumindest bei diesem Projekt - die Organisation über eine schlichte Plattform und die Kommunikation über Email wesentlich schneller und effizienter funktioniert hätte. Dadurch hätten auch wirklich alle Teilnehmer die für sie relevanten Informationen erhalten. Es kam nicht nur einmal vor, dass Informationen, die über das Weblog kommuniziert wurden, den Empfänger nicht zeitgerecht erreichten.

Da fehlte das Mail-Gateway: Man kann nicht ewarten, dass Leute plötzlich einfach das Web nutzen, um Informationen abzuholen, die sie vorher immer per Mail erhalten haben. Aber auch das geht schon am Punkt vorbei: Wenn "Organisation" und "Kommunikation" im Sinne von Informationsverteilung das Ziel sind, würde ich wahrscheinlich kein Weblog einsetzen. Das geht zwar und in meinem "Business Weblogs"-Papier habe ich auch darüber geschrieben, aber für diese Funktion - Informationsverteilung - gibt es bessere Tools.

Wenn Weblogs - im Bildungsbreich oder sonstwo - eingesetzt werden sollen, muss die erste Frage sein: Warum eigentlich? Was soll erreicht werden? Weblogs als Selbstzweck werden nicht funktionieren. Irgendeine "magische" Verbesserung, nur weil Weblogs eingesetzt werden, wird selten eintreten.

Zugegeben: Bei der Euphorie rund um Weblogs ist es leicht, zu wenig darüber nachzudenken. Es fehlen uns noch systematische Übersichten, Schemata zu "Was man mit Weblogs machen kann", die man anwenden könnte, um herauszufinden, wie man in einer spezifischen Projekt/Unternehmens/Bildungs-Situation Weblogs einsetzen könnte. (Obwohl das im Grunde wieder von der falschen Seite kommt: "Lass uns Weblogs einsetzen! Was war nochmal das Problem?" In dieser Richtung läuft ja auch mein "Business Weblogs" - aber das erkläre ich ein andermal.)

Eine Menge Material dazu liegt schon vor. Oliver Wrede hatte das schon vor einem Jahr:

It makes an huge difference if weblogs are used as group weblogs or if course members write own weblogs or if the course uses a combination of those.

Wie diese Unterschiede genau sind, will ich herausfinden. Über den Unterschied von Gruppenblogs und individuellen Blogs habe ich schon ein wenig geschrieben und durch die Arbeit an einem Paper zum explorativen Lernen, das ich gerade zusammen mit Magdalena Böttger schreibe, habe ich in den letzten Tagen große Klarheit über die Szenarien von Weblogs in Lernsituationen bekommen.* Jetzt muss ich das nur noch diskutieren und aufschreiben. ;-)

Ich freue mich auf den nächsten Blogwalk: The role of personal Webpublishing for self-organized and informal learning. Der Rahmen ist auf (relativ) "zwanglose" Situationen eingegrenzt, aber sicher werden wir am Rande auch über andere, "zwanghaftere" Lern/Lehrsituationen sprechen müssen. Selbstorganisiertes Lernen ist noch nicht weit verbreitet. Vielleicht entsteht ja "nebenbei" ein Begriffsrahmen für Weblogs in der Bildung? Wir werden sehen.

[Nachtrag] Eine Diskussion zum Ausgangseintrag gibt es auch bei Moe. Dort sieht man sehr schön, dass wir die Begriffe klar kriegen müssen: Während manche Diskussionsteilnehmer bei "Weblogs in der Bildung" an selbstgesteuertes Lernen denken, denken andere an Weblogs in Lehrveranstaltungen, z.B. tempa: "Im Bildungsbreich gehe ich immer davon aus, dass es ein Schüler-Lehrer-Verhältnis und eine Anleitung und ein Korrektiv gibt. "

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Das BildungsBlog und Martin Roell werfen Fragen nach den Möglichkeiten von Weblogs im Bildungsgeschehen auf. Roell: Einfach nur ein Weblog einzusetzen und zu hoffen, dass dadurch irgendetwas besser wird ... wird nicht klappen. Im Gegenteil: Für manche ...

Sozialinformatik: Weblogs und Bildung (16.05.04 17:31)

 

Wieso nun ausgerechnet konstruktivistische Ansätze eine Voraussetzung für den produktiven Einsatz von Weblogs im Bildungsbereich sein sollen, mag mir nicht einleuchten - eigentlich wüßte ich gar keine Methode, die nur im Zusammenhang mit einem bestimmten theoretischen Hintergrund brauchbar wäre - von ganz finsteren Methoden, für die es die entsprechend finsteren Theorien braucht einmal abgesehen...

Mark Obrembalski am 16.05.04 19:22 #